Friedrich Schiller, Der Geisterseher

„Einer der besten Krimis aller Zeiten“ hieß es vor drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung (online) über Schillers Romanfragment Der Geisterseher, das in fünf Teilen in Heft 4-8 (1787-1789) der Zeitschrift Thalia erschien und danach für die erweiterte Buchausgaben noch etwas umgestaltet wurde.

Das ist Unsinn. Das Buch ist meinethalben seiner Zeit voraus, genreprägend, stilbildend, vielleicht sogar ein Krimi, sicher Schillers größter Publikumserfolg – aber ein planloses Durcheinander, was Erzählweise und Plot betrifft.

Der Graf von O. erzählt uns im Buch, was er selbst miterlebt hat: Die Geschichte vom Niedergang des Prinzen von **. Der ist ein deutscher Prinz, gut protestantisch, in der Thronfolge weit abgeschlagen, der zu Beginn der Handlung inkognito und bescheiden in Venedig einige Zeit verbringt. Dort wird er in Intrigen verstrickt, macht dubiose Bekanntschaften und Schulden und nähert sich dem Katholizismus an. Es gibt einige ungelöste Rätsel und geheimnisvolle Gestalten, allen voran der Armenier. Die explizite Auflösung fehlt, da der Roman unvollendet blieb, auch wenn es es von anderen Händen immer wieder Fortsetzungen gab (Wikipedia). Die meisten Interpreten folgen den Andeutungen im Text und gehen davon aus, dass ein katholischer Geheimbund mit vielerlei hochkomplizierten Ränken den Prinzen katholisch macht und gleichzeitig seinen Weg zum Thron vorbereitet. Aber nichts muss so sein, wie es scheint.

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Folge 1: In Venedig scheint ein geheimnisvoller Mann den Prinzen und Graf O. zu verfolgen. Sie nennen ihn den Armenier. Er raunt ihnen orakelhafte Sprüche ins Ohr:

„Neun Uhr,“ wiederholte die Maske nachdrücklich und langsam. Wünschen Sie sich Glück, Prinz (indem sie ihn bei seinem wahren Namen nannte.) Um neun Uhr ist er gestorben.“

Und verschwindet dann. Eine gute Weile später erhält der Prinz tatsächlich die Botschaft, dass just zu diesem Zeitpunkt einer seiner Cousins gestorben ist. Wie konnte der Armenier das wissen, und wie hatte er den Prinzen erkannt? — Als ein Venezianer Streit mit dem Prinzen anfängt und ihm mit gedungenen Mördern droht, sorgt der Armenier dafür, dass die Staatsinquisition Venedigs den Erzürnten kurzerhand hinrichtet. Und dann kommt der ausführlichste Streich des Kapitels: Das Heldengespann lernt den Sizilianer kennen, einen Geisterbeschwörer, den Geisterseher des Romantitels. Es kommt zu einer Séance, der Prinz und sein Begleiter staunen ohne jedes größere Misstrauen, als tatsächlich das ganze Arsenal aufgefahren wird: Donnergrollen, wirkungslose Pistolenkugeln, elektrische Entladungen, Rauchwolken, ein beschworener Geist, der mehr weiß, als eigentlich möglich ist. Dann ein überraschender letzter Satz, als der Russe dem Sizilianer Betrug vorwirft, worauf dieser zusammenbricht.

Folge 2:

Stellt sich heraus, der Russe ist der Armenier in Verkleidung, der dem Prinzen schon wieder zur Seite steht und ihm aus einer brenzligen Situation hilft (nämlich dem betrügerischen Sizilianer aufgesessen zu sein, der an den historischen Cagliogstro angelehnt ist). Der Sizilianer kommt ins Gefängnis, der Prinz besucht ihn mit dem Grafen und fragt ihn aus. Er und wir kriegen eine lange Binnenerzählung serviert, in der der Armenier – wiederum nur als Randfigur – als geheimnisvoller Drähtezieher auftaucht.
Der Prinz, plötzlich dynamisch und aufmerksam, erkennt einen geheimen Plan und klärt den naiven Grafen von O. auf: Das ganze sei ein Trick im Trick, die Geschichte des Sizilianers reine Erfindung, die Aufdeckung des Betrugs ein wesentlicher Teil eines umfassenderen Plans – mit dem Ziel, den Prinzen für irgendetwas vorzubereiten oder die Figur des Armeniers als wohlgesonnen und mächtig zu etablieren.

— Bis hierhin hätte das eine durchaus spannende Geschichte werden können. Der allgegenwärtige Armenier erinnert mich an den nicht minder geheimnisvollen Perser aus Gaston Leroux‘ Das Phantom der Oper. Und ja, an der Erzähltechnik kann Schiller noch arbeiten. Auf die Binnennovelle des Sizilianers folgt des Prinzen Analyse des Gesprächs: 13 Seiten reiner Dialog, unterbrochen von sehr gelegentlichem „sagte der Prinz“ und vier Zeilen vorausdeutendem Erzählerkommentar. So mag ich meine Epik nicht.

In dieser Folge ist der Prinz aktiv und überlegend kritisch und lässt sich nichts vormachen. Die Geschichte des Sizilianers entlarvt er als Täuschung, den Aufbau der größeren Täuschung des Armeniers erklärt er minutiös – aber eher wie Nero Wolfe vom Schreibtisch aus, ohne den Schauplatz der Tat noch einmal zu besuchen. Die Lupe Sherlock Holmes‘ fehlt, aber der Graf gibt einen braven Watson ab:

„Das möchte schwer zu beweisen sein,“ rief ich mit nicht geringer Verwunderung.
„Nicht so schwer, lieber Graf, als Sie wohl meinen.“

Und das hier klingt doch schon ein wenig nach Holmes‘ Diktum („Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, dann muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, wie unwahrscheinlich es auch ist“):

„In der Tat,“ rief ich, „für so gut als unmöglich.“ –
„Diese Redensart verstehe ich nicht. Widerspricht es allen gesetzen der Zeit, des Raums und der physischen Wirkungen, dass ein so gewandter Kopf, wie doch unwidersprechlich dieser Armenier ist, mit Hülfe seiner vielleicht ebenso gewandten Kreaturen […] in so weniger Zeit so viel zustande bringen könnte? […] Wollten Sie lieber ein Wunder glauben, als eine Unwahrscheinlichkeit zugeben?“

Folge 3:

In der vorhergehenden Folge war der Prinz aktiv, analytisch und aufdeckend, ab jetzt wird er zur Puppe, beliebig formbar. Er wird in eine mäßig geheime Verbindung eingeführt, lauter Atheisten und verderbte Freigeister. Dort herrscht „die zügelloseste Lizenz der Meinungen“, so der erzählende Graf – es gibt sehr viel telling und fast kein showing, also müssen wir mal sein Wort dafür nehmen. Der Prinz verliert „die reine, schöne Einfalt seines Charakters“ (im vorherigen Teil zeigt er alles andere als das, nämlich ein souveränes Verständnis von Intrigen und Ränken), sein „durch so wenig gründliche Kenntnisse unterstützter Verstand“ (von dem er eben noch so guten Gebrauch machen konnte) kann die gottlosen Argumente nicht widerlegen. Er entfernt sich von der guten protestantischen Kirche, macht immer mehr Schulden, lernt zweifelhafte Leute kennen. Dass das alles Teil eines Plans ist, wird angedeutet; wer alles darin verwickelt und Teil der Verschwörung ist, kann man nur raten. Der Armenier taucht nicht mehr auf.

Die Erzählweise wechselt jetzt zum Briefroman, der Graf von O. verlässt Venedig, lässt sich die weitere Handlung per Brief berichten. Das ändert nichts am vielen telling.

Folge 4:

Jetzt passiert wieder mal ein bisschen. Der Prinz beobachtet in einer leeren Kirche eine Frau, die ihn fasziniert, und sucht sie eine Weile, bis er sie findet. Das war’s dann aber auch.

Folge 4 1/2 („Ein Fragment aus dem zweiten Bande des Geistersehers.“):

In der Buchfassung steht dieses Fragment an etwas anderes Stelle. Wir erfahren als kleine Binnenerzählung Andeutungen zur Hintergrundgeschichte einer Frau, die vielleicht die Frau aus der vorherigen Folge ist. Oder auch nicht. Was auch immer.

Schluss

Steht nur in der Buchausgabe, soweit ich weiß. Auf der vorletzten Seite wird Graf von O. nach drei Monaten Pause nach Venedig gerufen, wo alles drunter und drüber geht: Der Marchese im Sterben, der Kardinal sinnt auf Rache und dingt Mörder, Prinz unerkannt im Kloster, eine „sie“ ist tot, wahrscheinlich vergiftet, der Prinz trauert um sie. (Ist die Frau diejenige aus dem vorherigen Teil? Was ist mit dem Marchese, wer ist der Kardinal? Wir wissen es nicht.) Auf der letzten Seite ist er angekommen, des Prinzen „Schulden sind bezahlt, der Kardinal versöhnt, der Marchese wieder hergestellt.“ Und der Prinz ist bei der katholischen Messe – womöglich war alles nur ein Komplott, um den Prinzen genau dorthin zu kriegen.
Dieser Sprung in der Handlung gefällt mir ausgesprochen gut. Erst mal alles hinknallen, und danach kann man das immer noch erklären. Aber leider ist da das Buch zu Ende.

Nu, stilbildend isses: Im ersten Teil haben wir Held und Begleiter in der exotischen Großstadt wie später bei Karl May. Der zweite Teil hat einen analytischen Aufdecker, der seinem tumberen Begleiter die Zusammenhänge erklärt – wie bei Poe und Doyle. Dazu Briefroman und damit Herausgeberfiktion. Geheimnisvolle Geheimbünde kamen da erst langsam in Mode.

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2 Thoughts to “Friedrich Schiller, Der Geisterseher

  1. Ich empfand das Fragment, als ich es las (lesen musste), auch als ein ziemliches Durcheinander.
    @sueddeutsche: Papier ist geduldig und gibt die persönliche Meinung des Rezensenten wieder.

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