Michael Maar, Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur

Ein Buch, das man Deutschlehrkräften schenkt, habe ich mir sagen lassen. Meine Mutter hatte ein bisschen hineingelesen und es dann an mich weitergegeben (ebenso wie bei und zusammen mit Matthias Heine, Krass. 500 Jahre deutsche Jugendsprache, das sich zumindest wegen der Ausführung zur Studentenszene in Deutschland zum Anfang des 19. Jahrhunderts gelohnt hat, über die ich zu wenig wusste). Der Hauptteil des Buches besteht darin, dass Michael Maar Autoren und Autorinnen der deutschprachigen erzählenden Literatur mit ausgewählten Werken und Passagen vorstellt und jeweils als Beispiel für gelungenen Stil präsentiert. Stil ist für ihn etwas, das vom Plot losgelöst ist und …

Klaus Modick: Fahrtwind (auch wenn man nicht viel darüber erfährt)

1. Geplänkel Frau Rau reichte mir vor ein paar Monaten eine Buchbesprechung aus der Süddeutschen Zeitung weiter, und zwar aus zwei Gründen: erstens geht es um eine Art moderner Nacherzählung des Taugenichts von Joseph von Eichendorff, und zweitens ist das von Klaus Modick. Klaus Modick ist ein deutscher Schriftsteller, von dem ich in einer prägenden Phase viel gelesen habe und dessen erfolgreiche Laufbahn ich seitdem aus den Augenwinkeln verfolgt habe. Man stößt wirklich immer wieder mal auf seinen Namen. In Oldenburg stand ich mal vor seinem Haus, wirklich ganz zufällig, weil wir jemanden dort besuchten und ich beim Spazierenlaufen auf …

Ted Chiang, Stories of your Life and Others (revisited)

Im April 2019, also spät, habe ich Stories of your Life and Others von Ted Chiang gelesen. Die Geschichten darin und die ganze Sammlung haben mir sehr gut gefallen, warum habe ich damals nicht darüber gebloggt? Anlässlich eines Podcasts mit Ted Chiang (von dem vorletztes Jahr dann auch endlich eine zweite Kurzgeschichtensammlung erschien) versuche ich mal zu schauen, an was ich mich noch erinnern kann: “Tower of Babylon“Sagenhaft. Chiangs erste Veröffentlichung; verdient Preise gekriegt. Es ist Science Fiction im besten Sinn, mit dem Twist, dass es halt in der fernen Vergangenheit spielt: Was wäre, wenn der Turmbau zu Babel technisch …

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 3

Fontanefan, wenn du das hier liest und noch nicht fertig mit der Lektüre von Auch Einer bist: Es kommen Spoiler! Du wirst das Lesen dieses Blogeintrags vielleicht auf später verschieben wollen. (Aber ich sehe gerade, du bist auch schon in der zweiten Hälfte.) Alle anderen: das wird hier etwas länger. (Fortsetzung von hier.) Der ursprüngliche Band 1 bestand aus einem knappen Drittel heiterer Rahmenerzählung, gefolgt von gut zwei Dritteln heiterem Steinzeitroman. Auch der ursprüngliche Band 2 besteht aus einem knappen Drittel Rahmen- und zwei Dritteln Binnenerzählung. Der Erzähler und Herausgeber stößt auf die Spur des unbekannten A.E. – er sieht …

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 2

Fortsetzung von hier. Es geht in diesem Blogeintrag um die lange Binnenerzählung “Der Besuch. Eine Pfahldorfgeschichte”, die zwei Drittel des ersten der beiden Romanbände ausmacht. Diese Geschichte ist keine Parodie, glaube ich, auf das wohl eine kleine Weile populäre Thema der Pfahlbaukulturen. Aber eine Parodie ist es vermutlich, ich weiß nur nicht, worauf. Es ist ein Werk des Realismus, etwas launig, nicht ganz so sehr wie bei Gottfried Keller. Aber es gibt mitunter eine stark auktoriale Erzählstimme und viele bewusst gesetzte Anachronismen. Die Handlung ist nicht komplex: Der schneidige Arthur kommt ins jungsteinzeitliche Pfahlbaudorf und erhitzt die Gemüter. Denn erstens …

Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 1

Ein namenlos bleibender Erzähler wandert in der Schweiz, um den Zuger See herum und läuft dort immer wieder einem anderen Wanderer über den Weg. Die beiden freunden sich fast an, doch der Unbekannte, A.E. genannt (“Auch Einer”, hat das halbe Buch gedauert, bis ich das kapiert habe), wahrt eine gewisse Distanz. Er nennt seinen Namen nicht und will auch den des Erzählers nicht wissen, um das Verhältnis so ganz von Mensch zu Mensch halten, ohne Achtung von Herkunft oder Stand. Im Lauf ihrer vielen Gespräch erklärt A.E. dem Erzähler seine Philosophie, sein Weltbild. Schon früh fällt dabei der Begriff von …

Intensive und extensive Beschäftigung mit Lektüre: Avengers 142

Im 18. Jahrhundert änderte sich auch das Leseverhalten in Westeuropa, soweit ich weiß. Davor lasen viele Leute nur wenige Werke, oft erbauliche, und vor allem die Bibel; diese wenigen Werke dafür aber um so gründlicher: intensive Lektüre. Mit wachsender Alphabetisierung, mit der schnell wachsenden Popularität von Romanen las man danach viel und schnell und gierte nach Fortsetzungen und neuen Romanen: extensive Lektüre. In meiner Kindheit und Jugend las ich viel, und wenn ich auch immer wieder zu bewährten Lieblingstexten griff und diese wieder und wieder las, intensiv, dann insgesamt doch wahrscheinlich extensiv, stets auf der Suche nache Neuem. Bei Musik …

Gelesen: Bernhard Spring, Folgen einer Landpartie (2010)

Das Buch ist ein Krimi oder wird jedenfalls als solcher verkauft: “Ein historischer Halle-Krimi” aus der Reihe TatortOst. Ich mag Krimis – Hammett und Chandler aus den einen, den englischen Whodunnit aus den anderen Gründen. Bei letzterem gibt es oft einen Mehrwert: Der klassische Krimi mit seinen Serienfiguren verlangt, dass die Figur in jeder neuen Geschichte an einen neuen interessanten Ort kommt oder in einem neuen Milieu arbeitet. Ich habe Krimis gelesen, die in der Briefmarkensammlerszene spielten, unter Comicsammlern, bei englischen Moriskentänzern, auf einer Buchhandelsmesse. Man kriegt immer so ein bisschen interessante Information mit. Ein bisschen anders sind die Regionalkrimis. …

Bücher 2020

Meine gelesenen Bücher 2020, viele davon in den ersten Monaten des Jahres. Danach habe ich immer wieder wochenlang kein Buch gelesen, und dann auch nur eher dünne Pflichtsachen. So wenig wie vielleicht nie in meinem Leben? (In den letzten 20 Jahren habe ich nur 2015 weniger Bücher gelesen.) Deshalb gibt es auch weniger Blogeinträge dazu als in den letzten Jahren. Ein paar Podcasts gemacht, aber auch nicht viele. Nur eine Ukulelenrunde. 8 Bücher von Frauen, 31 von Männern, Rest gemischt. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Nat Love, The Life and Adventures of Nat Love, Better Known in the …

Jane Austen, Emma: Die Schwangerschaft der Mrs. Weston

Kurz vor Beginn der Handlung hat die Erzieherin/Vertraute von Emma Woodhouse den Woodhouse-Haushalt verlassen, um zu heiraten; Emma lebt nun allein mit ihrem Vater, die Mutter starb vor vielen Jahren. Emma ist zwanzig Jahre alt, selbstbewusst, selbstständig, dezidiert nicht an Heirat interessiert – jedenfalls nicht an einer eigenen: Ansonsten bildet sie sich nämlich ein, eine gutes Auge dafür zu haben, wer zu wem passt und wer an wem interessiert ist, und versucht aktiv Pärchen zu verkuppeln, was alles nicht gut geht. “Not for the world,” said Emma, smiling graciously, “would I advise you either way.” Dabei manipuliert sie die arme …