Klaus Modick: Fahrtwind (auch wenn man nicht viel darüber erfährt)

1. Geplänkel Frau Rau reichte mir vor ein paar Monaten eine Buchbesprechung aus der Süddeutschen Zeitung weiter, und zwar aus zwei Gründen: erstens geht es um eine Art moderner Nacherzählung des Taugenichts von Joseph von Eichendorff, und zweitens ist das von Klaus Modick. Klaus Modick ist ein deutscher Schriftsteller, von dem ich in einer prägenden Phase viel gelesen habe und dessen erfolgreiche Laufbahn ich seitdem aus den Augenwinkeln verfolgt habe. Man stößt wirklich immer wieder mal auf seinen Namen. In Oldenburg stand ich mal vor seinem Haus, wirklich ganz zufällig, weil wir jemanden dort besuchten und ich beim Spazierenlaufen auf …

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 2

Fortsetzung von hier. Es geht in diesem Blogeintrag um die lange Binnenerzählung “Der Besuch. Eine Pfahldorfgeschichte”, die zwei Drittel des ersten der beiden Romanbände ausmacht. Diese Geschichte ist keine Parodie, glaube ich, auf das wohl eine kleine Weile populäre Thema der Pfahlbaukulturen. Aber eine Parodie ist es vermutlich, ich weiß nur nicht, worauf. Es ist ein Werk des Realismus, etwas launig, nicht ganz so sehr wie bei Gottfried Keller. Aber es gibt mitunter eine stark auktoriale Erzählstimme und viele bewusst gesetzte Anachronismen. Die Handlung ist nicht komplex: Der schneidige Arthur kommt ins jungsteinzeitliche Pfahlbaudorf und erhitzt die Gemüter. Denn erstens …

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 1

Ein namenlos bleibender Erzähler wandert in der Schweiz, um den Zuger See herum und läuft dort immer wieder einem anderen Wanderer über den Weg. Die beiden freunden sich fast an, doch der Unbekannte, A.E. genannt (“Auch Einer”, hat das halbe Buch gedauert, bis ich das kapiert habe), wahrt eine gewisse Distanz. Er nennt seinen Namen nicht und will auch den des Erzählers nicht wissen, um das Verhältnis so ganz von Mensch zu Mensch halten, ohne Achtung von Herkunft oder Stand. Im Lauf ihrer vielen Gespräch erklärt A.E. dem Erzähler seine Philosophie, sein Weltbild. Schon früh fällt dabei der Begriff von …

Gelesen: Bernhard Spring, Folgen einer Landpartie (2010)

Das Buch ist ein Krimi oder wird jedenfalls als solcher verkauft: “Ein historischer Halle-Krimi” aus der Reihe TatortOst. Ich mag Krimis – Hammett und Chandler aus den einen, den englischen Whodunnit aus den anderen Gründen. Bei letzterem gibt es oft einen Mehrwert: Der klassische Krimi mit seinen Serienfiguren verlangt, dass die Figur in jeder neuen Geschichte an einen neuen interessanten Ort kommt oder in einem neuen Milieu arbeitet. Ich habe Krimis gelesen, die in der Briefmarkensammlerszene spielten, unter Comicsammlern, bei englischen Moriskentänzern, auf einer Buchhandelsmesse. Man kriegt immer so ein bisschen interessante Information mit. Ein bisschen anders sind die Regionalkrimis. …

Gesehen, Gelesen, Gewesen

Gesehen Edgar Wallace: Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961) Ohne Eddi Arent. Und auch sonst ein Film, der mir nicht ganz zu den üblichen Wallace-Filmen zu passen scheint. Er wurde in England gedreht, in London, es gibt also viele Außenaufnahmen aus der Großstadt – nicht unbedingt völlig noir, aber doch ein bisschen ernsthafter als sonst. Joachim Fuchsberger spielt zwar wohl nominell die Hauptrolle, aber die tatsächliche Hauptfigur ist ein sehr jung aussehender Christopher Lee, der um Jahre jünger aussieht als in seinem Dracula von 1958. Lee spielt den Chinesen Ling Chu und spricht deutsch (mit leichtem Akzent). – Gleichzeitig mit …

Jane Austen, Emma: Die Schwangerschaft der Mrs. Weston

Kurz vor Beginn der Handlung hat die Erzieherin/Vertraute von Emma Woodhouse den Woodhouse-Haushalt verlassen, um zu heiraten; Emma lebt nun allein mit ihrem Vater, die Mutter starb vor vielen Jahren. Emma ist zwanzig Jahre alt, selbstbewusst, selbstständig, dezidiert nicht an Heirat interessiert – jedenfalls nicht an einer eigenen: Ansonsten bildet sie sich nämlich ein, eine gutes Auge dafür zu haben, wer zu wem passt und wer an wem interessiert ist, und versucht aktiv Pärchen zu verkuppeln, was alles nicht gut geht. “Not for the world,” said Emma, smiling graciously, “would I advise you either way.” Dabei manipuliert sie die arme …

Josephine Tey, The Daughter of Time

Jemand auf Twitter hat mir dieses Buch empfohlen, oder war es in einem Blog? Ich weiß es leider nicht mehr. The Daughter of Time von Josephine Tey ist ein Krimi von 1951, laut Wikipedia wurde es 1990 von britischen Krimiautoren und ‑autorinnen auf Platz 1 einer Liste der Top 100 Crime Novels of All Time gewählt, und 1995 auf Platz 4 der Top 100 Mystery Novels of All Time der amerikanischen Gegenstücke. Und das ist ein bisschen komisch. Denn der ermittelnde Polizist, Inspector Alan Grant von Scotland Yard, ist zwar tatsächlich die Hauptfigur in fünf Kriminalromanen von Josephine Tey; dies …

Hörspiele in der Vertretungsstunde: und Hauff

Neulich Vertretung in einer fremden Unterstufenklasse gehabt. Schon im Referendariat hat man mir den Tipp gegeben, in solchen Vertretungsstunden Sachen auszuprobieren, die man mit eigenen Klassen nicht machen würde – und sei es nur, ein bisschen das Auftreten zu variieren, also mal streng zu spielen etwa. Nach einer Viertelstunde wussten sich die Schüler und Schülerinnen nicht mehr selbst zu beschäftigen. Und weil ich gerade Wilhelm Hauff las, siehe weiter unten, suchte ich nach einer Hörspielfassung von “Die Geschichte von dem Gespensterschiff” und spielte sie der Klasse vor. Malen erlaubt, aber ruhig sitzen mussten sie. Fazit: Das ging gut. Für die …

Bücher 2019

Meine gelesenen Bücher 2019, endlich wieder mehr davon, und es hat mir großes Vergnügen bereitet. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Wie immer waren es in der ersten Jahreshälfte mehr als in der zweiten, und ganz am Anfang die prägenden Bücher: der letzte Adrian Mole, Robert Graves; ganz besonders Isak Dinesen. Überschätzt: Michael Shea. 25 Bücher von Frauen, 44 von Männern, Rest gemischt. 20 Bücher wiedergelesen. 12 Nonfiction. 9 Podcast-Episoden. 12 Blogeinträge zu Lektüren. (Meine Bücher schreibe ich übrigens seit Ende 1999 auf. Schon als Kind habe ich gerne Listen gemacht.) Laurie R. King, The Moor Sue Townsend, Adrian …

Kull von Atlantis – Terra Fantasy Band 28 und 29

Der erste Terra-Fantasy-Band enthält – mehr oder weniger – die Hälfte der 1967 zusammengetragenen Kull-Geschichten: Drei längere oder halbwegs lange Geschichten, sechs eher kurze Vignetten. Zwei Fragmente wurden durch Lin Carter beendet. Alles Howard-Material entstand wohl 1926–1930, nur ein kleiner Teil wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Kull verkaufte sich wohl nicht besonders, Robert E. Howard packte beim nächsten Versuch noch ein bisschen mehr Magie dazu und schuf seine nächste, ungleich erfolgreichere Figur: Conan, den Barbaren. Kull ist nur in der ersten kurzen Vor-Geschichte allein, danach stets König und stets in Begleitung der gleichen Weggefährten. Klar wird viel mit dem Schwert …