Gesehen, Gelesen, Gewesen

Gesehen Edgar Wallace: Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961) Ohne Eddi Arent. Und auch sonst ein Film, der mir nicht ganz zu den üblichen Wallace-Filmen zu passen scheint. Er wurde in England gedreht, in London, es gibt also viele Außenaufnahmen aus der Großstadt – nicht unbedingt völlig noir, aber doch ein bisschen ernsthafter als sonst. Joachim Fuchsberger spielt zwar wohl nominell die Hauptrolle, aber die tatsächliche Hauptfigur ist ein sehr jung aussehender Christopher Lee, der um Jahre jünger aussieht als in seinem Dracula von 1958. Lee spielt den Chinesen Ling Chu und spricht deutsch (mit leichtem Akzent). – Gleichzeitig mit …

Jane Austen, Emma: Die Schwangerschaft der Mrs. Weston

Kurz vor Beginn der Handlung hat die Erzieherin/Vertraute von Emma Woodhouse den Woodhouse-Haushalt verlassen, um zu heiraten; Emma lebt nun allein mit ihrem Vater, die Mutter starb vor vielen Jahren. Emma ist zwanzig Jahre alt, selbstbewusst, selbstständig, dezidiert nicht an Heirat interessiert – jedenfalls nicht an einer eigenen: Ansonsten bildet sie sich nämlich ein, eine gutes Auge dafür zu haben, wer zu wem passt und wer an wem interessiert ist, und versucht aktiv Pärchen zu verkuppeln, was alles nicht gut geht. “Not for the world,” said Emma, smiling graciously, “would I advise you either way.” Dabei manipuliert sie die arme …

Josephine Tey, The Daughter of Time

Jemand auf Twitter hat mir dieses Buch empfohlen, oder war es in einem Blog? Ich weiß es leider nicht mehr. The Daughter of Time von Josephine Tey ist ein Krimi von 1951, laut Wikipedia wurde es 1990 von britischen Krimiautoren und ‑autorinnen auf Platz 1 einer Liste der Top 100 Crime Novels of All Time gewählt, und 1995 auf Platz 4 der Top 100 Mystery Novels of All Time der amerikanischen Gegenstücke. Und das ist ein bisschen komisch. Denn der ermittelnde Polizist, Inspector Alan Grant von Scotland Yard, ist zwar tatsächlich die Hauptfigur in fünf Kriminalromanen von Josephine Tey; dies …

Hörspiele in der Vertretungsstunde: und Hauff

Neulich Vertretung in einer fremden Unterstufenklasse gehabt. Schon im Referendariat hat man mir den Tipp gegeben, in solchen Vertretungsstunden Sachen auszuprobieren, die man mit eigenen Klassen nicht machen würde – und sei es nur, ein bisschen das Auftreten zu variieren, also mal streng zu spielen etwa. Nach einer Viertelstunde wussten sich die Schüler und Schülerinnen nicht mehr selbst zu beschäftigen. Und weil ich gerade Wilhelm Hauff las, siehe weiter unten, suchte ich nach einer Hörspielfassung von “Die Geschichte von dem Gespensterschiff” und spielte sie der Klasse vor. Malen erlaubt, aber ruhig sitzen mussten sie. Fazit: Das ging gut. Für die …

Bücher 2019

Meine gelesenen Bücher 2019, endlich wieder mehr davon, und es hat mir großes Vergnügen bereitet. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Wie immer waren es in der ersten Jahreshälfte mehr als in der zweiten, und ganz am Anfang die prägenden Bücher: der letzte Adrian Mole, Robert Graves; ganz besonders Isak Dinesen. Überschätzt: Michael Shea. 25 Bücher von Frauen, 44 von Männern, Rest gemischt. 20 Bücher wiedergelesen. 12 Nonfiction. 9 Podcast-Episoden. 12 Blogeinträge zu Lektüren. (Meine Bücher schreibe ich übrigens seit Ende 1999 auf. Schon als Kind habe ich gerne Listen gemacht.) Laurie R. King, The Moor Sue Townsend, Adrian …

Kull von Atlantis – Terra Fantasy Band 28 und 29

Der erste Terra-Fantasy-Band enthält – mehr oder weniger – die Hälfte der 1967 zusammengetragenen Kull-Geschichten: Drei längere oder halbwegs lange Geschichten, sechs eher kurze Vignetten. Zwei Fragmente wurden durch Lin Carter beendet. Alles Howard-Material entstand wohl 1926–1930, nur ein kleiner Teil wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Kull verkaufte sich wohl nicht besonders, Robert E. Howard packte beim nächsten Versuch noch ein bisschen mehr Magie dazu und schuf seine nächste, ungleich erfolgreichere Figur: Conan, den Barbaren. Kull ist nur in der ersten kurzen Vor-Geschichte allein, danach stets König und stets in Begleitung der gleichen Weggefährten. Klar wird viel mit dem Schwert …

Peter S. Beagle, The Folk of the Air

Der Roman The Last Unicorn (1960) hatte mir gut gefallen; ganz ausgezeichnet fand ich Peter S. Beagles Erstling, A Fine and Private Place (1960, deutsch: He! Rebeck!), also war ich gespannt auf seinen nächsten Roman (nach einer Reihe anderer Veröffentlichungen): Das dürfte knapp dreißig Jahre her sein. Ich weiß noch, dass mich das Buch damals irritierte, mir nicht wirklich gefiel – vielleicht hatte ich einfach anderes erwartet. Beagles Laufbahn verfolgte ich seitdem nicht gründlich, aber mit Interesse, las noch ein, zwei weitere Bücher von ihm. Aus Gründen an The Folk of the Air und daran erinnert, dass ich meinen Frieden …

Judith Lynne, Not Like A Lady, 2019 (If you only ever read one Regency Romance…)

Wikipedia entnehme ich, dass es Trads gibt, traditionelle Regency Romances (“gilt bei vielen Kennern als das intellektuell anspruchsvollste Genre der seriellen englischsprachigen Liebesromanliteratur”). Populärer als Trads seien inzwischen Historicals, das heißt Regency Historical Romances, die entweder ein erhöhtes Maß von sozialem Realismus aufweisen, oder deren Figuren im Gegenteil unhistorisch moderne Wertvorstellungen haben. Und es gibt explizit erotische Szenen. Ich lese diese Romance, weil eine kluge Studienfreundin aus den USA sie geschrieben hat, und dann interessiert sie mich schon. Zugegeben: Noch nicht gelesen habe ich die Science-Fiction-Bände der Tentakel-Trilogie oder der Kaiserkrieger-Reihe von Dirk van den Boom, Fandomspezl von früher; oder …

Philip Roth, Our Gang

Die zwei anderen Romane, die ich von Philip Roth gelesen habe, haben mich wenig interessiert. Um so besser fand ich stets dieses, im Nachhinein: völlig untypische Buch aus dem Jahr 1971. Gelesen habe ich es um 1991 herum, und jetzt ein zweites Mal. Das ganze läuft unter Roman, ist aber eher eine Sammlung von nur lose verknüpften Einzelszenen aus dem Leben von Trick E. Dixon, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Titel der einzelnen Geschichten – “Tricky Comforts A Troubled Citizen”, “Tricky Holds A Press Conference” – weisen bereits auf den episodenhaften Charakter hin, auf einen legendenhaften Geschichtenzyklus um eine …

Amie Kaufman & Jay Kristoff, Illuminae

Foto des Buches von der Seite, so dass man verschiedene Seitenfarben erkennt
Foto des Buches von der Seite, so dass man verschiedene Seitenfarben erkennt

(Weitgehend frei von dem, was ich als Spoiler bezeichnen würde.) Schon beim ersten Blick in Illuminae erkennt man ein Bauprinzip des Buchs: Der Roman ist quasi eine Art Briefroman, eine Sammlung von E‑Mails, Interviews, gelegentlichen Postern, Funksprüchen, anderer Kommunikation, jeweils aufwendig grafisch gestaltet. Die Sammlung ist aber nicht zufällig entstanden, sondern kuratiert: In einem ganz kurzen Anschreiben zu Anfang des Textes erfahren wir, dass eine Partei für einen Auftraggeber alle Dokumente zusammengetragen hat, die mit dem Angriff auf eine illegale planetare Schürfoperation und dessen Folgen zu tun haben. Technisch handelt es sich also um einen geordneten Schuhkarton. Das ist meine …