Amie Kaufman & Jay Kristoff, Illuminae

Foto des Buches von der Seite, so dass man verschiedene Seitenfarben erkennt

(Weitgehend frei von dem, was ich als Spoiler bezeichnen würde.)

Foto des Buches von der Seite, so dass man verschiedene Seitenfarben erkennt

Schon beim ersten Blick in Illuminae erkennt man ein Bauprinzip des Buchs: Der Roman ist quasi eine Art Briefroman, eine Sammlung von E-Mails, Interviews, gelegentlichen Postern, Funksprüchen, anderer Kommunikation, jeweils aufwendig grafisch gestaltet. Die Sammlung ist aber nicht zufällig entstanden, sondern kuratiert: In einem ganz kurzen Anschreiben zu Anfang des Textes erfahren wir, dass eine Partei für einen Auftraggeber alle Dokumente zusammengetragen hat, die mit dem Angriff auf eine illegale planetare Schürfoperation und dessen Folgen zu tun haben. Technisch handelt es sich also um einen geordneten Schuhkarton.

Das ist meine private kleine Terminologie. Ein Schuhkarton ist, zum Beispiel, ein Schuhkarton voller Material, das dem Betrachterzur Verfügung gestellt wird, und das in keiner vorgegebenen Reihenfolge rezipiert wird. Der Erzähler in H. P. Lovecrafts „The Call of Cthulhu“ findet im Nachlass seines Großonkels ein solches Konvolut – Briefe, Tagebücher, Zeitungsschnipsel, ein Relief – und macht sich einen Reim daraus, den er dem Leser präsentiert: Und diese Auswahl und Sortierung macht daraus einen geordneten Schuhkarton. Hier kann man für teuer Geld ein Faksimile der ursprünglichen Angell Box (benannt nach dem Großonkel) erwerben.

Ungeordnete Schukartons in der Literatur sind selten. Im Computerspiel (in Ermangelung eines besseren Worts) Her Story betrachtet man als Ermittler eine große Anzahl an Videoaufzeichnungen von Zeugenaussagen, und zwar in keinerlei vorgegebener Reihenfolge (sondern durch das Suchen nach Schlagwörtern) und muss daraus die Geschichte rekonstruieren. Und zwischen 1936 und 1939 erschienen vier crime dossiers von Dennis Wheatley und J. G. Links), 1984 als „DuMont’s Criminal-Rätsel“ auf Deutsch erschienen: Briefe, Umschläge, Zeitungsartikel, Fotos, als Faksimile oder sogar als feelie, also tatsächliche Beigabe oder Reproduktion. Die sind zwar linear angeordnet, aber zum Lösen des Falles (diese Aufgabe haben die Leser und Leserinnen) muss man sicher nicht linear lesen.

Illuminae jedenfalls ist vom fiktiven Redakteur in eine chronologische Ordnung gebracht. Und das ist auch sinnvoll; die Handlung wird als linear präsentiert. Verständlich, aber albern: Dem Wunsch des Auftraggebers entsprechend sind alle Flüche und Schimpfwörter geschwärzt. Ich verstehe, wenn man das Buch verkaufen möchte, ohne mit besorgten Eltern in Konflikt zu geraten, aber dann bitte gar keine Erklärung statt dieser unglaubwürdigen Legende.

Ganz durchgehalten wird das mit der Dokumentensammlung nicht; kurz vor Mitte des Buchs (S. 264) wird ein neuer Akteur mit neuem Tonfall aktiv, dessen Äußerungen formal als Dokument bezeichnet werden, aber da sind die Grenzen meiner Gutgläubigkeit erreicht. Auch andere Dokumente – zum Beispiel eine Art Countdown, jeweils einen für den Endgegner in der ersten Staffel (bis S. 294) und einen für den der zweiten Staffel – sind nicht glaubwürdig. Und schließlich verleitet die typographische Vielfalt der Formen an einigen Stellen dazu, die Fiktion ganz aufzugeben: Es wird fast eine Art konkrete Lyrik daraus, etwa wie Alfred Bester in Golem100 oder in Ansätzen in The Demolished Man – der Raumschiffe im All ziehen eine Spur von Wörtern hinter sich her (S. 281-289).

Die eigentliche Handlung ist Science-Fiction-Space-Opera mit jugendlichen Hauptpersonen. Nicht tief oder originell, aber durchaus interessant und zum Weiterblättern – die Handlung nimmt immer wieder kleinere oder größere unerwartete Wendungen. Gut gemacht. Deren Struktur hat mich an verschiedene Fernsehserien erinnert, aber tatsächlich ist wohl gerade ein Filmversion im Gespräch.

Das Buch ist auch als Hörbuch und E-Book erhältlich – in letzterem ist wohl viel eingescannt und als Grafik dargestellt, in ersterem gibt es mehrere Sprecher, nähert sich damit dem Hörspiel. Was ich eigentlich gerne hätte, wäre eine Dateisammlung, von mir aus alles pdfs, ein paar jpg dazwischen, ein paar andere Formate vielleicht noch, in einer zu navigierenden Ordnerstruktur; teils eingescannt, teils sauber erstellt. So wie man sich einen digitalen Schuhkarton vorstellt – aber da nähern wir uns dann vielleicht schon dem Genre „Escape Room“. Und vermutlich würde man sich beim Lesen verrennen. (Und alle Dateien nach Hinweisen auf Erstellungsdatum und Autor durchforsten, müsste man ja wohl auch faken.)

Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 6 (Der Schut)

Titelbild "Der Schut"

Vor zwei Jahren habe ich die Bände 1-3 gelesen, letztes Jahr die Bände 4-5, jetzt bin ich endlich auch zu Band 6 gekommen.

Titelbild "Der Schut"Kara Ben Nemsi und Halef sind weiterhin auf der Jagd nach dem Schut und seinen Genossen. Sie verfolgen den schwer verwundeten Mübarek und Barud el Amasat, begleitet werden sie von Osko (der sich wegen der Geschehnisse aus Band 1 an Barud rächen will) und Omar (der sich an Baruds Bruder Hamd el Amasat rächen will).

Der Mübarek stirbt an seinen Wunden und am Angriff eines Bären; Osko tötet Barud; sie weichen der Falle aus, die ihnen der Köhler Scharka stellt: Dort gibt es eine als Meiler getarnte Höhle, in der Gefangene verwahrt und getötet werden. Die Helden befreien dabei ihren alten Freund Sir David Lindsay. Zuvor war Lindsay Gefangener des Schut und gibt ihnen wertvolle Hinweise zum Aufbau dessen unterirdischer Anlage, wo noch andere Gefangene warten: der reiche Skipetar Stojko Wites und Henri Galingré.

Zusammen reiten sie zu Kara Nirwan, dem angesehenen Betreiber des Newera-Khan, nehmen ihn gefangen und bezichtigen ihn, der Schut zu sein. Die Einwohner des Dorfes sind mehr als skeptisch. Als es den Helden gelingt, die Gefangenen zu befreien, muss der Schut allerdings fliehen – noch besteht außerdem die Möglichkeit, den letzten Teil des Schurkenplans auszuführen: Hamd el Amasat hatte sich bei der Familie Galingré eingeschlichen und begleitet jetzt Henri Galingrés Frau und Kind mit dem Vermögen der Galingrés, angeblich zum Kauf neuer Waren bestimmt. Die Familie soll allerdings in eine Schlucht geworfen werden.

Kara Ben Nemsi erreicht die Gruppe noch rechtzeitig, verfolgt den Schut, der in einer Schlucht stirbt. Omar blendet Hamd el Amasat, tötet ihn aber nicht. De Zusammenhänge werden aufgeklärt: In Band 1 war Kara Ben Nemsi ja auf einen kurz zuvor ermordeten Franzosen gestoßen, nahm die Verfolgung dessen Mörders auf (Hamd el Amasat), der dabei Omars Vater tötete, worauf sich Omar der Verfolgung anschloss. Der Franzose war Paul Galingré, Sohn von Henri, auf der Suche nach seinem Onkel.

Ein Anhang erzählt von einem letzten Besuch bei Halef und seinem Stamm und dem Tod Rihs bei einer sinnlosen Racheaktion der Beduinen.

— Fazit: Meh. Bonuspunkte für die Dinge, an die ich mich noch aus meiner Kindheit erinnere: Die Jagd auf den Bären und das Braten der Bärentatzen, das mit Kennerhand geworfene Wurfbeil, das erst am Boden entlang fliegt und dann nach oben steigt. (Das wollte mir als Kind nie richtig plausibel erscheinen und ist es wohl auch nicht.) Die ganze Köhleranlage: So und durch anschließendes Nachfragen bei meinen Eltern habe ich gelernt, was ein Köhler ist. Das Fläschchen mit Phosphor, um im Dunkel Licht zu haben. Und was Pökeln ist.

Es gibt wie immer viel Anschleichen und Lauschen, aber relativ wenig Gefangenenbefreiung. Diesmal trifft Kara Ben Nemsi nicht auch Unbeteiligte am Straßenrand, zu denen er freundlich ist und die ihm dafür hilfreiche Hinweise oder Rettung in späterer Not geben. Überhaupt ist das Personal sehr übersichtlich, ein Diagramm wie bei den letzten Malen nicht nötig. Die Schurken werden recht früh dezimiert, die Heldengruppe bleibt konstant. Bis auf den überflüssigen Anhang gibt es verhältnismäßig wenig penetrantes Christentum; das war schon mal schlimmer. (Aber der Anhang.)

Der Schut als anerkannter Mann im Dorf doppelt sich ein wenig mit dem Mübarek als anerkanntem Mann in seinem Dorf. Neu aber die Situation, wie Kara Ben Nemsi inmitten des eher feindseligen Dorfes einen Gefangenen macht. Die Anlage des Schut und deren Zerstörung erinnert ein wenig an den Schatz vom Silbersee.

Auffällig wieder einmal die Parallele zu Sherlock Holmes beim Spurenlesen:

Da diese Schärfe fehlt, so hat der Mann keine Fußbekleidung getragen; er ist barfuß gewesen. Willst Du das nun einsehen?«
»Wenn Du es in dieser Weise erklärst, muß ich Dir Recht geben.«

Man kann Halef da schon ein bisschen als genervt lesen, wenn man möchte:

»Kannst du dir denken, wer hier gegangen ist?« fragte ich Halef.
»Nein, Effendi,« antwortete er. »Da du mir deine Meinung noch nicht mitgeteilt hast, weiß ich noch nicht, von welchem Gedanken ich auszugehen habe.«

Insgesamt kann ich Band 1 und Band 3 des Orientzyklus‘ noch zur Lektüre empfehlen. Die letzten drei Bände, die auf dem Balkan und nicht mehr im Orient spielen, haben mir als Kind gefallen, jetzt stören mich ihre Schwächen mehr als bei den anderen Bänden.

Arthur Conan Doyle, Der Hund der Baskervilles


Schullektüre in der 7. Klasse, Abstimmung nach einigen Vorschlägen; dieser Vorschlag kam von der ansonsten wenig ergiebigen Liste an Lektürevorschlägen des Kultusministeriums für diese Jahrgangsstufe.

Die Schüler und Schülerinnen lasen das Buch erst einmal zu Hause und sollten dabei für jedes Kapitel eine kurze Inhaltsangabe schreiben – in Stichpunkten oder als Fließtext, was die meisten wählten – und was ihnen dabei aufgefallen ist; außerdem eine Liste der Schauplätze anlegen. Ich möchte das nicht Lesetagebuch nennen; etwas Ähnliches kennt die Klasse vom Vorjahr bei einem anderen Buch.

Kurzes Inhaltsverzeichnis dieses Blogeintrags:

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles
2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten
3. The Game
4. Weitere Sachen, die man machen kann

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles

Nach der Lektüre haben die SuS in Gruppenarbeit ihre Unterlagen verglichen und ergänzt. (Das Vergleichen klappt gut, das Ergänzen weniger.) Außerdem sollten sie Fragen an das Buch stellen, die wir dann nach und nach beantworten würden. Ich tippte die Fragen dann im Klassenzimmer in den Rechner, sortierte sie ein wenig um und gab den SuS einen Ausdruck, um ihn ihrem Geheft beizulegen.

  1. Was wäre, wenn Selden Holmes getötet hätte?
  2. Was wäre, wenn der Hund überlebt hätte?
  3. Wie ist Selden ausgebrochen?
  4. Was wäre, wenn Stapleton überlebt hätte?
  5. Was wäre, wenn Sir Charles überlebt hätte?
  6. Was wäre, wenn Beryl Stapleton Mittäterin wäre?

Das sind die Fragen, zum Großteil kontrafaktische, die ich selber nicht sehr interessant finde. Aber klar, muss man dann auch drüber reden. Nur Frage 6, ide interessiert mich sehr – auf die möchte ich nachher noch einmal zu sprechen kommen.

  1. Das Klauen des Schuhs macht keinen Sinn, da der Geruch des Besitzers schnell verschwindet?
  2. Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet?
  3. Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist?

Fragen 7-9 habe ich gruppiert, weil die Antwort auf alle nämlich lautet: Weil der Autor schlampig gearbeitet hat bzw. es gibt keinen guten Grund innerhalb der Handlung dafür. Das haben die Schüler und Schülerinnen klug erkannt. Außer es gibt etwas, das allen entgangen ist, einschließlich Sherlock Holmes – dazu später mehr.

  1. Was stellt das Titelbild der Ausgabe dar?

Wir recherchierten und fanden den Namen des Fotografen heraus, der wiederum für eine Agentur arbeitet, die Bilder für Buchcover anbietet. Wir blickten ein bisschen ins Sortiment. Fazit: Das Titelbild stellt eine generisch spannend Szene dar, die aber mit der konkreten Handlung nichts zu tun hat. (Hier alle Bilder des Fotografen bei dieser Agentur.)

  1. Wer ist eigentlich die Hauptperson, Watson oder Sherlock Holmes?

Das ließ sich durch einen Lehrervortrag klären: Doyle hatte Sherlock Holmes satt, ließ ihn mit dem dafür erfundenen Moriarty die Reichenbach-Fälle hinunterstürzen und sterben – vermeintlich, wie sich ein paar Jahre später herausstellte, als Holmes zurückkehrte. Der Hund der Baskervilles war der erste Roman nach dieser Pause, und auch der spielte in der Frühzeit der Partnerschaft, also vor dem scheinbaren Tod. Dennoch hatte Doyle wohl keine rechte Lust auf Holmes, und so lässt der Watson den Großteil der Handlung über allein.

  1. War das SH Büro oder seine Wohnung am Anfang?
  2. Wurde SH eigentlich bezahlt?
  3. Lebt Watson bei SH oder was?
  4. Wo haben Holmes und Watson ihre Waffen her?

Schöne Fragen, die den Alltag betreffen. Beim Guardian gibt es einen Grundriss der Wohnung. Es gibt keine Grenze zwischen Wohnung und Büro, und Watson und Holmes leben berühmtermaßen zusammen. Und ja, das Geschäftsmodell von Sherlock Holmes ist nicht sehr überzeugend. Im Hund wird tatsächlich nie über Geld geredet, alles reine Gentleman-Sache. Klar wird sich Henry Baskerville am Ende nicht lumpen lassen, aber so richtig der Klient ist er eigentlich auch nicht. – Es war für Holmes und Watson zwar schon etwas Besonderes, eine Waffe mitzunehmen, aber an Waffen zu kommen war damals wohl nicht sehr reglementiert.

  1. Kein spannendes Kapitel
  2. Warum haben die am Anfang so viel gesprochen und am Ende nicht? Warum so viel Dialog am Anfang und dann nicht mehr?
  3. Manche Kapitel spannend, bei anderen passiert gar nichts
  4. Spannend erst ab dem 6. Kapitel

Dazu habe ich den Begriff Exposition eingeführt. Am Anfang wird Holmes recht klassisch vorgestellt, und dannt gerät er in den Hintergrund und die Atmosphäre von Dartmoor übernimmt. Was man spannender findet, da unterschieden sich die Meinungen.

  1. Welche Farbe hat Phosphor/wieso leuchtete der Hund?

Ließ sich klären. Reiner Phosphor wird es ja wohl eh nicht gewesen sein.

  1. Warum wird so oft erwähnt, dass Dr Mortimer gerne Schädel untersucht? Das hat doch gar keinen Einfluss auf die Geschichte?

Die einfachste Antwort: Um ihn als Mann der Wissenschaft auszuweisen, was Holmes mehrfach lobend erwähnt. Damit hätten wir auch ein Motiv des Romans, den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Aberglauben. (Wobei das Schädelvermessen ja schon arg an der Grenze zur seriösen Wissenschaft schwimmt.)

  1. S. 47 „bedeuten“ ausgeschnitten → taucht S. 44 gar nicht auf!

Eine sehr kluge Leserin, der das aufgefallen ist: Im Buch gibt es einen anonymen Brief, aus Zeitungszeilen ausgeschnitten, dessen Text lautet: „Halten Sie sich vom Moor fern, wenn Ihnen Leben und Verstand lieb sind.“ Zwei Seiten später konstatiert Holmes, dass der Text mit einer Nagelschere ausgeschnitten worden ist, weil zweimal angesetzt werden musste, „um das Wort ‚bedeuten‘ auszuschneiden.“ Aber das Wort taucht im Brief gar nicht auf!

Tatsächlich ist das schlicht ein Fehler des Übersetzers. Überhaupt, der übersetzt auch „Murphy, a gipsy horse-dealer“ mit „ein als Pferdehändler tätiger Roma namens Murphy“. Aber erstens hätte in der Zeitung damals Zigeuner gestanden und nicht Roma, aber darüber kann man streiten; allerdings war der Murphy sicher kein Roma, sondern ein Irish Traveller oder Tinker – in England bezeichnete „gypsy“ oder „gipsy“ beides.

2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten

So begann ein Tafelbild von mir, und weder die Schüler und Schülerinnen noch die Kollegin, die im Rahmen gegenseitiger Besuche hinten drin saß, erkannten die Zeichnung:

Wie kann man das nur für eine Bratpfanne halten! Das ist eindeutig eine Lupe! Unter der Lupe waren dann VUV, RH, C und F:

  • VUV: Vorläufig unerklärter Vorfall. Dient zur Spannungssteigerung, und Krimis sind voll davon. (Verfolgung in London, geklauter Schuh, Hundespuren bei Leiche, Gerüchte um Hund im Moor.)
  • C: Clue, Hinweis, der später bei der Lösung des Falles einbezogen wird. (Die gestohlenen Schuhe, der Aschehaufen, der Brief von LL.)
  • RH: Red Herring, ein Hinweis oder VUV, der den Leser und/oder Detektiv auf eine falsche Fährte lockt, weil er dann doch nichts mit der Lösung des Falls zu tun hat. (Das Schluchzen der Frau in der Nacht, der kerzenwandelnde Butler nachts.)
  • F: Fehler des Autors (oder Übersetzers?), offene Fragen, für die es keine Antworten gibt.

Diese VUV wurden dann in Gruppenarbeit gesammelt und als Stichpuntke oder Randbemerkungen im erstellten Exzerpt notiert.

3. The Game

Im klassischen Krimi und auch in den meisten Tatort-Folgen gibt es Fakten (als VUV oder Clue oder Red Herring), die den Leser zu einer Interpretation in einer Richtung lenken: Ein gespenstischer Hund wars, oder Person X. Das nenne ich die exoterische Deutung (aber nicht, wenn ich mit Schülerinnen spreche). Am Ende stellt sich aber üblicherweise heraus, dass der Hudn nur ein Trick war oder Person Y die Täterin. Das nenne ich die esoterische Deutung der Fakten.

Aber warum da aufhören? Die Fakten des Krimis lassen sich sicher auch anders deuten. In Ein Fall für drei Detektive (1936) werden die Fakten eines Falles von drei Detektiven und einem Poliziste gleich auf vier verschiedene Arten gedeutet. (Siehe alten Blogeintrag dazu und zu ähnlichen Fällen.) Und gerade bei Sherlock Holmes gibt es seit Ronald Knox‘ Aufsatz „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ (1911) – wohl entstanden als Parodie auf Bibeldeutungen und -umdeutungen – die Tradition, die Werke des Meisters umzudeuten, die Geschichten hinter den Geschichten aufzudecken, zusätzliche Informationen zu entdecken und dabei, ahem, den einen oder anderen Fehler des Meisters auszubügeln. Man nennt das auch The Game.

Seit 1946 erscheint das Baker Street Journal der Baker Street Irregulars mit Aufsätzen zu Holmes, oft auch genau zu diesem Thema. Ahem, und ich habe zufällig nicht nur den ersten Band davon, sondern zwei dicke Sammelbände mit den besten Aufsätzen daraus, und sämtliche Hefte von 1946-2011 als Facsimile-PDF-Dateien. Man ist dann ja doch interessierter Holmes-Freund.

Und natürlich hat man sich auch dort schon der Fragen angenommen, denen ich oben in der Liste die Nummern 6-9 gegeben habe: Das Schuhklauen macht doch keinen Sinn? Wieso verfolgt die Kutsche in London Henry Baskerville zum Hotel, wo Stapleton doch schon weiß, in welchem Hotel Baskverille absteigt? Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet? Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist? Was ist, wenn Beryl Stapleton Komplizin ist? Wieso ist Dr. Mortimer, der doch ständig Schädel vermisst und sogar einen Aufsatz zu Atavismen verfasst hat, die Ähnlichkeit zwischen Stapleton und dem Baskerville-Vorfahr nicht aufgefallen?

Den gleichen Fragen geht auch Pierre Bayard in seinem eher schlechten Buch Freispruch für den Hund der Baskervilles: Hier irrte Sherlock Holmes (2008) nach. Tatsächlich ist seine Interpretation der Fakten originell und lesenswert, aber die ersten drei Viertel des Bandes sind selbstverliebte Überflüssigkeit. Der Mann tut außerdem ständig, als sei er der Erfinder des Prinzips, Krimis gegen den Strich zu lesen.

Jedenfalls erklärte ich meinen Schülern und Schülerinnen, die schon brav Fakten (als VUV, Clue, Red Herring oder Flüchtigkeitsfehler) gesammelt hatten, das Prinzip, und bot Ihnen drei Alternativen zu Stapleton als Alleintäter an: (1) Beryl war es, oder (2) Mortimer war Komplize, oder (3) ganz etwas anderes. In Gruppenarbeit – sie mögen Gruppenarbeit – mussten sie dann ihre Deutung der Fakten unterstützen.

Eigentlich ist das ein bisschen früh in der 7. Klasse, aber die Schüler und Schülerinnen schlugen sich recht gut. Ich hoffe nur, ich animiere sie dadurch nicht zu Verschwörungstheorien, sondern sie verstehen, dass das nur ein Spiel ist. Hier ihre Lösungen, von mir in Stichpunkten mitnotiert:

Team 1:

  • Beryl und Mortimer sind Komplizen
  • haben Affäre, wollen deshalb Stapleton ermorden
  • Stapleton flüchtet vor Mortimer ins Moor
  • Beryl spielt Laura Lyons; weil sie maskiert war, nicht erkannt
  • Beryl war die mit dem Bart in der Droschke
  • Beryl war nur zum Schein gefangen
  • Der Hund gehörte in Wirklichkeit Mortimer
  • Beryl hat Stapleton zu Seldens Leiche geschickt, damit Verdacht auf ihn fällt
  • Sie haben den Schuh ins Moor gelegt, um Verdacht auf Stapelton zu lenken

Team 2:

  • Mortimer spielt doppeltes Spiel: arbeitet mit Stapleton zusammen, danach mit Beryl gegen ihn verschworen
  • sie wollen an das Erbe, Mortimer hat Stapleton nämlich als Erbe erkannt
  • Mortimer will Hälfte des Erbes, damit er Stapleton nicht verrät; später will er dann aber doch das ganze Erbe, hätte es über Beryl gekriegt, die von Stapleton geerbt hätte
  • Mortimer zu Holmes, um Verdacht auf Stapleton zu lenken
  • Mortimer stiehlt den Schuh, hat auch eher Zugriff auf Schuh als Stapleton
  • hat Erfahrung mit seinem eigenen Hund
  • sie haben den Hund ohne Essen eingesperrt, damit der blutrünstig wird, als er rausgelassen wird, tötet der den Cockerspaniel
  • Beryl soll sich bei Henry einschleimen
  • Mortimer schubst Stapleton während Flucht ins Moor – Stapleton würde selbst nicht sterben, kennt ja den Weg
  • Mortimer legt Schuh ins Moor, um zu bestätigen, dass Stapleton der Böse ist

Team 3:

  • Theorie 1
    • Mortimer ist Komplize von Stapleton, hat diesem von Sir Charles‘ Herzschwäche erzählt
    • Stapleton hilft Mortimer dafür, den begehrten Schädel von Charles Baskerville zu bekommen
  • Theorie 2
    • Laura Lyons will Stapleton heiraten
    • Larua Lyons erkennt Lücken in dessen Plan, erzählt deshalb Holmes und Watson von den Heiratsplänen
  • Theorie 3
    • Der Hund ist ein echter Nachfahre des Legendenhunds
    • Die Hundenachkommen haben sich von den im Moor verendeten Pferden ernährt
    • Hundm ist zufällig auf Charles gestoßen; hat Baskerville in der Nähe gerochen, als Henry eingeladen war

Team 4:

  • Beryl ist Komplizin von Stapleton; sie nutzt ihn aber nur aus, um an das Erbe zu kommen
  • Der anonyme Brief ist von Stapleton
  • Stapleton ist weggelaufen, weil er denkt, Beryl wird ihn verraten
  • Stapleton wollte Laura Lyons um Hilfe bitten, aber die hat sich mit Beryl zusammengetan (die beiden hatten vielleicht sogar Affäre)
  • Beryl Stapleton hatte 2 Hunde, hat beide befreit, der eine hat Henry verfolgt, der andere Stapleton
  • Mortimer ist weiterer Komplize von Beryl, hat sich in sie verliebt, will sich von seiner Frau trennen – deshalb hat er Holmes die Schädelverwandtheit Hugo/Stapleton verschwiegen
  • Mortimer versucht hinter Beryls Rücken Stapleton mit Sherlock Holmes‘ Hilfe loszuwerden
  • beim Tod von Sir Charles hat Hund Selden gesehen, und den dann verfolgt, deshalb hat er Sir Charles nicht weiter verfolgt

Alle noch nicht ganz ausgereift, aber die Erkenntnisse decken sich durchaus mit dem, was andere Forscher vermutet haben. Vor allem die ersten beiden sind überzeugend, beim dritten gefällt mir die Theorie, dass doch echte (Geister-)Hunde dahinterstecken und die vierte Theorie ist so schön kompliziert und hat ein gleichgeschlechtliches Liebespaar.

4. Weitere Sachen, die man machen kann

  • Es gibt eine deutsche Hörspielfassung und bei Amazon das Skript dazu, wenn auch nur für den Kindle. Könnte man vielleicht mal nachspielen. Audiobookfassungen gibt es etliche, ganz oder teilweise bei Youtube.
  • Die entsprechene Sherlock-Episode anschauen (das ist die Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman) und vergleichen.
  • Bilder und Karten von Dartmoor, klar.
  • Kapitel 4 im Buch und laut Lehrplan: Schilderungen. In Doyle selber gibt es zwei Passagen, in denen das Moor ausführlich anschaulich geschidlert wird, dazu mindestens eine Schilderung von Baskerville Hall und zwei des unheimlichen Huneheulens über dem Moor. Den Schülern und Schülerinnen habe ich ein noch mehr zum Buch passendes Stimmungsbild von Dartmoor gezeigt als das folgende, aber nur das folgende ist für die CC-Veröffentlichung hier lizenziert:

Isak Dinesen, Seven Gothic Tales

Diese Sammlung von sieben Geschichten war 1934 die erste Buchveröffentlichung von Isak Dinesen (Karen Blixen, in Deutschland auch Tania Blixen). Die Erstausgabe begann mit einem Vorwort von Dorothy Canfield und diesen Worten:

The person who has set his teeth into a kind of fruit new to him, is
usually as eager as he is unable to tell you how it tastes.

Ich möchte mich dem anschließen und fragen: „War es ein Bär oder ein Russe oder was?“ Das ist eine Fragen, die Charles G. Finney seinem kurzen Roman The Circus of Dr Lao im Anhang „Offene Fragen, offene Widersprüche und Unklarheiten“ anfügt. Die Frage, was ich da eigentlich gelesen habe, wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Eines wurde mir schon im Lauf der ersten Geschichte klar und später immer deutlicher: Diesem Erzähltonfall, diesen erschaffenen Welten (und Geschichten erschaffen stets wackere neue Welten) war ich noch nicht begegnet.

Dabei kam mir der Ton gleichzeitig von Anfang an wundersam vertraut vor. Die erste Geschichte beginnt nicht nur im gemächlichen Novellentonfall des frühen 19. Jahrhunderts, sie bietet auch tatsächlich die ältere typische Form der Novellensammlung mit einer gefährlichen Situation als Rahmenhandlung und Binnenerzählungen der Figuren darin. Ich musste gleich an Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter denken. Auch wenn die Binnenerzählungen bei Dinesen naturgemäß kurz sind: Diesen Erzähltonfall kenne ich nur aus den Novellen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. — Poe wird gelegentlich zum Vergleich mit Dinesen angeführt, pah, schreibt ganz anders. Guy de Maupassant, ebenso. Prosper Merimée, Théophile Gautier: vielleicht, an die kann ich mich nur dunkel erinnern. Geistergeschichten von M.R. James oder Arthur Machen, Wells oder Kipling: Nein, mindestens der letztere erzeugt auch ganz eigene Welten, aber sie schreiben alle moderner, zeitgemäßer. (Le Fanu vielleicht?) Dinesens Geschichten wirken auf mich wie aus der Zeit gefallen, erinnern mich an Motive und Duktus bei Eichendorff und E.T.A. Hoffmann, also die deutsche Romantik hundert Jahre zuvor.

Das allerdings jeweils mit einem Schuss Borges darin. Aber gut, die deutsche Romantik kann auch ziemlich schräg sein: Hoffmann hat „Heimatochare“, eine Briefnovelle über zwei befreundete Naturkundler auf Hawaii, die sich wegen einer Inselschönheit in die Haare kriegen und einander wegen ihr töten. Erst spät stellt sich heraus, dass es um eine Laus geht, die zu einer unentdeckten Art gehört. Chamisso hat den Mann ohne Schatten, Ludwick Tieck das Paar, das die Treppe zu ihrer Dachwohnung verheizt (so wie Phileas Fogg den Zug), von Achim von Arnim werden in einer Geschichte „eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig stellen musste, eine Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer Wurzel geschnitten“ in einer Kutsche versammelt, und von Karl Immermanns Münchhausen fange ich erst gar nicht an.

Blixen/Dinesen war Dänin. Ich weiß nichts über dänische Literatur, ich weiß nicht, welche Wurzeln Blixens Geschichten dort haben. Die auf Englisch geschriebenen Geschichten heißen „gothic tales“; sie enthalten meist übernatürliche Elemente, sind aber nie Geistergeschichten im klassischen Sinn. Schräg sind sie. Die sieben Geschichten hängen nicht zusammen. Aber sie verwirren, und so suchte ich auch zwischen den Geschichten nach Sinn und Zusammenhängen. In der einen taucht eine irritierende Spiegelszene auf, in der anderen gibt es eine ganz ähnliche Szene. Derselbe Spiegel am Ende? Überhaupt, Spiegel tauchen immer wieder auf. Und Don Giovanni, und Elsinore. Totenschädel spielen immer wieder eine kleine Rolle. Die eine Geschichte erwähnt Sklaverei, die nächste beginnt mit einem Sklaven; in der einen hört man von einem, der vor der Hochzeit flieht, in der nächsten gibt es das in anderer Form wieder; in einer wird von einem Affen erzählt, die nächste heißt gleich so. Die Hauptperson in einer Geschichte ist eine Nebenfigur in der folgenden.

Und immer wieder tauchen kleinere oder größere Heresien auf, hier gesammelt, weil ich sie interessant fand:

  • Vor dem Sündenfall war die Erde flach, und der Teufel war es, der die dritte Dimension hinzugefügt hat. Der Apfel war ja auch rund. („The Deluge at Norderney“)
  • Nicht die Menschheit ist gefallen, sondern Gott: Die heutige Generation im Himmel ist nicht mehr das, was sie mal war; der Gott, der die Sterne, das Meer und die Wüste erschaffen hat, Homer und die Giraffe, der kann nicht derselbe sein, der heute „the King of Belgium, the Poetical School of Schwaben, and the moral ideas of our day“ unterstützt. („The Deluge at Norderney“)
  • Wir lieben das, was Nein zu uns sagt. Die Erde sagt Ja und das Meer sagt Nein, und deshalb lieben wir das Meer, und Gott Nein zu uns sagen zu hören, das ist gut. („The Supper at Elsinore“)
  • Nachdem man sich nicht vorstellen kann, dass Gott eine Ewigkeit mit dem Kaiser von Österreich und der Schwiegermutter des (aktuellen) Erzählers verbringen will, sind Himmel und Hölle für fiktive Gestalten wie Don Giovanni oder Odysseus oder Don Quixote erschaffen worden – Ziel von Gottes Schöpfung sind die fiktiven Figuren der Literatur; die Menschen sind nur das Mittel zum Zweck. („The Roads Round Pisa“)
  • Wer Gott liebt, muss Spaß verstehen. („The Dreamers“)
  • Hat der heilige Petrus die Geschichte mit dem dreifachen Hahnenschrei herumerzählt, oder woher weiß man davon? („The Poet“)
  • Religionen sind wie ein Schild „Hier Wäscherei“, das man im Fenster eines Ladens sieht, aber der Laden ist ein Trödelladen und verkauft Schilder und wäscht keine Wäsche. Aber das Schild ist Beweis dafür, dass zumindest irgendwer irgendwann an den Sinn des Wäschewaschens geglaubt hat und die Existenz einer Wäschemangel. („The Poet“)

Zu den einzelnen Geschichten:

The Deluge at Norderney: An der Nordsee gibt es in den 1830er Jahren eine überraschende Sturmflut, vier Flüchtende verbringen eine Nacht im oberen Stock eines einsturzgefährdeten Bauernhauses: Ein alter Kardinal, ein junger Mann, eine feine alte Dame auf Urlaub, ihre Ziehtochter Calypso von Platen (auf der Flucht vor ihres Onkels August Gedichten; kein Scherz). Während unklar ist, ob sie gerettet werden, erzählen sie sich ihre Geschichten. Tatsächlich nimmt die Handlung dann auch einen unerwarteten Verlauf, der Boden des Lesers ist so unsicher wie die Situation der Figuren. Und: Ich musste viel nachschlagen und ein bisschen Französisch herauskramen; ein englisches Publikum hätte mit Norderney, August von Platen, der französischen Revolution vielleicht noch mehr Schwierigkeiten. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Marionetten.)

The Old Chevalier: Die konventionellste Geschichte. Aber immer noch mit reichlich Leerstellen. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Affe. Keine MArionetten, aber Puppen.)

The Monkey: Boris, ein junger Offizier, flieht vor einem Homosexuellen-Skandal zu seiner Tante, Äbtissin eines Klosters, die für ihn schnell eine Braut aussuchen soll. Die heißt Athena, wohnt mit ihrem Vater in Draculas Schloss, und will nicht heiraten. Und es gibt einen Affen. Erinnerte mich an Eichendorff, „Die Entführung“, nur sinistrer, und wenn Athena Boris ins Gesicht schlägt, schlägt sie ein paar Zähne aus. (Mit: Affe, Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Marionetten.)

The Roads Round Pisa: Graf Augustus, ein junger melancholischer dänischer Adliger, hilft einer alte Dame, die mit ihrer Kutsche verunglückt ist („The Old Lady’s Story“). In ihrem Auftrag reist er Richtung Pisa und übernachtet in einer Osteria, andere Gäste sind eine junge Frau, als Mann verkleidet („The Young Lady’s Sorrows“) und ein örtlicher Prinz („The Story of the Bravo“), dessen ein wenig kryptische Geschichte ein Duell mit einem jungen Mann provoziert, ohne dass recht klar wird, was da eigentlich genau vor sich geht. Auch die Marionettentheater-Aufführung hilft nicht viel, bevor es am Morgen zum Duell und so etwas wie einer Aufklärung kommt. Natürlich hängen sämtliche Binnengeschichten zusammen, und wer die Puzzlesteine richtig zusammenbaut, erfährt, was da eigentlich alles vor sich gegangen ist. Nun bin ich ein wirklich gründlicher Leser, aber auch ich habe erst zwei Tage nach der Lektüre und mit Hilfe eines Kommentars im Web das allerletzte Fragezechne schließen können, dann aber mit einem „Ahh… natürlich!“ Man muss übrigens nicht hinter alles kommen wollen; das Rätsel in „The Old Chevalier“ hat vermutlich keine greifbare Lösung, und auch das ist in Ordnung. Dinge geschehen, manchmal kann man sie sich erklären, manchmal nicht. (Mit: Elsinore/Dänemark, Spiegel, Don Giovanni, Goethe, Graf Augustus, Marionetten.)

The Supper at Elsinore: Zwei alte Damen treffen sich mit dem Geist ihres geliebten, toten Bruders, der einst kurz vor seiner bevorstehenden Hochzeit verschwunden war. Er erzählt – wieder Binnenerzählungen, aber nur knappe – von seinen Erlebnissen. (Mit: Spiegel, Totenschädel, Elsinore/Dänemark, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff, Marionetten.)

The Dreamers: 1863 ist eine Dau im indischen Ozean auf dem Weg nach Sansibar, an Bord befinden sich drei Männer: Aus dem zweijährigen Exil zurück ist Said Ben Ahamed, „der Sohn von Tippo Tips Schwester, und selbst ein Favorit dieses großen Mannes.“ Er fährt nach Hause, um Rache zu üben. Viele mächtige Männer in Sansibar würde eiligst ihren Besitz packen und fliehen, wenn sie von seiner Ankunft wüssten. Klingt spannend? Pech gehabt: Mehr erfahren wir nicht über ihn, die Rache, Tippo Tip, seine Schwester. „Von seiner Rache, als sie denn kam, haben andere Erzählungen berichtet.“ Ich kenne keine, aber Wikipedia bietet einen Ansatz.

Dann ist da der Geschichtenerzähler Mira Jama, der erklärt, warum er keine Geschichten mehr erzählt: Er hat zu viel erlebt, so viel Böses ist ihm zugestoßen, so viele Geister hat er gesehen, dass er die Dinge zu gut kennt und keine Furcht mehr hat, und damit kann er nicht mehr erzählen. Nur im Traum, da kennt er noch Furcht und freut sich an ihr.

“Well, yes, alas,” said Lincoln, turning around on his side, “what is life, Mira, when you come to think upon it, but a most excellent, accurately set, infinitely complicated machine for turning fat playful puppies into old mangy blind dogs, and proud war horses into skinny nags, and succulent young boys, to whom the world holds great delights and terrors, into old weak men, with running eyes, who drink ground rhino-horn?”
“Oh, Lincoln Forsner,” said the noseless story-teller, “what is man, when you come to think upon him, but a minutely set, ingenious machine for turning, with infinite artfulness, the red wine of Shiraz into urine?”

Und es gibt Lincoln, ein junger Europärer, der eigentlich eine junge Witwe heiraten soll, aber ausbüchst. Sein Vater schreibt ihm einen wunderbar passiv-aggressiven Brief: Er (der Vater) verzeiht ihm, weil er bei der Beschäftigung mit den Familienarchiven herausgefunden hat, dass es die Familie nur deshalb zu Reichtum und Ansehen gebracht hat, weil es in jeder Generation ein schwarzes Schaf gibt, sozusagen ein Opferlamm. All die Makel und Fehler, die sonst auf die ganze Familie verteilt würden, liegen bei diesem einen Auserwählten, und so gibt der Vater diesem Sohn seinen Segen – er soll so ungehorsam, schwach und sündhaft sein, wie er will, um der Familie das nötige abschreckende Beispiel zu sein. (Worauf der Vater selber die zurückgelassene Braut heiratet.)

In Rom trifft Lincoln Olalla, eine Kurtisane, große Liebesgeschichte, bis ein alter Jude auftaucht, von dem sie behauptet, sie habe ihm ihren Schatten verkauft. Dann ist sie plötzlich verschwunden. Auf der Suche nach Olalla trifft er einen alten und nicht sehr geschätzten Bekannten, Pilot:

If he ever found in himself any original taste at all, he made the most of it. Thus he would go on talking of his preference for one wine over another, as if he meant to impress such a precious finding deeply upon you. A philosopher, about whom I was taught in school and whom you would have liked, Mira, has said: “I think; consequently I am.” In this way did my friend Pilot repeat to himself and to the world: “I prefer Moselle to Rhenish wine; consequently I exist.”

Pilot erzählt seine eigene Geschichte, nämlich wie er in Luzern in eine Putzermacherin verliebt war und durch sie in Revolutionswirren geriet und den Bischof von St. Gallen erschoss. Die Geliebte verschwindet spurlos, ein alter Jude erscheint. (Lincoln horcht auf; seine eigene Geschichte kennen seine Gegenüber noch nicht.) — Der Begleiter dieses Bekannten, Baron Guildenstern, erzählt nun wiederum seine Geschichte: Unter alten geflüchteten Aristokraten weilend warb er einst eine nicht ganz so alte Dame, zurückgezogen und brav, aber wohl mit Vergangenheit. Auch hier taucht ein alter Jude als Vertrauter auf. Der Baron, ein gefühlskalter serieller Verführer, nimmt an einem Wettbewerb teil: An einem Tag drei Meilen reiten, drei Flaschen des örtlichen Weins trinken und mit drei Frauen schlafen. (Reihenfolge egal.) Er schafft es auch ins Zimmer der zu Verführenden. Die dreht die Situation um:

‘Listen for one moment,’ she said. ‘Here we are all alone. There is no one in the house but we and my maid who brought you here, that pretty girl. Are you not afraid?

Sie spielt auf Don Giovanni an, wo die rächende Figur des Commandante den Verführer holt, deutet ein ähnliches Schicksal für den Baron an. Dann bezeichnet sie sich als „shining bubble“, dessen Zeit zu gehen gekommen ist: „The people, and her creator even, were becoming too fond of her. You give her her great tragic end. No other man in the world, I think, could have done that so well.“ Sie kündigt sozusagen die Schritte der Statue an, der Baron-Erzähler beschreibt beim Erzählen noch einmal diese Frau, insbesondere die Narbe an ihrem Hals – die Pilot als Narbe seiner revolutionären Putzmacherin erkennt, worauf wir aus der Geschichte geworfen werden. Auch Lincoln erkennt anhand der Narbe (sie ist in seiner Erzählung erwähnt) seine Olalla. Während sich alle mit offenen Mund anstarren, kommen Gäste in die Gastwirtschaft: Eine Frau – vielleicht die Frau? – und unabhängig von ihr ein alter Jude. Die Frau, angeblich eine angesehene Ratsherrengattin, verschwindet gleich wieder; die drei in einer Kutsche hinterher. Schneesturm. Es folgt nach einigen dramatischen Szenen die Geschichte des alten Juden.

Was später aus seinem Freund wurde, hat Lincoln einmal von einem deutschen Geistlichen am Kap der Guten Hoffnung erzählt bekommen. Oder er, Lincoln, habe sich das ausgedacht; er weiß es nicht mehr genau. War es ein Bär oder ein Russe oder was? (Mit: Don Giovanni, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff.)

The Poet: Eine unglückliche Liebesgeschichte. Mathiesen, ein alter Däne, der gerne Dichter wäre, aber doch nur Mäzen ist, benutzt seine Verlobte (die wieder ihre ganz eigene Geschichte hat und in einer zauberhaften Szene nachts heimlich Ballett tanzt) und einen jungen Dichter, den er zu Großem berufen sieht, als Marionetten. Pflückte Mathiesen das gelbe Stiefmütterchen absichtlich? War der Vater der Braut Handelskapitän oder Theaterleiter? Ein Bär oder ein Russe? (Mit: Goethe, Spiegel, Graf Augustus, Elsinore/Dänemark. Keine Marionetten, aber Puppen. Haschisch – nicht wichtig, ist mir nur aufgefallen, weil mich die vorhergehende Geschichte an Lord Dunsany erinnert hatte. Kein Don Giovanni, aber ein schwarzer Opernmantel.)


Zum Wiederlesen: Alle. „The Monkey“, weil ich noch ein bisschen mehr verstehen möchte, „The Roads Round Pisa“ und „The Dreamers“, weil ich verschachtelte Geschichten mag und noch ein bisschen mehr nachvollziehen möchte, und „The Poet“. Auf Deutsch übersetzt, aber nur antiquarisch erhältlich.

Robert Graves, Homer’s Daughter (1955)

Wir befinden uns etwa 150 Jahre nach dem Leben Homers, des Autors der Ilias. Fahrende Sänger ziehen herum, die sogenannten Sons of Homer, und singen aus dem Werk ihres Vorfahren, wobei ein offenes Geheimnis ist, dass sie auch eigene Werke als die Homers ausgeben. Von dem haben sie, so heißt es, auch die family affliction geerbt (S. 31): Blindheit, die aber erst im Alter einsetzt. Alpheides, König eines winzigen Könrigreiches auf Sizilien, macht sich etwas lustig über Helena, von der der Sohn Homers Demodocus erzählt: Es sei unglaubwürdig, so Alpheides, dass es bloß wegen einer Frau zu einem solchen großen Krieg gekommen sei, einer Frau obendrein, die ihrem Mann in den neun Jahren der Ehe keinen Sohn geboren habe, wobei Paris ja nicht einmal versucht habe, einen Thron zu rauben. Nein, viel eher habe der Bund der Griechenkönige und der spätere Angriff auf Troja wirtschaftliche Hintergründe: Nicht um Helena sei es gegangen, sondern um die Meerenge „honoured with her name“ (S. 27, hier irren Alpheides oder Graves oder beide), den Hellespont und Zugang zum Schwarzen Meer.

Sänger und Zuhörer sind nicht gerade begeistert, Alpheides Tochter Nausicaa rollt die Augen: Geschichtsschreibung und Fiktion seien halt zweierlei, das wisse man. Macht sich Graves als Alpheides hier über sich selbst lustig? Robert Graves, der von Claudius, war ein Kenner antiker Mythologie. Seine Griechische Mythologie. Quellen und Deutung ist ganz hervorragend, jedenfalls was den Quellen-Teil betrifft: Äußerst detailliert und mit exakten Belegen für kleine Forscher wie mich stellt er die vielen verschiedenen Fassungen griechischer Sagen zusammen, von denen man sonst oft nur die gängigste kennt. Bei der davon getrennten anschließenden Deutung schießt er aber meist über das Ziel hinaus: Graves glaubte wie J. G. Frazer an eine große vorantike Kultur des Matriarchats – eine zu Anfang des 20. Jahrhunderts wohl populäre, aber inzwischen überholte Theorie – und deutet großzügig spekulierend alle Mythen darauf um. (Die Nacherzählung und Diskussion um den Anlass für den trojanischen Krieg in Homer’s Daugher folgt übrigens oft bis in den Satzbau dem entsprechenden Eintrag in Griechische Mythologie.)

Tatsächlich geht es in diesem Roman aber gar nicht um König Alpheides, sondern dessen Tochter Nausicaa. Ausgehend von dramatischen Geschehnissen um den kleinen Königshof in Sizilien schreibt sie nämlich ein episches Werk, das sie dann als heimliche Tochter Homers ebenfalls dem Dichtervater zuschreibt: Die Odyssee. In einem Vorwort erklärt Nausicaa, dass sie im folgenden Text erzählen wird, wie es zur Entstehung dieser Odyssee kam. – Die Idee, dass die Odyssee aus Sizilien stammt und dass sich die Autorin Nausicaa in ihr fiktional verewigte, stammt wohl von Samuel Butler, der zwei Bücher darüber verfasste. Graves erklärt in seinem Roman nun, wie die sizilianische Prinzessin es geschafft hat, ihr Werk der Welt als ein Epos Homers zu verkaufen.

Nausicaas Bruder ist verschollen; ihr Vater macht sich auf die Suche und lässt Frau, Tochter, Schwiegertochter und jüngere Söhne allein zurück; die Amtsgeschäfte soll sein Bruder Mentor führen. Aber die anderen Adligen des kleinen Reichs proben den Aufstand und belagern als Freier den Palast Nausicaas und ihrer Familie. Zu Hilfe kommt Nausicaa ein gestrandeter Fremder, der aus dem Meer auftaucht, als Nausicaa mit ihren Dienerinnen beim Ballspiel ist…

Es gibt in der Welt dieser Nausicaa „Odysseus‘ Rückehr“ als letzten Gesang eines homerischen Troja-Geschichtenkreises (S. 83ff), darin ist die rachsüchtige Aphrodite, schaumgeborene Meergöttin, die Verursacherin von Odysseus‘ leidvoller Heimkehr. Der macht eine sehr ähnliche Odyssee durch wie in, uh, der Odyssee; er besucht die gleichen Orte und hat ähnliche Probleme – allerdings fehlen dabei die übernatüprlichen Elemente. Er ist ohne Calypso schiffbrüchig auf einer Insel; Circes Priesterin hält ihn gefangen (und ist keine Zauberin); seine Mannschaft schlachtet die Rinder der Thraker, nicht des Helios. Zu Hause hat Penelope ihn mit den fünfzig Freiern betrogen und Telemachos in die Sklaverei verkauft. Odysseus tötet die Freier mit dem Bogen, allerdings bemängelt die Zuhörerin Nausicaa die fehlenden Details: Wie soll der das genau geschafft haben, wieso flohen die Freier nicht? Wir wissen als Leser und Leserinnen, dass Nausicaa das in ihrer eigenen Fassung der Odyssee – also unserer – sehr detailliert erzählen wird, in einer meiner liebsten und blutigsten Stellen des Epos. (Die meinen Vater übrigens dazu animiert hat, sagt er, das Bogenschießen als Sport zu ergreifen; was zu vielen anderen Dingen geführt hat, letztlich auch zu meinen jährlichen Bogensport-Exkursionen mit der Schule.) Auch auf Sizilien in Nausicaas Palast gibt es einen historischen Bogen, und das bringt sie auf eine Idee, wie sie der Freier Herr werden könnte… Die Idee nennt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber als Leser kann ich mir in der Mitte des Buches nicht vorstellen, dass dieses familienfreundliche Epos im sizilianischen Miniaturformat gar so blutig sein wird wie im Original.

Das ist überhaupt eines der großen Vergnügen beim Lesen des Buches: Man weiß ungefähr, was kommen wird, und das macht es spannend; man weiß aber auch, dass es Abweichungen von der uns bekannten Geschichte geben wird – aber nicht welche, und auch dies macht es spannend. Und zuletzt ist die Geschichte einer home invasion und verschwundener Beschützer an sich schon spannend.

Meist ist der Roman aus Nausicaas Perspektive erzählt, aber – ein Schönheitsfehler – nicht immer. Nausicaa erklärt auch nicht, wo ihr Wissen um die Geschehnisse in der Ratsversammlung herkommt, also dass sie das etwa später erst erfahren hat. Ansonsten ist sie ein zuverlässige Erzählerin, auch wenn sie nicht davor zurückschreckt, ihre Umwelt zu manipulieren. So gibt sie ihrem Bruder Rat, lapidar vorausschickend: „Athene warnt mich ja oft, und gestern kam sie verkleidet als Schäferstochter zu mir“ (S. 48), ohne dass irgendetwas in der Art geschehen ist. Bei Goodreads habe ich nach der Lektüre die Leserkommentare überflogen, einer nennt sie eine „irritatingly snobbish know-it-all“. Das ist sehr negativ betrachtet. Sie ist klug, und als Bronzezeitprinzessin muss sie standesbewusst sein, und das hat mich überhaupt nicht irritiert. – Andere bezeichneten den Stil als schwer zugänglich, da an antiker Epik orientiert. Die Themen sind Götter und Helden und Alltag, ja, aber die Sprache fand ich im Gegenteil modern und kein bisschen antiquierend.

Die Ideen für Nausicaas, also unsere, Odyssee kommen nicht von ihr, sondern sie verarbeitet die Geschehnisse um die Belagerung durch ihre Freier. Eingebaut werden Märchen der Geschichtenerzählerin beim Weben, der fremde Schiffbrüchige am Strand. Ihr Onkel Mentor erzählt ihr auf ihren Wunsch noch einmal die Märchen ihrer Kindheit um den Abenteuer Ulysses (S. 113ff) – mit zaubermächtiger Circe, mit Calypso, mit anderen übernatürlichen Elementen. (Graves bezieht sich da auf eine Tradition, nach der „Odysseus“ und „Ulysses“ ursprünglich zwei verschiedene Gestalten waren. Die beiden Namensvarianten gibt es schon in der griechischen Antike; es ist unklar, welche Form älter ist.) Nausicaa erinnert sich wehmütig daran, wie sie sich in ihrer Kindheit naiv die Orte der Ulysses-Erzählung als Orte in ihrer Heimat Sizilien vorstellte. Wir Leser und Leserinnen wissen: Es wird umgekehrt sein, sie wird Sizilien in die große Welt versetzen. (Und vielleicht, so Graves, war das ja auch wirklich so.)

Überhaupt ist es lustig, wie das Buch die Ebenen durcheinander bringt: Die Erzählung in Homer’s Daugher behauptet, das Original zu sein mit der Odyssee als Nachdichtung davon, während wir Leser und Leserinnen das üblicherweise andersherum sehen. Allerdings stellt Graves mit dem Roman tatsächliche Thesen zur Entstehung der Odyssee zur Diskussion. In Griechische Mythologie hält Graves die Ansicht Samuels Butlers (der sich wiederum an Apollodoros anschließt) für wahrscheinlich, es gehe in der Odyssee um eine Reise um Sizilien und sie sei von einer sizilianischen Edelfrau verfasst. Dann wäre ja doch der Roman die wahrere Geschichte.

Am Ende rettet Nausicaa einem der Söhne Homers das Leben, und der verpflichtet sich dafür, Nausicaas Epos unter dem Namen Homers unter die Leute zu bringen. Nausicaa zählt zum Abschluss noch ein paar Fehler auf, die ihr untergekommen sind und erklärt damit einige der Ungereimtheiten bei Homers Epos beziehungsweise begründet sie mit poetischen Entscheidungen. (Siehe zu diesem Prinzip meinen monumentalen zweiteiligen Blogeintrag „Zwischen den Zeilen Schreiben“.) Auf Wunsch und nach Beratung des Homer-Sohns fügt sie auch ein paar mehr Männer ein.

Möglicherweise ist der Roman nie auf Deutsch erschienen, ich habe jedenfalls keinerlei Hinweis auf eine Übersetzung gefunden. (In verschiedene romanische Sprachen, das ja.) Nachtrag: Doch, heißt Nausikaa und ihre Freier.

— Nicht mehr organisch untergebracht: Kannte Graves Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens (1948)? Auf S. 167 lässt er jedenfalls einen Meisterschützen erklären, dass normale Schützen mit dem Verstand arbeiten, die Stärke von Bogen und Wind und Bewegung einberechnen, während der Adept nach Gefühl (durch die Inspiration Apollos) sein Ziel trifft, ohne zu denken.

Insgesamt: Ein sehr schönes Buch.

Sue Townsend, Adrian Mole: The Prostrate Years (2009)

Ach, ach. Adrian Mole war mir schon in meiner späten Jugend ein Begriff, weil ich regelmäßig von A-Z die Penguin-Kataloge las, die ich gelegentlich in Buchhandlungen bekam, und die für Buchhändler gedacht waren, nicht für Endkunden.

Aber gelesen habe ich The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13 3/4 und The Growing Pains of Adrian Mole dann erst zu Anfang des Studiums. (Der Kurs Übersetzung 1 begann mit den ersten Seiten des ersten Buchs.) Die Bücher waren toll. Später las ich dann die mittleren zwei Bände der Reihe, an die ich wenig Erinnerung habe und die mich nicht sehr beeindruckten, und erst vor einem Jahr las ich auf Empfehlung meines Freundes Bernhard die nächsten Bände, die sehr gut waren.

Und heute las ich den letzten Band. Ach, ach. Townsend starb 2014, es gibt keinen weiteren Mole mehr. The Prostrate Years ist ein würdiger und frustrierender letzter Band. Wie so oft geht es Adrian am Anfang noch ganz gut und im Verlauf des Buches immer schlechter. Diesmal zieht es ihn besonders herunter – seine Frau verlässt ihn, sein Bruder ist pleite, Krebs, kein Job, und das bisschen Geld so falsch investiert, wie man es nur aus dem Rückblick erzählen kann, die Familie hat Probleme, und auch der Lichtblick am Ende ist nicht gar so hell wie in den letzten Bänden. Er weint viel in diesem Buch.

Natürlich ist das ein lustiges Buch. Aber wenn man als 23-3/4-Jähriger über die Eskapaden eines zehn Jahre Jüngeren lacht, fällt das leichter, als mit 51 über die Sorgen eines Mannes im mittleren Alter zu schmunzeln. Adrian ist Hypochonder und Pedant, sozial ungeschickt, naiv, ein Möchtegernschriftsteller, der seine Grenzen nicht kennt, eine treue Seele, macht sich Sorgen um alles und jedes und gibt sein letztes Hemd für Freunde, Fremde und Familie. Die perfekte Identifikationsfigur. Man wünscht sich so, es möge alles gut gehen, aber Adrian bleibt weitgehend glücklos.

Aber einen Lichtblick gibt es: Pandora, seine große Jugendliebe, unerreichbar schön und selbstständig, tritt wieder in sein Leben. Und es wird heftig symbolisch: Adrian findet den Schlüssel zu einem Koffer wieder, den er von Bert Baxter in einem früheren Band erhalten haben muss. Inzwischen steht der Koffer bei Pandora, auch sie findet diesen zufällig auf dem Speicher, hat aber keinen Schlüssel dazu. „Then we must get together soon and you can put your key in my box,“ sagt Pandora zu Adrian, als sie davon erzählt — eine deutliche sexuelle Anspielung. Am Ende des Buches tritt der noch immer kranke Adrian auf die Straße, Pandora entgegen, die ihm entgegenfährt. Ende.

Und der nächste, nicht vollendete, vielleicht kaum richtig begonnene Band, an dem Townsend zur Zeit ihres Todes 2014 arbeitete, trug den Arbeitstitel Pandora’s Box. Aaaaargh! Was ist in dem Koffer? Wann haben Adrian und Pandora ihn gekriegt? Werden die beiden je ein richtiges Paar? Das ist die Karotte, die Townsend jahrelang vor den Lesern baumeln ließ, und es wäre doch so schön.

Laurie R. King, The Moor

Vielleicht ist das ja ein ganz gutes Buch, es ist ja immerhin ein Bestseller. Aber für mich war es wohl nichts. Gelesen habe ich es, weil ich mich gerade mit Arthur Conan Doyles The Hound of the Baskervilles beschäftige, und damit hat dieses Buch etwas zu tun.

The Moor (1998) ist der 4. Band der sehr erfolgreichen Krimi-Reihe um Mary Russell. Das Erscheinen des ersten Bands vor über zwanzig Jahren hatte ich mitgekriegt (inzwischen gibt es wohl 18 Bände), darin trifft die fünfzehnjährige Mary Russell auf den knapp vierzig Jahre älteren Sherlock Holmes und lässt sich von ihm zur Detektivin ausbilden. In den erzählten Geschichten, habe ich gelesen, geht es eher um Mary als um Holmes.

Mit diesen Erwartungen wurde ich von The Moor enttäuscht. Inzwischen sind Holmes und Russell (sie behält ihren Mädchennamen) verheiratet, auch wenn sie viel Zeit getrennt von einander verbringen. Der betagte Reverend Sabine Baring-Gould, ein versierter Heimatkundler und viel veröffentlichter Universalamateur, kennt Holmes von früher und bittet ihn, einen Todesfall und Gerüchte um sein geliebtes Dartmoor aufzuklären. So richtig klar wird mir der Anlass nicht, aber Holmes ist nun einmal da und schickt nach Russell. Die kommt auch, mit den verlangten Karten und einem Kompass, und leistet Holmes eheliche und andere Gesellschaft. — Erst ab der zweiten Hälfte gewinnt die Handlung an Fahrt. Da trennen sich Holmes und Russell auch mal für eine kleine Weile. Russell kommt dem Geheimnis auf die Spur, letztlich indem sie eine Stelle in einem Buch von Baring-Gould sie auf eine Idee bringt. Viel mehr detektivische Arbeit ist nicht nötig, auch wenn Russell viel Zeit im durchaus atmosphärisch geschilderten Moor verbringt. (Holmes kommt währenddessen zu den gleichen Erkenntnissen wie Russell. Das einzige, was Russell wirklich beisteuert, ist die Erkenntnis, dass die Vorbesitzerin von Baskerville Hall mit einem unerwarteten Verdächtigen verlobt ist. Aber was der sich überhaupt dabei gedacht hat, erfahren wir nie, es kann auch kein sinnvoller Bestandteil eines Plans gewesen sein.)

Ich hatte mir mehr erhofft. Russell ist eher noch weniger selbstständig als Watson. Verrirt erschrickt sie im dichten Nebel im Hochmoor („the sharp terror of a looming figure, which would turn out to be a standing stone“, S. 77), statt sich darüber zu freuen, einer Menschenseele zu begegnen. Die Atmosphäre von Dartmoor macht ihr zu schaffen (S. 76). Auch Holmes ist weit davon entfernt, der Übermensch zu sein, von dem Watson erzählt: Nur ein einziges Mal macht er einen angeberischen Schluss (S. 118). Das ist vielleicht realistischer, aber wenn ich Realismus möchte, lese ich doch keinen Holmes.

Auch sprachlich überzeugt mich das Buch nicht. Ich bin da pingelig. Baring-Gould erklärt den Namen seiner Familie: „My name combines two families: the Crusader John Gold, or Gould, […] and that of the Baring family.“ Diese Konstruktion geht im Schriftlichen, aber nicht mündlich. — Das Buch spielt 1923, die Sprache klingt aber modern. Russell hängt in der Vorratskammer an den Fingerspitzen am Regal „like a rock climber“ (S. 136); sie sagt: „I need to ask“ statt „I must“ oder „have to“ (S. 245) — für meine Ohren klingt das modern, und Google Ngrams stimmt mir da zu. Aber gut, vielleicht ist Russell ihrer Zeit voraus. Ohnehin ist das Manuskript ja unbestimmt jünger als 1923, denn wie bei den Flashman-Romanen fungiert King nur als Herausgeberin angeblich gefundener Manuskripte. Aber während mir bei Flashman und Watson klar ist, für welches Publikum und aus welchem Anlass sie schreiben, sehe ich das bei den Russell-Erzählungen nicht. Russell schreibt ihr Manuskript nicht aus einer erkennbaren historischen Distanz, also nicht auktorial-rückblickend-allwissend.

Ich fühle mich nörgelig. Aber ich hatte mir halt mehr erhofft. Wer weiß, vielleicht mildert die Zeit wieder mal mein Urteil.

Bücher 2018

Meine gelesenen Bücher 2018. Zu sehr wenigen davon habe ich etwas gebloggt, zu anderen einen Podcast gemacht. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Ingesamt deutlich sind es weniger als in den Vorjahren, und es sind auch viele recht kurze Sachen dabei. Dafür habe ich etliche andere Bücher ungeduldig nach fünfzig oder hundert Seiten weggelegt. Am meisten in der Erinnerung: J. G. Farrell, Troubles und Salomon Herrmann Mosenthal, Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben, über das ich noch einmal schreiben möchte.

7 Bücher von Frauen, 32 von Männern, Rest so nicht zuordenbar. 12 Bücher wiedergelesen. 9 Nonfiction.

  1. Mary Beard, SPQR
  2. Salomon Herrmann Mosenthal, Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben
  3. Sue Townsend, Adrian Mole: The Cappuccino Years
  4. Sue Townsend, The Lost Diaries of Adrian Mole 1999-2001
  5. E.M. Forster, Apects of the Novel
  6. Private Detective Stories Vol. 19 No. 2 (1946)
  7. E. F. Benson, Miss Mapp
  8. John Jakes, Die Götzen erwachen° (Podcast)
  9. Tales of Magic and Mystery Vol. 1 No. 3 (1928)
  10. Karl May, In den Schluchten des Balkan°
  11. Kenneth Robeson, The Thousand-Headed Man° (Podcast)
  12. Karl May, Durch das Land der Skipetaren°
  13. Ray Bradbury, Fahrenheit 451°
  14. Eugen Roth, Sämtliche Menschen°
  15. Slightly Foxed No. 27
  16. James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man°
  17. Volker Weidermann, Ostende
  18. Michael Chabon, The Yiddish Policemen‘s Union°
  19. Slightly Foxed No. 58
  20. Hugh Walker, Das Heer der Finsternis° (Podcast)
  21. Pu Sung-ling, Umgang mit Chrysanthemen
  22. Heinrich Böll, Irisches Tagebuch
  23. Julian Baggini, 100 Philosophische Gedankenspiele
  24. Roddy Doyle, A Greyhound of a Girl
  25. George Orwell, The Road to Wigan Pier
  26. Spicy Mystery Stories August 1935
  27. Lin Carter, Kämpfer wider den Tod (Terra Fantasy 15)° (Podcast)
  28. J. G. Farrell, Troubles
  29. Slightly Foxed No. 59
  30. Denis Diderot, Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion
  31. Daphne du Maurier, Don‘t Look Now
  32. Wolf Haas, Junger Mann
  33. Michael Ondaatje, Warlight
  34. Jane Austen, Lady Susan
  35. Andre Norton, Angriff der Schatten° (Podcast)
  36. Robert E. Howard, Rächer der Verdammten° (Podcast)
  37. Slightly Foxed No. 560
  38. Ian McEwan, Nutshell
  39. Michael Moorcock, Feind des Dunklen Imperiums
  40. John Jakes, Am Abgrund der Welt
  41. Spike Milligan, The Hound of the Baskervilles According to Spike Milligan
  42. Elizabeth Strout, My Name Is Lucy Barton
  43. Birte Alber/Carsten Cording, Eichhörnchen entdecken!
  44. Shaun Tan, The Arrival

(Bücher 2017.)
(Bücher 2016.)
(Bücher 2015.)
(Bücher 2014.)
(Bücher 2013.)
(Bücher 2012.)
(Bücher 2011.)
(Bücher 2010.)
(Bücher 2009.)

Daphne du Maurier, Don’t Look Now

Buchtitelbild

BuchtitelbildDon’t Look Now (britischer Titel: Not After Midnight) ist das erste Buch von Daphne du Maurier, das ich gelesen habe; Rebecca kenne ich dem Namen nach und von dem berühmten Anfangssatz (dessen Ruhm ich nie ganz nachvollziehen konnte), und vielleicht habe ich mal in einer Horror-Anthologie „Die Vögel“ von ihr gelesen. Anlass war ein Podcast zur titelgebenden, bekannt verfilmten Geschichte; insgesamt sind fünf recht lange Kurzgeschichten in dieser Sammlung.

„Don’t Look Now“

(Habe neulich schon von dieser Geschichte erzählt, daher kurze Doppelung.) Spielt in Venedig, und der Film heißt auf Deutsch „Wenn die Gondeln trauer tragen“, und natürlich habe ich das früher immer mit Thomas Manns „Tod in Venedig“ durcheinandergebracht. Und es gibt ja auch Gemeinsamkeiten: Ein Protagonist auf der Suche nach einer oder der Flucht nach einer anderen Sache in Venedig, die Farbe Rot als Symbol des Todes, ein gescheiterter Versuch, der Stadt zu entkommen. In beiden Geschichten halten die Autoritäten Wissen um eine Gefahr in der Stadt zurück – bei Mann die Cholera, und bei du Maurier… da ist es etwas schwieriger. Bei Mann passiert nichts Spektakuläres, die Geschichte lebt von der Erzählweise; bei du Maurier ist die Erzählweise solides Handwerk, aber nichts Besonderes, interessant ist da allerdings die Frage, was überhaupt Geschehen ist und warum. Die Hauptfigur sieht Dinge, die nicht da sind, oder nicht mehr, oder noch nicht, oder nur so ähnlich sind; gleichzeitig gibt es eine Reihe von Todesfällen in Venedig, die vermutlich nichts mit ihm und seiner Geschichte zu tun haben, eine zweite, verborgene Handlung. Die Geschichte weist Leerstellen auf, insbesondere die eine am Ende, und man hat kaum Chancen, sie befriedigend zu füllen.

„Not After Midnight“

Ähnlich ist das in der zweiten Geschichte. Auch sie enthält sinistre Elemente, erzählt wird sie rückblickend von einem in der Zwischenzeit in Ungnade gefallenen Schulmeister, und am Ende weiß man vielleicht, wie das kam. Dennoch bleiben wieder Fragen offen – nicht so wie beim üblichen offenen Ende, wo nicht klar gesagt wird, was nach dem Ende der erzählten Handlung passiert; es geht vielmehr darum, was während der erzählten Handlung eigentlich genau passiert ist. Der Schulmeister ist im Urlaub in Kreta, wird gestört von einem überzeichneten älteren amerikanischen Paar, das er gerne besuchen darf, aber nicht nach Mitternacht. Warum? Und was macht die ältliche reiche Amerikanerin wirklich nachts im Taucheranzug?

„A Border-Line Case“

Wenige Seiten der Einstieg: Eine junge Schauspielerin, in Trauer über den Tod ihres Vaters, will einem seiner alten Kriegskameraden und früheren Familienfreund einen Überraschungsbesuch abstatten. In Irland beginnt dann die eigentliche Geschichte, und zwar wie eine Rückbesinnung auf die weird menace der Pulps: Die Schauspielerin erfährt, dass der zu Besuchende auf einer Insel lebt, wird von Unterlingen dorthin entführt, auch noch auf einen Turm, mit einem charmanten älteren Gastgeber, der seine Insel militärisch streng führt und geheime Experimente macht. Ich habe beim Lesen wild spekuliert, wenn auch nicht so wild wie die Heldin, die zwischendurch enttäuscht auf die Lösung „They were all homos“ kommt. Die tatsächliche Auflösung (eine Gruppe von IRA-Terrroristen) war dann so enttäuschend, und die Auflösung nach der Auflösung so offensichtlich für alle außer der Heldin, dass ich vermutet habe, die Geschichte ist aus irgendeiner Absicht heraus schlecht gemacht. Vielleicht ist sie einfach nur aus der Zeit gefallen. (Immerhin gibt es eine Fahrt/Entführung zum verdeckten Einsatz im Wagen des örtlichen Bäckers, noch mit dem Backwerk des Tages beladen. Das kann keine ganz unbewusste Absurdität sein.)

„The Way of the Cross“

Eine kleine englische Reisegruppe ist auf einem Abstecher in Jerusalem, ersatzweise von einem unvertrauten Geistlichen geleitet: reicher Amerikaner mit Frau, alte Jungfer, jungverheiratetes Paar mit Eheproblemen, feine Leute mit altklugem Enkel. Alle haben verschiedene Probleme, die zum Ausbruch kommen – und hat mich an nichts so sehr erinnert wie einen Slasher-Film, sagen wir: Nightmare on Elm Street. Die Gruppe wird getrennt, die Paare werden aufgelöst, treiben durch eine – für sie – fast schon alptraumhaft fremde Stadt und erleiden jeweils ein ironisch passendes Schicksal. (Aber alle überleben.) Hat mir gefallen, auch weil ich die wechselnden Perspektiven mal in der Schule einsetzen kann.

„The Breakthrough“

Diese Geschichte hat bei mir am wenigsten Spuren hinterlassen. Ein Geheimlabor beschäftigt sich statt mit offizieller geheimer Forschung mit eigener geheimer Forschung, es geht darum, die Seele eines sterbenden messbar zu machen, vielleicht einzufangen. Auf für mich unbestimmte Art und Weise geht es daneben. Es blieben keine Fragen offen, die mich interessiert hätten, und ich habe nichts Neues gelernt.

Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (2018)

Vieles an dem Buch hat sich sehr gut gehalten, manches ist erstaunlich gut extrapoliert. Zugegeben: Die Männer gehen arbeiten und die Frauen bleiben zu Hause, und als der emotional mitgenommene Guy Montag sich im Wohnzimmer erbricht, ist es seine Frau Mildred, die sofort den Wischmopp zum Saubermachen holt.

Aber das betrifft kein zentrales Thema des Buchs. Anders ist es bei Folgendem: In der Welt von Fahrenheit 451 sind Bücher verboten. Das Medium Buch wird dabei keineswegs anderen Medien gegenüber als etwas prinzipiell Besseres dargestellt; Faber erklärt, dass die wichtigen Dinge, wegen derer Bücher nach und nach verboten wurden, sich genau so gut in Hörspielen oder Fernsehsendungen mitteilen lassen. Um die Inhalte geht es, nicht um die Form. Weiterhin sind zwar Bücher verboten, und es gibt einen autoritären, vielleicht totalitäten Staat, der über Medien die Gesellschaft belügt und ruhig hält – aber es war nicht der Staat, der die Bücher abgeschafft hat, sondern die Gesaellschaft selber. Die Gesellschaft hat beschlossen, nicht mehr Originale zu lesen, sondern nur Wikipedia-Fassungen davon; die Gesellschaft hat beschlossen, dass Gedanken, die Unwohlsein auslösen können, nicht mehr veröffentlicht werden. Bücher enthalten kritische und unliebsame Inhalte, das führt zu Unfrieden, deshalb verzichtet man auf sie.

So weit, so gut. Das sehen meine Schüler und Schülerinnen sofort ein. Zensur nicht gut – aber um Zensur, das habe ich betont, geht es ja gar nicht, allenfalls um Selbstzensur. Es ist ja eben nicht der Staat, der das eingreift. Sondern: Die Minderheiten. Je größer die Gesellschaft, desto mehr Minderheiten, so erklärt es im Buch der Feuerwehrmann Beatty, der allerdings zu den Bösen gehört. Niemandem darf man in solch einer großen Gesellschaft auf den Schlips treten – zu empfindlich sind „the dog-lovers, the cat-lovers, doctors, lawyers, merchants, chiefs, Mormons, Baptists, Unitarians, second-generation Chinese, Swedes, Italians, Germans, Texans, Brooklynites, Irishmen, people from Oregon or Mexico.“ Der Markt sorgt dafür, dass man niemanden verschreckt (diesen Effekte halte ich für realistisch). „Colored people don’t like Little Black Sambo. Burn it. White people don’t feel good about Uncle Tom’s Cabin. Burn it. Someone’s written a book on tobacco and cancer of the lungs? The cigarette people are weeping? Burn the book.“ Alles um des lieben Friedens willen.

Vor dem Hintergrund der Kommunistenhatz der frühen 1950er Jahre in den USA ist das verständlich. Und doch: Liest sich das nicht wie eine Verteidigung gegen die damals noch gar nicht so existierende political correctness? Können die Minderheiten nicht einfach zufrieden sein mit dem, was für die Mehrheit gut genug ist? Der Negerkönig von Takatukaland soll nicht mehr so heißen, ist das schon der erste Weg Richtung Fahrenheit 451? Mir fehlt ein wenig das Verständnis dafür, dass die Minderheiten vielleicht mit manchen Vorwürfen Recht haben könnten. Wie man dann mit diesen Problemen umgeht, ist eine andere Frage, aber man sollte die Vorwürfe als legitim anerkennen. Da macht es sich Bradbury zu leicht, finde ich.

Die Schüler und Schülerinnen konnte ich nicht überzeugen. Hier geht es um Verbrennung von alten Pipi-Langstrumpf-Ausgaben, da um eine Petition, ein Bild eines jungen Mädchens aus dem Museum zu nehmen – ein Bild, das übrigens für das Titelbild der Ausgabe von Nabokovs Lolita gewählt wurde, das sich im Hause Rau befindet. Würde man heute auch nicht mehr machen, und ist das auch schon ein Schritt Richtung Fahrenheit 451?

Vom Gendern halten die beiden Klassen, die ich heute dazu gefragt habe, übrigens auch nichts. Als Anrede für eine einzelne Frau ist die weibliche Form schon begrüßenswert (Bundeskanzlerin, Studiendirektorin, Schülerin), aber das generische Maskulinum ist voll akzeptiert.