Altruismus in Pokémon Go

By | 14.7.2017

Manchmal verteile ich beim Spazierengehen eine Runde Pokémon-Beeren an fremde Pokémon. Und das kommt so:

Es gibt bei Pokémon Go an verschiedenen Orten Arenen, in die man eines seiner eigenen Pokémon setzen kann – vorausgesetzt, einer der sechs Plätze in der Arena ist noch frei und man hat nicht schon ein anderes Pokémon in dieser Arena, und vor allem: vorausgesetzt, die Arena gehört zum eigenen Team. Es gibt drei Teams: Blau (Yay!), Rot (Buh!) und Gelb. Notfalls muss man die von einem anderen Team besetzte Arena erst erobern, indem man alle Pokémon darin (mehrfach) besiegt und dadurch nach Hause schickt.

Seit ein paar Wochen gibt es neue Spielregeln. Jetzt ist es so: Je länger ein Pokémon in einer Arena sitzt, desto leichter kann man es besiegen, weil es mit der Zeit müde wird. Man kann es aber aufpäppeln, indem man ihm eine Pokémonbeere zuwirft. Das geht nur, wenn man selber in der Nähe der Arena steht. Allerdings muss man das nicht selber machen, jeder Spieler, der dem gleichen Team angehört, kann das tun.

Ich habe nicht viele Pokémon in Arenen sitzen, weil ich nicht sehr intensiv spiele. Zur Zeit hält sich aber eines meiner Pokémon schon überraschend lange in einer recht zentral gelegenen Arena, obwohl ich da nicht oft vorbeischaue. Ich kann mir das nur so erklären, dass Passanten regelmäßig Beeren an meines und die anderen Pokémon meines Teams verfüttern.

(Zum Vergleich: Wenn ich ein Pokémon in die Arena im Pausenhof meiner Schule setze, ist das nach ein paar Stunden herausgekickt und die Arena wieder im Besitz eines anderen Teams. Und das teilweise mitten während der Unterrichtszeit! Schulfremde Personen, bestimmt.)

Also mache ich das auch so. Wenn ich an einer Arena vorbeikomme, die zu meinem Team gehört, dann schaue ich nach, ob da Platz für eines von meinen ist, und außerdem schaue ich, ob ich den Pokémon dort eine Beere spendiere. Für mich als Spieler ist das unmittelbar erst einmal ein Nachteil. (Na gut, das ist ein wenig geschönt: Man hat immer genug Beeren übrig. Aber das Beerenspenden ist trotzdem Aufwand. Aber noch mehr na gut, man kriegt auch eine Medaille fürs fleißige Beerenspenden.)

So ähnlich funktioniert das auch mit dem iterierten Gefangenendilemma (recht alter Blogeintrag dazu), einem Musterfall aus der Spieltheorie: Zwei Spieler entscheiden sich unabhängig voneinander für oder gegen Kooperation; am meisten Vorteile hat man dabei, wenn man als einziger nicht kooperiert (selbstsüchtig agiert), am dümmsten ist es für alle, wenn keiner kooperiert. Bei Pokémon Go hoffe ich, dass Spieler aus meinem Team mein Pokémon füttern, obwohl es ihnen nicht unmittelbar etwas bringt; und ich füttere fremde Pokémon, auch wenn es mir nicht unmittelbar etwas bringt. Das Team, das besser auf diese Art kooperiert, hat einen evolutionären Vorteil.

Ich spiele nicht viele Spiele; vielleicht gibt es noch mehr, die Kooperation unter Fremden ohne unmittelbaren Austausch fördern? Dem Bettler in der Straße habe ich dann auch Geld gegeben, weil ich mich schäbig fühle, nur meine Pokémons zu unterstützen. (Würde ich das noch öfter tun, wenn ich Badges dafür kriegte, virtuelle Medaillen? Ab hier will ich nicht mehr weiter denken; wahrscheinlich ist es ja ohnehin nur Zufall, dass mit meinen Pokémon, und ohnehin ein sehr geringer Effekt. Dann ist das hier alles wohl Unsinn.)

6 thoughts on “Altruismus in Pokémon Go

  1. Aginor

    Interessanter Beitrag, sowohl was diese anonyme, und – bis zu einem gewissen Grad – altruistische/gemeinschaftliche Interaktion zwischen Spielern angeht (ich spiele kein Pokémon Go, kenne mich daher damit nicht aus), aber auch wegen des letzten Gedankens den Bettler betreffend.

    Wenn es im echten Leben Badges gäbe, würden dann Leute dann mehr Dinge tun, die sie sonst nicht täten? Also etwa bedüftige Menschen unterstützen?
    Ich denke ja, bis zu einem gewissen Grad. Das ganze geht in den Bereich „Gamification“, den ich persönlich sehr spannend finde.

    Prinzipiell denke ich da ist was dran. Für ein Badge (vor allem wenn es für andere aus der peer group sichtbar ist) würden Leute viele Dinge tun. Gerade wenn es Kleinigkeiten (wie der einzelne Euro an den Bettler) sind, die man nebenher erledigen kann. In einer Suppenküche aushelfen gäbe viel mehr Punkte, ist aber auch ein größerer zeitlicher Aufwand und für viele Menschen unangenehm.

    Spannend ist auch die Frage: Ist es eigentlich noch Altruismus wenn man es wegen des Badges tut? Und wenn nicht: Soll man es – der positiven Auswirkung wegen, selbst wenn nicht diese, sondern das erlangen von Badges die Grundabsicht ist – fördern?

    Und was ist z.B. mit den Profi-Bettelbanden? Die will man ja nicht unbedingt fördern. Ich bin bei Bettlern immer vorsichtig weil in meiner Stadt (und auch anderswo, weiss aber nicht wie es bei Ihnen ist) diese Industrie, die oft körperlich und geistig behinderte, aber mindestens arme Menschen gnadenlos ausnutzt sich in einem erschreckenden Ausmaß augebreitet hat. Der/Die arme welche/r auf der Straße sitzt hat nichts von dem erbettelten. Dann lieber eine zentrale Stelle unterstützen, die (sichtbar!) ihre Arbeit macht, z.B. Suppenküchen, Caritas oÄ.
    Badges für Spenden an eingetragene gemeinnützige Organisationen, warum nicht?

    Und wie sieht es in anderen Bereichen aus, im Berufsleben etwa?

    Jane McGonigal hat über Gamification ein Buch geschrieben (Titel: „Reality is broken“)

    Hier ist auch ein (recht anregender wie ich finde) Vortrag von ihr:
    https://www.ted.com/talks/jane_mcgonigal_gaming_can_make_a_better_world?language=de

    Ich bin nicht sicher ob sie so ganz richtig liegt, und ich finde auch dass sie vielleicht die positiven Aspekte zu sehr in den Vordergrund stellt und dabei die möglichen negativen Aspekte etwas zu sehr vernachlässigt. Ich gebe außerdem zu, dass ich ihr Buch noch nicht gelesen habe, ich kenne sie nur aus Interviews und Vorträgen. Vielleicht geht sie im Buch mehr darauf ein.

    Ich sehe leider eben auch Gefahren: Fleißpunkte beim Arbeitgeber sind z.B. schön. Eklig wird es wenn dann plötzlich bei der Bewerbung für einen Arbeitsplatz bestimmte Badges gefordert werden.
    Oder wenn als Belohnung nur noch Badges ausgegeben werden, weil die nichts kosten, und die realen Lebens- und Arbeitsbedingungen immer schlechter werden.
    Ist wie mit den Prämienreduzierungen für gesundes Verhalten, die manche Krankenkassen jetzt vergeben. Erstmal lieb und nett, aber das ist ein schleichender Prozess: Irgendwann wird es, sollte man nicht den Tracker dabeihaben der aufzeichnet ob man sich gesund verhält eine Strafprämie geben.

    Wie gesagt, spannend in allen seinen Auswirkungen. Auch für Ihre Schülerinnen und Schüler vielleicht, die jüngere Generation ist ja viel näher dran mit der ganzen Vernetzung und so.

    Gruß
    Aginor

  2. Herr Rau Post author

    Ich habe gearde gehört, dass man fürs Spenden von Pokebeeren noch eine Belohnung in Form von Stardust kriegt (braucht man fürs Spielen), das wäre dann natürlich ein dezidiert nicht-altruistischer Grund. Aber so oder so kann ich mir ein dezentrales Gefangenendilemma-Spiel vorstellen.

    Badges im echten Leben: Ja, hätten eine Wirkung. Weniger wegen des „virtue signalling“, das Sie ansprechen, also das Signalisieren der richtigen Haltung in der Peergroup, eher wegen des Schweinehunds. Man misst ja heute alles, die Schritte im Lauf des Tages und so weiter.

    „Reality is broken“ habe ich im Regal, aber auch noch nicht gelesen. Überhaupt bin ich gerade sehr beschäftigt, sonst würde ich hier noch ausführlicher antworten. Aber ja, badges sollten nur ein Anstoß zur Verhaltensänderung sein, nichts, was man einfordert, vorzeigt oder auf Dauer als Motivation verwendet.

    Aber ich glaube, dass Zahlen einen Unterschied machen können. Cartoon dazu: http://www.smbc-comics.com/?id=3259

  3. Aginor

    SMBC ist einfach genial, und da ist natürlich wie so oft wieder was wahres dran. :D
    Eine interessante menschliche Eigenschaft.

    Wenn Sie dazu kommen „Reality is broken“ zu lesen wäre ich sehr an einer Rezension aus Ihrer Sicht interessiert.

    Gruß
    Aginor

  4. Herr Rau Post author

    Noch ein Nachtrag: Mit den neuen Regeln bringt es nicht mehr viel, eine Arena besetzt zu halten. Die wichtigen Punkte kriegt man (erst) dann, wenn man von einem anderen Team aus einer Arena hinausgeworfen wird, und zwar relativ unabhängig davon, wie lang man in der Arena war. Die Folge: Keiner will mehr siegen, man will nur noch besiegt werden. Also bietet sich die Kooperation jetzt zwischen den Teams an insofern, als man eher schwache Pokémon in die Arenen setzt und auf relativ baldige Niederlage hofft – um vielleicht einem anderen Team den ähnlichen Gefallen zu tun. Noch sind die meisten Arenen voller starker Pokémon, aber ich habe auch schon die ersten schwachen Gruppen gesehen.

  5. gruenblinder

    Nicht wirklich wahnsinnig relevant, aber „Altruismus“ und „Spieltheorie“ haben mich aufhorchen lassen.

    Zumindest so wie Oekonomen Altruismus definieren ist das schwer mit dem „Prisoner’s Dilemma“ in Einklang zu bringen. Um die effizente Loesung im wiederholten Prsioner’s Dilemma zu generieren benoetigt es nicht den Hauch von Altruismus. Allein der glaube daran, dass ein „defect“ dazufuehrt das man zum statischen Nashgleichgewicht zurueck kehrt reicht aus, dass auch einen vollstaendig selbstsuechtigen Spieler immer kooperiert. Den Grund dafuer nennen Spieltheoretiker „Folk Theorem“, da es lange bevor es bewiesen wurde im bereits als Vermutung existierte. Das Folk Theorem besagt, dass man in einem unendlich oft wiederholten Spiel (mit hinreichend geduldigen Spielern) jede Allokation erreichen kann, deren Auszahlung oberhalb der sogenannten gesicherten Auszahlung fuer alle Spieler liegt. Die gesicherte Auszahlung ist die Auszahlung dich ich mir durch optimales Verhalten sichern kann, wenn ich davon ausgehe, dass das Ziel aller anderen Spieler ist mich moeglichst schlecht zu stellen. Im Prisoner’s Dilemma ist das die Auszahlung in der beide defect spielen. Jede Auszahlung die fuer beide darueber liegt koennen sich auch voellig selbstsuechtige Spieler sichern.

    Aber da es ja hier um Altruismus ging (und bei der Pokemongeschichte ja auch nicht wirklich eine wiederholte Interaktion zwischen den SELBEN Spielern geschieht), auch dazu noch ein Hinweis.
    Experimentaloekonomen verwenden haeufig ein so genanntes Ultimatumspiel um Altruistische Praeferenzen abzufragen. Dort hat ein Spieler eine Menge Geld (z.b. 10 Euro) zur Verfuegung und darf eine Verteilungsregel vorschlagen. Der andere Spieler sieht diese Verteilungsregel und darf entscheiden ob er sie annimmt oder ablehnt. Lehnt er ab, bekommt keiner Geld, akzeptiert er wird die Verteilung implementiert.

    Selbstsuechtige Sender wuerde den kleinstmoeglichen Betrag vorschlagen (1 cent) und selbstsuechtige Empfaenger wuerden jeden Vorschlag akzeptieren, der strikt mehr als 0 cent bietet. In realen Experimenten zeigt sich jedoch, dass Spieler eine Praeferenz fuer Altruismus haben. Sie schlagen groessere Betraege vor (haeufig sogar 5 Euro/5 Euro) und die Empfaenger lehnen zu kleine Vorschlaege ab, weil sie „Egoisten“ nicht moegen. Das alles selbst wenn sie gar nicht wissen, wer ihr gegenueber ist.

    Als letztes: Um noch besser auf Altruismus zu testen, wird manchmal auch das sogenannte Diktatorspiel verwendet. Hier entscheidet der Sender einfach wie er 10 Euro aufteilen moechte und der Empfaenger ist vollstaendig passiv. Auch hier ist es ueberhaupt nicht so, dass Sender selbstsuechtig agieren und einfach die 10 Euro nehmen. Spannend wird das ganze dann, wenn man es in komplexere Entscheidungen einbettet (wem gebe ich 10 Euro? Person A, Person B oder behalte ich sie einfach? usw.)

  6. Herr Rau Post author

    Danke für die ausführlichen Anmerkungen. Ich habe nicht alles verstanden, will mir aber das Folk Theorem mal näher anschauen. Beim Gefangenendilemma denke ich – weil ich nur darüber mal ein Buch gelesen habe und sonst nicht wirklich viel zum Thema weiß – eher an nicht-rationale Spieler, also gute und böse, wobei böse nie kooperieren.

    Möglicherweise kenne ich eine Variante des Diktatorspiels aus dem Brettspiel Junta – dort zieht pro Runde der Spieler, der die Rolle von el presidente ausübt, die internationale Entwicklungshilfe ein und verteilt die nach Belieben auf sich und die anderen sechs Mitspieler. (Ziel ist es, am Schluss möglichst viel Geld nicht auf der Hand, sondern auf dem Schweizer Nummernkonto zu haben.) In einer folgenden Phase des Spiels müssen sich die Spieler dann entscheiden, ob sie putschen wollen oder nicht – und das hängt unter anderem wohl von der Gelder-Verteilung ab. (Zugegeben, wohl noch mehr davon, wie viel Lust die Spieler gerade auf eine Putsch-Phase haben.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.