O. Henry, The Four Million

Ich habe O. Henry als Student entdeckt, drei, vier schmale antiquarische Bändchen mit seinen Kurzgeschichten, dann bald darauf eine eng gedruckte Gesamtausgabe auf dünnem Papier. Damals müssen meine Augen noch besser gewesen sein. Auch diese Ausgabe war antiquarisch und O. Henry schon lange nicht mehr salonfähig. Aber ich fand die Geschichten, nein, eher: den Tonfall toll. The Four Million, war, so pflege ich zu erinnern, der erste Band, den ich gelesen habe; es ist auch die erste Kurzgeschichtensammlung von O. Henry (nach einem Band mit romanhaft verknüpften Einzelepisoden), und gleich der erste Satz der ersten Geschichte hatte einen Rhythmus, der …

Gottfried Keller, Sieben Legenden

Gottfried Kellers Romane Der grüne Heinrich und Martin Salander habe ich nie gelesen, sie klingen mir immer noch zu ernst; aber seine Novellenzyklen Die Leute von Seldwyla, Züricher Novellen und Das Sinngedicht schon – und jetzt eben auch die Sieben Legenden. Man überschätzt gerne dicke Bücher, weil man stolz darauf ist, sie gelesen zu haben (E.M. Forster), und vielleicht gilt das auch für alte Bücher. Warum auch immer, das neunzehnte Jahrhundert bereitet mir tatsächlich Vergnügen. (Bei Fontane bin ich noch skeptisch.) Aber dieses kleine Büchlein ist wirklich schön, auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, das Heranwachsenden etwa in der …

Wilhelm Raabe, Stopfkuchen

“Eine See- und Mordgeschichte”, so der Untertitel. Ha! Das ist jetzt das dritte Werk des poetischen Realismus, das ich in relativ kurzer Folge gelesen habe, und bei allen gab es Mord- und Totschlag, und bei allen dauerte es bewusst und absichtlich und foppenderweise ewig, bis etwas passierte. Ist das Programm? Von “Die schwarze Spinne” kennt man die grusligen Szenen, und dabei sind die ersten 20% der Erzählung nichts als idyllische Hochzeitsvorbereitung. Der zweite Teil von Auch Einer besteht fast nur aus nichts. Und auch der Inhalt dieser See- und Mordgeschichte ist schnell wiedergegeben: Der Erzähler, erfolgreicher Schafzüchter in Kolonial-Afrika, weit …

Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne

Vermutlich habe ich diese Novelle zu meiner Studienzeit gelesen, als Schüler sicher nicht. Von der Geschichte wusste ich schon lange, als Beispiel für phantastische Literatur (da hatte ich ja viel gelesen, auch Literaturgeschichtliches) oder als Fassung der modernen Wandersage von der aufplatzenden Beule, aus der lauter kleine Spinnen kommen. Dennoch hat sie mich beim ersten Lesen dann recht kalt gelassen. Das war jetzt anders: was für eine interessante Geschichte! Von wegen Horror – die ersten 20% sind reine Rahmenhandlung, und was für eine brave, sittsame, wohlgefällige. Es geht um die Taufe eines Kindes, und da dreht es sich um zwei …

E. E. Kellett, The Lady Automaton

1. Hintergrund In der 6. und 7. Klasse las ich William Tenn, weil mir dessen Werke zufällig über einen Freund in den Weg gespült wurden. Sonst wäre mir dieser Autor zwar da und dort in Anthologien begegnet, aber ich hätte wahrscheinlich nicht vor ein paar Jahren die dreibändige Werksausgabe (einschließlich nonfiction) gelesen und wäre nicht auf den Aufsatz “ ‘The Lady Automaton’ by E. E. Kellett: A Pygmalion Source?” gestoßen. Veröffentlicht hat Tenn, bürgerlich Englischprofessor, diesen Aufsatz unter seinem bürgerlichen Namen Philip Klass in Shaw , 1982, Vol. 2 (1982), pp. 75–100, zusammen mit Kelletts ursprünglicher Geschichte. “The Lady Automaton” erschien …

Michael Maar, Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur

Ein Buch, das man Deutschlehrkräften schenkt, habe ich mir sagen lassen. Meine Mutter hatte ein bisschen hineingelesen und es dann an mich weitergegeben (ebenso wie bei und zusammen mit Matthias Heine, Krass. 500 Jahre deutsche Jugendsprache, das sich zumindest wegen der Ausführung zur Studentenszene in Deutschland zum Anfang des 19. Jahrhunderts gelohnt hat, über die ich zu wenig wusste). Der Hauptteil des Buches besteht darin, dass Michael Maar Autoren und Autorinnen der deutschprachigen erzählenden Literatur mit ausgewählten Werken und Passagen vorstellt und jeweils als Beispiel für gelungenen Stil präsentiert. Stil ist für ihn etwas, das vom Plot losgelöst ist und …

Klaus Modick: Fahrtwind (auch wenn man nicht viel darüber erfährt)

1. Geplänkel Frau Rau reichte mir vor ein paar Monaten eine Buchbesprechung aus der Süddeutschen Zeitung weiter, und zwar aus zwei Gründen: erstens geht es um eine Art moderner Nacherzählung des Taugenichts von Joseph von Eichendorff, und zweitens ist das von Klaus Modick. Klaus Modick ist ein deutscher Schriftsteller, von dem ich in einer prägenden Phase viel gelesen habe und dessen erfolgreiche Laufbahn ich seitdem aus den Augenwinkeln verfolgt habe. Man stößt wirklich immer wieder mal auf seinen Namen. In Oldenburg stand ich mal vor seinem Haus, wirklich ganz zufällig, weil wir jemanden dort besuchten und ich beim Spazierenlaufen auf …

Ted Chiang, Stories of your Life and Others (revisited)

Im April 2019, also spät, habe ich Stories of your Life and Others von Ted Chiang gelesen. Die Geschichten darin und die ganze Sammlung haben mir sehr gut gefallen, warum habe ich damals nicht darüber gebloggt? Anlässlich eines Podcasts mit Ted Chiang (von dem vorletztes Jahr dann auch endlich eine zweite Kurzgeschichtensammlung erschien) versuche ich mal zu schauen, an was ich mich noch erinnern kann: “Tower of Babylon“Sagenhaft. Chiangs erste Veröffentlichung; verdient Preise gekriegt. Es ist Science Fiction im besten Sinn, mit dem Twist, dass es halt in der fernen Vergangenheit spielt: Was wäre, wenn der Turmbau zu Babel technisch …

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 3

Fontanefan, wenn du das hier liest und noch nicht fertig mit der Lektüre von Auch Einer bist: Es kommen Spoiler! Du wirst das Lesen dieses Blogeintrags vielleicht auf später verschieben wollen. (Aber ich sehe gerade, du bist auch schon in der zweiten Hälfte.) Alle anderen: das wird hier etwas länger. (Fortsetzung von hier.) Der ursprüngliche Band 1 bestand aus einem knappen Drittel heiterer Rahmenerzählung, gefolgt von gut zwei Dritteln heiterem Steinzeitroman. Auch der ursprüngliche Band 2 besteht aus einem knappen Drittel Rahmen- und zwei Dritteln Binnenerzählung. Der Erzähler und Herausgeber stößt auf die Spur des unbekannten A.E. – er sieht …

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 2

Fortsetzung von hier. Es geht in diesem Blogeintrag um die lange Binnenerzählung “Der Besuch. Eine Pfahldorfgeschichte”, die zwei Drittel des ersten der beiden Romanbände ausmacht. Diese Geschichte ist keine Parodie, glaube ich, auf das wohl eine kleine Weile populäre Thema der Pfahlbaukulturen. Aber eine Parodie ist es vermutlich, ich weiß nur nicht, worauf. Es ist ein Werk des Realismus, etwas launig, nicht ganz so sehr wie bei Gottfried Keller. Aber es gibt mitunter eine stark auktoriale Erzählstimme und viele bewusst gesetzte Anachronismen. Die Handlung ist nicht komplex: Der schneidige Arthur kommt ins jungsteinzeitliche Pfahlbaudorf und erhitzt die Gemüter. Denn erstens …