Bildungsstandards und GER: Die Faustregel

Die Ergebnisse für VERA 8 liegen vor, zumindest aus Berlin. Soundsoviel Prozent der Schüler erfüllen die Bildungsstandards. Bildungsstandards, die hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Ende 2003 für den mittleren Schulabschluss eingeführt. Für Englisch hat man sich dabei am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (Common European Framework of Reference for Languages) orientiert. Der teilt die Fremdsprachfähigkeit in 6 Stufen ein:

  • A1 und A2 (Elementare Sprachverwendung)
  • B1 und B2 (Selbstständige Sprachverwendung)
  • C1 und C2 (Kompetente Sprachverwendung)

Was man auf welcher Stufe können kann, steht schön beim Goethe-Institut, hier ein Ausschnitt:

B2: Kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen; versteht im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen. Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne grössere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben.

B1: Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.

A2: Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung). Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und geläufige Dinge geht. Kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.

A1: Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen. Kann sich und andere vorstellen und anderen Leuten Fragen zu ihrer Person stellen – z. B. wo sie wohnen, was für Leute sie kennen oder was für Dinge sie haben – und kann auf Fragen dieser Art Antwort geben. Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen.

Auch im bayerischen Lehrplan stehen diese Stufen, und zwar so:

  • 5. Klasse: A1
  • 6. Klasse: A1+
  • 7. Klasse: A2
  • 8. Klasse: A2+
  • 9. Klasse: B1
  • 10. Klasse: B1+
  • 12. Klasse: B2+ (C1 im Lesen)

Diese Plus-Stufen sind im GER eigentlich nicht vorgesehen, aber man muss ja den Fortschritt von Jahr zu Jahr dokumentieren.
Da ich mir nie merken kann, wann was kommt, zähle ich immer an den Fingerknöcheln ab:

(Für B2+ am Ende der 12. Klasse hatte ich leider keine Finger mehr übrig.)

— Die Ergebnisse von VERA 8 sind leider nie groß veröffentlicht worden. Da wurde in der 8. Klasse getestet, und da hatten an meiner Schule fast alle Schüler B1 oder besser, teilweise viel besser, und ich denke, das wird in ganz Bayern so gewesen sein. Dabei müssten die Schüler doch erst am Ende der 9. Klasse so weit sein? Sollen sich die bayerischen Schüler darüber freuen oder nicht?

Nun, wer am Ende der 9. Klasse Jahres eine 4 im Zeugnis hat, dem wird bestätigt, auf der Stufe B1 zu sein – und sei es auch nur ein gerade noch erreichtes Ausreichend. Da ist schon denkbar, dass die meisten Schüler in der 8. bereits so weit sind.
Das heißt aber auch, dass diese Werte Minimalwerte sind, also ein B1 in der 9. Jahrgangsstufe. Wenn man diese Stufe erreicht, dann ist das ausreichend; wer eine Stufe drüber ist, dann ist das schon befriedigend, zwei Stufen darüber – also zum Beispiel B1+ bereits in der 8. Klasse – sind gut. (Mein Vorschlag, nicht Lehrmeinung.) Oder wie soll man das sehen? Das heißt dann aber, dass man den Schülern auch Prüfungsaufgaben von schwierigerem Niveau vorsetzen muss.

Die Alternative wäre, in der 8. Klasse nur auf A2+ zu prüfen, und wer das erfüllt, kriegt Note 1-4, wer nicht, der 5-6. Halte ich für wenig sinnvoll. Die Lehrmeinung dazu kenne ich nicht. Interessieren würde mich sehr, wie gut die Schüler in den einzelnen Jahrgangsstufen wirklich sind. Ich sag mal: extrem unterschiedlich. Außerdem in den unteren Jahrgangsstufen im Schnitt deutlich darüber, in der Oberstufe kann ich’s beim G8 nicht sagen – vermutlich schon so B2. C1 im Lesen? Sicher ein paar, aber eher wenige.

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17 Thoughts to “Bildungsstandards und GER: Die Faustregel

  1. Da du das Goethe-Institut erwähnst: Werden bei euch Zertifikatsprüfungen durchgeführt? Meine niederländischen Schüler machen beispielsweise nach drei Jahren das „Zertifikat Deutsch für Jugendliche“, was dem Niveau B1 entspricht. In den letzten beiden Jahren erreichen sie dann eigentlich alle das B2-Niveau, den Sprung zu C1 schaffen nur einige gute Schüler, da gehe ich mit dir mit.

    Ich habe heute einen C1-Text mit hervorragenden Schülern aus dem vierten Jahr bearbeitet. Das lief ganz gut, aber es ist sicherlich nicht für alle Schüler dieser Altersstufe eine angenehme Aufgabe.

    Ein kritischer Punkt ist meines Erachtens auch, dass ab B2 „Weltwissen“ und Abstraktionsfähigkeiten stärker gefragt sind und dort einige Schüler Probleme kriegen, welche sprachlich eigentlich fit sind.

  2. An unserer Schule gibt es keine Zertifikate. Mit einer 4 oder besser im Zeugnis der 9. Klasse steht dann aber im Zeugnis „B1“ – wie auch immer das interpretiert wird. Ich bin mir ganz sicher, dass unsere Schüler sehr viel früher auf B1 sind, als das der Lehrplan behauptet (jedenfalls für Lesen und Hören, aber auch beim Sprechen).
    Ob dann alle B2 schaffen, kann ich nicht beurteilen, da ich im G8 noch nie Oberstufe Englisch hatte. Fehlendes Weltwissen und fehlende Abstraktion sind aber schon in der Muttersprache ein Problem. Das hat wenig mit der Fremdsprache zu tun.

  3. Stimmt, solche Mängel haben wenig mit der Fremdsprache selbst zu tun, allerdings blockieren sie den Fortschritt dort ab einem gewissen Niveau. Insofern halte ich es für pragmatisch, in der Schule B2 als Endstufe anzusetzen.

  4. Reading 145
    Writing 150
    Listening 157
    Speaking 165
    Cambridge “ Pass with merit “ 155 Score
    In NRW werden die Referenz Stufen in der BASS explizit genannt.
    So entspräche der mittlere Bildungsabschluss dem Niveau B1,
    währenddessen für die Klasse 10 die Stufe B1+ angesetzt wird.
    Insoweit könnte die Schule
    den ausgewiesenen Sprachstand berücksichtigen,
    wenn es “ sehr gut “ aussähe.

  5. Bei einem Pre-Test für ein B2 Zertifikat in Englisch
    gab es im Bereich Sprechen B2 und für das Sprachverständnis C1.

    Kann man sich auf die Aussage des SprachInstituts verlassen?
    Es handelt sich immerhin um einen Schüler der 8.Klasse, der für einen Vorbereitungskurs gewonnen werden soll.
    Im Mai wäre sodann die Cambridgeprüfung.

  6. Hallo, Herr Rau,
    wenn ein Schüler in der neunten Klasse das Niveau B2+ erreicht,
    kann er sich dann in der Schule noch deutlich verbessern?
    Sind die Lehrkräfte so weit fortgebildet, dass sie aktuelle Sprachentwicklungen mitverfolgen?
    Gruß, Herr K

  7. >wenn ein Schüler in der neunten Klasse das Niveau B2+ erreicht, kann er sich dann in der Schule noch deutlich verbessern?

    Ja. Kann, muss aber nicht. Und ob er sich dann in der Schule oder durch die Schule verbessert, ist wieder eine andere Frage – ich habe nach der 9. Klasse viele englische Bücher (und Comics) gelesen und mich sicher auch dadurch dadurch verbessert. Im schriftlichen Ausdruck geht nach B2+ auch in der Schule noch viel, wenn man denn will – ich merke an manchen Schülern der Oberstufe, dass sie Neues aufnehmen können, andere weniger.

    >Sind die Lehrkräfte so weit fortgebildet, dass sie aktuelle Sprachentwicklungen mitverfolgen?

    Vermutlich nicht. Aktuelle Sprachentwicklungen sind gar nicht so leicht auszumachen – manches ist einfach nur Mode, nicht das, was ich unter Sprachentwicklung verstehen würde. Bei amerikanischen Sprecherinnen scheint zum Beispiel etwas zuzunehmen, was „vocal fry“ heißt, eine Art zusätzliche Untertöne, das mag aktuelle Sprachentwicklung sein, ist aber so oder so für die Schule nicht wichtig. Und neue Wörter gibt es immer wieder, die kriegt man als Lehrer oder Lehrerin schon oft mit – allerdings verschwinden manche auch wieder schnell. Es geht vielleicht eher darum, welche Sprachvarianten gesellschaftlich wie angesehen sind – also was wer wo als Fehler sieht und was nicht. Das ist aber auch schwierig.

  8. Hallo, Herr Rau,
    inzwischen liegen die Ergebnisse der letzten Cambridge Prüfüng vor:
    use of english 164
    reading 176
    writing 180
    listening 183
    speaking 180
    Der Durchschnitt beträgt 178 und wird im Cambridge Format als B2 Grade B bezeichnet, (also auf gut Deutsch B2 +).
    Nach Ihrer Faustregel entspricht dieses Niveau dem Lernstand in der 12. Klasse Gymnasium Bayern.
    Natürlich ist das Ergebnis noch steigerungsfähig in den nächsten drei Schuljahren, besonders im Bereich „use of english“ und „reading“.
    Wenn man „use of english“ übersetzt, ist damit wohl der Sprachgebrauch bezw. die Verwendung der Sprache gemeint, also Wortschatz (auch 2.) und Grammatik.
    Hier könnte die Lektüre zeitgenössischer Autoren für variablen Aussdruck sorgen und ggf. ein Grammatikkurs für sprachliche Sicherheit stehen.
    Mit dem Wortschatz und der Beherrschung der Grammatik dürfte sich auch die Lesefähigkeit weiter entwickeln.
    Welche Förderungsmöglichkeiten sehen Sie als Englischlehrer, abgesehen von einem Auslandsaufenthalt?!

  9. Diagnosen und Empfehlungen aus der Ferne sind schwierig. Vielleicht gibt es Pluskurse an der Schule? Und: Ist födern überhaupt nötig, sollte man sich nicht einfach freuen und auf andere Fächer konzentrieren? Wie gesagt, das hängt alles vom Einzelfall ab. Am besten fragen Sie einen Englischlehrer der Schule.

    Ich weiß nicht mehr, ob ich das oben deutlich geschrieben habe: Der Lehrplan des achtjährigen Gymnasiums in Bayern ist älter als die Verteilung der Stufen darauf, und die Verteilung der Stufen käuft parallel zu anderen Bundesländern und richtet sich nach nach Kultusministerkonferenz. Welches Niveau die Schüler und Schülerinnen *tatsächlich‘ in den Jahrgangsstufen haben, wird allenfalls durch die VERA-Tests in den 8. Klassen gemessen – und zu diesen wurde nie eine Statistik veröffentlicht, also wieviel Prozent da auf welchem Niveau sind. Ich kann mir vorstellen, dass das von der Faustregel abweicht. Ein B1 am Ende der 9. Klasse ist ja ausreichend (im Zeugnis bis zu ungefähr 4,50 im Schnitt) und nicht sehr gut.

  10. Hallo Herr Rau,

    der Schüler besucht zur Zeit einen Plus-Kurs, der zwar mit B1+ ausgeschrieben ist, aber anscheinend für B2 hinreichend ist – bis zum Herbst.
    Das kommunikationsorientierte Lehrwerk sieht noch Materialien für B2 vor; insoweit der Folgekurs zustande kommt, geht es damit weiter. (Leider wird die Luft ab der Mittelstufe in Sprachkursen immer dünner. So gibt es diesen Kurs bei einem Jugend – Sprachinstitut, beispielsweise in München.)
    Da die Lehrer Muttersprachler sind,
    wird das „Schulenglisch“ wohl vermieden, auch werden eher gesprächsoffene Formate geübt.
    Mit einem gewissen Input könnte der Schüler hernach an der Sprachstandsfeststellung auf dem Niveau C1 teilnehmen.

  11. Hallo, lieber Lehrer Rau,

    wir haben an der Volkshochschule einen CAE Kurs gefunden.
    Das Lehrbuch nennt sich ready for Advance.
    Die Kenntnisse und Sprachfertigkeiten in „use of english“ und „reading“ sollen damit auf C1 Niveau angehoben werden.
    Glauben Sie, dass ein solcher Kurs dahin führt?
    Mit vielen Grüßen
    Herr K.

  12. Ich fürchte, das kann ich gar nicht beurteilen. Ich kenne mich weder bei Büchern noch Volkshochschulkursen aus. Aber denkbar ist das schon.

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