Gedanken beim Wiederlesen von Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel

By | 30.1.2017

Es kommen Erinnerungen auf: Ich habe das Buch zum ersten Mal 1990 gelesen, bald nach Erscheinen, begeistert vom Name der Rose, auch wenn ich für den einige Anlaufe gebraucht hatte.

Es geht im Foucaultschen Pendel um Geheimnisse und Rätsel, zumindest oberflächlich, und schon in der Mitte der zweiten Textseite hatte ich damals Nachschlagewerke und Atlanten vor mir ausgebreitet und geheime Verbindungen zwischen den vielen mir fremden Orten und Begriffen herausgefunden, die vielleicht existiert haben mögen, vielleicht nicht – ein Web zum Nachschlagen sollte erst in einigen Jahren da sein. Mein Freund M. las das Buch parallel zu mir und etwa in gleicher Geschwindigkeit; wir trafen uns regelmäßig weltmännisch-nachts und unterhielten uns über das Leseerlebnis. Unsere eigenen Ideen, wie die Geschichte ihren Lauf nehmen würde, schienen uns am Ende viel besser als die zweite Hälfte des Buches, die uns enttäuscht hatte.

Seitdem habe ich das Buch nicht wieder gelesen, aber Freund B. erzählte neulich in warmen Worten davon, also machte ich mich daran – und muss schon ab Seite 44 etwas loswerden. Und zwar hat sich eine Figur der Handlung einen Computer gekauft, mit einem Textverarbeitungsprogramm. (Natürlich alles auf Disketten.) Und es ist so schön, in einem Mainstreamroman Details zu einem Computer zu lesen, als Teil der Handlung, mit echter Funktion. Das Gerät, Abulafia mit Spitznamen, hat für seine Betreiber etwas Magisches; sie sind Kabbalisten und beschäftigen sich auch mit den Permutationen von Zeichen – es geht darum, alle Kombinationen des Namens Gottes zu finden.

Unsereinem ist das zum ersten Mal in Arthur C. Clarkes Kurzgeschichtenklassiker „Die neun Milliarden Namen Gottes“ begegnet, tibetanischer Buddhismus statt jüdischer Mystik, aber ein ähnliches Prinzip: Gebetsmühlenartig müssen alle möglichen Kombinationen der Zeichen des Namens Gottes aufgeschrieben werden – und die Mönche im Kloster leisten sich einen „Mark-V-Varianten-Kalkulator“, der das für sie machen soll. Bei Eco geht es vorerst nur um vier Zeichen, etwa I, H, V, H, und dazu wird folgendes Programm abgedruckt:

10 REM ANAGRAMME
20 INPUT L$(1),L$(2),L$(3),L$(4)
30 PRINT
40 FOR I1=1 TO 4
50 FOR I2=1 TO 4
60 IF I2=I1 THEN 130
70 FOR I3=1 TO 4
80 IF I3=I1 THEN 120
90 IF I3=I2 THEN 120
100 LET I4=I0(I1+I2+I3)
110 LPRINT L$(I1);L$(I2);L$(I3);L$(I4)
120 NEXT I3
130 NEXT I2
140 NEXT I1
150 END
END

Tiralala-itu! Und genau so etwas habe ich als Teenager programmiert, das hatte ich schon wieder vergessen. Ja, so sahen Zählschleifen damals aus. Schöne Aufgabe für Informatikschüler: Herausfinden, was da geschieht, und das in Java schreiben, vielleicht muss man vorher ein char array erklären.

Danach rechnet Eco ein wenig vor, wieviel Permutationen es gibt bei längeren Wörtern, oder wie viel Möglichkeitenes es bei einem richtig langen Wort gibt (etwa der ganzen Tora). Milliarden Milliarden Milliarden Kombination (aber natürlich immer noch nichts im Vergleich zu richtig großen Zahlen). Dabei taucht auch das Wort „Faktorenrechnung“ auf, vermutlich eine Fehlübersetzung für Fakultät, oder ist das ein alternativer, vielleicht veralteter Begriff? Auf Englisch factorial, auf italienisch fattoriale. – Auf der Suche nach einem Passwort schreibt eine der Figuren den obigen Code um, so dass sie eine Liste der 720 Permutationen der Buchstaben IAHVEH ausdruckt – und nimmt die Seiten aus dem Drucker, „ohne sie abzutrennen, als sähe [sie] die originale Tora-Rolle durch.“ Das weiß heute auch keiner mehr, was das für ein Papier war.

(Auch die Erweiterung auf 6 Zeichen eine schöne Aufgabe. Schwerer ist dann die Aufgabe, alle Permutationen eines Wortes mit n Zeichen zu machen; im Web gibt es Lösungen für diese Aufgabe, die man umsetzen kann.)

4 thoughts on “Gedanken beim Wiederlesen von Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel

  1. Ivo

    Hach.

    Die Sache mit „Der Name der Rose“ und dem „Foucaultschen Pendel“ hat sich bei mir exakt so abgespielt. Ich bin kein großer Kenner von Literatur. Ich mag einfach gute Bücher. Das, was ich für gut halte. Vielleicht verstehe ich auch nicht alle Zeichen und Anspielungen.

    Aber das „Foucaultschen Pendel“ habe ich bestimmt schon drei Mal gelesen und immer wieder etwas für mich darin gefunden. Eines meiner Lieblingsbücher.

    Überhaupt habe ich viel von Eco gelesen. Nicht alles war ein Gewinn. Aber bereut habe ich keines der Bücher.

  2. Herr Rau Post author

    Als Nächstes wiederlese ich Der Club Dumas von Arturo Pérez-Reverte – ich hab’s als eine Art Pendel-Light in Erinnerung, mit Eco in kleiner Gastrolle. (Von Eco habe ich sonst nur einen Roman gelesen, so mäßig, und viele Essays.)

  3. Hauptschulblues

    Lese gerade „Baudolino“ von Eco – geht so und kommt meiner Meinung nach nicht an die anderen Romane heran. Strotzt allerdings vor Geschichtswissen und -anspielungen.

  4. Pingback: Verschwörungstheorien in den Zeiten vor dem Internet: Das Foucaultsche Pendel – Lehrerzimmer

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