Das Internet ist nicht mehr böse

Thomas Knüwer von Indiskretion Ehrensache schreibt anlässlich der Verleihung der Goldenen Blogger, dass sich die Wahrnehmung von Blogs geändert hat: Die Presse beschmäht sie nicht, sondern interessiert sich dafür. Selber fällt mir auf, dass in der Tagesschau regelmäßig von Twitter die Rede ist, mehr noch als von Facebook. (Gut, das liegt an Trump.) Und vor ein paar Tagen war ich auf einer Fortbildung, wo ich mich ins Jahr 2005 zurückversetzt wähnte: Das Internet war plötzlich kein Ort des Bösen mehr, sondern auch ein Ort der Verwirklichung, der Kommunikation und Zusammenarbeit. Das war ja bereits die Sicht der Minderheit, die 2005 im Web war – bevor dann das Internet Massenphänomen wurde und Facebook das Web 2.0 kaputt gemacht hat. Ganz kaputt? Nein, die Urgesteine von damals gab und gibt es immer noch. Und jetzt plötzlich höre ich auf das Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen und Schulleitungen plötzlich wieder.

Und das kommt wohl so:

1. Die Europäische Union

Es gibt einen Europäischen Referenzrahmen für digitale Kompetenzen (Digital Competence Framework). Über welche digitale Kompetenzen soll ein europäischer Bürger in Zukunft verfüge? In der aktuellen Fassung werden 21 Kompetenzen aufgezählt, eingeteilt in fünf Bereiche:

  1. Informations- und Datenkompetenz
  2. Kommunikation und Kooperation
  3. Erstellung digitaler Inhalte
  4. Sicherheit
  5. Problemlösung

Bemerkenswert vor allem die Kommunikation und Kooperation und das Erstellen digitaler Inhalte.

2. Die Kultusministerkonferenz

Die KMK hat ein Strategiepapier entworfen (Blogeintrag dazu), in dem sich die Länder dazu verpflichten, dass die Schülerinnen und Schüler, die kommendes Schuljahr in die 5. Klasse kommen, Gelegenheit erhalten, eine lange Reihe digitaler Kompetenzen zu erwerben. Hier heißen die Bereiche so:

  1. Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren
  2. Kommunizieren und Kooperieren
  3. Produzieren und Präsentieren
  4. Schützen und sicher Agieren
  5. Problemlösen und Handeln
  6. Analysieren und Reflektieren

Die Kompetenzen gehen dabei von „Digitale Technologien gesundheitsbewusst nutzen“ und „Digitale Technologien für soziales Wohlergehen und Eingliederung nutzen“ über „Digitale Werkzeuge für die Zusammenarbeit bei der Zusammenführung von Informationen, Daten und Ressourcen nutzen“ und „Digitale Werkzeuge bei der gemeinsamen Erarbeitung von Dokumenten nutzen“ bis zu „Mit Hilfe verschiedener digitaler Kommunikationsmöglichkeiten kommunizieren“ oder „Algorithmische Strukturen in genutzten digitalen Tools erkennen und formulieren“.

3. Bayern

Als Teil der Umsetzung dieser Strategien hat sich Bayern einen Kompetenzrahmen zur Medienbildung an bayerischen Schulen gegeben, mit folgenden digitalen Kompetenzen:

  1. Basiskompetenzen
    1. Medienangebote und Informatiksysteme (Hardware-, Software und/oder Netzwerkkomponenten) sach- und zielorientiert handhaben
    2. Funktionsweisen und grundlegende Prinzipien von Medienangeboten und Informatiksystemen durchdringen und zur Bewältigung neuer Herausforderungen einsetzen
    3. Probleme insbesondere in Medienangeboten und Informatiksystemen identifizieren und auch mit Hilfe von Algorithmen lösen
    4. Eigene Kompetenzen im Umgang mit Medienangeboten und Informatiksystemen zur Optimierung entwickeln
  2. Suchen und Verarbeiten
    1. Aufgabenstellungen klären, Informationsbedarfe ableiten und Suchstrategien entwickeln
    2. Mediale Informationsquellen begründet auswählen und gezielt Inhalte entnehmen
    3. Daten und Informationen analysieren, vergleichen, interpretieren und kritisch bewerten
    4. Daten und Informationen zielorientiert speichern, zusammenfassen, strukturieren, modellieren und aufbereiten
  3. Kommunizieren und Kooperieren
    1. Mit Hilfe von Medien situations- und adressatengerecht interagieren
    2. Analoge und digitale Werkzeuge zur effektiven Gestaltung kollaborativer als auch individueller Lernprozesse verwenden und Resultate mit anderen teilen
    3. Medien zur gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft aktiv und selbstbestimmt nutzen
    4. Umgangsregeln, ethisch-moralische Prinzipien sowie Persönlichkeitsrechte bei digitaler Interaktion und Kooperation berücksichtigen
  4. Produzieren und Präsentieren
    1. Werkzeuge zur Realisierung verschiedener Medienprodukte auswählen und zielgerichtet einsetzen
    2. Medienprodukte unter Berücksichtigung formaler und ästhetischer Gestaltungskriterien und Wirkungsabsichten erstellen
    3. Arbeitsergebnisse unter Einsatz adäquater Präsentationstechniken und medialer Werkzeuge sach- und adressatenbezogen darbieten
    4. Publikationswege erschließen, Medienprodukte unter Wahrung von Persönlichkeits- und Urheberrecht erstellen und veröffentlichen
  5. Analysieren und Reflektieren
    1. Inhalte, Gestaltungsmittel, Strukturen und Wirkungsweisen von Medienangeboten und Informatiksystemen analysieren und bewerten
    2. Interessengeleitete Setzung und Verbreitung medialer Inhalte erkennen und Einfluss der Medien auf Wertvorstellungen, Rollen- und Weltbilder sowie Handlungsweisen hinterfragen
    3. Bedeutung der Medien und digitaler Technologien für die Wirtschaft, Berufs- und Arbeitswelt reflektieren
    4. Potenziale und Risiken der Digitalisierung und des Mediengebrauchs für das Individuum und die Gesellschaft beurteilen

Auch hier sind es wieder die Bereiche 3 und 4, die mich besonders freuen.


Erfüllt werden soll dieser Kompetenzrahmen unter anderem dadurch, dass sich Schulen ein Medienkonzept geben müssen, das aus einem Mediencurriculum besteht (was davon sollen die Schüler und Schülerinnen wann lernen?), einem Fortbildungsplan (was müssen die Lehrer und Lehrerinnen dazu lernen?) und Absprachen mit dem Sachaufwandsträger (welche Ausstattung ist dafür nötig?). Und darum ging es auf der Fortbildung.

Für mich war die Fortbildung richtig, weil sie vor allem das vorstellte, was ich mir seit Jahren vorstelle, und ich war froh, dass das auch meine Kollegen gehört haben. Zugegeben, ein bisschen hinkt das noch hinterher – Linklisten als Beispiel zur Zusammenarbeit unter Kollegen und Kolleginnen sind ein bisschen altbacken, aber das war auch nicht der Ort für konkrete Vorschläge. Es wurde viel von Mündigkeit und Selbstverwirklichung gesprochen, sehr gut, auch wenn konkrete Vorschläge dann doch zu oft auf „braucht man später im Beruf“ hinausliefen. Nein, das sollte nicht der Kern sein. – Auch vom Aufbau her war die Fortbildung für mich richtig: Vier Nachmittagsstunden, sehr eng getaktet, kurze Vortragsphasen gefolgt von vielen kurzen Gruppenarbeitsphasen, wo die Vertreter der Schulen mal miteinander mussten. Keine expliziten Pausen.

Bei den konkreten Überlegungen für meine Schule fiel mir wieder auf, dass wir dort auf recht hohem Niveau jammern. Wir brauchen, wie alle Schulen, flächendeckende WLAN; sonst haben wir alles. (Andere Kollegen beklagten, dass sie ihre konkreten Apple-Produkte nicht kriegten; wieder andere halten konkrete Microsoft-Software für unabdingbar. Beide irren sich. Abhängigkeit von konkreter Hard- und Software ist schon vom Ansatz her ein Fehler.) Das mit dem WLAN wird sicher teuer und damit ein Problem; ob man das erst für Lehrkräfte oder später auch für Schülerinnen und Schüler öffnet, können die Schulen ja selber entscheiden.

Der nächste Schritt ist also die Erstellung des Mediencurriculums, gefolgt vom restlichen Medienkonzept, gefolgt von der – sicher allmählichen – Implementierung. Ich freue mich darauf und bin gespannt, wie das bei uns laufen wird. Man kann entweder schauen, was der Lehrplan jetzt schon hergibt, und daraus ein Curriculum bauen – dann landet man schnell bei „machen wir eh alles schon“, wobei geflissentlich übersehen wird, was beim Lehrplan am Ende tatsächlich herauskommt.

Ich wünsche mir eher, dass man darauf schaut, was Schüler und Schülerinnen am Ende der 10. oder 11. Jahrgangsstufe können sollen, was sie bisher tatsächlich können, und wie sich das, was sie noch nicht können, am geeignetsten auf die Jahrgangsstufen und Fächer verteilen lässt.

Neu ist für mich der Gedanke, dass es jetzt nicht mehr nur darum geht, wie ein Lehrer oder eine Lehrerin ihren bisherigen Unterricht mit digitalen Mitteln besser machen kann. Vielmehr sind digitale Medien ein eigener Unterrichtsinhalt, den die Schule auf die verschiedenen Fächer verteilen muss. Dabei wird es sicher noch Platz geben für die funktionalen Digitalverweigerer, die auch zur Vielfalt an einer Schule gehören. Aber die Schule als ganze kann sich hoffentlich nicht drücken – es sei denn, das Mediencurriculum geht den Weg der Verkehrserziehung.

(Hier bei Mebis mehr über Medienkonzepte, kann man auch ohne Zugang lesen.)

– Und einen Neffen habe ich bei der Fortbildung auch getroffen, darauf hatte ich gehofft. Der geht auf die Schule dort.

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