Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 1-3

Diagramm mit Handlung von Von Bagdad nach Stambul

Karl May: Den habe ich in der Grundschule gelesen, ziemlich früh, und vielleicht bis in die fünfte Klasse hinein. Wenn ich in Fahrt war, schaffte ich ein Buch am Tag. Dabei haben mich die Amerika-Geschichten nie so interessiert; ich habe keinen einzigen Winnetou-Band gelesen, die Orient-Erzählungen dafür um so mehr. Vor zweieinhalb Jahren habe ich zufällig angefangen, wieder hineinzulesen, und mich jetzt an den Orientzyklus gemacht.

Durch die Wüste

Titelbild "Durch Wüste und Harem"

Es beginnt damit, dass Kara Ben Nemsi und Halef eine Leiche in der Wüste finden, ein ermordeter französischer Kaufmann, wie sich herausstellt. Der Mörder wird verfolgt, aber letztlich bleibt die Tat vorerst ungesühnt und unaufgeklärt. Daraufhin gibt es weitere vorerst unverbundene Episoden: Die Rettung einer Entführten, der Kampf gegen Piraten. Schließlich helfen die beiden einem Beduinenstamm gegen ihre Feinde; Kara ben Nemsi erhält dabei das Pferd Rih als Geschenk. Am Ende zieht er mit Halef und dem Scheich eines befreundeten Stamms in Richtung Türkei, sie wollen den Sohn des Scheichs aus türkischer Gefangenschaft befreien. Dort helfen sie einer großen Gruppe von Jessiden gegen ihre türkischen Feinde. Begleitet werden sie von Sir David Lindsay, einem reichen Engländer, der auf der Suche nach archäologischen Mitbringseln ist, allen voran „fowling-bulls“, geflügelten Stieren.

– Das Episodenhafte hatte ich nicht so in Erinnerung; der Fall des toten Kaufmanns wird erst viel später wieder aufgegriffen werden. Ich konnte mich noch gut erinnern an den gefährlichen Ritt über den Salzsee Schott el Dscherid, an Rih, sonst hatte ich das meiste vergessen. Sehr gut weiß ich noch, wie ich in diesem Buch auf das Wort „Vatermörder“ stieß und mir erklären lassen musste. Auch sonst habe ich sicher viel aus dem Buch gelernt: Sunniten, Schiiten, der Koran, Suren, Jessiden, Mekka, die Hadsch, Couscous, Shisha, Piaster, Mariatheresientaler, Pilaw.

Zeitlich scheint das nach den Geschichen aus Am Stillen Ozean zu spielen, da Lindsay direkt davon spricht und sich mit Bezug auf einen spleenigen Engländer daraus vorstellt:

Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London, Near-Street 47.

Das wird vielleicht auch mein erster Kontakt zu spleenigen Engländern und ihren Clubs gewesen sein.

Kara Ben Nemsi ist nicht so nervig wie in Im Lande des Mahdi. Er töte nicht gern, und ist schon recht superheldisch, kann Spurenlesen und Faustkämpfen wie Sherlock Holmes und überhaupt alles. Es gibt nur ein- oder zweimal Gefangennahme und Ausbruch, das ist okay. (Der Mahdi bestand quasi nur daraus.)

Durchs wilde Kurdistan

Titelbild "Durchs wilde Kurdistan"Schwächer als der Vorgängerband. Die Jessiden haben die Türken umzingelt, Kara ben Nemsi hilft bei politischen Verhandlungen und verhindert ein Blutvergießen. Die kleine Gruppe befreit den Sohn des Scheichs und macht sich auf den Rückweg; abseits der türkischen Herrschaft werden sie in die Auseinandersetzungen zwischen Kurden und nestorianischen Christen hineingezogen. Auch hier vermittelt unser Held und verhindert sinnloses Blutvergießen. Kara ben Nemsi hat am Anfang nicht viel zu tun, aber der Scheich, der ihn begleitet, und Sir David, der später zu ihm stößt, noch viel weniger, die sind reine Staffage.

– Insgesamt schon etwas mehr Gefangennahme und Ausbruch, aber weiterhin erträglich. Das ständig thematisierte Christentum des Helden war mir als Kind nicht aufgefallen; beim wiederlesen erschien es mir plump, aber nicht wirklich störend. Bei einem modernen Autor würde mich das Belehrende viel mehr stören, warum ist das im Orientzyklus nicht so?
Voll an mir vorbeigegangen ist der zum Teil abgedruckte Prester-John-Brief; ich habe keinerlei Erinnerung daran. Bewusst bin ich diesem Stoff wenige Jahre nach der Karl-May-Lektüre begegnet, in einem Heft der Fantastic Four, richtig informiert habe ich mich erst bei der Marco-Polo-Lektüre neulich: Im 12. Jahrhundert tauchte ein Brief eines sagenhaften Priesterkönigs Johannes auf, der angeblich in Asien über ein großes christliches Reich herrschte und seinen Brüdern im Westen diesen Brief schrieb. Auch der bei Marco Polo wiederholte Trick mit dem Asbesthemd wird zitiert.

– Karl May schreibt gar nicht schlecht. Nur seine Plots sind sehr schwach. Gefangennehmen, Entkommen, Befreien; Verhandeln zwischen verfeindeten Parteien, das wiederholt sich ständig. Der Held kommt in eine neue Stadt, er schafft sich einen neuen Freund unter der Bevölkerung, weil da jemand krank oder vergiftet ist und er mit seinem überlegenen deutschen Wissen helfen kann, worauf er jemand hat, der ihn später aus der nächsten Gefahr retten wird.

„Ein Bewohner von Amadijah, dessen Tochter krank ist.“

führt regelmäßig zu zu:

„‚Du hast nicht ihr allein, sondern auch mir das Leben erhalten, und du weißt nicht, wie gut dies ist für viele, die du weder kennst noch jemals gesehen hast.'“

Das ist ein- oder zweimal okay, aber mit der Zeit wird es auffällig.
Karl May ist bewusst, dass er in einer literarischen Tradition schreibt:

Wie oft hatte ich gelesen, daß ein Gefangener durch die Berauschung seiner Wächter befreit worden sei, und mich über diesen verbrauchten Schriftstellercoup geärgert! Und jetzt befand ich mich in voller Wirklichkeit infolge eines Rausches in dem Besitze aller Gefangenen.

Und doch: Die Bücher sind page turner, lesen sich fast von selbst. Ja, andere Völker werden von oben herab betrachtet, als unreife Kinder, aber immer wieder auch mit Toleranz, Verständnis und Aufruf zum Frieden. Wo liest man denn in der deutschen Hochliteratur etwas über den Orient? Da fällt mir eigentlich nur der Chinese in Effi Briest ein, den wir Deutschlehrer den Schülerinnen und Schülern gerne verkaufen als Element des Exotischen, Mystischen, Kolportagehaften. Seine Rolle im Buch ist minimal. Bei Karl May habe ich jedenfalls mehr gelernt als bei Fontane.

Diagramm zur Handlung:

Diagramm mit Handlung von Durch die Wüste

  • Gelb ist das erste Abenteuer: Der Fund der Leiche, die Verfolgung des Mörders, die Überquerung des Salzsees. Aufgelöst wird es erst später.
  • Orange ist das nächste Abenteuer: Die Befreiung einer Entführten. Auch diese Geschichte findet später eine Fortsetzung, und eine Verbindung zur ersten.
  • Weiß ist der Rest: Die Abenteuer bei den Beduinen.
  • Blau ist alles, was für mich aus Durchs wilde Kurdistan geblieben ist.

Von Bagdad nach Stambul

Titelbild "Von Bagdad nach Stambul"

Kara Ben Nemsi, Halef und Lindsay reiten mit Mohammed Emin und dessen im letzten Band befreiten Sohn Amad el Ghandur über Umwege nach Hause. Es gibt Streit mit einem Kurdenstamm und untereinander, Scheich Mohammed stirbt bei einem Überfall der Kurden auf persische Reisende, Amad sucht Blutrache und verlässt die Gruppe. Die Reisende sind Hassan Ardschir-Mirza, seine Braut und seine Schwester, von Feinden verfolgt und inkognito unterwegs. Kara Ben Nemsi verkauft in des Mirza Auftrag dessen Güter in Bagdad, kann aber nicht verhinden, dass der Mirza und seine Schwester von den Verfolgern umgebracht werden. Sie begegnen einer Todeskarawane, stecken sich mit die Pest
Wieder gesundet wollen sie nach Istanbul, treffen aber vorher den reisenden Kaufmann Jacub Afarah aus Damaskus, der ihnen einen Brief an seinen Bruder dort mitgeben will und sich als Onkel von Isla Ben Maflei aus dem ersten Band herausstellt. In Damaskus lebt unter der Identität eines ermordeten Verwandten niemand anders als Abrahim-Mamur, ein Schurke aus dem ersten Band, mit dem Ziel, Afarah zu bestehlen. Er flüchtet mit geraubtem Gut, wird zwar in den Ruinen von Baalbek gestellt, kann aber entkommen – nach Istanbul. Die Helden ihm nach, zu Isla Ben Maflei und dessen Vater, die Geschäftsbeziehungen zu Henri Galingré unterhalten, dem Vater des Ermordeten Paul aus dem ersten Band, und der ebenfalls betrogen werden soll. Die Bande ist auch bei Galingré involviert. In Istanbul treffen sie auch Omar, der seit dem ersten Band auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters ist. Omar tötet Abrahim-Mamur, der sich als Anführer eine Räuberbande herausstellt, zu der auch der gesuchte Mörder, dessen Bruder und Neffe gehören. Dieser Bruder, Barud el Amasat, befindet sich unter falschem Namen in Adrianopel, und wird von Kara Ben Nemsi, Halef, Omar, Isla Ben Maflei, und dem zur Gruppe gestoßenen Vater Senitzas, Osco, entlarvt. (Sir David Lindsay hat die Reisegruppe kurz vorher entlassen.) Allerdings wird ihm zur Flucht verholfen; sein Sohn Ali Manach wird von Spießgesellen erschossen, damit er nichts ausplaudern kann.

– Als Kind mochte ich diesen Band am wenigsten von den sechs Teilen des Orientzyklus, zumindest konnte ich am wenigsten damit anfangen. Jetzt fand ich ihn am interessantesten – vom ersten Viertel abgesehen, das eine Fortsetzung des letzten Bandes und recht fade ist. Gut ist jetzt, dass die Handlung Fahrt aufnimmt: Es gibt Verschwörungen und eine Räuberbande, die losen Fäden werden verknüpft. Gut sind die Schauplätze – große Städte, die stimmig beschriebene Ruinenstadt Baalbek. Gut ist das Schicksal des verfolgten Mirza; die Pest, an der Kara Ben Nemsi und Halef erkranken, und vor allem die Todeskarawane.

Diese Todeskarawane. Also: Kara Ben Nemsi wird erzählt, dass diejenigen Schiiten, die in der Stadt Kerbela begraben werden, gleich ins Paradies kommen, ohne Umweg über ein Fegefeuer. Deshalb lassen sich viele Schiiten dort begraben. Deshalb gibt es ganze Karawanen mit Leichnamen, die dorthin transportiert werden, über weite Strecken, in großer Hitze – Todeskarawanen, voller Verwesungsgeruch. Sehr eindrucksvoll geschildert. Neil Gaiman hätte seine Freude daran. (Hier eine Diskussion in einem Karl-May-Forum, inwiefern es solche Karawanen tatsächlich gegeben hat: Eher ja.)

– Kara Ben Nemsi ist so heldenhaft wie stets. Hier zeigt er Züge von Sherlock Holmes, zwar mit mehr Bescheidenheit, aber mit dessen Betonung der lernbaren Beobachterei:

„Aber Emir,“ fragte Hassan, „wie kannst du an den Messern sehen, wer der Täter war?“
„Sehr leicht! Eine flache Klinge wird einen ganz anderen Schnitt machen, als eine dreikantige, die sich mehr zum Stoße eignet. Die Schnittflächen wurden weit auseinander gedrängt, darum war der Schnitt nicht mit einem dünnen Instrumente geschehen. Und nun blicke her: diese Schnittflächen sind da, wo sie beginnen, nicht glatt, sondern zerrissen und gestülpt; die Klinge, mit der die Tat geschah, hatte also eine sehr bemerkbare Scharte gehabt. Und nun sieh dir diesen Dolch an: er ist der einzige von allen, der eine solche Scharte hat.“
„Herr, deine Weisheit ist zu bewundern!“
„Dieses Lob verdiene ich nicht. Die Erfahrung hat mich gelehrt, in allen Lagen auch das Kleinste zu beobachten; es ist also nicht Weisheit, sondern einfache Gewohnheit von mir.“

In Damaskus stimmt er nicht nur das Klavier des Kaufmanns:

Ich hatte früher als armer Schüler oft Pianos gestimmt, um ein kleines Taschengeld zu erwerben; es fiel mir also nicht sehr schwer, das Klavier in einen spielbaren Zustand zu versetzen.

– sondern überwältigt auch noch die eingeladenen Gäste und Leute auf der Straße mit seinem Klavierspiel.

Die Informationsvermittlung ist manchmal so plump, wie man es sonst nur als übertriebenes Beispiel kennt:

„Aber du hast doch erfahren, wohin er geht. Jedenfalls [d.h. bestimmt] reitet er nach Iskenderiëh, wo Hamd el Amasat, sein Bruder, der dein Oheim ist, auf ihn wartet.“

Dass dieser Bruder der Oheim des Angesprochenen ist, wird der ja wohl wissen.

Diagramm zur Handlung:

Diagramm mit Handlung von Von Bagdad nach Stambul

  • Blau ist das Abenteuer mit dem Kurden, bis zum Tod Scheich Mohhameds. Fade.
  • Grün ist das Abenteuer mit dem anonym reisenden Perser. Das ist gut, allein schon mal wegen der Todeskarawane und der Pest.
  • Gelb und Orange der Rest: Jacub Afarah bringt sie auf die Spur von Abrahim-Mamur und Barud el Amasat und der Räuberbande, nach Damaskus, Istanbul, Edirne.

Verschwörungstheorien in den Zeiten vor dem Internet: Das Foucaultsche Pendel

Titelbild Das Foucaultsche Pendel

Titelbild Das Foucaultsche Pendel

(Nach meinen ersten Gedanken zur erneuten Lektüre hier der Rest.)

Inhalt

Die erste Hälfte des Romans ist die Vorgeschichte: Casaubon schreibt in den 1970er Jahren in Mailand an einer Dissertation über die Templer. Er lernt die etwas älteren Diotallevi und Belbo kennen, die bei einem Verlag arbeiten, der als Nebengeschäft Möchtegernautoren für obskure Produktionen Geld aus der Tasche zieht. Ein solcher ist Oberst Ardenti, der ein Manuskript, ein Dokument und eine Verschwörungs-Räuberpistole mitbringt. Bevor aus dem Geschäft etwas werden kann, verschwindet Ardenti unter mysteriösen Umständen; die Polizei unter Inspektor De Angelis munkelt von Mord und ermittelt, kommt aber zu keinem Ergebnis.

Nach einem Zwischenspiel in Brasilien kehrt Casaubon zurück; mit Belbo und Diotallevi spinnt er die Geschichte des Oberst Ardenti weiter – aus dem ursprünglichen Dokument entwickeln sie eine Verschwörung der Verschwörungen, die die wichtigsten Ereignisse der (europäischen) Weltgeschichte erklärt und die mit den Templern beginnt, dann Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten, Juden, Assassinen, den Eiffelturm, die Pyramiden, Kathedralen, U-Bahnen, Stonehenge, Ley-Linien, Crowley und Cthulhu und alles einbaut, was einem sonst noch dazu passen zu scheint. Diese Megaverschwörung ist gänzlich erfunden, das Dokument, das ihre Basis bildet, ein Witz – aber sie entwickelt ein Eigenleben und damit doch so etwas wie Realität. Inspektor De Angelis fragt Casaubon, ob ihm eine Gruppe „Tres“ etwas sage, und sie geben ihrer Verschwörungsverschwörung diese Bezeichnung, samt erfundener Hintergrundgeschichte. Und prompt bildet sich diese Gruppe, oder bildet es sich ein.

Gedanken

Das Buch hat mich etwas weniger beeindruckt als beim ersten Lesen, aber mir wohl noch etwas besser gefallen. Den Aufbau finde ich etwas unausgeglichen; die ganze erste Hälfte des Buchs (von Rahmenhandlung/Rückblenden abgesehen) ist Vorbereitung, die Figuren werden in Position gebracht, wir kriegen viel Zeitkolorit und ein wenig Mystik. Das ist aber auch interessant zu lesen. Die zweite Hälfte besteht zu einem Großteil einfach aus der beeindruckend ausführlichen Konstruktion der Verschwörung und einem Finale mit Nachspiel.

Illuminaten, Rosenkreuzer, Weltverschwörung kannte ich vorher schon. (Ich sage nur: Illuminatus!-Trilogie.) Aber dass mein vages Interesse für esoterische Spinnervereinigungen massiv von diesem Buch beeinflusst worden war, das hatte ich vergessen. Es gab eine Zeit, da habe ich die Plakate der regelmäßig in Augsburg veranstalteten esoterischen Vorträge gesammelt – ich bin im Besitz einer umfangreichen, vermutlich weltweit einzigartigen Sammlung von mehr oder weniger billig kopierten Plakaten des Zentrums für Studien Gnostischer Anthropologie aus den mittleren 1990er Jahren.

Sehr nett dieses Plakat, alleridngs von einer anderen Gruppe:

Poster: Wer möchte Prophet werden?

Auch die eine oder andere Ausgabe einer esoterischen Weltverschwörungszeitschrift ist in meinem Archiv. Da steht übrigens genau das gleiche drin wie bei den Spinnern bei Eco: Weltverschwörung, Freimaurer, die Weisen von Zion, Illuminaten, mindestens Kokettieren mit Nazi-Gedankengut. Das war noch alles vor dem Internet, wie wir es kennen, aber die Verschwörungstheoretiker und Aluhüte gab es schon damals. Nur halt per Post – das sieht man schön an diesem Band von 1988:

Buch: High Weirdness by Mail

(Alter Blogeintrag dazu, dort auch Links zu den Publikationen.) Das ist ein kommentierter Katalog von Zeitschriften und Vereinen, sortiert in Kategorien wie etwa: Weird Science, New Age Saps, Cosmic Hippie Drug-Brother Stuff, Weird Politics, Rantzines und UFO Contactees. Da schickte man früher self-addressed envelopes hin, oder Briefmarken, und kriegte ein mehr oder weniger schlecht kopiertes Heftchen.

Heute… ich sage nur: Pizzagate, bringe aber nicht die Energie auf, darüber zu schreiben. Bei Wikipedia gibt es einen Überblick, bei Cracked.com ein paar Details.

Es war geradezu deprimierend, bei Eco von genau diesen Prozessen der Konstruktion von Sinn und Verschwörung zu lesen, die einem heute im Internet begegnen.

Achten Sie verstärkt auf Symbole! Achten Sie darauf, welche Logos verschiedene Firmen benutzen!

Das steht nicht bei Eco, sondern in einer meiner Spinnerzeitschriften. Das könnte auch bei Pizzagate so stehen. Seufz.

Keine Information ist weniger wert als die andere, das Geheimnis besteht darin, sie alle zu sammeln und dann Zusammenhänge zwischen ihnen zu suchen. Zusammenhänge gibt es immer, man muss sie nur finden wollen.

Das ist jetzt von Eco, ebenso wie das:

Die Bücher der Entschleierten Isis müssen genau von denselben Sachen handeln, die auch in den anderen stehen. Sie bestätigen sich gegenseitig, also sind sie wahr.

Restliche Gedanken

Verpasste Gelegenheit? Am Ende des Romans taucht ein Doppelpendel auf, also ein Pendel, an dem unten ein zweites Pendel befestigt ist. Dem Kapitel ist ein Zitat aus einem Antwortbrief eines (realen) Architekten und Mathematikers vorangestellt, in dem das Verhalten eines solchen Pendels in einer konkreten Situation beschrieben wird: Letztlich würde – wohl: zumindest in dieser Situation – der obere Teil des Pendels still stehen, der untere weiterschwingen. Innerhalb des Romans stammt das Zitat aus einem Brief, den eine der Personen aus Interesse an einen Wissenschaftler geschrieben hat. — Irre ich mich, oder müsste eine – zumindest: ideales – derartiges Pendel nicht quasi-unregelmäßig schwingen? Das ist doch das Standardbeispiel für ein chaotisches System. Und Chaos war zu Zeiten des Pendels (oder war das erst knapp danach?) das neueste heiße Ding. Dass Eco damit nicht gearbeitet hat, wundert mich.

Erwähnen möchte ich noch den Interpretationsansatz, den mir mein Freund B. genannt hat: Das Foucaultsche Pendel als Teil deines Diptychons, mit dem Name der Rose als Kritik des Rationalismus und dem Pendel als Kritik des Irrationalismus.

Gedanken beim Wiederlesen von Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel

Es kommen Erinnerungen auf: Ich habe das Buch zum ersten Mal 1990 gelesen, bald nach Erscheinen, begeistert vom Name der Rose, auch wenn ich für den einige Anlaufe gebraucht hatte.

Es geht im Foucaultschen Pendel um Geheimnisse und Rätsel, zumindest oberflächlich, und schon in der Mitte der zweiten Textseite hatte ich damals Nachschlagewerke und Atlanten vor mir ausgebreitet und geheime Verbindungen zwischen den vielen mir fremden Orten und Begriffen herausgefunden, die vielleicht existiert haben mögen, vielleicht nicht – ein Web zum Nachschlagen sollte erst in einigen Jahren da sein. Mein Freund M. las das Buch parallel zu mir und etwa in gleicher Geschwindigkeit; wir trafen uns regelmäßig weltmännisch-nachts und unterhielten uns über das Leseerlebnis. Unsere eigenen Ideen, wie die Geschichte ihren Lauf nehmen würde, schienen uns am Ende viel besser als die zweite Hälfte des Buches, die uns enttäuscht hatte.

Seitdem habe ich das Buch nicht wieder gelesen, aber Freund B. erzählte neulich in warmen Worten davon, also machte ich mich daran – und muss schon ab Seite 44 etwas loswerden. Und zwar hat sich eine Figur der Handlung einen Computer gekauft, mit einem Textverarbeitungsprogramm. (Natürlich alles auf Disketten.) Und es ist so schön, in einem Mainstreamroman Details zu einem Computer zu lesen, als Teil der Handlung, mit echter Funktion. Das Gerät, Abulafia mit Spitznamen, hat für seine Betreiber etwas Magisches; sie sind Kabbalisten und beschäftigen sich auch mit den Permutationen von Zeichen – es geht darum, alle Kombinationen des Namens Gottes zu finden.

Unsereinem ist das zum ersten Mal in Arthur C. Clarkes Kurzgeschichtenklassiker „Die neun Milliarden Namen Gottes“ begegnet, tibetanischer Buddhismus statt jüdischer Mystik, aber ein ähnliches Prinzip: Gebetsmühlenartig müssen alle möglichen Kombinationen der Zeichen des Namens Gottes aufgeschrieben werden – und die Mönche im Kloster leisten sich einen „Mark-V-Varianten-Kalkulator“, der das für sie machen soll. Bei Eco geht es vorerst nur um vier Zeichen, etwa I, H, V, H, und dazu wird folgendes Programm abgedruckt:

10 REM ANAGRAMME
20 INPUT L$(1),L$(2),L$(3),L$(4)
30 PRINT
40 FOR I1=1 TO 4
50 FOR I2=1 TO 4
60 IF I2=I1 THEN 130
70 FOR I3=1 TO 4
80 IF I3=I1 THEN 120
90 IF I3=I2 THEN 120
100 LET I4=I0(I1+I2+I3)
110 LPRINT L$(I1);L$(I2);L$(I3);L$(I4)
120 NEXT I3
130 NEXT I2
140 NEXT I1
150 END
END

Tiralala-itu! Und genau so etwas habe ich als Teenager programmiert, das hatte ich schon wieder vergessen. Ja, so sahen Zählschleifen damals aus. Schöne Aufgabe für Informatikschüler: Herausfinden, was da geschieht, und das in Java schreiben, vielleicht muss man vorher ein char array erklären.

Danach rechnet Eco ein wenig vor, wieviel Permutationen es gibt bei längeren Wörtern, oder wie viel Möglichkeitenes es bei einem richtig langen Wort gibt (etwa der ganzen Tora). Milliarden Milliarden Milliarden Kombination (aber natürlich immer noch nichts im Vergleich zu richtig großen Zahlen). Dabei taucht auch das Wort „Faktorenrechnung“ auf, vermutlich eine Fehlübersetzung für Fakultät, oder ist das ein alternativer, vielleicht veralteter Begriff? Auf Englisch factorial, auf italienisch fattoriale. – Auf der Suche nach einem Passwort schreibt eine der Figuren den obigen Code um, so dass sie eine Liste der 720 Permutationen der Buchstaben IAHVEH ausdruckt – und nimmt die Seiten aus dem Drucker, „ohne sie abzutrennen, als sähe [sie] die originale Tora-Rolle durch.“ Das weiß heute auch keiner mehr, was das für ein Papier war.

(Auch die Erweiterung auf 6 Zeichen eine schöne Aufgabe. Schwerer ist dann die Aufgabe, alle Permutationen eines Wortes mit n Zeichen zu machen; im Web gibt es Lösungen für diese Aufgabe, die man umsetzen kann.)

Martin Amis, Time’s Arrow (1991)

Titelbild Time's Arrow

Titelbild Time's Arrow

(Mit Spoilern, aber das Buch ist von 1991, die Spoiler sind hier nicht wichtig, und auf Spoiler kommt es eh nicht an.)

Die Handlung dieses Buches folgt dem Leben eines Mannes, Tod Friendly (ein etwas ungewöhnlicher, aber kein einzigartiger Name, denken wir an den Regisseur Tod Browning). Ein Ich-Erzähler begleitet dieses Leben, und zwar beginnt das Bewusstsein des Ich-Erzählers zu dem Zeitpunkt, als Friendly stirbt – das Buch ist, man merkt es bald, sozusagen rückwärts erzählt: Friendly stirbt in hohem Alter, und der Ich-Erzähler gewinnt zu diesem Zeitpunkt das Bewusstsein; Friendly wird von Medizinern behandelt, es geht Friendly schlecht, bald geht es ihm immer besser, bald kann er sein Bett verlassen, aus dem Haus gehen, seinen Beruf als Arzt ausüben. Der Ich-Erzähler weiß wenig über diese Welt, er lernt nach und nach die merkwürdige Sprache verstehen, die alle Menschen dort sprechen, und er versucht, sich einen Reim darauf zu machen, was er beobachtet. Der Ich-Erzähler ist quasi Passagier in Friendlys Kopf, er hört mit dessen Ohren und sieht mit dessen Augen, auch wenn er seine Aufmerksamkeit unabhängig davon auf einzelne Objekte der Außenwelt richten kann. Der Ich-Erzähler hat keinerlei Einblick in Friendlys Gedanken, aber er bekommt mit, wenn Friednly aufgeregt oder nervös ist, auch andere Stimmungen kann er deuten. Und so wird Friendly langsam immer jünger, und die Geschichte schreitet voran, oder zurück, je nachdem.

Das ist schon mal ein interessantes Gimmick. Viele Leser des Buches werfen diesem vor, dass das auch alles sei – kann sein, aber es ist schon mal interessant genug: Wo kommen alle schönen Dinge her, die der Mensch verwendet? Aus dem Müll, der von Müllmänner angeliefert und von Toiletten gespendet wird. Nicht jeder Mensch hat schöne Dinge, es gibt Klassenunterschiede:

It all comes down to the quality of your trash.

Der Ich-Erzähler hört Friendly fluchen und beschreibt das als: „[He] invokes human ordure, from which all good things come.“ Übersetzt heißt das: Friendly flucht: „Shit.“ Dieses Übersetzen ist ein Reiz des Buches – was der Ich-Erzähler beschreibt ist oft etwas anderes, als was aus Friendlys, sprich: unserer regulären Sicht geschieht. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, zwei Geschichten gleichzeitig zu lesen, besonders bei manchen Dialogen, die ich quasi gleichzeitig von oben nach unten und von unten nach oben las.

Schnell vergehen die Jahre. Friendly ist dem Ich-Erzähler nicht unbedingt immer sympatisch; sie haben bei vielen Dingen andere Ansichten. Friendly behandelt seine Frauenbekanntschaften (leider kein besseres Wort gefunden) sehr schlecht. Einmal gibt es eine Art Dreiecksverhältnis: Der Ich-Erzähler liebt Irene, Irene den Friendly, und der eigentlich niemanden.

Das Schicksal ist unausweichlich. Am Braunwerden von Friendlys Haut erkennt der Erzähler, dass es bald auf eine Reise gehen wird. (So ist das in dieser Welt nun einmal, dass sich Reisen derart ankündigen.) Selbstmord existiert als Konzept, ist aber unmöglich: Jeder weiß genau, wie lange sein Leben dauern wird. Gewalt erzeugt Dinge, aus dem Feuer kommen viele Gegenstände, besonders Briefe.

Das hat etwas – auch in seiner Unausweichlichkeit – von der Unschuld eines Wales, der plötzlich in der Atmosphäre eines Planeten geboren wird, sich erst orientieren muss, dem Kitzeln am Bauch den Namen „Wind“ gibt, und der nach und nach eine immer größer werdende Oberfläche auf sich zukommen sieht, die er mal probeweise „Boden“ nennt und von der er sich freudig erwartungsvoll fragt, ob sie wohl nett zu ihm sein wird.

Der Leser weiß es vermutlich vom Klappentext her, oder er stolpert über den Namen „Tod Friendly“, oder ahnt es sonst: Das geht nicht gut aus. „Tod Friendly“ wechselt mehrfach den Namen, in Mittelamerika sammelt er Goldmünzen, bis er sich schließlich auf eine Reise nach Deutschland macht, wo der Krieg vor kurzem begonnen hat. Er wird Arzt in Ausschwitz und Teil eines großes Projekts: Es gilt, die Juden aus den Lüften zu holen, aufzupäppeln, in die Gesellschaft zu integrieren. Das war grimmig und traurig und furchtbar zu lesen.

— Frau Rau hat das Buch als nett, aber nicht mehr als ein Gimmick in Erinnerung. Das deckt sich mit der Einschätzung vieler Kritiker. Bei Goodreads habe ich die Kommentare zum Buch gelesen; die klingen ähnlich oder weisen darauf hin, dass Martin Amis ja nicht der erste gewesen sei mit dieser Idee. Einer verweist auf eine Stelle aus Vonneguts Slaughterhouse Five mit einem rückwärts laufenden Film – Amis nennt Vonnegut selber als Anregung. Ein anderer nennt eine Geschichte von Jorge Luis Borges, „A Weary Man’s Utopia“. Man findet die Geschichte im Web, und sie enthält ähnliche Motive, also Vergangenheit und Zukunft, Zerstörung auf Aufbau, Hitler als Massenmörder oder Philantrop. Aber mehr Ähnlichkeit sehe ich nicht – zugegeben, bei Borges bin ich mir nie sicher, wieviel mir entgeht.

Es würde mich aber nicht wundern, wenn Borges tatsächlich so eine ähnliche Geschichte geschrieben hätte. Das passt zu ihm. Tatsächlich habe ich auch eine Anthologie herausgesucht (im Original von 1967), in der ich eine solche Geschichte vermutete, und während da auch ein Borges drin ist, so ist es doch ein anderer. Dafür enthält der Band die Kurzgeschichte „Divine Madness“ von Roger Zelazny, die zum Großteil rückwärts erzählt wird – bis hin zu einer Situation, in der sich die Hauptperson gerne anders verhalten hätte, weil es schlimme Konsequenzen gab. Und ganz am Ende erhält die Hauptperson eine zweite Chance, und die Zeit läuft wieder vorwärts, jetzt aber in einer neuen Spur. – Was da aber fehlt, auch bei dem Borges, ist der Ich-Erzähler.

Fußnote: Nicht eigentlich rückwärts erzählt, aber doch mit ähnlichem Effekt ist dieses palindromische Gedicht von James A. Lindon.

Doppelgänger

by James A. Lindon

I

Entering the lonely house with my wife
I saw him for the first time
Peering furtively from behind a bush —
Blackness that moved,
A shape amid the shadows,
A momentary glimpse of gleaming eyes
Revealed in the ragged moon.
A closer look (he seemed to turn) might have
Put him to flight forever —
I dared not
(For reasons that I failed to understand),
Though I knew I should act at once.

II

I puzzled over it, hiding alone,
Watching the woman as she neared the gate.
He came, and I saw him crouching
Night after night.
Night after night
He came, and I saw him crouching,
Watching the woman as she neared the gate.

III

I puzzled over it, hiding alone —
Though I knew I should act at once,
For reasons that I failed to understand
I dared not
Put him to flight forever.

IV

A closer look (he seemed to turn) might have
Revealed in the ragged moon.
A momentary glimpse of gleaming eyes
A shape amid the shadows,
Blackness that moved.

V

Peering furtively from behind a bush,
I saw him for the first time,
Entering the lonely house with my wife.

J. C. Wezel, Belphegor (1776)

Titelbild Belphegor

Titelbild Belphegor

Nach der Erstauflage 1776 blieb das Buch vergessen, bis Arno Schmidt es 1959 in dem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ wieder in Erinnerung brachte. Hier ein Spiegel-Beitrag zur Neuveröffentlichung 1966. Inzwischen kann man Belphegor bequem als E-Buch lesen, leider nur unbequem bei gutenberg.spiegel.de – weshalb man sich am besten mit geeigneter Software aus den einzelnen Webseiten dort eine epub-Version zusammenbauen lässt für das E-Buch-Lesegerät der eigenen Wahl.

Arno Schmidt vergleicht das Buch mit Voltaires Candide und Gulliver’s Travels von Swift. Wie bei Voltaire verschlägt es ein kleines Häuflein von Helden quer durch die Welt: Belphegor, der zumindest am Anfang an das Gute im Menschen glaubt und stets bereit ist, für eine gute Sache zu kämpfen, und der stets dafür bestraft wird:

»Wohl einem Volke«, sagte Belphegor, »das für die Freiheit fechten kann! Keine Illusion ist glücklicher als die Illusion der Freiheit, wenn man ihr gleich jährlich etliche hundert Hirnschädel opfern müßte. Mein Blut schwillt in allen Adern empor und zersprengt fast mein Herz vor übereilter, zuströmender Bewegung, wenn ich nur den begeisternden Klang ‚Freiheit‘ tönen höre. Komm! wir kehren zurück nach England: das einzige Land der Erde, wo ich von nun an wohnen will! Die Sonne muß dort erfreulicher wärmen, der Schatten viel erfrischender laben, weil er ein freyes Haupt erquickt. Freunde! wenn mein Leben nur noch in Einem Tropfen Blutes bestünde, gern wollte ich mir selbst die Ader zerschneiden und ihn herauströpfeln lassen, könnte ich durch diesen Tod eine Menge Menschen in die Illusion versetzen, sich für freyer als den Rest der Menschheit zu halten und dadurch glücklicher zu werden.«

Dann ist da Medardus, der das Glück im Kleinen sucht; ihm reicht ein Krug Apfelwein und er erträgt die Unbillen des Schicksals mit seinem Wahlspruch: „Wer weiß, wozu mirs gut ist?“ Medardus glaubt an eine Vorsehung, die schon alles richten wird, am Ende.

Und es gibt Fromal, nach dessen materialistischer Auffassung der Mensch nur den blinden Gesetzen der Natur gehorcht und im Übrigen skrupellos, gierig und neidisch ist:

Fromal fiel ihm ins Wort: »Du hast erfahren, Belphegor, daß die Menschen nicht das sind, wofür wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben: keine friedlichen Geschöpfe, die vom Verlangen, wohl zu tun, glühn, die in Ruhe und Eintracht neben einander leben, sich über ihr wechselseitiges Glück freuen und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinhüpfen. Du hast sie gefunden, wie ich dir verkündigte – eine Heerde Raubthiere, die Eigennutz, Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in Truppe versammelten, um einander desto wirksamer befeinden zu können, durch ihre natürlichen Anlagen, durch die Oekonomie ihres Wesens zum immerwährenden Kriege bestimmt, den sie beständig in roher, grausamer oder minder grausamer oder verkleideter Gestalt fortsetzen, blutig oder unblutig, so wie Gesetze, Sitten und Verhältnisse es ihnen erlauben […] Die Maschine kann nichts mehr oder weniger und nichts anders thun, als wohin sie der Stoß der auf sie wirkenden Räder treibt, und wer sie aus ihrer Richtung herauslenken will, muß Kräfte genug zum Wiederstande haben, oder er bekömmt Stöße, wovon ihn vielleicht der erste schon zu Boden wirft.«

Vorherbestimmt ist nach beider Auffassung ohnehin alles. Am Ende, aber nicht ganz am Ende, begnügen sich alle wie Candide damit, ein kleines Gärtchen in Afrika zu bestellen – patriarchalisch über ihre Sklaven gebietend allerdings, denn selbst Belphegor entpuppt sich als allzu menschlich und findet sich auch immer wieder als Unterdrücker wieder.

Wie bei Swift reisen die Helden, allein oder getrennt, durch imaginäre Welten in Afrik- oder Amerika. Allerdings kapiert man schon nach den ersten Ländern, dass die Welt schlecht und alles eitel ist; es ist ein wenig ermüdend, dass immer wieder zu lesen. Gulliver landet wenigstens in vier deutlich verschiedenen Reichern; bei Belphegor ist alles gleich – und dass Buch ist unnötiger Weise viermal so lang wie Candide.

Charlotte Lennox, The Female Quixote (1752)

Titelbild The Female Quixote

Titelbild The Female Quixote Arabella wächst fernab von London in der Abgeschiedenheit des Anwesens ihres Vaters auf. Sie sie hat als Kind und Heranwachsende vor allem romances gelesen und nimmt deren Ereignisse für bare Münze, für Geschichtsschreibung. Alles, was ihr als junger Frau passiert, interpretiert sie vor diesem Hintergrund: Ein Gartenarbeiter, der ein wenig komisch schaut, ist für sie gleich ein verkleidetet Adliger, der sich unrettbar in sie verliebt hat und in die Bedienstetenrolle schlüpft, um heimlich in ihrer Nähe zu sein. (Als er beim Karpfenstehlen entdeckt wird, gelingt es ihr mit nur wenig Mühe, auch das in ihr Weltbild einzubauen.) Und fremde Berittene müssen immer gleich gedungene Entführer sein, die sie – im Auftrag eines verliebten Adligen, versteht sich – mit sich nehmen wollen.

Ihr Cousin Glanville wirbt um sie und versteht zuerst die Spielregeln nicht, die sie der Welt diktiert: Er darf ihr keineswegs seine Liebe gestehen, sonst wird er verbannt; erst nach vielen Jahren der Aufopferung, des unbemerkten Seufzens und Klagens darf es geschehen, dass die Geliebte quasi versehentlich von seiner Liebe erfährt, und dann ist ein „I do not hate him“ das höchste der Gefühle, das er erwarten darf. Dann nochmal zehn Jahre werben, gepaart mit dem Erobern von Städten oder anderen Heldenleistungen zu ihren Ehren, dann darf es eine Hochzeit geben. (Dass die Heldin dann immer noch jugendliche zwanzig Jahre alt ist, ist halt so.)

Nach einiger Zeit ist Glanville der einzige, der ihre Weltsicht versteht und ihre Aussagen deuten kann, sogar ihre wortlosen Gesten, den Raum zu verlassen, an denen alle anderen Personen scheitern, mit denen sie das versucht. Dazu gehören vor allem Glanvilles Vater und Sir George Bellmour, der ebenfalls um sie wirbt, allerdings vor allem auf ihr Vermögen aus ist.

Bei einem Ausflug nach Bath erwirbt Arabella die Freundschaft einer Gräfin, die sie behutsam in die Realität holen will; die Gräfin wird dann aber recht unvermittelt aus dem Buch entfernt, und erst im letzten Kapitel überzeugt ein ebenso unvermittelt ins Buch eingeführter Gelehrter (ein bisschen wie Van Helsing in Dracula, obwohl das Vorbild wohl Dr. Johnson ist) in einem platonischen Dialog Arabella davon, dass ihre geliebten romances a) fiktional, b) absurd und c) schädlich sind. Von diesen drei Punkten überzeugt bietet Arabella imn letzten Kapitel dem Glanville die erwartete Heirat an.

– Der Roman ist zu lang, und der Schluss zu unvermittelt. Es ist recht klar, dass eigentlich die Gräfin eine größere Rolle spielen sollte, und die Entscheidung, das Buch in zwei statt drei Bänden erscheinen zu lassen, den zu plötzlichen Schluss mit dem gelehrten Doktor nötig machte. (Das Manuskript weithin zu überarbeiten war für eine Berufsschriftstellerin finanziell nicht lohnend.) Aber interessant ist das Buch schon:
Einmal wegen der Rolle der tatsächlich relativ machtlosen Frau, die trotzdem der Umwelt ihre eigene Weltsicht aufzwingt und selbst Regeln aufstellt.
Dann illustriert es schön die – vermeintliche – Gefahr der Lesesucht (Blogeintrag dazu, der schamlos die besten Zitate aus dem Wikipedia-Artikel dazu übernimmt). (Weibliche Quixotes gab es vorher übrigens auch schon, entnehme ich dem Vorwort, etwa in Richard Steeles Komödie The Tender Husband, or, The Accomplished Fools, zu der ich im gesamten Web keine Inhaltsangabe gefunden habe.)
Und zuletzt geht es um romances. Die englische Literaturtheorie unterscheidet novels und romances, überall sonst wird beides „Roman“ genannt. Und das kam so: Epik kam ursprünglich in Versform. Geschichtsschreibung war in Prosa. Und im 17. Jahrhundert kam aus Frankreich die Mode, Epik in Prosa zu verfassen, wie Geschichtsschreibung, mit historischen Themen (altes Rom und so), aber voller Ritter, Prinzessinnen, Zauberei, Heldentaten, Schlachten (und historisch hanebüchen). Das hieß dann romance, so wie die höfische Epik davor auch, und wurde begeistert gelesen. Eine der wichtigsten Autorinnen war Madeleine (Mademoiselle) de Scudéry, genau die aus E. T. A. Hofmanns eponymer Novelle, unter der so viele Achtklässler leiden müssen. Von ihr stammt Artamène, mit etwa 2 Millionen Wörtern einer der längsten jemals erschienenen Romane, und Clélie, histoire romaine, an dem sich Arabella sehr orientiert.

Wäre eine moderne Adaption von The Female Quixote als Film oder Fernsehserie lohnend? Jemand hat in Folge eines bestimmten Medienkonsums ein verqueres Bild von der Welt, und scheitert an der wirklichen Welt, oder zwingt ihr den eigenen Willen auf? Vermutlich ist das verschwörungstheoretischer Alltag.

Bücher 2016

Meine gelesenen Bücher 2016. Zu einigen habe ich etwas gebloggt, zu anderen einen Podcast gemacht. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Ingesamt wieder nicht so viele Bücher wie früher. Am ergötzlichsten: Evelina und Jane Eyre.

  1. Salman Rushdie, Two Years Eight Months and Twenty-Eight Nights
  2. John Jakes, Schiff der Seelen (Podcast dazu)
  3. Andre Norton, Gefangene der Dämonen° (Podcast dazu)
  4. Robert E. Howard, Herrscher der Nacht° (Podcast dazu)
  5. J. J. Abrams, Doug Dorst, S.
  6. Freeman/Robson, Head First Design Patterns
  7. Slightly Foxed No. 49
  8. John Jakes, Tochter der Hölle (Podcast dazu)
  9. Umberto Eco, Der Name der Rose°
  10. Andrew Crumey, Mr Mee
  11. Tim O’Brien, July, July
  12. Michael Marshall Smith, The Servants
  13. Matt Ruff, Lovecraft Country
  14. Arthur Machen, The Three Impostors
  15. Charlotte Bronte, Jane Eyre
  16. Heinrich Steinfest, Der Allesforscher
  17. Evan S. Connell, Mrs Bridge
  18. Jane Austen, The History of England
  19. Jane Austen, The Beautifull Cassandra
  20. Fanny Burney, Evelina
  21. Slightly Foxed No. 50
  22. David Lodge, The Practice of Writing
  23. Randall Munroe, Thing Explainer
  24. Lesley Blanch, Round the World in 80 Dishes
  25. Henry Kuttner, Lord der Dunklen Welt (Podcast dazu)
  26. Andre Norton, Im Netz der Magie° (Podcast dazu)
  27. Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Band 1
  28. Jane Austen, Persuasion
  29. Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Band 2
  30. Terry Pratchett, The Shepherd’s Crown
  31. Marco Polo, The Travels of Marco Polo
  32. Han Kang, The Vegetarian
  33. Slightly Foxed No. 51
  34. John Lanchester, The Debt to Pleasure
  35. John Jakes, Das Mal der Dämonen
  36. Ilja Ilf, Jewgeni Petrow, Zwölf Stühle
  37. Hugh Walker, Reiter der Finsternis°
  38. Voltaire, Candid°
  39. Christopher Robinson & Gavin Kovite, War of the Encyclopaedists
  40. Slightly Foxed No. 52
  41. J. L. Carr, A Month in the Country
  42. Margery Allingham, The Crime at Black Dudley
  43. Katherine Dunn, Geek Love
  44. Manuel Gonzales, The Regional Office Is Under Attack!
  45. Charlotte Lennox, The Female Quixote
  46. G. K. Chesterton, Tremendous Trifles

(Bücher 2015.)
(Bücher 2014.)
(Bücher 2013.)
(Bücher 2012.)
(Bücher 2011.)
(Bücher 2010.)
(Bücher 2009.)

Man kennt das ja: Die Juwelen stecken immer im letzten Stuhl.

Gelesen: Ilja Ilf, Jewgeni Petrow, Zwölf Stühle

Als Kind hatte ich irgendwann mal Dreizehn Stühle gesehen, schwarzweiß, mit Heinz Rühmann: Im Zuge einer Erbschaft erfährt der Held, dass in einem von dreizehn gutbürgerlichen Polsterstühlen wertvolle Juwelen versteckt sind. Die Stühle sind aber längst in alle Winde zerstreut, und natürlich ist unbekannt, in welchem Stuhl der Schmuck steckt. Auf der Jagd nach den Juwelen, von Stuhl zu Stuhl, erleben Held und Sidekick diverse Abenteuer.

In einer Anthologie mit Schachgeschichten stieß ich dann zum ersten Mal auf die Originalfassung: Zwölf Stühle von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, 1928 als Fortsetzungsroman in der noch recht jungen Sowjetunion erschienen. Und noch ein wenig später lernte ich das wunderbare Lied „Hope for the Best (Expect the Worst)“ kennen. Während sich recht bald herausstellte, dass die Melodie von Brahms war, wusste ich lange nicht, aus welchem Film das Lied stammte. Es war The Twelvve Chairs von Mel Brooks (1970):

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Der Plot des Romans ist wirklich genial, einer der besten: Der ehemalige Lebemann und jetzige kleiner Sowjetbeamte Ippolit Worobjaninow erfährt auf dem Sterbebett seiner Schwiegermutter, dass sie vor der Revolution ihre wertvollen Juwelen in einem der zwölf herrschaftlichen Polsterstühle versteckt hat. Der unbeholfene Worobjaninow macht sich auf die Spuren der Stühle, bald begleitet und angeleitet von Ostap Bender, einem fröhlichen und charmanten Trickster. Kein ernstzunehmender Konkurrent ist der orthodoxe Priester Fjodor, der ebenfalls von dem Geheimnis um die Stühle erfahren hat. Fünfhundert Seiten lang jagen die beiden nicht ganz freiwilligen Partner den Stühlen hinterher, erleben kuriose Abenteuer, reisen durch Russland und treffen schräge Zeitgenossen. Auch die Sprache ist schön, hier stoßen die Helden bald auf einen der Stühle, in einer überschwemmten Wohnung:

Das Wasser rauschte. Im Speisezimmer bildete es einen Strudel. Im Schlafzimmer stand es als stiller Teich, auf dem zwei Pantoffeln gemächlich wie Schwäne dahinglitten. In einer Ecke drängten sich Zigarettenkippen zusammen wie schläfrige Fische.
Worobjaninows Stuhl stand im Speisezimmer, wo die Strömung am stärksten war. An allen vier Beinen schäumten kleine weiße Brandungswellen. Der Stuhl zitterte leicht und schien drauf und dran, seinem Verfolger davonzuschwimmen.
(Übersetzung: Renate und Thomas Reschke.)

Kein Wunder, dass dieser Plot sehr oft verfilmt wurde (Wikipedia). Der Schluss des Buches ist allerdings etwas zu abrupt; kein Wunder, dass schon die erste Verfilmung ihn änderte, und viele weitere ebenso. Für den modernen Zuschauer müsste man sich ohnehin etwas Neues einfallen lassen. Dass der Schmuck erst im letzten Stuhl ist, ist klar; dass er auch da eigentlich nicht ist, auch, jedenfalls gehört es einfach dazu, dass die Helden davon nicht profitieren.

Irgendwie gehört dieser Plot in eine Reihe mit anderen, vielleicht vergleichbaren Romanplots. Die Reise um die Welt in 80 Tagen, The Wrong Box von Robert Louis Stevenson und Lloyd Osbourne, vielleicht Vernes Die Leiden eines Chinesen in China. Der Plot gibt jeweils Anlass zu wildem Herumgereise, mehrere Parteien rennen jeweils einer Sache hinterher. Als Film gekrönt durch It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World.

Bonus:

2009 war Mel Brooks einer der Preisträger des Kennedy-Preises. Hier ein Ausschnitt aus der Verleihungszeremonie, ein großes Medley mit verschiedenen Mel-Brooks-Liedern, mit vielen Künstlern, und „Hope for the Best“ macht den Anfang. Rührend, sehr rührend:

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Marco Polo, Die Reisen des Marco Polo

Affekopf, geschrumpft

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren steht eine schöne englische Marco-Polo-Übersetzung bei mir im Regal, und jetzt habe ich sie endlich gelesen. Die erste Überraschung: Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht; es ist nicht einmal besonders spannend. In einigermaßen geographischer Folge stellt Marco Polo die Reiche und Städte vor, die er gesehen hat. Ganz knapp steht da oft nur: welche Religion es gibt (Christen, Muslime, Götzenanbeter=Buddhisten), welche Bestattungsarten, welche Sprache, wem das Reich tributpflichtig ist, womit die Bewohner ihren Lebensunterhalt verdienen (Jagd, Ackerbau, Handwerk, Handel).

Aber die Details sind dann doch interessant. Marco Polo berichtet von dem Rohstoff, der aus einem Berg geschürft und zu Fäden gesponnen wird, aus denen man dann ein Hemd webt, das man – für Touristen – reinigt, indem man es ins Feuer wirft, wo es, statt zu verbrennen, wieder ganz weiß wird. Kurze Recherche bei Wikipedia: ja, das stimmt tatsächlich, auch andere, persische Reisende berichten von diesem Trick. Es handelt sich um ein Hemd aus Asbestfäden.

Wenn er von der fabelhaften chinesischen Stadt Hangzhou berichtet, nimmt er als Beispiel für deren Größe, dass jeden Tag 43 Ladungen Pfeffer in die Stadt gebracht werden, die Ladung zu 243 Pfund. Im Halbschlaf gerechnet: Bei einer Stadt von einer Million Einwohnern, und diese Zahl nennt auch Wikipedia für das 13. Jahrhundert, und je nach genauem Wert eines Pfundes sind das knapp 5 Gramm pro Einwohner – im Bereich des Möglichen.

Meistens beschreibt Marco Polo Dinge, die er selber gesehen hat, ab und zu auch Dinge, von denen man ihm nur berichtet hat, und die sind dann meistens kenntlich gemacht. Fast alles ist glaubwürdig, aber die Angehörigen so ziemlich jeder fremden Kultur – fremd vor allem für die, die ihm davon erzählt haben werden – werden zu Menschenfressern gemacht, vor denen Reisende sich hüten sollen. So etwa im Königreich Felch auf Sumata – zumeist Götzenanbeter, die jeden Tag einen neuen Götzen anbeten, und zwar das erste Objekt, das ihnen am morgen vor die Augen kommt. Klingt nach einer interessanten Religion.

Gewarnt wird außerdem vor den als Kuriositäten nach Europa gebrachten getrockneten Leichen angeblicher Pygmäen aus Indien: Alles gefälscht! Weder in Indien noch sonstwo gebe es solche Pygmäen. Vielmehr würden diese Gestalten in Sumatra gefertigt, und zwar aus einer Affenart. Man fange sie, rasiere sie, lasse nur am Kinn, Kopf und anderswo ein wenig Haar übrig und mumifiziere dann die Körper, bis sie wie kleine Menschen aussehen. Und das werde dann in alle Welt verkauft.

Das sieht dann wohl so aus wie dieser Schrumpfkopf, der ebenfalls von einem Affen stammt:

Affenkopf, geschrumpft

— Am Ende gibt es die kuriose Episode von der Tochter des Königs Kaidu, eines Neffen von Kublai Khan. Die war schön, aber gleichzeitig so stark, dass kein junger Mann im ganzen Königreich es mit ihr aufnehmen konnte. Ihr Vater wollte sie gerne verheiraten, aber sie weigerte sich und sagte, sie würde nur einen zum Mann nehmen, der sie im Ringkampf besiegen konnte, und nahm ihren Vater schriftlich dieses Versprechen ab.
Der schickte an alle Enden seines Reiches und lud Kandidaten ein: Besiegten sie seine Tochter im Ringkampf, erhielten sie sie zur Frau; ansonsten müssten sie ihr hundert Pferde schenken. Und einer nach dem anderen kam und versuchte sein Glück, doch die Tochter – Aigiarm, „Mondschein“ mit Namen – besiegte alle und hatte so schon mehr als zehntausend Pferde erhalten.
Um das Jahr 1280 herum kam aber der Sohn eines reichen Königs, der war jung und schön. König Kaidu redete seiner Tochter zu, sie solle doch beim Kampf nachgeben, da Kaidu den Prinzen sehr gern als Schwiegersohn gehabt hätte. Aber Aigiarm weigerte sich, und so kam es zu dem Ringkampf. Der Prinz setzte tausend Pferde statt hundert, aufgrund seiner hohen Stellung.
Aber der Prinz verlor, und Aigiarm heiratete ihn nicht, sondern zog mit ihrem Vater in viele Schlachten und zeichnete sich dort durch große Taten aus.
– Knochentrocken erzählt, und mehr erfahren wir nicht von dieser Geschichte.

– Mein liebstes Kapitel ist Kapitel 23 im vierten Buch, hier in seiner Gänze wiedergegeben:

Von der Meerenge von Konstantinopel

Bei der Meerenge, die in [das Schwarze Meer] führt, befindet sich auf der westlichen Seite ein Hügel, Faro genannt. Aber seit ich begonnen habe darüber zu schreiben habe ich meinen Sinn geändert, da so viele Leute alles darüber wissen, deshalb werden wir ihn nicht in unsere Beschreibung aufnehmen, sondern zu etwas anderem kommen. Und so werde ich erzählen von den Tartaren [des Westens] und ihren Herrschern.

Fanny Burney, Evelina

Evelina in Vauxhall Gardens

Enttäuscht von den zuletzt gelesenen Werken des 21. Jahrhunderts und angeregt durch einen Besuch im Jane-Austen-Museum in Bath wandte ich mich kürzlich endlich Evelina von Fanny Burney zu. Burney ist noch mehr mit Bath verbunden als Jane Austen, die die Romane ihrer Vorgängerin sehr schätzte. Evelina (1778) ist Burneys erster und bekanntester Roman, vielleicht weil von moderaterem Umfang als ihre späteren Werke; er wurde bereits 1779 ins Deutsche übersetzt und ist als Scan online da und dort zu lesen – weitere Übersetzungen kenne ich nicht. Anglisten haben sicher zumindest von Fanny Burney gehört; in Deutschland kann sie mangels Übersetzung kaum gelesen werden.

Evelina ist 17 Jahre alt und behütet von einem Ziehvater auf dem Land erzogen worden. Ihre Herkunft ist nicht standesgemäß oder zumindest problematisch; Evelina ist tugendhaft und gebildet, höflich und freundlich. Das bleibt auch das ganze Buch über so, es handelt sich also nicht um eine Form von Entwicklungsroman. (Auch wenn es um die Erfahrungen geht, die Evelina macht: „Alas, my dearest Sir, that my reflections should always be too late to serve me! dearly, indeed, do I purchase experience!“) Vielmehr erfahren wir, zusammen mit Evelina, viel über die – mittelfeine – Gesellschaft der Zeit und welche Regeln vor allem für junge Frauen gelten. Denn Evelina verschlägt es vom Land nach London und Bristol, und sie fühlt sich alleine und unwissend, was das Befolgen der vielen Regeln gilt, und wäre froh um Rat:

But, really, I think there ought to be a book of the laws and customs — a-la-mode, presented to all young people upon their first introduction into public company.

(So ein Buch ist Evelina natürlich auch.) Evelina ist dabei keineswegs naiv; einen Großteil der Regeln kennt und befolgt sie, aber immer wieder gerät sie doch in peinliche Situationen. Ein Hauptgrund ist die Verwandtschaft: Evelina gerät überraschend an eine exaltierte französische Großmutter und mit ihr an weitere Verwandte, die alle ganz furchtbar peinlich sind. Wie es schon in Tom Jonesalter Blogeintrag dazu – ein Merkmal des Provinziellen ist, mit Theateraufführungen nicht umgehen zu können, ist es hier das Unverständnis der Familie, was Preis, Dauer, Inhalt, Sprache eines Opernbesuchs betrifft, und die angemessene Kleidung dabei. Evelinas erste Opernaufführung ist zwar auch erst wenige Tage her, aber ihr hat sich das natürlich sofort erschlossen.

Meist schweigt Evelina einfach und fährt insgesamt gut damit. Lord Orville, den sie am Schluss abkriegt, ist ein Ideal von einem Mann; anders als Darcy oder im Arztroman hat er keine negativen Eigenschaften, von denen er erst kuriert werden müsste. Die Schwierigkeiten, die die beiden voneinander fern halten, sind technischer Art: Man kann ja nicht einfach miteinander reden oder sich treffen. Evelina schreibt Orville – die Verwandtschaft schon wieder – einen Entschuldigungsbrief, der aber abgefangen und von einem Konkurrenten unter Orvilles Namen beantwortet wird: Evelina ist verwirrt und entrüstet, dass Orville ihr Schreiben scheinbar zu einer Einladung zu einer Korrespondenz aufgefasst hat, was ja wohl gar nicht geht, und eine Antwort per Boten haben möchte statt per Post – doppelt schlimm, weil damit nicht öffentlich, sondern heimlich. Dazu kommt, dass Evelina angemessen diskret ist und deshalb viele Erklärungen für erklärungsbedürftige Vorfälle nicht vorbringen kann, was zu weiteren Missverständnissen führt.

— Man trifft sich nicht nur in der Oper, sondern oft auch in Lustgärten. The Ranelagh in London etwa, oder Vauxhall Gardens, große Anlagen mit Teeräumen, wo man spazieren geht und isst und sich sehen lässt.

Evelina in Vauxhall Gardens

Sehr interessant fand ich diese Sequenz, in der Evelina („Miss“) mit Polly, Miss Branghton und anderen Teilen der peinlichen Verwandschaft nach Vauxhall Gardens zum Lustwandeln gebracht wird. Da gibt es Wasserfontänen und Feuerwerk und Spektakuläres, aber brave Mädchen bleiben bei ihren Verwandten, und das nicht ohne Grund. Hier gerät Evelina unbeabsichtigt in die dark walks, unbeaufsichtige Seitenpfade, übel beleumundet:

“Lord, Polly,” said the eldest, “suppose we were to take a turn in the dark walks!”
“Aye, do,” answered she; “and then we’ll hide ourselves, and then Mr. Brown will think we are lost.”
I remonstrated very warmly against this plan, telling them it would endanger our missing the rest of the party all the evening.
“O dear,” cried Miss Branghton, “I thought how uneasy Miss would be without a beau!”
This impertinence I did not think worth answering; and, quite by compulsion, I followed them down a long alley, in which there was hardly any light.
By the time we came near the end, a large party of gentlemen, apparently very riotous, and who were hallooing, leaning on one another, and laughing immoderately, seemed to rush suddenly from behind some trees, and meeting us face to face, put their arms at their sides, and formed a kind of circle, which first stopped our proceeding, and then our retreating, for we were presently entirely enclosed. The Miss Branghtons screamed aloud, and I was frightened exceedingly; our screams were answered with bursts of laughter, and for some minutes we were kept prisoners, till at last one of them, rudely seizing hold of me, said I was a pretty little creature.
Terrified to death, I struggled with such vehemence to disengage myself from him, that I succeeded, in spite of his efforts to detain me; and immediately, and with a swiftness which fear only could have given me, I flew rather than ran up the walk, hoping to secure my safety by returning to the lights and company we had so foolishly left: but before I could possibly accomplish my purpose, I was met by another party of men, one of whom placed himself so directly in my way, calling out, “Whither so fast, my love?”— that I could only have proceeded by running into his arms.
In a moment both my hands, by different persons, were caught hold of, and one of them, in a most familiar manner, desired, when I ran next, to accompany me in a race; while the rest of the party stood still and laughed.
I was almost distracted with terror, and so breathless with running, that I could not speak; till another, advancing, said, I was as handsome as an angel, and desired to be of the party. I then just articulated, “For Heaven’s sake, gentlemen, let me pass!”

Dieses Drangsalieren einer jungen Frau durch eine Gruppe Männer liest sich erschreckend modern.

— Etwas förmlicher laufen die Treffen in assembly rooms ab. Die jungen Leute tanzen, streng reglementiert; die alten spielen Karten. Beim Lesen ist mir selber die Idee zu einem Kartenspiel gekommen. Für zwei oder mehr Spieler, kooperativ oder kompetitiv, als Erzählspiel oder doch eher klassisch mit nachgeahmten Erzählelementen – das weiß ich alles noch nicht. Die Spieler haben jedenfalls eine Reihe von Personenkarten auf der Hand, verdeckt von einem Stapel: junger Mann, junge Frau, alte Frau. Außerdem gibt es noch Funktionskarten: „ist Geschwister von“, „ist Kind von“, „ist in Liebe verfallen“ oder auch „ist verfeindet mit“. Spieler können zuerst Personenkarten ausspielen, etwa bei einem Treffen im Teehaus, als Begleitung von bekannten, bereits gespielten Karten. „Lord Orville erscheint zusammen mit einer jungen Frau“ heißt es dann. Oder Spieler können zuerst Funktionskarten ausspielen, also an bereits ausgespielte, vom Typ dazu passende Karten: „Lord Orville hat ein Geschwister“, „Polly ist verliebt“. Und man kann vor allem bereits ausgespielte Karten ergänzen, Personen um zusätzliche Funktionen, oder Funktionenkarten mit der noch fehlenden Person dazu versehen. Eine assembly-Phase bietet immer Gelegenheit, neue Karten auszuspielen; ansonsten gibt es noch Ereigniskarten, „Ein Brief“ etwa, die ermöglichen, neue Karten ins Spiel zu bringen.

Na gut, ich müsste noch mal darüber nachdenken. Jedenfalls ist Evelina die Art Geschichte, wo zuerst eine Person auftaucht („unglücklicher Mann in Schwarz“), dann eine Geschichte dazu offenbart wird, aber natürlich diskret und ohne Namen („ist verstoßenes Kind von“ und „ist verliebt in“), wo man genau weiß, dass die passenden Personenkarten dazu später noch aufgedeckt werden („ist verliebt in“) oder bereits auf dem Tisch liegen, aber noch nicht zugeordnet („ist verstoßenes Kind von“). Und tatsächlich kommt der eine oder andere Twist im Plot sehr überraschend und unerwartet: „[T]hat lady – is the daughter of Sir John Belmont! – of my father!“

— Populär war das Buch sicher auch wegen der satirischen Überzeichnung der Charaktere. Evelinas französische Großmutter; ein raubeiniger Kapitän (ganz ohne Seele aus Gold); die peinliche Verwandschaft und vor allem die unerwünschten Werber um Evelina sind solche Gestalten. Zwei davon, Mr Coverley und Lord Merton, geraten einmal einander, nicht wegen Evelina, sondern wegen ihrer Kutschen. Der Rest der Gesellschaft redet ihnen ein gefährliches Wettrennen aus und verlangt, dass die Tausend-Pfund-Wette anders ausgeführt werden soll. Reihum muss jeder einen Vorschlag machen, wie die neue Wette aussehen soll. Die resolute Mrs Selwyn schlägt das Rezitieren von Horaz-Oden vor:

“I will then explain myself more fully. As I doubt not but you are both excellent classics, suppose, for the good of your own memories, and the entertainment and surprise of the company, the thousand pounds should fall to the share of him who can repeat by heart the longest ode of Horace?”

Damit haben die Herren nun nicht gerechnet und versuchen sich herauszureden:

“But, did you study politics at school, and at the university?”
“At the university!” repeated he, with an embarrassed look; “why, as to that, Ma’am – no, I can’t say I did; but then, what with riding – and – and – and so forth – really, one has not much time, even at the university, for mere reading.”
“But, to be sure, Sir, you have read the classics?”
“O dear, yes, Ma’am! – very often – but not very – not very lately.”
“Which of the Odes do you recommend to these gentlemen to begin with?”
“Which of the Odes! – Really, Ma’am, as to that, I have no very particular choice; – for, to own the truth, that Horace was never a very great favourite with me.”
“In truth I believe you!” said Mrs. Selwyn, very drily.

Tatsächlich nehmen die zwei Herren dann einen anderen Vorschlag an. Zwei alte Frauen, jeweils mindestens achtzig, werden gesucht und sollen ein Wettrennen ausführen:

He told me that, to his great satisfaction, the parties had been prevailed upon to lower the sum from one thousand to one hundred pounds; and that they had agreed it should be determined by a race between two old women, one of whom was to be chosen by each side, and both were to be proved more than eighty years of age, though, in other respects strong and healthy as possible.

Und das Rennen läuft dann auch so unwürdig ab, wie man sich das vorstellt:

When the signal was given for them to set off, the poor creatures, feeble and frightened, ran against each other: and, neither of them able to support the shock, they both fell on the ground.

— Das Lesen hat mir großes Vergnügen bereitet. (Das heißt, ich fühlte mich nicht in Geschmack und Intelligenz beleidigt, und wollte stets wissen, wie es weiter geht.) Ich frage mich ein wenig, warum das so war. Wieso bereitet mir Evelina Vergnügen, der Arztroman aus dem Bahnhofsbuchhandel nicht? Vermutlich kann Burney einfach besser schreiben, aber auf dieser Ebene fällt mir das Analysieren schwer. Auf jeden Fall lerne ich beim Lesen von Evelina etwas über die Welt – über die Welt der Leser und Leserinnen, die dieses Buch damals lasen und zu einem Bestseller machten. Beim Arztroman lerne ich nichts über die Welt der Leser und Leserinnen, was ich nicht schon weiß, und die fiktive Welt interessiert mich auch nicht. (Bei Perry Rhodan und Superhelden ist das anders.)

Unwillkürlich vergleiche ich das Buch auch mit deutschen Romanen der gleichen Zeit. Und da kenne ich mich tatsächlich kaum aus, Werther fällt mir ein und etwas später Wilhelm Meister; Nicolai und Wieland habe ich nie gelesen. Auch wenn Werther sich in der zweiten Hälfte auf einem Schloss herumtreibt: Über die Gesellschaft damals erfahre ich nichts, aus Sicht einer Frau sowieso nicht. Da ist alles verklärt.

(In Kürze dann vielleicht zu Jane Eyre.)