Romantische Bilder (Zusammenfassung von Twitter)

Deutsch, 11. Klasse, wir beginnen mit der Romantik. Als erstes geht es darum, den Begriff Romantik von der nicht-fachsprachlichen Bedeutung zu unterscheiden – romantisch, das sind auch Gebirge und Eismeer. Der Heiratsantrag mit roten Herzen ist es sogar überhaupt nicht, sondern geradezu philisterhaft:

Der erste, der fand ein Liebchen,
Die Schwieger kauft’ Hof und Haus;
Der wiegte gar bald ein Bübchen,
Und sah aus heimlichem Stübchen
Behaglich ins Feld hinaus.

(Joseph von Eichendorff, “Die zwei Gesellen” – der andere hat ein vielleicht romantischeres, aber kein besseres Schicksal.)

Dazu zeigte ich eine Sammlung von Varianten auf Caspar David Friedrichs “Der Wanderer über dem Nebelmeer”:

Hausaufgabe war, ein romantisches Foto hochzuladen. Ein Kerzenschein-Dinner war auch dabei, also war Wiederholung nötig; die meisten hatten aber Berge und Ferne und Wald und Nebel und diese Sachen. Und es gab selbst gemachte Screenshots aus Spielen:

Minecraft
Assassin’s Creed Odyssey
ARK Survival Evolved

Es ist sicher kein Zufall, dass diese Spiele diese Aussichten bieten, und liegt auch sicher nicht an einem lapidaren: “So sieht die Spielwelt halt aus.” Die Spielwelt sieht so aus, um Spielern und Spielerinnen diese Aussichten zu ermöglichen. Seit wann werden diese Aussichten als schön empfunden? Die Weite, und Ruinen vielleicht noch dazu?

Kurze Diskussion auf Twitter mit der wie stets ungemein kundigen @daszeiserl, die folgende erhellende Fundstücke beitrug. Erstens den Maler Claude Lorrain, ein Vorbild der romantischen Maler:

Und dann das hier:

Ein Claude-Glas (Wikipedia englisch) ist ein kleiner getönter, leicht konvexer Spiegel, in dem der vornehmlich, aber nicht nur, englische romantische Kenner die Landschaft hinter seinem Rücken betrachtete, die durch die Tönung einen besonders ästhetischen, an Claude Lorrains Bilder erinnernden Eindruck machte. Die Spiegel kamen so ab 1812 außer Mode, weil ihre Träger zu oft verspottet wurden.

Nun gibt es nicht nur in E. T. A. Hoffmanns “Der Sandmann” das Perspektiv, eine Art Fernrohr, durch das der unglückliche Nathanael seine Umwelt beobachtet, und durch das er seine Liebe Olympia sieht – die tatsächlich nur eine Puppe ist, ein Automat. Aber das Perspektiv hat Nathanaels Wahrnehmung verändert. Und das will ja auch die Romantik:

Die Welt muß romantisiert werden. […] Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich es.
(Novalis)

Dass Hoffmanns Held an dieser Wahrnehmung scheitert, ist eben ein Problem der Romantik.

In Hoffmanns Novelle “Das öde Haus” geht es etwas glimpflicher aus für den Helden. Er ist fasziniert von einem verlassenen Haus in einer belebten Berliner Straße und einer jungen Frau, die er gelegentlich in einem Fenster zu sehen meint. Er kauft von einem Händler einen Taschenspiegel, um durch diesen das Haus unauffälliger von der Straße aus beobachten zu können. Und auch er sieht jetzt mehr, Geheimnisvolleres, als zuvor:

Ich erblickte das öde Haus hinter mir, das Fenster und in den schärfsten deutlichsten Zügen die holde Engelsgestalt meiner Vision. – Schnell kaufte ich den kleinen Spiegel, der mir es nun möglich machte, in bequemer Stellung, ohne den Nachbarn aufzufallen, nach dem Fenster hinzuschauen. – Doch, indem ich nun länger und länger das Gesicht am Fenster anblickte, wurd ich von einem seltsamen, ganz unbeschreiblichen Gefühl, das ich beinahe waches Träumen nennen möchte, befangen. Mir war es, als lähme eine Art Starrsucht nicht sowohl mein ganzes Regen und Bewegen als vielmehr nur meinen Blick, den ich nun niemals mehr würde abwenden können von dem Spiegel. […] Eiskälte bebte durch meine Adern – ich wollte den Spiegel von mir schleudern – ich vermocht es nicht – nun blickten mich die Himmelsaugen der holden Gestalt an – ja ihr Blick war auf mich gerichtet und strahlte bis ins Herz hinein. Jenes Grausen, das mich plötzlich ergriffen, ließ von mir ab und gab Raum dem wonnigen Schmerz süßer Sehnsucht, die mich mit elektrischer Wärme durchglüht.

Auch diese Frau ist nicht echt, sondern nur ein Gemälde, das er für lebendig hält. Da muss doch doch das Claude-Glas Pate gestanden haben!

Kleiner Anhang

Meine Schüler und Schülerinnen konnten zwischen verschiedenen Aufgaben wählen; eine war, den Wikipedia-Artikel zur Romantik zu lesen und dazu Fragen zu stellen. Unter “Einflüsse und Auswirkungen der Romantik” steht da ein Zitat von Rüdiger Safranski, das belegt, dass die Romantik bis heute Auswirkungen hat – aber erklärt wird das Zitat dort nicht. Eine Schülerin fragte also, was es denn heiße: “Das Romantische gehört zu einer lebendigen Kultur, romantische Politik aber ist gefährlich.” Was ist romantische Politik?

Ich weiß ja auch nicht, wie das Safranski gemeint hat. Romantische Politik im Gegensatz zu realistischer Politik, Utopie im Gegensatz zu Pragmatismus? Vermutlich. Oder es geht um den philosophischen Ansatz der Romantik – den Gedanken, dass hinter unserer Realität eine tiefere, wirklichere steckt, die wir nicht erkennen, wenn wir ungeübt sind? Der Ansatz mag verlockend sein, führt aber nicht nur Hoffmanns Helden ins Unglück, sondern auch in den Verschwörungsmythos. Pizzagate! QAnon! Reptiloiden! Geheime Weltschwörungen in dunklen Hinterzimmern, vielleicht auch noch mit coolen Masken!

Geheimbünde und Intrigen sind ein Merkmal der englischen Schauerromantik. Im Deutschen gab es wohl auch viele Romane dazu, aber alles eher trivial und daher nicht mehr im Kanon. Aber selbst Schiller hat (unvollendet, wie romantisch…) einen Thriller geschrieben, “Der Geisterseher” (Blogeintrag), um mysteriöse Vorkommnisse um einen edlen Prinzen in Venedig (der romantischen Stadt schlechthin), scheinbare Magie, dann aber doch nur Tricks eines Geheimbundes, der ihn manipulieren will. – Warum Geheimbünde? Die tauchten in der Aufklärung auf. Unabhängigkeit von Autoritäten! In Frankreich bereiteten die Jakobiner (benannt nach einem Club) die Revolution vor. Und lenkten danach die Geschicke? Das behaupteten manche, ähnlich wie die Illuminaten (Blogeintrag).

6 Antworten auf „Romantische Bilder (Zusammenfassung von Twitter)“

  1. Das hat mich direkt zu ein bisschen Wikipedistik motiviert. Das Safranski-Zitat kam über diesen Edit: https://de.wikipedia.org/w/index.php?diff=122959318&oldid=122680980&title=Romantik am 28. September 2013 in den Artikel. Der Autor hat im Grunde kaum mehr als dieses Zitat im Artikel eingefügt: https://xtools.wmflabs.org/topedits/de.wikipedia.org/Ibohnet/0/Romantik
    Interessant, dass es sich bis heute dort gehalten hat. Finden Sie es sinnig oder sollte es lieber raus, da nicht wirklich eingeordnet?

    LG
    poupou

  2. >Finden Sie es sinnig oder sollte es lieber raus, da nicht wirklich eingeordnet?
    Das mag ich gar nicht beurteilen, ich bin auch nicht firm im gewünschten Aufbau von Wikipediaartikeln. Das Zitat belegt das, was behauptet wird, dass heute noch über Romantik geredet wird. Aber dafür wirkt es einigermaßen beliebig. Und es fehlt ja vor allem auch ein Beleg für das Zitat – laut anderen Web-Quellen aus einem Sachbuch “Romantik. Eine deutsche Affäre.”

  3. Ohne mich mit Rüdiger Safranski näher befasst zu haben oder den Zitatkontext zu kennen: es gibt ohne Zweifel einen direkten Traditionsstrang zwischen der Romantik und bestimmten Aspekten der NS-Zeit (Stichworte: Thule-Gesellschaft, Pseudo-Germanen, Verehrung des ächten Volkstums und dergl.) Damit besteht schon ein Zusammenhang zwischen Romantik und der Rassenpolitik des Nationalsozialismus. Dass die Romantiker das nicht gewollt haben können, versteht sich von selbst. Aber schon ein Teil der jüngeren Romantiker zog die Nation der Freiheit vor und machte damit eben romantische Politik. Kein Zweifel: wäre Deutschland eine Kulturnation geblieben, statt seine Großmannssucht ab Bismarcks Zeiten zu verwirklichen, wäre der Welt und Mitteleuropa ja vielleicht schon besser gedient gewesen.

  4. Vielen Dank für die Anregungen! So lernt mein Kurs gleich etwas über Wikipedia – ich freue mich schon darauf, was sie sagen, wenn das Safranski-Zitat plötzlich verschwunden ist. Und der Telepolis-Artikel passt wunderbar dazu, auch den werde ich weiterleiten.

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