Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (2018)

Vieles an dem Buch hat sich sehr gut gehalten, manches ist erstaunlich gut extrapoliert. Zugegeben: Die Männer gehen arbeiten und die Frauen bleiben zu Hause, und als der emotional mitgenommene Guy Montag sich im Wohnzimmer erbricht, ist es seine Frau Mildred, die sofort den Wischmopp zum Saubermachen holt.

Aber das betrifft kein zentrales Thema des Buchs. Anders ist es bei Folgendem: In der Welt von Fahrenheit 451 sind Bücher verboten. Das Medium Buch wird dabei keineswegs anderen Medien gegenüber als etwas prinzipiell Besseres dargestellt; Faber erklärt, dass die wichtigen Dinge, wegen derer Bücher nach und nach verboten wurden, sich genau so gut in Hörspielen oder Fernsehsendungen mitteilen lassen. Um die Inhalte geht es, nicht um die Form. Weiterhin sind zwar Bücher verboten, und es gibt einen autoritären, vielleicht totalitäten Staat, der über Medien die Gesellschaft belügt und ruhig hält – aber es war nicht der Staat, der die Bücher abgeschafft hat, sondern die Gesaellschaft selber. Die Gesellschaft hat beschlossen, nicht mehr Originale zu lesen, sondern nur Wikipedia-Fassungen davon; die Gesellschaft hat beschlossen, dass Gedanken, die Unwohlsein auslösen können, nicht mehr veröffentlicht werden. Bücher enthalten kritische und unliebsame Inhalte, das führt zu Unfrieden, deshalb verzichtet man auf sie.

So weit, so gut. Das sehen meine Schüler und Schülerinnen sofort ein. Zensur nicht gut – aber um Zensur, das habe ich betont, geht es ja gar nicht, allenfalls um Selbstzensur. Es ist ja eben nicht der Staat, der das eingreift. Sondern: Die Minderheiten. Je größer die Gesellschaft, desto mehr Minderheiten, so erklärt es im Buch der Feuerwehrmann Beatty, der allerdings zu den Bösen gehört. Niemandem darf man in solch einer großen Gesellschaft auf den Schlips treten – zu empfindlich sind „the dog-lovers, the cat-lovers, doctors, lawyers, merchants, chiefs, Mormons, Baptists, Unitarians, second-generation Chinese, Swedes, Italians, Germans, Texans, Brooklynites, Irishmen, people from Oregon or Mexico.“ Der Markt sorgt dafür, dass man niemanden verschreckt (diesen Effekte halte ich für realistisch). „Colored people don’t like Little Black Sambo. Burn it. White people don’t feel good about Uncle Tom’s Cabin. Burn it. Someone’s written a book on tobacco and cancer of the lungs? The cigarette people are weeping? Burn the book.“ Alles um des lieben Friedens willen.

Vor dem Hintergrund der Kommunistenhatz der frühen 1950er Jahre in den USA ist das verständlich. Und doch: Liest sich das nicht wie eine Verteidigung gegen die damals noch gar nicht so existierende political correctness? Können die Minderheiten nicht einfach zufrieden sein mit dem, was für die Mehrheit gut genug ist? Der Negerkönig von Takatukaland soll nicht mehr so heißen, ist das schon der erste Weg Richtung Fahrenheit 451? Mir fehlt ein wenig das Verständnis dafür, dass die Minderheiten vielleicht mit manchen Vorwürfen Recht haben könnten. Wie man dann mit diesen Problemen umgeht, ist eine andere Frage, aber man sollte die Vorwürfe als legitim anerkennen. Da macht es sich Bradbury zu leicht, finde ich.

Die Schüler und Schülerinnen konnte ich nicht überzeugen. Hier geht es um Verbrennung von alten Pipi-Langstrumpf-Ausgaben, da um eine Petition, ein Bild eines jungen Mädchens aus dem Museum zu nehmen – ein Bild, das übrigens für das Titelbild der Ausgabe von Nabokovs Lolita gewählt wurde, das sich im Hause Rau befindet. Würde man heute auch nicht mehr machen, und ist das auch schon ein Schritt Richtung Fahrenheit 451?

Vom Gendern halten die beiden Klassen, die ich heute dazu gefragt habe, übrigens auch nichts. Als Anrede für eine einzelne Frau ist die weibliche Form schon begrüßenswert (Bundeskanzlerin, Studiendirektorin, Schülerin), aber das generische Maskulinum ist voll akzeptiert.

Naomi Alderman, The Power

Titelbild The Power

Titelbild The Power

Ein gutes Buch, aber nicht so gut, wie es sein könnte.
Das heißt, das Buch, das ich nicht lese, aber im Kopf immer noch erwarte, ist eben noch besser – zwei Bücher zum Preis von einem, wie schön!

Die Prämisse dieses Romans: In Folge einer – ausreichend glaubhaft herbeierklärten – Genveränderung entwickeln weltweit alle oder fast alle Frauen die Fähigkeit, elektrische Stromstöße auszusenden, teilweise von großer Stärke.

Und wie Science Fiction so ist, heißt es von da an: Schauen wir mal, wo uns das hinführt – das heißt, eigentlich weiß man vorher schon, wo das hinführen soll: Wie sähe die Welt aus, wenn plötzlich ein Geschlecht sehr viel mächtiger als das andere wäre? Aber eigentlich ist das auch nicht die Frage, weil die Antwort kennen wir ja schon – in so einer Welt leben wir ja. Also nochmal: Das Buch zeigt, in welcher Welt wir leben, indem die Rollen umgedreht werden. Damit ist es vielleicht doch weniger Science Fiction und mehr Gesellschaftsabbild.

Anhand von fünf Hauptpersonen wird die Geschichte erzählt vom ersten Auftreten dieses Phänomens, über die ersten Reaktionen, erste kleine Veränderungen im Machtverhältnis, Revolutionen in Saudi Arabien und Moldawien, bis hin zu… es kann nichts Gutes sein, was da kommt, und das weiß man schon am Anfang. Die Kapitel überschrieben sind mit „Noch zehn Jahre“, „Noch neun Jahre“, „Noch acht Jahre“. Das geht nicht gut aus. Es gibt auch etliche brutale Szenen, wenn auch noch innerhalb der Schullektürenzumutbarkeitsgrenze.

Ich war beim Lesen mancher Stellen versucht zu sagen, dass, ja, das Prinzip der Umkehrung habe ich schon verstanden, aber das ist jetzt doch ein wenig übertrieben… aber natürlich ist da nichts dabei, was nicht in unserer Welt mit den herkömmlichen Vorzeichen tatsächlich so der Fall ist. Es geht lediglich vielleicht ein wenig Herr-der-Fliegen-artig schnell mit dem Wandel der Verhältnisse. Wo doch Frauen von Natur aus ja eigentlich das empathischere, friedlichere Geschlecht sind.

Nach den ersten enorm spannenden fünfzig Seiten war das Buch immer noch spannend zu lesen, aber nicht mehr so ganz interessant für mich wie am Anfang. Der Grund: Ich mag diese weit verbreitete Erzählweise mit zwei oder vier, oder hier auch mal fünf, Hauptpersonen nicht, aus deren Sicht abwechselnd die Kapitel erzählt werden. (In den jungen Jahren meines Blogs habe ich mal den Tipp gegeben, dass zumindest manche solcher Bücher eine interessantere Leseerfahrung bieten, wenn man dann tatsächlich nur jedes zweite oder dritte Kapitel liest.)
Die Erzähldistanz ist damit notgedrungen auch immer sehr gering, es wird also nicht im Rückblick der Personen erzählt, nicht über der Handlung stehend, sondern beständig mittendrin, kein auktorialer Erzähler kommentiert – da könnte ich gleich einen Film anschauen. (Und natürlich ist der Stoff bereits verkauft, das schreit gerade zu nach einer Fernsehserie.)

Interessant ist die Erzählweise dann, wenn sie dann doch einmal von diesen fünf Fokuspersonen wegkommt. Diese sehen immer wieder mal Schnipsel einer kleinen Frühstücksfernsehsendung im Hintergrund, mit zwei Moderatoren, weiblich und männlich, am Anfang nur als Teil der Informationsvermittlung, was aktuelle Geschehnisse betrifft, dann verändert sich – erst subtil, dann weniger – das Verhältnis zwischen den beiden Moderatoren. Das hat mir gefallen. (Das erste Mal habe ich die Technik, Informationen über die Welt und Handlung unaufällig-auffällig außerhalb der unmittelbaren Handlung zu platzieren, übrigens beim Film RoboCop bemerkt, dort allerdings als Werbung. Artikel dazu.)

Außerdem gibt es zwischen den Kapiteln Illustrationen zu archäologischen Objekten, mit erläuternden Kommentaren dazu. Diese Objekte stammen sowohl vor als auch nach unserer Gegenwart; sie werden aber jedes Mal als Artefakte aus ferner Vergangenheit dargestellt, über deren Funktion man sich nicht sicher ist. Das Motiv des angebissenen Apfels, das wohl auf vielen Artefakten erscheint und zur Eva-Apfel-Paradies-Symbolik im restlichen Buch passt, kann unserereiner heute leichter zuordnen als die späteren Archäologen. — Diese Illustrationen schwanken zwischen lustig und bitter. Bei der male genital mutilation dachte ich zuerst auch, dass das schon etwas übertrieben ist, bis ich mich erinnerte, dass, na ja, doch nicht.

Aus dieser Perspektive einer Kultur, die sich nach irgendeiner großen Katastrophe nur dunkel an unsere Zeit erinnert, sind auch die ersten und letzten Seiten des Romans geschrieben. Der beginnt nämlich mit einem Brief des Autors Neil an seine Lektorin Naomi, begleitend zu seinem neuesten Manuskript – dem phantasievollen historischen Roman The Power eben. Und diese Korrespondenz ist mit das beste am Buch: Neil ist vorsichtig, sich zurücknehmend, klein machend; Naomi gönnerhaft dominant. Sie bezweifelt ein bisschen die historische Korrektheit solcher Konzepte wie „male soldiers“ und „boy crime gangs“ und vermutet, dass die nur als erotische Spannungselemente im Buch sind. Dazu kommt, dass sie sich das Geschehen so nicht recht vorstellen wird – wäre schließlich eine Welt, die von Männern beherrscht wird, nicht eine friedlichere Welt? Die wenigen Patriarchate, für die es historische Belege gibt, waren jedenfalls alle friedlich – kein Wunder, sprechen doch evolutionspsychologische Gründe dafür, dass Männer (für schwere Arbeit am Heim zuständig) kooperativer, freundlicher, sanfter sind als Frauen (die doch ihre Kinder beschützen müssen).

Fazit: Ideal für eine Fernsehserie, aber Serien schaue ich nicht. Die würde mich nur dann interessieren, wenn der dokumentarische Aspekt hervorgehoben wäre, also die Perspektive der späteren Zukunft. Trotzdem große Leseempfehlung.

Arthur Bloch, Murphy’s Law (und: Planning Fallacy)

Spätestens 1985 kaufte ich, siebzehnjährig, in den USA an einem Flughafen (New Mexico, vielleicht?) das schmale Büchlein Murphy’s Law, and other reasons why things go wrong! von Arthur Bloch. Ich habe viel gelernt daraus. Murphy’s Law kannte ich wohl vorher schon irgendwoher, anderen Gesetzen – dem Peter-Prinzip, Clarkes 3. Gesetz – begegnete ich danach immer wieder. Aber ich weiß noch, dass es lange dauerte, bis ich diesen Kalauer verstand:

Cole’s Law: Thinly sliced cabbage.

Hier die Gesetze, die ich über all die Jahre auswendig behalten habe, weil ich immer wieder Anwendungen dafür sehe:

Ginsberg’s Theorem:
1. You can’t win.
2. You can’t break even.
3. You can’t even quit the game.

Das ist eine saloppe Kurzfassung der drei Hauptsätze der Thermodynamik: 1. Die Gesamtenergie in einem geschlossenen System bleibt konstant, 2. aber weil die Entropie ständig zunimmt, kann man nicht mal ein Perpetuum Mobile bauen, und den 3. Hauptsatz verstehe ich zu wenig.

Zymurgy’s first law of evolving system dynamics:
Once you open a can of worms, the only way to recan them is to use a larger can.

Entropie.

Laws of gardening:
4. If nobody uses it, there’s a reason

Das kann man auf so viele Dinge anwenden.

Shaw’s principle:
Build a system that even a fool can use, and only a fool will want to use it.

Wenn man das mit „Mach ein System narrensicher“ übersetzt, kann man das auch auf die Sicherheitseinstellungen in schulischen Netzen anwenden.

Westheimer’s rule:
To estimate the time it takes to do a task: estimate the time you think it should take, multiply by 2 and change the unit of measure to the next highest unit. Thus we allocate 2 days for a one-hour task.

Ich halte diese Regel für etwas zu scharf formuliert, aber im Kern richtig. Und deshalb bin ich auch recht gut in meiner Zeitplanung und falle nicht dem Planungsfehlschluss anheim (engl. planning fallacy): das ist „die Tendenz von Menschen und Organisationen, zu unterschätzen, wie viel Zeit sie zur Vollendung einer Aufgabe benötigen“ (Wikipedia). Wenn man schätzt, wie lange man für etwas braucht, liegt man oft daneben – und zwar jedesmal wieder.

Ich schätze auch, wie lange ich für etwas brauche. Aber dann misstraue ich meiner Schätzung, weil ich aus Erfahrung weiß, wie sehr meinem Gefühl nicht zu trauen ist, und passe sie an, so ähnlich wie bei Westheimers Regel. Das war schon beim rückwärts Einparken so: Wenn ich da beim Blick nach hinten das Gefühl hatte, es geht nicht mehr weiter — dann musste ich noch etwa einen Meter mehr fahren, und dann stand das Auto richtig.

(Weitere zen-artige Weisheiten im Buch: „Wenn man an der Lösung eines Problems arbeitet, ist es hilfreich, wenn man vorher die Antwort weiß.“ Und: „Jemand mit zwei Uhren ist nie sicher, wie spät es ist.“)-

Zadie Smith, Swing Time (und viele, viele Musical-Ausschnitte)

In meiner Leserunde gelesen. Vorab: Viel werde ich gar nicht zu dem Buch sagen. Es hat mir auch nicht sehr gefallen. Interessiert hat es mich durchaus, weil mich zwei oder drei Nebenthemen des Buchs interessierten – ansonsten war es nicht so das meine. Es geht darin um die Freundschaft der Protagonisten mit der gleichaltigen Tracey. Sie wohnen in der selben eher heruntergekommenen Nachbarschaft, haben aber ganz verschiedene Mütter; beide Kinder gehen ins Ballett und lernen Tanz. Sie verlieren sich aus den Augen; die Protagonistin wird Assistentin bei dem an Madonna angelehnten Musikstar Aimee. Ein Großteil der zweiten Hälfte spielt in Afrika, wo Aimee an der Organisation der wohltätigen Pläne Aimees und der Adoption eines Kindes beteiligt ist. Am Ende verliert die Protagonistin ihren Job, nimmt aber wieder Kontakt zu Tracey auf, die, etwas abgedreht, der Mutter der Protagonistin, inzwischen Lokalpolitikerin, Ärger bereitet.

Interessant und lehrreich sind die Passagen in Afrika, die hochfliegenden Pläne von Aimee, die zum Scheitern verdammt sind. Wichtig für das Buch ist die Freundschaft der beiden Mädchen und die Rollen der Mütter. Aber die Protagonistin selber fand ich nicht interessant, und sie ist auch die Erzählerin (ohne konkreten Erzählanlass).

Dennoch habe ich das Buch mit Genuss und Belehrung gelesen. Tracey driftet ab in obskure Chaträume im Internet und hängt Verschwörungstheorien an; das taucht nur ganz am Rand auf, aber dennoch ist es ein Thema, das mich interessiert: da gibt es meine geliebte Echsenmenschen-Verschwörung (S. 94, S. 399) und den ehemaligen Frühstücksfernseh-Reporter, der sie propagiert (S. 93 – nach dem Vorbild David Icke?); eine „secret eighteenth-century Bavarian sect“ bleibt namenlos, aber erst neulich schrieb ich über sie. In Afrika wird oft gefragt, ob dieser oder jene mächtige Star „Illuminati“ sei.

Schon einmal gehört hatte ich von der Nation of Gods and Earths, einer „afroamerikanische[n] gesellschaftlich-religiöse[n] Bewegung“ (Wikipedia), aber viel vergessen; hier bekam ich eine Auffrischung. Viele Leute aus der Hip-Hop-Szene hängen ihr an, viel Hip-Hop-Slang hängt damit zusammen, etwa das „Word“ als Äquivalent eines bestätigenden Aussagesatzes. Nu, es ist eine Religion oder eine esoterische Weltanschauung, klingt jedenfalls reichlich suspekt. Die Bewegung heißt auch Five Percent Nation, weil laut der Lehre 85% der Menschen ignorant sind der Wahrheit gegenüber, 10% wissend, aber böse, und nur 5% wissend und gut.

Aber noch mehr interessiert hat mich das eigentliche große Thema des Buchs: Tanz, und kulturelle Aneignung. Swing Time heißt das Buch und ist benannt nach einem der RKO-Musicals mit Fred Astaire und Ginger Rogers aus dem Jahr 1936. Nicht das beste aus der Reihe, The Gay Divorcee (1934) und Top Hat (1935) sind besser, aber Smith lässt ihre Protagonisten diese Tanzszene sehen:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Und erst spät fällt der Heldin – schwarz, wie ihre Freundin ebenso – auf, dass Fred Astaire „Bojangles of Broadway“ in blackface tanzt. Blackface: Das ist die Konvention, dass ein weißer (oder auch schwarzer) Entertainer – Schauspieler, Tänzer – sich mit Schminke als Schwarzer maskiert; im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den USA durchaus üblich, noch bis 1955 gab es die Sendung „Amos ’n‘ Andy“ im amerikanischen Fernsehen mit zwei Weißen in Blackface in schwarzen Rollen. (Begonnen hatte sie 1928 als Radiosendung.) Heute wird blackface meist als unsensibel, beleidigend, anstößig empfunden.

Die Fred-Astaire-Nummer ist ein Tribut an Bill „Bojangles“ Robinson, einen berühmten Steptänzer – aber schwarz, und deswegen kein so großer Star wie die weißen Tänzer. Hie sieht man ihn, etwa ab Minute 2, in Stormy Weather (1943), fünfundsechzigjährig:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Tatsächlich war Astaire gar kein so großer Robinson-Fan. Robinson tanzte vor allem mit den Füßen, der Oberkörper blieb relativ ruhig, und das lag Astaire nicht. (Am bekanntesten sind seine Nummern, wie er Treppen hinauf und herunter tanzt, allein oder mit Shirley Temple). Mehr schätzte Astaire John W. Bubbles, hier in Cabin in the Sky (1943):

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Am ausführlichsten beschreibt Zadie Smith aber eine Nummer aus Ali Baba Goes to Town (1937). Dieser Film ist ein wenig von Mark Twains A Connecticut Yankee at King Arthur’s Court inspiriert (Blogeintrag); Eddie Cantor wird in der Jetztzeit in Schlaf versetzt und wacht in Tausendundeiner Nacht auf, macht doch Karriere und Feinde, bevor er am Ende wieder aufwacht. Für Tracey und die Protagonistin ist diese Szene besonders wichtig, weil sie in ihrer zum ersten Mal auf die schwarze Tänzerin Jeni Le Gon stoßen, an deren Stil und Namen sich Tracey orientiert. (Hier sieht man Jeni Le Gon 2008, zweiundneunzigjährig.)

Aber die Nummer ist auch aus einem anderen Grund im Buch, und zwar weil sie etwas über das Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen sagt, über deren Darstellung, über Tanz, über das Abschauen und Übernehmen von Tanzbewegungen. Jeni Le Gon taucht ab 3:44 auf, aber die ganze Nummer ist sehr sehenswert:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Leider fehlt in diesem Ausschnitt die vorhergehende Minute, anhand derer man die Handlung erst richtig einordnen kann. Hier ist eine – russisch unterlegte – Fassung des kompletten Films, etwa um 29:20 beginnt die Szene. Eddie Cantor begegnet in diesem märchenhaften Bagdad einer Gruppe von Musikern, frisch aus Afrika, die teilnahmslos bleiben und sich am Trubel nicht beteiligen – sie sprechen die Sprache dort nicht, und niemand spricht ihre Sprache. Eddie Cantor versucht es mit Französisch, Spanisch, Italienisch und Jiddisch, bevor ihm – und damit beginnt der Ausschnitt oben – die Idee kommt, es mit dem Ruf „Hi-de-hi-de-ho“ zu probieren. Und darauf reagieren die Musiker! Cantor singt ihnen dann von ihrer und ihrer Musik fantastischen Zukunft vor: „a thousand years from today: there’s gonna be a Harlem“. Und dann erzählt er ihnen vom Swing.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Blackface, der Foxtrott-Rhythmus, die Phantasieinstrumente, die Karikaturen. Die drei ungewohnt dicken Tänzerinnen. Wenn diese ab 7:30 im Winkel von 45 Grad stehen, hat man das damals noch mit an den Boden genagelten Schuhen gemacht; Michael Jackson hat sich dazu eine besondere Konstruktion patentieren lassen (schreitb Zadie Smith).

Wie kommt es, dass diese Musiker keine europäischen Sprachen verstehen, aber auf Hi-de-hi reagieren? Das bringt uns zu Cab Calloway, von dem meine Generation zum ersten Mal im Film Blues Brothers (1980) gehört hat. Er spielt darin Curtis Delgado, das Faktotum des Waisenhauses, in dem Jake und Elwood Blues aufgewachsen sind, und als die beiden zu spät auf ihr eigenes Konzert kommen, springt er mit der Band und der Nummer „Minnie the Moocher“ ein:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

(Zum zweiten Mal habe ich von Cab Calloway übrigens in einem alten Englisch-Schulbuch gehört beziehungsweise gelesen. Damals enthielten die noch ordentlich viel Text, und eben auch einen Text von Cab Calloway über Drogengebrauch in der Jazzszene, und dass das etwas ganz Schlimmes war.)

Aber natürlich ist das Lied viel älter, und Cab Calloway ein berühmter Bandleader der 1930er und 1940er Jahre, Stammgast im Cotton Club in Harlem. Das Hi-de-ho war sein Markenzeichen. Hier eine Version des Lieds von 1942:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Und hier eine Version von 1932, mindestens so interessant und befremdlich:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Auch hier: Wo soll man anfangen? Betty Boop zu Hause und isst ihren Sauerbraten nicht?


Anhang

Zadie Smith schreibt im Guardian über Tanz:
https://www.theguardian.com/books/2016/oct/29/zadie-smith-what-beyonce-taught-me

Darin geht es auch um die Nicholas Brothers, Harold and Fayard, hier „Jumpin Jive“, wieder aus Stormy Weather (1943), wieder mit Cab Calloway am Anfang:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Ist das Internet nicht toll? Man findet alle diese Sachen. Hier ein Vergleich von Michael Jackson und Fred Astaire/Cyd Charisse:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Oder allgemeiner Michael Jacksons Vorbilder:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Ganz explizit etwa Bob Fosse:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Man sieht: Tanzelemente werden weitergegeben. Michael Jackson hat den Moonwalk von Bob Fosse, und der von Bill Bailey. Darum geht es auch in Zadie Smiths Buch. – Die ersten Szenen von Bob Fosse stammen übrigens aus einer Verfilmung von Der kleine Prinz (1974), hier die ganze Nummer, in der Fosse eine Schlange spielt. Schau an, Regie Stanley Donen, der Mann ist echt unterschätzt. Bob Fosse war Tänzer, Choreograph, Regisseur, seine Karriere startete durch mit dieser Nummer aus Kiss Me Kate, zusammen mit Carol Haney, von ihm selbst choreographiert.

Abbé Augustin Barruel, Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus, Band 3 (Teil 2)

(Fortsetzung von hier. Diese Seite hier ist dann doch mehr Materialsammlung geworden als ursprünglich geplant, nun ja.)

3.3 Methoden der Illuminaten

Wenn die Ziele der Illuminaten vielleicht im 18. und frühen 19. Jahrhundert besondere Bestürzung hervorriefen, so glaube ich, dass es vor allem ihre Methoden sind, die zu ihrem Nachruhm beigetragen haben. Einige muten verhältnismäßig harmlos an: Die Mitglieder müssen Besinnungsaufsätze schreiben, die von den oberen Graden gelesen werden; die Fragen, anhand derer man die Gesinnung der Mitglieder erkennen soll, sind hoffnungslos durchschaubar. Es gibt Geheimnamen (Weishaupt ist Spartacus, München ist Athen), und Weishaupt ist so stolz auf die Idee des exponentiellen Wachstums, also wenn jeder Adept zwei weitere führt, dass er das mit einem eigenen Diagramm erklärt:

Baumdiagramm zur Hierarchie

(„Auf diese Weise, die einfachste von der Welt, kann ich Tausende von Menschen in Bewegung und in Flammen setzen.“ S. 404)

Weishaupt möchte, dass die Mitglieder des Ordens Wissen sammeln, über einander, aber auch über alle anderen (akzeptierten) Wissensgebiete. Forscher sollen sich gegenseitig unterstützen, aber das Wissen soll innerhalb des Ordens geheim gehalten werden (S. 323) – er will eine „Akademie […], die den Profanen zwar unsichtbar ist, die aber durch unterirdische Bewurzelung, nach allen Seiten sich ausdehnet, wie die Sekte selbst“ (S. 328, Barruels Worte). Streng geregelt ist, wer Zugang zu den Büchern mit diesem angehäuften Wissen hat. Ich finde den Gedanken, dass Bücher so viel Macht habe, reizvoll und naiv. Man muss nur die richtigen Bücher haben, dann hat man einen Wissensvorsprung – so einfach ist es nicht und war es wohl auch nie.

Die zentrale Methode der Illuminaten, zumindest für die Nachwirkung, scheint mir aber das Prinzip der Täuschung zu sein.

Tricksen und Täuschen

Die Mitglieder werden belogen und getäuscht, die echten Ziele verborgen gehalten. Ich glaube, die Illuminaten waren der erste Geheimbund, der das so hielt.

  • Für Frauen sollen zwei nach Eignung und Neigung getrennte, separate Geheimgesellschaften eingeführt werden, die nichts von einander oder von den tatsächlich bestimmenden Männern wissen sollen. Eine der beiden ist für die ordentlichen Frauen, der andere für die Mata Haris:

    „Eine Klasse von Tugendhaften, die andere von Ausschweifenden. Beiden muß unbekannt seyn, daß sie von Männern, geleitet werden, und die Vorgesetzte oder Vorsitzende jeder Klasse muß glauben, eine Mutter-Loge von ihrem Geschlecht zu haben, von der sie Befehle erhält, die aber im Grunde die Männer geben. Die zu ihrer Direction bestimmte Brüder, ertheilen ihnen Vorschriften und Unterricht, ohne sich gleichwohl kund zu geben, den ersteren durch gute Bücher, die sie ihnen zu lesen verschaffen; den anderen durch Anleitung, ihre Leidenschaften, im Verborgenen, zu befriedigen.“ (S. 62)

  • In den Sitzungen der unteren Grade nimmt heimlich ein Mitglied des oberen Grads teil, um sich ein besseres Bild von den Kandidaten zu machen. Man weiß also nie, ob einer, der neben einem sitzt, nicht in Wirklichkeit ein Oberilluminat ist. In den unteren Graden tut man so, als wäre man reiner Freimaurer, und hätte zwar schon die Vernunft und Freiheit als Ziel, sei aber überhaupt nicht gegen Fürsten oder Christentum. Erst nach und nach wird der Kandidat in diese Ziele eingeweiht.
  • Die Show ist das Wichtigste – man macht Hokuspokus, um die Mitglieder zu beeindrucken:

    „Ohne alle andere Absicht, als um geheimnißvolle Befehle zu geben, läßt man z. B. einen Adepten unter seinem Teller, in einem Wirtshause einen Brief finden, den man viel bequemer in seiner Wohnung ihm hätte zustellen lassen können.“ (S. 340f)

  • Auch die oberen Grade belügt man: Es gibt angebliche geheime Stifter des Ordens, keinesfalls identisch mit den aktuell führenden Oberen – „ihren Namen wird man nie erfahren“; alle Dokumente über den Ursprung der Illuminaten sind verbrannt (S. 237).
  • Die Oberen haben das Recht zu lügen (das soll allerdings den Zöglingen auch vermittelt werden): Sie dürfen Dinge behaupten oder Fragen stellen und danach alles wieder zurücknehmen, weil das ja vielleicht nur ein Test war: „Auf diese Weise redet man bald auf die eine Art, bald auf die andere, um nicht verlegen zu seyn, und unsere wahren Gedanken den Unteren undurchdringlich zu machen.“ (S. 301 f.)
  • Adlige können schon auch in die Illuminaten aufgenommen werden, aber dann muss die Kritik an Fürsten und Klerus in den Aufnahmeritualen abgemildert werden (S. 356).
  • Der Provinzial ist dafür zuständig, dass in den unteren Graden keine so freien Reden gehalten werden, „daß daraus starke Vermuthungen auf [ja tatsächlich geplante] Projecte gegen die Religion, den Staat und die Sitten könnten geschöpft werden“ (S. 366).

Und vor allem gibt es ein Verwirrspiel darum, wer und was eigentlich zum Orden gehört. Man legt nahe, dass alle anderen geheimen oder nicht geheimen Gesellschaften in Wirklichkeit zu den Illuminaten gehören, dass alle große Taten den Illuminaten zuzuschreiben sind:

„Zu einer Zeit benutzt man die Neigung der Menschen zum Wunderbaren; zu einer andern Zeit bedient man sich des Reitzes der ansehenden Kraft der geheimen Gesellschaften. Daher ist es mannichmahl nöthig, eure Untergebene vermuthen zu machen, ohne jedoch ausdrücklich es zu sagen, daß alle andere dergleichen Gesellschaften, und die der Freimaurer insgeheim von uns dirigiret werden; oder aber, wie es an einigen Orten wirklich wahr ist, daß die großen Monarchen durch unsern Orden regiert werden, wenn etwas großes, merkwürdiges vorgehet oder geschiebet, so muß auch die Vermuthung hingeworfen werden, daß es uns zuzuschreiben sey. Wenn ein Mann durch seine Verdienste in einer Reputation stehet so macht auch glauben, daß er von den Unsrigen sey.“ (S. 340)

Wo der Orden machtlos ist, soll er sich aufplustern:

„Wenn man einer Orten der Autorität und des Gouvernements sich bemächtiget hat, so stellet man sich, als habe man nicht den mindesten Credit und Einfluß , um diejenigen nicht aufzuwecken oder stutzig zu machen, die gegen uns arbeiten würden. Hingegen, wo Ihr nichts auszurichten vermöget, habet Ihr euch das Ansehn eines Menschen zu geben, der alles vermag. Das macht uns fürchten und suchen, und stärkt unsere Parthey.“ (S. 342)

Und vor allem kann der Orden auch so tun, als wäre er eine ganz andere Organisation:

22) „Wenn unser Orden hier oder da mit der ganzen Form und Einrichtung unserer Klassen sich nicht etabliren kann; so muß man es unter einer andern Gestalt thun. Den Zweck laßt uno vor Augen haben, und damit uns beschäftigen; das ist das wesentliche, wenn er nur erreicht wird, so liegt wenig daran, unter welcher Hülle es geschiehet. Eine oder die andere ist inzwischen immer erforderlich; denn im Geheimniß beruhet ein großer Theil unserer Kraft.“
23) „Darum muß man immer unter den Namen einer andern Gesellschaft sich verstecken. Die unteren Logen der Freymaurerey sind einstweilen das schickliche Kleid für unsere höhere Zwecke, weil die Welt schon gewohnt ist, nichts Großes und Aufmerksamkeit verdienendes von den Freymaurern zu erwarten.“ (S. 345f)

„Er soll mit dem Provinzial über den Deckmantel, den Schleyer, der dem Orden zu geben ist, sich vereinbaren. Gleichwie für die religiösen Institute der römischen Kirche, die Religion, leyder, nur ein Vorwand war; so muß man auf eine edlere Art unsern Orden unterm Anschein einer Handels, Gesellschaft, oder unter einer ähnlichen Außenseite, verbergen.“ (S. 364)

Kein Wunder also, dass man nach dem Verbot und dem Verschwinden der Illuminaten auf die Idee kommen konnte, sie hätten sich nur getarnt und unter einem anderen Namen weitergemacht.

4. Aufklärung und Hokuspokus

Eigentlich verfolgten die Illuminaten ja Ziele der Aufklärung: die Freiheit von Vormundschaft, die Vernunft, gegen organisierte Kirche und Adel. Gleichzeitig veranstalten sie so einen abergläubischen Zirkus, mit Ritualen und geheimen Oberen. Einerseits sind sie für Freiheit, gleichzeitig überwachen sie einander misstrauisch. Muss man als fortschrittlicher Mensch vor ihnen Angst haben oder als rückwärtsgewandter? Sind die Illuminaten eine Verschwörung von Anarchisten, Demokraten oder Libertariern? Andererseits sagt bereits eine berühmte Figur der Auklärung, Nathan der Weise selber: „Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab.“

— Ich bin überrascht, wie oft ich bei der Lektüre von Barruels Geschichte des Jakobinismus an die Illuminatus!-Trilogie von Shea und Wilson denken musste: Das Versteckspiel, wer jetzt die Illuminaten sind und wer nicht; das Verstecken von Oberen Illuminaten mitten unter anderen; die widersprüchlichen Ziele der Illuminaten. Ich muss doch noch mal hineinschauen.

Fußnote zu Verschwörungstheorien: Es gibt ja die mit den Reptiloiden (Wikipedia), laut der viele Politiker und Weltenlenker in Wirklichkeit zu einer Rasse von Schlangenmenschen gehören, die unerkannt unter uns lebt und über uns herrscht. (Ernsthaft, die gibt es.) Der Gedanke ist verbreitet, bei der Fernsehserie „V – Die außerirdischen Besucher“ gibt es so etwas Ähnliches. Tatsächlich geht das alles auf eine Kurzgeschiche des Pulp-Autors Robert E. Howard zurück, „The Shadow Kingdom“, 1929 in Weird Tales erschienen, die erste Geschichte um Kull, einen Vorläufer von Howards bekannterem Conan. Die Geschichte habe ich neulich wiedergelesen, und da fiel mir die Ähnlichkeit auf. Sachen gibt’s.

Abbé Augustin Barruel, Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus, Band 3 (Teil 1)

Cartoon

1. Vorrede
2. Zur Geschichte der Illuminaten (aus Wikipedia abgeschrieben)
3. Endlich, das Buch
3.1 Aufbau der Illuminaten
3.2 Ziele der Illuminaten
3.3 Methoden der Illuminaten
4. Aufklärung und Hokuspokus

1. Vorrede

Anfang des Jahres habe ich, auch wegen eines allgemeinen Interesses an Verschwörungstheorien, Umberto Ecos Das Foucaultsche Pendel wiedergelesen. Damals hatte ich mir auch ein Buch notiert, das dort sozusagen als Urvater der Verschwörungstheorien angeführt wird: Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus von Abbé Barruel.

Die Jakobiner waren ein politischer Klub während der französischen Revolution, von denen es damals etliche gab. Sie waren politisch links, für die Abschaffung der Monarchie, von Rousseau beeinflusst; ihren Namen haben sie von ihrem Klubhaus (jeder Klub braucht so etwas), einem – ehemaligen – Jakobinerkloster in Paris. Jakobiner, so heißen in Frankreich die Dominikaner; und in Verschwörungskreisen geht der Name des Klubs natürlich auf anderes zurück:

Historische Analysen sehen hinter der Auswahl des Jakobiner-Klosters nur einen Deckmantel, der die wahre Bedeutung verdecken sollte, die hinter dem Namen steht: Zum einen wird der Name Jakobiner auf Jacques de Molay zurückgeführt, dem letzten Führer des Templerordens, da in den Reihen der Jakobiner zahlreiche Freimaurer vertreten waren (Wikipedia, 14. Oktober 2014)

Diese Templer-Theorie kannte ich tatsächlich nur aus Verschwörerkreisen, also wunderten mich die „Historische[n] Analyse“ in Wikipedia schon. Geht man der Fußnote zu diesen nach, stößt man auf ein einzelnes Werk, dessen Thema der alchemistische Hintergrund von Kleists Novellen bildet. Die Rezensionen, die ich dazu gelesen habe, lassen mich an der Qualität der historischen Analysen zweifeln.

Aber so ist das mit Verschwörungstheorien: Wenn man damit einmal anfängt, stößt man immer wieder darauf. Und das liegt eben auch an diesen Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus, Ende des 18. Jahrhunderts auf Französisch erschienen, Anfang des 19. in deutscher Übersetzung: fürderhin ein europäischer und nordamerikanische Bestseller. Band 1 sieht die Französische Revolution als von den Philosophen der Aufklärung vorangetrieben und vorbereitet; Band 2 erkennt die Freimaurer in der gleichen Funktion. In Band 3 geht es um den deutschen Geheimbund der Illuminaten, und Band 4 zieht eine Verbindung von den Illuminaten quer durch die Weltgeschichte bis zum Manichäismus des 3. Jahrhunderts nach Christus. Gelesen habe ich bisher nur Band 3, aber an Band 4 werde ich mich sicher auch noch machen. (Alle online kostenlos als pdf zu finden, vielen Dank an Google fürs Einscannen und Zugänglichmachen. Ich finde es toll, dass ich einfach so aus einer Laune heraus an diese Bücher komme. Ans Frakturlesen gewöhnt man sich.) Angeblich war noch Band 5 geplant, in dem die Juden an allem schuld sind – aber möglicherweise sind die Informationen dazu eine nachträgliche Fälschung. Verschwörungstheorien halt.

Barruel kannte die Illuminaten nur vom Hörensagen; tatsächlich waren sie auch schon verboten und aufgelöst, als er seine Bücher schrieb. Aber er nennt vorbildlich seine Quellen und zitiert ungemein viel daraus; man kann ihm allerdings vorwerfen, dass er bei der Quellenanalyse zu unkritisch vorgegangen ist – er hat schlicht alles geglaubt, was da stand. Die Quellen sind vor allem:

  1. Bemerkungen über einige Originalschriften des Illuminaten-Ordens, welche bei dem gewesenen Regierungsrat Zweck durch vorgenommene Hausvisitation zu Landshut den 11. und 12. Oktober 1786 vorgefunden worden. Auf höchsten Befehl Seiner kurfürstlichen Durchlaucht zum Druck befördert. (1787)
  2. Nachtrag von Weitern Originalschriften (1787)
  3. Der ächte Illuminat oder Die wahren unverbesserten Rituale der Illuminaten, enthaltend den Vorbereitungsgrad, das Noviziat, den Minervalgrad, den kleinen und großen Illuminatgrad, ohne Zusatz und Auslassung. (J.H. Faber 1787)
  4. Philo’s endliche Erklärung und Antwort auf verschiedene Anforderungen und Fragen die an ihn ergangen, seine Verbindung mit dem Orden der Illuminaten betreffend (Adolph Knigge 1788 – Knigge war einer der zentralen Illuminaten und tatsächlich der mit dem Knigge, in dem es aber ursprünglich gar nicht um feines Benehmen geht, sondern Über den Umgang mit Menschen, so der Titel.)
  5. Die neuesten Arbeiten des Spartacus und Philo in dem Illuminaten-Orden. (Ludwig Adolf Christian von Grolmann 1793), darin enthalten:
  6. Kritische Geschichte der Illuminatengrade
  7. Illuminatus dirigens, oder schottischer Ritter. (Adam Weishaupt 1794)
  8. Drey merkwürdige Aussagen die innere Einrichtung des Illuminatenordens in Baiern betreffend (1786)

Alle Bücher sind als pdf kostenlos im Web, bei archive.org sind fast alle und noch etliche mehr gesammelt unter „Weishaupt A – The Complete Collection“, nur Nummer 4 und 8 sind nicht dabei, aber auch leicht anderswo zu finden. Gebraucht gibt es die Bücher so zwischen 140 und 800 Euro – man kriegt fast Lust, sich eine Sammlung anzulegen…


2. Zur Geschichte der Illuminaten (aus Wikipedia abgeschrieben)

1776 lehrte Adam Weishaupt an der Universität Ingolstadt. Er war 28 Jahre alt, Professor für Kirchenrecht und praktische Philosophie, vertrat die Ideale der Aufklärung, und rings um ihn waren nur (ehemalige) Jesuiten – antiaufklärerisch, eine verschworene geheime Gesellschaft. Also gründete er seinen eigenen Verein, die Geheimgesellschaft der Illuminaten. Das Ziel der Illuminaten war, den absolutistischen Staat mit eigenen Leuten zu besetzen und ihn dann abzuschaffen.

Nach den ersten kargen Jahren gab es einen Mitgliederboom: 1776 gab es eine Krise in der deutschen Freimaurerei. Dort war zu jener Zeit die Strikte Observanz tonangebend, eine Bewegung innerhalb der Freimaurer, die behauptete, dass a) die Freimaurer die Nachfolger des 1312 aufgehobenen Templerordens seien, und b) es eine Reihe von Geheimen Oberen gebe, die Hüter von Geheimnissen seien. Der hauptsächliche Vertreter dieser Richtung, der den Kontakt zu den Geheimen Oberen hielt, starb allerdings 1776, und daraufhin war man etwas ratlos, weil sich keine Geheimen Oberen meldeten.

Die zwei wohl wichtigsten Illuminaten, Adam Weishaupt und Adolph Knigge, machten in dem Durcheinander erfolgreich Werbung für ihre Gesellschaft, und die Gruppe wuchs, und daraufhin zerstritten sich die beiden. 1784 gab es einen Kompromiss, und im gleichen Jahr wurden allgemein Geheimgesellschaften verboten; 1785 wurden die Illuminaten explizit suspendiert und 1787 explizit verboten, und damit endet die kurze Geschichte der Illuminaten. Mitglieder gab es vielleicht 2000.

Kleines Einmaleins:

Die Templer: Waren ein Ritterorden von 1118 bis 1312. Geld, Grund, Gerüchte und Exzesse. Wer weiß, vielleicht arbeiten sie im Geheimen noch weiter?

Die Rosenkreuzer: Waren eine erfundene Geheimgesellschaft in einer Reihe von Pamphleten im 17. Jahrhundert. Und weil sich die echten Rosenkrezer nie meldeten, wurden sie eben danach gegründet, und wieder, und wieder, und wieder.

Die Freimaurer: Waren nicht geheim. Bei den Freimaurern gibt es ein einfaches Drei-Grad-System: Man ist Lehrling, Geselle und dann Meister. Aber je nach Ausrichtung und Großloge gibt es noch mehr oder weniger geheime Grade darüber. Die Strikte Observanz hatte so ein Hochgradsystem, und die Illuminaten gaben sich schnell auch ein solches.

Wenn nacht acht Jahren der Illuminaten-Zauber schon vorbei war, wieso erinnert man sich noch so gut an sie? Das liegt an John Robison, der 1797 Proofs of a Conspiracy against all the Religions and Governments of Europe, carried on in the Secret Meetings of Free-Masons, Illuminati and Reading Societies veröffentlichte, das in den USA große Wirkung zeigte, und eben an Abbé Barruels Werk aus dem gleichen Jahr.


3. Endlich, das Buch

3.1 Aufbau der Illuminaten

Ein Großteil des Buches besteht aus Zitaten aus den oben genannten Quellen: Welche Methoden ein Anwerber für den Geheimbund anwenden soll, die Rechte und Pflichten und vor allem das Ritual, wenn man Novize wird, dann Minerval, dann kleiner Illuminat, dann Illuminat/schottischer Novize. Das sind die Vorbereitungsgrade. In ihnen lässt man die Mitglieder im Glauben, man sei nur eine herkömmliche Freimaurerloge.

Wer diese Grade durchschritten hat und nicht wirklich den Idealen der Illuminaten entspricht, der landet im nächsten Grad, dem des Schottischen Ritters, und verbleibt dort auch – man lässt ihn in dem Glauben, dass diese Sackgasse der höchste Grad ist, den es bei den Illuminaten überhaupt gibt.

Für die anderen gibt es die geheimen oberen Grade: Epopt/Priester, Regent/Prinz, Magier. Verwaltungsgrade sind: Provinzial, National-Direktor, Areopagit (Mitglied im Areopagus, quasi dem obersten Rat), und ganz oben ist der General-Illuminat – Weishaupt selber.

Angelegt ist das auf eine Kontinente umspannende Verschwörung. Tatsächich haben Adam Weishaupt (und später Knigge) dieses System erst mal erschaffen, ohne dass schon eine echte Geheimgesellschaft dahinter stand. Nach dieser Bitte von Weishaupt (aus einem Brief) hat er seine Gedanken nicht einmal systematisch festgehalten:

„Ich bitte Sie, lassen Sie die Maximen, die häufig in meinen Briefen sich finden, nicht verlohren gehen. Sammlen Sie dieselben immer für unseren Areopagus, denn sie sind meinen Gedanken nicht immer gegenwärtig. Mit der Zeit kann daraus ein vortreflicher politischer Grad erwachsen. Philo thut dieses schon seit langer Zeit. Theilen Sie auch einander diese ihnen zubehörigen Instructionen mit; um mit der Zeit ein Ganzes daraus zu machen. Lesen Sie solche mit Fleiß, um sie sich geläufig zu machen. Obschon ich sie inne habe, und auch darnach handle, so würde mirs doch Zeit kosten, sie zusammen zu stellen. Von diesen Maximen durchdrungen, werden Sie desto besser in meine Projekte hineingehen, und in meiner Art zu wirken desto besser mit mir übereinkommen.“ (S. 302f)

Barruel nimmt das aber alles für bare Münze und hält – anscheinend – die Illuminaten für eine echt gefährliche Bande. Wenn man unkritisch liest, wie Weishaupt von unsichtbaren Armeen schreibt, die ihm zur Verfügung stehen, um die Throne Europas umzustürzen, kann man schon Angst bekommen:

„Alle Ringe dieser Kette muß er [der General] nach dem von unserm Stifter entworfenen Plan, selbst ordnen, als das große Mittel vom Heiligthum, wo er seinen Sitz hat, bis zu den äußersten Enden der Welt zu reichen; als das Mittel unserm Orden die Macht der unsichtbaren Armeen zu verschaffen, sie schleunig hervortreten zu machen, in Thätigkeit zu setzen, sie alle zu dirigiren, und durch sie die erstaunlichsten Revolutionen zu bewirken, bevor selbst die, deren Thronen sie umstürzet, Zeit haben, es wahrzunehmen.“ (S. 402)

3.2 Ziele der Illuminaten

Wenn man in den Rang des Epopten aufsteigt, wird man mit den Zielen der Illuminaten vertraut gemacht; vorher werden diese nur angedeutet. Für Barruel sind diese Ziele etwas Furchtbares, er hyperventiliert geradezu, wenn er zu ihnen kommt:

Könige und Unterthanen, Reiche und Künstler, Arbeiter und Kaufleute, Bürger aller Stände, so hört und erfahrt endlich, was sich in dem Grunde dieser Hölen gegen euch anspinnet. Besonders gebe uns eure Schlafsucht nicht etwa flüchtige Leichtgläubigkeit, oder leere Besorgniß Schuld. Diese Lehren der Sekte, welche sie als ihr Meisterwerk betrachtet, ich habe sie vor mir, wie sie aus der Hand ihres Gesetzgebers flossen. (S. 175f)

Unter einem Aspekt sind die Ziele aber gar nicht so dramatisch: Es geht um Bildung, ein Ideal der Aufklärung. „Wären Menschen gleich Anfangs das, was sie seyn sollten, so könnten wir ihnen gleich beym Eintritt in unsere Gesellschaft die Herrlichkeit unsers Plans vorlegen“ (S. 178). Aber die Menschen sind nicht das, was sie sein sollten, also muss man sie erst behutsam dorthin führen. Und die geheime Lehre der Illuminaten ist, laut Kapitel 9 und 10 vor allem, folgende:

  1. Die Entwicklung des Menschengeschlechts findet in Stufen statt: „‚Wie der einzelne Mensch, fährt der Hierophant fort, ’so hat auch das ganze Geschlecht seine Kindheit, seine Jugend, sein männliches und graues Alter.'“ (S. 183) – Und nicht nur hier musste ich an Lessings „Die Entwicklung des Menschengeschlechts“ (1780) denken.
  2. Der Urzustand der Menschheit ist patriachalisch-nomadisch, und dort gab es Freiheit und Gleichheit und, man muss es annehmen, Brüderlichkeit:

    Die Familie ist die einzige Gesellschaft; leicht zu befriedigender Himger und Durst, Schutz vor dem Ungestüm des Wetters, ein Weib, und nach der Ermüdung Ruhe, sind die einzigen. Bedürfnisse dieser Periode. In diesem Zustande genoß der Mensch die beyden vorzüglichsten Güter, Gleichheit und Freyheit. Er genoß sie in ihrer ganzen Fülle; er würde sie ewig genossen haben, wenn er dem Wink der Natur hätte folgen wollen (S. 183f.)

  3. Aber dann vermehrten sich die Familien und der Mensch wurde sesshaft: „das nomadische oder herumstreifende Leben hörte auf; das Eigenthum entstand; die Menschen erwählten sich feste Sitze; der Ackerbau brachte sie einander der näher“ (S. 185). Es kam zu Arbeitsteilung und organisiertem Zusammenleben, es gab Anführer und Angeführte. Und damit keine Freiheit und keine Gleichheit mehr.

    „Wer den andern braucht, hängt von, ihm ab; er hat sein Recht selbst abgetreten. Also, wenig zu brauchen, ist der erste Schritt zur Freyheit; darum sind Wilde, und im höchsten Grade aufgeklärte vielleicht auch die einzig freien Menschen.“ (S. 187) Die Fesseln des Eigentums.

  4. Und so entstehen nach und nach der Familie übergeordnete soziale Strukturen, der Quell allen Übels:

    Unter diesen Menschen waren einige, die den andern Schutz versprachen und ihre Anführer wurden. – Anfänglich waren sie es von Horden, von Stämmen. – Diese wurden entweder überwunden, oder vereinigten sich und bildeten ein großes Volk. Nun entstanden Nationen und Vorsteher, Könige der Nationen. Mit dem Ursprunge der Nationen und Völker hörte die Welt auf eine große Familie, ein großes Reich zu seyn, das Band der Natur wurde zerrissen. […] In dem Augenblick, wo die Menschen sich in Nationen vereinigten, hörten sie auf sich unter einem gemeinschaftltcben Namen zu kennen. – Der Nationalismus oder die Nationalliebe trat in die Stelle der allgemeinen Liebe. (S. 190f.)

Zu diesem Urzustand wollen – laut Barruel und den Zitaten – die Illuminaten die Menschheit zurückbringen. Das hat tatsächlich etwas von James-Bond-Schurkenphantasie: Die Welt erretten, in dem man zurück in die Anarchie geht. Kein Eigentum mehr, keine Städte. Ob Weishaupt tatsächlich so verstanden werden will, weiß ich nicht. Aber so völlig unverbreitet ist der Gedanke nicht, erst vor zwei Monaten erschien dieser Cartoon by SMBC:

Cartoon
http://www.smbc-comics.com/comic/hunting-and-gathering

So sieht das kommende Zeitalter aus:

„[W]enn der Müssiggang nicht weiter geduldet seyn wird, wenn der Schwall unnützer Wissenschaften verbannt seyn, und man nur zu dem, was den Menschen besser macht, Unterweisung geben wird; zu dem, was ihn seinem natürlichen Zustande, seinem künftigen Schicksal näher führt! wenn wir uns werden Glück wünschen können, diesen glücklichen Zeitpunkt verfrühet zu haben, und daran unser Werk erkennen! wenn endlich jeder Mensch in dem andern einen Bruder sehen, und hülfreich ihm die Hände bieten wird!“ (S. 241)

Einerseits ziemlich streng, gerade die unnützen Wissenschaften gaben es mir angetan. Das klingt nach einer autoritären Dystopie. Auf anderen Seiten ist der Weishaupt dann radikal-anarchistisch. Demokratie ist da nicht viel besser als Monarchie:

„Alles was wir bisher für euch gethan haben, zielete dahin, euch würdig zu machen, gleich uns, und mit uns, an der Abschaffung und Vernichtung aller Obrigkeit, alles Staatsregiments, aller Gesetze, aller bürgerlichen Societät, selbst aller Republiken, aller Democratie und Aristocratie, und aller Monarchien, zu arbeiten. Alles dieses sollte nur dienen, nach und nach euch errathen zu machen und einzureden, was wir nun unbewunden euch sagen. – Alle Menschen sind einander gleich und frey; das ist ihr unverjährbares Recht. Aber nicht allein unter den Königen verlieret ihr den Gebrauch dieser eurer Freyheit; sie ist null und nichtig aller Orten, wo andere Gesetze für die Menschen gültig sind, als ihr eigner Wille. Wir haben viel von Despotismus und Tyranney gegen euch gesprochen; aber der Despotismus und die Tyrannen finden sich nicht blos bey dem Monarchen und dem Aristrocraten. Man trift sie wesentlich eben so wohl an, bey dem democratischen souveränen Volke, als bey dem gebietenden Könige. Was für ein Recht hat denn dieses Volk, oder diese Menge und ihre Majorität, euch und die Minorität, ihren Verordnungen zu unterwerfen? war das das Recht der Natur? gab es mehr souveraine und gesetzgebende Völker, wie gesetzgebende Könige oder Aristokraten, als der Mensch im Genusse seiner natürlichen Gleichheit und Freyheit sich befand?“ (S. 269)

Vermutlich ist das alles patriarchalisch-anarchisch-friedlich, solange alle genau das wollen, was Weishaupt oder die Vernunft gebieten, und wer davon abweicht, kriegt dann ganz unanarchisch Ärger. Dieser Urzustand des Menschen ist für Weishaupt natürlich und „vernünftig“, und zu dieser Vernunft will Weishaupt zurück: „‚Denkt von der menschlichen Natur würdiger; geht muthig an das Werk und scheuet keine Schwürigkeit. Macht unsere Grundsätze zu Meinungen und laßt sie in die Sitten übergehen; und endlich macht die Vernunft zur Religion der Menschen, so ist die Aufgabe gelößt.'“ (S. 209)

Vorbild sind Weishaupt dabei die germanischen Stämme der Völkerwanderung, die das zivilisierte (und damit ungleiche, unfreie) Rom vernichten, wenn auch nicht gründlich genug:

„Als der ganze übrige Theil von Europa dem Joche der Gesetze und der Verderbniß unterlag, stellet die Natur, welche in Norden die wahre Race der ersten Menschen in ihrer Reinheit und ursprünglichen Kraft erhalten hatte, sich dar, und kommt dem menschlichen Geschlecht zu Hülfe. Aus dem Innersten dieser armseligen, unfruchtbaren Gegenden, ruft sie diese wilden Völker hervor, und sendet sie in die Länder der Weichlichkeit und der Wollust, um mit neuem Blute den entnervten mittäglichen Leibern neues Leben zu geben.“ (S. 290)

Für den Illuminatenorden möchte Weishaupt allerdings strenge Ordnung und Disziplin, da ist von Gleichheit überhaupt nicht die Rede – den Oberen muss gehorcht werden (S. 300).

— Aber zu den Methoden der Illuminaten: siehe Fortsetzung. Entschuldigung, wenn’s am Ende etwas konfus geworden ist, aber ich wollte das hier vor allem auch als Zitatsammlung nutzen, sonst müsste ich das anderswo tun, und wozu hat man denn ein Blog?

ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher

Titelbild Suhrkamp-Taschenbuch

Neulich ging es um Literaturkanons, und da wurde ich auf diese Sammlung hingewiesen: 1978 bis 1980 erschienen die Kolumnen in der Zeit, es wurde jeweils ein Werk der Weltliteratur in einem kurzen beschreibenden Essay vorgestellt.

Titelbild Suhrkamp-Taschenbuch

Die Sammlung ist selbst ein Zeitdokument. Man merkt, dass sie noch aus einer prä-postmodernen Zeit stammt: „Krimi wird nun nicht geboten, es sein denn, man hielte Dostojewskis ‚Dämonen‘ für einen“, schreibt Herausgeber Fritz J. Raddatz gönnerhaft in seinem Vorwort. Die Grenze zwischen U- und E-Literatur wird noch ganz hart gezogen. Der Beitrag zu Dantes Göttlicher Komödie beginnt: „Die Deutschen haben ein gestörtes Verhältnis zu Dante.“ Man möchte den Autor schütteln, oder in den Arm nehmen, denn nein, den Deutschen ist Dante so etwas von egal, die haben gar kein Verhältnis zu ihm. Dass unter den 100 Werken gerade mal ein einziges ist, das von einer Frau geschrieben wurde, ist den Herausgebern selber aufgefallen; im Vorwort wird diese Beobachtung – wiederum gönnerhaft – gelobt als „Argument, das die sympatische kritische Wachheit unserer weiblichen leser dokumentiert.“ Aber das ist kein Problem, denn ausgewählt wurde „ausschließlich nach literarischen Kriterien.“ Diese Kriterien zu hinterfragen, so weit war man damals noch nicht. In der Jury saßen nur Männer, und – adding insult to injury – der Beitrag zum Buch der einzigen Autorin, Anna Seghers‘ Das siebte Kreuz, ist der einzige Beitrag, der nicht von namhaften Intellektuellen verfasst wurde, sondern von einer 17-jährigen Schülerin.

Von den hundert Werken habe ich etwa ein Viertel gelesen. Weltliteratur ist drin, mit Schwerpunkt Deutschland, und daneben Europa, das ist legitim. Ganz wenig Amerika, gar kein Asien oder Afrika. Swift, Fielding und Sterne, aber weder Jane Austen noch eine Brontë-Schwester noch Mary Shelley. Das Nibelungenlied ist drin, in Ordnung – ist das eigentlich Weltliteratur, oder hätte man das in Deutschland nur gerne? Trotzkis Autobiographie ist drin, ein wenig sonderbar. Goethes Werther wird als avantgardistisch gelobt, weil man so unmittelbar dran ist an dem armen Mann. Dafür

opfert man dann gern den schon damals allwissend und schwatzhaft sich selber feiernden, sogenannten „ironischen“ Erzähler, der uns mit seinen entsetzlich langen Romanen, in denen er auf Zehenspitzen hin- und herhuschend alles hübsch und artig dekoriert, bis zum heutigen Tage zu Tode langweilt. (Reinhard Lettau)

Also, ich mag den lieber als den Werther. — Die Auswahl hat mich bisher dazu gebracht, Faulkner zu lesen (nicht mein Fall), mich wieder mal an die Langwerke Kafkas zu machen (interessieren mich viel weniger als die Kurzprosa), Kleist wiederzulesen (immer ein Vergnügen) und Hebel (dito). Spuren von Ernst Bloch klang interessant und ist in der Post.

Wilde Woche, weiterhin (und Thomas Pynchon, Lot 49)

Bogenschützen beim Schießen

Montag

Nachmittags Fachsitzung Englisch, Informationen zum LehrplanPLUS. Fazit: Für Englisch keine Änderungen, das Fach war eh schon kompetenzorientiert. Es gilt weiterhin der SBR (spezielle bayerische Referenzrahmen für Sprachen), der an den GER (gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen) angelehnt ist, aber zusätzliche Stufen kennt – hier der Blogeintrag zur Faustregel, anhand derer man sich merken kann, in welchen Jahrgangsstufen A1, A1+, A2, A2+ und so weiter erreicht sein sollen.

Englischunterricht scheint mir inzwischen weitgehend reduziert zu sein auf ein: Englisch verstehen und sprechen und lesen können. Vielleicht ist das auch okay. In meiner Studienzeit wurde in der Fachdidaktik thematisiert, warum am Gymnasium der Englischunterricht traditionell mehr war als ein einfacher Sprachkurs – ob das Standesdünkel war oder Bildungsanspruch, ist eine andere Frage. Deswegen Shakespeare, Elisabethanisches Weltbild, beides noch drin im Lehrplan, ja. Aber die Zeiten, als ich im Leistungskurs Zeit für den Great Vowel Shift hatte, sind vorbei.

Dienstag

Den ganzen Tag in Feucht bei Nürnberg gewesen als Begleiter unseres Schulteams zu den Bayerischen Schulmeisterschaften im Bogenschießen, so wie letztes Jahr.

Bogenschützen beim Schießen

Wunderschönes Wetter. Ansonsten siehe letztes Jahr.

Mittwoch

Nach dem Unterricht Treffen einer der Schulentwicklungsgruppen, mal sehen, ob dieses Schuljahr noch etwas geht, ansonsten nächstes Jahr. Danach wie jeden Mittwoch die Vorlesung Informatik; leider fährt die Straßenbahn zur Zeit nicht von meinem Wohnort aus durch, so dass ich doch lieber die – schnellere – U-Bahn/Bus-Kombination nehme. Mir entgehen dabei halt die vielen Pokestops, die ich sonst bei der gemächlichen Straßenbahnfahrt mitnehmen kann. Thema der Vorlesung diesmal. Informatik udn Gender.

Donnerstag

Titelbild Thomas Pynchon: The Crying of Lot 49Abends Treffen der Leserunde bei Frau Rau und mir. Es gab kalten Wurst- und ebensolchen Zucchinisalat, beides ausgesprochen lecker, dazu Käseplatte. Das Buch, das wir diesmal gelesen hatten, war The Crying of Lot 49 von Thomas Pynchon. Leider war ich der einzige, der viel über das Buch reden wollte. Ich hatte es schon vor fünfundzwanzig Jahren im Regal stehen, zusammen mit Gravity’s Rainbow, und war bei beiden Büchern nie weit gekommen.

The Crying of Lot 49 erschien 1965 und ist ein waschechter postmoderner Roman; ich hatte nicht gewusst, dass das schon so früh losging mit der Postmoderne. The Shaodw wird zitiert auf den ersten Seiten, Perry Mason, Fu Manchu, Bonanza, „Road Runner in blank verse“ heißt es zu irgendeinem Thema, und das ist ja die Postmoderne. Stilistisch und sprachlich konnte ich dem Buch wenig abgewinnen, ausgenommen vielleicht das eingebaute und großzügig zitierte (fiktive) elisabethanische Drama, alles in Blankvers. Inhaltlich ist das Buch schon eher mein Ding: Paranoia, Geheimgesellschaften, Weltverschwörungen; die Welt bricht um die – allerdings gar nicht so bürgerliche – Hauptperson zusammen. Das Buch ähnelt darin dem zuvor gelesenen Philip K. Dick, Time Out of Joint. Und das wiederum hatte Gemeinsamkeiten mit Gravity’s Rainbow, aber die sah vielleicht nur ich. Geschichte und Fiktion werden gemischt, reale Geheimgesellschaften treffen sich mit erfundenen. Und das ist interessant einmal wegen der vielen Verschwörungstheorien der letzten sechzehn Jahre – Kondensstreifen und Identitäre Bewegung und all die ganzen Spinner. Hintergrund des Pynchon-Buchs ist die Kommunistenhatz der 1950er Jahre, die von der Regierung angeordnete Fluoridisierung des Trinkwassers, die schon in Dr. Strangelove als Anlass für Verschwörungstheorien herhalten muss. Eine Auswirkung all dessen, vielleicht von Pynchon beeinflussst, vielleicht nicht, aber auffallend ähnlich, ist die berühmte Illuminatus!-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson, 1975 erschienen. Ähnlich wie Pynchon, aber deutlicher, ist das eine Parodie auf all das.

Verwandte Blogeinträge dazu:

– Als ich bei Twitter etwas über Pynchon twitterte, wurde das gleich von einem Pynchon-Kanal geliked, der das Stichwort wohl abonniert hatte. Über den Kanal stieß ich zu einem Alternative Reality Game zu The Crying of Lot 49, das zur Zeit in Shoreham bei Brighton, meiner englischen Urlaubsgegend, gespielt wird.

Freitag

Seit 2009 bin ich regelmäßig Anfang Juli am Tag der Informatiklehrer und -lehrerinnen an der LMU München. Fünf Jahre lang als Mitorganisator, dieses Jahr nur mehr als Workshopleiter – ich stellte mein Storyworld-Projekt vor (Blogeintrag dazu).

Der Eröffnungsvortrag war von irgendwem über Calliope, einen gerade viel diskutierten Mikrocontroller, entwickelt für die Grundschule. Der „irgendwer“ als Vortragender erzählte dann von seiner kleinen Tochter, einem großen Merkel-Fan, und da dachte ich mir: das kennst du doch irgendwer. Kurze Recherche bei Twitter: der Vortragende war niemand anderes als der Herr Holadiho, mir seit vielen Jahren über Blog und Twitter ein Begriff. Aber wer merkt sich denn schon, dass die Leute echte Namen haben, in diesem Fall „Stephan Noller“? Über Frau Rau, auf Twitter und in Blogs aktiver als ich, kriegte ich immer wieder mal etwas von @holadiho mit. Die Anekdote mit der Tochter, die Merkel so schätzt, war allerdings eine Fehlerinnerung: Eine andere Blog-/Twitter-/Re:publica-Bekannte von Frau Rau war es, deren kleiner Sohn so ein großer Merkel-Fan ist.

Calliope: Sah übrigens sehr, sehr fein aus.

Jetzt Feierabend. Am Wochenende Korrekturen.

Schullektüre 2017 (2) Whisper

Titebild Abedi, Whisper

Wenn man als Lehrer die Schullektüre auswählt und sie den Schülern und Schülerinnen nicht gefällt, ist das kein Problem. Das halten Lehrer aus, und außerdem kommt es ja auch nicht darauf an, dass die Lektüre unmittelbar gefällt. Dass es der Deutschunterricht mit den Lektüren ist, der Schülern das Lesen vergällt, halte ich ohnehin für ein Gerücht. Wenn man die Schülerinnen auswählen lässt, und ein Vorschlag wird dann genommen, und dann gefällt es der Klasse nicht – das stelle ich mir schon schwieriger vor. Aber vermutlich reicht es da, wenn der Lehrer sagt, dass ihm das Buch nicht gefallen hat, um alle Schüler das Buch plötzlich viel positiver zu sehen.

Normalerweise lasse ich über Lektüren abstimmen, je nach Alter und Thema, mache aber von vornherein klar, dass ich ein Vetorecht behalte beziehungsweise nicht alle Bücher zur Abstimmung zulasse. Wenn es um andere Epochen als um die letzten fünfzig Jahre geht, haben die Schülerinnen und Schüler meist ohnehin keine besondere Meinung. Aber in meiner anderen aktuellen 9. Klasse haben wir schon die zwei Pflichtlektüren gelesen, und eine dritte Lektüre wollten sich die Schüler und Schülerinnen selber aussuchen, also stellten Freiwillige ihre Kandidaten vor, und die Klasse stimmte ab, und mehrheitlich entschied man sich für Isabel Abedi, Whisper. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006.

Titebild Abedi, Whisper

Whisper ist ein modernes Jugendbuch mit Mädchen als Zielgruppe; nicht mein liebstes Genre. Aber okay, nachdem weder die Schachnovelle noch Der Richter und sein Henker irgendwelche nennenswerten Frauenrollen hatten, ist es nur fair, etwas mit Frauen zu lesen. Ich fand das Buch uninteressant, aber es war ergiebig, mal ein schlechtes Mädchenbuch zu lesen und nicht nur die vielen, vielen schlechten Jungenbücher meiner eigenen Jugend. Ich sah die nie als Jungengeschichten, das war einfach ganz normale Science Fiction und Fantasy – aber es ergab sich halt doch immer, dass der Erdenmann auf einem fremden Planeten die Prinzessin aus ihren Schwierigkeiten rettet und am Schluss innig küsst und widergeküsst wird. Whisper enthält andere Klischees, aber es bleiben Klischees.

Was tun mit einer Lektüre? Vom Arena-Verlag gibt es eine Pdf-Datei mit Vorschlägen für die Klassen 7 bis 9, Arbeitsblätter mit Lösungen oder Lösungsvorschlägen. Es gibt einen kurzen didaktischen Kommentar zu den Arbeitsblättern, aber die Aufgaben überzeugen mich nicht – Fotolovestory, Wörtersuchquiz; bei vielem erkenne ich nicht genug Lernziel. Eine Aufgabe heißt „Recherche“:

Die Frage, ob es Geister gibt oder nicht, kann nur schwer beantwortet werden. Die Menschen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, sind sich uneinig über dieses Thema. Recherchiere im Internet und in Büchern und bilde dir selbst eine Meinung. Du sollst das, was du sagst, begründen können und auch angeben, wo du dich informiert hast. Informiere dich auch über das Geisterspiel, das Noa und David durch Gilbert kennen gelernt
haben. Es nennt sich Gläserrücken. Was denkst du darüber?

Oh my. Ja, mit der Geisterfrage werden wir uns beschäftigen, aber doch nicht so, als könnte man das demokratisch und durch Diskussion lösen, und als stünden im Internet nicht lauter Sachen, die nicht stimmen. Also gute: Fake news; Leonhard Euler und die Frage, woher wir wissen, was wahr ist; allgemeine Wahrheiten; Experiment und Hypothesenüberprüfung; Ockhams Rasiermesser; Liste kognitiver Täuschungen – Stoff für die nächste Stunde.

Ansonsten habe ich meine eigenen Arbeitsaufträge erstellt und den Schülerinnen und Schülern ausgeteilt:

  1. Personen
    Erstelle eine Liste oder ein Diagramm aller wichtigen Personen, aus denen die Verhältnisse zueinander hervorgehen.
  2. Parallelen
    Die Geschehnisse von 2005 und von 1975 haben mehrere Parallelen. Finde zwei oder drei davon.
  3. Rätselfragen
    Um Spannung zu erzeugen, werden den Lesern (und den Hauptpersonen) immer wieder kleinere Rätsel oder offene Fragen präsentiert. Mache eine Liste von fünf solchen Rätseln, notiere dabei jeweils die Seite, wo sich die aufmerksame Leserin zum ersten Mal die Frage stellt, und die Seite, auf der es eine Antwort gibt.
  4. Intertextualität
    Texte beziehen sich immer auf andere Texte, bewusst oder unbewusst. Finde vier Beispiele, jeweils mit Seitenangabe, von anderen Texten (Filme, Bücher, Lieder usw.), die in Whisper bewusst referenziert werden.
  5. Klischees
    Es gibt nicht nur die bewusste Referenz, sondern auch das mehr oder weniger unbewusste Übernehmen von Elementen, die man aus anderen Geschichten kennt. Das kann im besten Fall eine originelle Variation eines solchen Bausteins sein, oft ist es aber auch ein Klischee. Finde acht solcher Klischees – Standardsituationen, die man aus anderen Geschichten kennt.
  6. Sprache
    Finde drei Stellen, die sprachlich besonders interessant sind – entweder, weil sie besonders gut oder besonders schlecht sind. (Mir selber sind zum Beispiel viele Hyperbeln aufgefallen.) Denk and die Seitenzahlen!
  7. Bonusaufgabe: Überflüssiges
    Gibt es Elemente, die man hätte weglassen können aus dem Buch, um es vielleicht etwas zu kürzen oder zu vereinfachen? Wenn ja, erkläre und begründe deine Entscheidung.
  8. Bonusaufgabe: Eigener Schwerpunkt
    Hast du eine eigene Frage an das Buch, etwas, das du untersuchen möchtest? Dann mache das.
  9. Noch ein Buch
    Folgende Situation sei gegeben: Das Buch ist ein Erfolg, der Verlag bestellt bei einem Autor oder einer Autorin ein ähnliches, das an die gleiche Zielgruppe verkauft werden soll.
    a) Schreibe eine kurze Inhaltsangabe dieses anderen Buches, sozusagen als Verkaufsvorschlag der Autorin, damit sich der Verlag dafür entscheidet. Schau dir als Beispiel für eine solche Verlags-Inhaltsangabe den inneren Klappentext von Whisper an.
    b) Ergänze eine Art Checkliste von inhaltlichen Punkten, die laut Verlag vorhanden sein müssen, um ein ähnliches Buch erzeugen zu können.
    (Die Reihenfolge der beiden Teilaufgaben ist beliebig.)
  10. Erzählperspektive
    Hierzu gibt es viel zu untersuchen, aber dafür braucht es ein eigenes Arbeitsblatt und eine Präsentation, später einmal.

Über die Intertextualität – darunter Die Brüder Löwenherz, Eichendorffs Mondnacht (mit Fehler im ersten Vers, der das Metrum stört; kann man zum Wiederholen nutzen) – kommt man zu den Klischees. Stille im Saloon, Das Missverständnis (Es war doch nur seine Schwester), Schatten am Fenster, Finstere Mühle, Unverständliche Weissagung der Alten, Blitz und Donner beim Geisterspiel. Dann die Sprache – ein Schüler hatte das Buch als Ebook dabei, da fällt es besonders leicht, den Text nach „unendlich“ zu durchsuchen – Hyperbeln gehören sehr zum Genre. „Unendlich viel Zärtlichkeit, unendlich viel Schmerz, unendlich Trauriges.“ Thomas Mann schreibt in „Tonio Kröger“ auch einmal von einem „unendlich sympathische[m] Gesicht“, aber ansonsten ist die Liebe Krögers „gut und fruchtbar. Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.“ Schon etwas differenzierter.

Das mit der Erzählperspektive ist mir wichtig, erfordert aber noch Vorarbeit. Fast alles ist personal aus der Perspektive der Heldin verfasst, aber dreimal gibt es Varianten von „little did she know“, und einige Male wird die Natur mit Fachausdrücken geschildert („Mädesüß, Hornklee, Wiesenschaumkraut“), die ich mir bei der Heldin nicht vorstellen kann, die also von einer anderen Instanz kommen müssen.

Schullektüre 2017 (1) Die Brautprinzessin

Titelbild Brautprinzessin

In der einen neunten Klasse lesen wir als Lektüre William Goldman, Die Brautprinzessin — ein Schülervorschlag, und Sieger bei der Abstimmung. Selber habe ich das Buch seit sicher mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gelesen, damals war es toll; beim Wiederlesen jetzt war ich etwas enttäuscht – aber das lag vielleicht an der Übersetzung, die mir an etlichen Stellen unangenehm auffiel. Aber vielleicht bin ich zu empfindlich, bei Filmen allerdings stören mich Synchronfassungen kaum.

Bei Schullektüren geht es nicht hauptsächlich darum, ob einem das Buch gefällt, sondern was man damit anfangen kann im Unterricht. Erzählperspektive anschauen, Figurenkonstellation, sprachliche Bilder, Symbolik? Oder, notfalls, so etwas Vages wie: Aufbau. Noch ist mir zur Brautprinzessin nicht gar so viel eingefallen, aber das kommt vielleicht noch.

Titelbild Brautprinzessin

Wer es nicht weiß: Zum Buch gehört ein langes Vorwort, in dem der Autor und Drehbuchautor William Goldman etwas zur Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buchs erzählt, einer bearbeiteten Fassung des Originals von S. Morgenstern. Goldmans Vater, ein Immigrant, hatte es ihm in seiner Kindheit vorgelesen, dabei aber – ohne Wissen Goldmans – die langweiligen Passagen übersprungen. Als Erwachsener bearbeitet Goldman nun das Original und legt eine Fassung vor, die nur die spannenden Teile enthält: Fecht- und Faustkampf, Rache, wahre Liebe, Verrat, Piraten, Prinzen, Prinzessinnen, Flucht und Triumph. – Das alles ist natürlich erfunden, ebenso wie die Hälfte der biographischen Details. Aber das gibt Goldman eine schöne Gelegenheit, immer wieder als vorgeblicher Bearbeiter teils umfangreiche Kommentare einzustreuen – farblich abgesetzt. Sehr auktorial!

(Genau diese Kommentare sind für mich ein besonderer Genuss am Buch, während meine Schülerinnen und Schüler sie ganz im Gegensatz als irritierend und störend empfanden. Mal sehen, ob ich ihnen meinen Genuss daran noch vermitteln kann.)

Ich nehme den Anfang der Haupterzählung auch gerne als Beispiel für auktoriales Erzählen:

In dem Jahr, als Butterblume geboren wurde, war die schönste Frau der Welt ein französisches Küchenmädchen namens Annette. Annette arbeitete in Paris für den Herzog und die Herzogin von Guiche, und es entging der Aufmerksamkeit des Herzogs nicht, dass jemand Außergewöhnliches ihnen die Zinnteller putzte. Die Aufmerksamkeit des Herzogs wiederum entging nicht der Aufmerksamkeit der Herzogin, die weder sehr schön noch sehr reich, aber enorm gescheit war. Die Herzogin machte sich daran, Annette zu studieren, und schnell fand sie die tragische Schwäche ihrer Gegnerin heraus.

Auktorial ist, wenn man das schlecht verfilmen kann, und wenn die Stimme des Erzählers mehr oder weniger deutlich kommentierend und Stellung beziehend erkennbar ist. Ohne Erzählerstimme aus dem Off lässt sich der Anfang der Brautprinzessin kaum verfilmen.

Als Gegenbeispiel präsentiere ich den Klassen gerne diese Stelle aus der Odyssee, nicht auktorial und fast nicht allwissend, und leicht zu verfilmen:

Jetzo entblößte sich von den Lumpen der weise Odysseus,
Sprang auf die hohe Schwell‘, und hielt in den Händen den Bogen
Samt dem gefüllten Köcher; er goss die gefiederten Pfeile
Hin vor sich auf die Erd‘, und sprach zu der Freier Versammlung:
Diesen furchtbaren Kampf, ihr Freier, hab‘ ich vollendet!
Jetzo wähl‘ ich ein Ziel, das noch kein Schütze getroffen,
Ob ich’s treffen kann, und Apollon mir Ehre verleihet.
Sprach’s, und Antinoos traf er mit bitterm Todesgeschosse.
Dieser wollte vom Tisch das zweigehenkelte schöne
Goldne Geschirr aufheben, und fasst‘ es schon mit den Händen,
Dass er tränke des Weins; allein von seiner Ermordung
Ahnet‘ ihm nichts: und wer in der schmausenden Männer Gesellschaft
Hätte geglaubt, dass einer, und wenn er der Tapferste wäre,
Unter so vielen es wagte, ihm Mord und Tod zu bereiten!
Aber Odysseus traf mit dem Pfeil ihn grad‘ in die Gurgel,
Dass im zarten Genick die Spitze wieder hervordrang.
Und er sank zur Seite hinab; der Becher voll Weines
Stürzte dahin aus der Hand des Erschossenen; und aus der Nase
Sprang ihm ein Strahl dickströmendes Bluts. Er wälzte sich zuckend,
Stieß mit dem Fuß an den Tisch, und die Speisen fielen zur Erde;
Brot und gebratenes Fleisch ward blutig.

Ich finde ja, dass Romane auktorial beginnen sollten: „It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair […].“ Oder von mir aus auch nur: „It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.“ Alles andere ist Kurzgeschichtenanfang. Aber die meisten Romane der letzten hundert Jahre sehen leider anders aus.

— Im Mediävistik habe ich Tropen und Topoi kennengelernt. Ein Topos ist ein Erzählbaustein, der in verschiedenen Formen immer wieder auftaucht, seit der Antike etwa der locus amoenus – ein idyllischer, friedlicher, schöner Ort, oft einer, an dem sich das Liebespaar der Geschichte trifft. Auf Englisch heißt so ein Topos populärsprachlich inzwischen oft „trope“, das ist vielleicht ein wenig verwirrend.

Gerade Genre- und Unterhaltungsliteratur, aber nicht nur die die, ist voll solcher Figuren. Ich habe davon einige – seriöse und weniger seriöse – bei tvtropes.org geklaut und für die Schülerinnen und Schüler übersetzt; sie sollten dann Beispiele aus der Brautprinzessin (1 Punkt) und aus anderen Werken – Film, Fernsehserie, Comic, Buch – dafür finden (2 Punkte). Das Team, das als erstes 50 Punkte zusammen hat, meldet sich. Technisch würde man nicht alles als Topos bezeichnen, aber sei’s drum.


Rahmenhandlung
Die Hauptgeschichte ist eingebettet in eine andere Geschichte. Der Rahmen kann nur am Ende oder nur am Schluss oder an beiden Enden auftauchen, oder auch zwischendurch; er kann mehr oder weniger mit der Binnenerzählung zu tun haben.

Höfliche Bösheit
Der Schurke ist ein besonders höflicher und scheinbar freundlicher Mensch. (Allein schon das Konzept „Schurke“ ist ein Topos.)

Der trinksüchtige Held
Ein Held hat ein Laster, häufig Alkohol, gegen das er ankämpft. Gibt es häufig auch im Western.

Anachronismus-Eintopf
Ein Anachronismus liegt dann vor, wenn in einem Werk, das zu einer bestimmten Zeit spielt, etwas erscheint, das erst in einer späteren Zeit erfunden oder bekannt wird. Kann Absicht oder Zufall sein.

Böser Aristokrat
Aristokraten sind böse, einfaches Volk ist gut.

Kampf der Gewitztheit
Held und Schurke messen ihren Verstand.

Der große Kuss
Ein Kuss, auf den der Leser oder die Leserin lange gewarttet haben.

Groß, dünn und klein: Das Trio
Ein Held ist besonders groß, einer besonders dünn, einer klein.

Held mit Schlagwort
Ein Held oder eine Heldin hat einen Ausdruck, den er oder sie immer wieder verwendet.

Prinzessin in Gefahr
Eine Heldin (weiblich), nicht unbedingt eine Prinzessin, ist in Gefahr und muss von einem Helden (männlich) gerettet werden.

Der Drache
Der Oberschurke hat oft einen besonders starken oder mächtigen Gehilfen oder Mitschurken, der erst überwunden werden muss, bevor man zum Oberschurken vordringt.

Albinos sind böse
Selbsterklärend.

Der sanfte Riese
Eine besondes starke, aber auch besonders sanftmütige Figur.

Die Eiskönigin
Eine abweisende Frau, die dann doch auftaut (und sich etwa in den Helden verliebt).

Der Literaturagent
Der echte Autor eines Werks tut so, als wäre er nur der Herausgeber, Bearbeitet, oder literarischer Agent eines erfundenen Autors.

Harmlose Piraten
Piraten, tatsächlich sehr blutrünstige Gestalten, werden als recht harmlos dargestellt.

Attribute sind cool
Eigennamen von Personen, Orten oder Gegenschaften mit einem Attribut (meist: Adjektiv oder Genitiv-Attribut) im Namen.

Der unzuverlässige Erzähler
Ein Erzähler, bei dem man nicht sicher sein kann, dass er stets die wahrheit sagt. Immer ein Ich-Erzähler.


Bestimmt muss man einige dieser tropes problematisieren, etwa die Eiskönigin und die Prinzessin in Gefahr. Und auch Albinos sind nicht böser als andere.
Nach ein wenig Zögern am Anfang fanden die Schülerinnen und Schüler dann doch reichlich Beispiele und hatten Lust am Suchen. Ein Team heimste besonders viele Punkte bei den großen Küssen ein (Vampirgeschichten und so). Viele Beispiele stammten aus Barbie-Filmen, die ich alle nicht kenne. Am schwierigsten war der unzuverlässige Erzähler, da kam nur ein Ergebnis bisher.