Kontextualisierungen

By | 3.10.2017

Im Englischunterricht soll gerade brav alles kontextualisiert werden. Das führt zu – bewusst albernen? – Aufgabenstellungen wie im letzten Abitur:

Describe the way a conflict with far-reaching consequences is dealt with in a literary work by an English-speaking author.
Write a review for an English edition of your school magazine.

Damit es ja einen Kontext für die Aufgabe gibt, muss man für die englische Ausgabe der Schülerzeitung schreiben. Das ist immer der Standardkontext; ich musste mal in einem Arbeitskreis ähnliche Aufgaben stellen, und schon da lief auch alles immer auf Schülerzeitungen heraus.

Alternativ könnte man doch Vokabeln so abfragen:

Du bist mit deinen Eltern zu Besuch bei deiner Tante in England. Deine Mutter schreibt einen Einkaufszettel auf Deutsch. Hilf deiner nicht deutsch sprechenden Tante, mit diesem Einkaufszettel zurecht zu kommen. Auf dem Zettel stehen:

  • „Buntstifte“
  • „Wachsmalkreide“
  • „die Adresse des englischen Oberhauses“
  • „die Adresse des englischen Unterhauses“
  • „ein Kuchen mit der Aufschrift ‚Alles Gute zur konstitutionellen Monarchie'“

Man kann auch eine Liste von Suchaufträgen daraus machen im Web, bei denen man der Tante helfen soll, und schon hat man wieder einen Kontext! Oder, um noch ein letztes Mal zum Spiel „Keep Talking and Nobody Explodes“ zu kommen, man findet einen Bombenkoffer, den man entschärfen muss, und eine Anleitung dazu, und in der Anleitung steht, dass man bestimmte Wörter buchstabieren muss und so weiter. Da hat sich auch keine Schülerin über fehlenden Kontext beklagt. „Ein verrückter Milliardär bietet dir eine Million, wenn du ihm sagen kannst…“ Yay, noch ein Kontext! Da muss man sich doch nicht immer mit der Schülerzeitung begnügen.

7 thoughts on “Kontextualisierungen

  1. Hauptschulblues

    Prinzipiell sind Kontextualisierungen gut. Ob es jedoch immer Schülerzeitungen sein müssen, sei dahin gestellt. Da fällt den Prüfungserstellungskommissionen für die Mittelschule auch nur ein: „Schreibe einen Aufruf für die Schülerzeitung, dass …“ oder „You apply for a job in London. Write an e-mail …“ Mehr Phantasie wäre nicht schlecht.

  2. Sabine

    Zu Übungszwecken habe ich auch schon mal den Kontext „your teacher has asked you to write a 250 word text on…“ erfunden. Eigentlich habe ich nix gegen Kontextualisierungen und mir fallen gelegentlich auch ganz passable ein, aber der Zwang dahinter weckt meinen Widerspruchsgeist. In Geschichte ist es noch viel schlimmer, da müssen ständig Ausstellungstafeln beschriftet werden…

  3. Herr Rau Post author

    Einverstanden, Kontext ist gar nicht so schlimmer. Aber ich mag keine Schülerzeitungsbeiträge mehr sehen. – Die Deutsch-Jahrgangsstufenarbeiten für die 6. Klasse sind auch voll durchkontextualisiert: Es geht jedes Jahr um 1Thema, und eine Schülerin hoffte diesmal, dass es wenigstens etwas Interessantes werden würde, wenn man schon immer das gleiche liest. Es war „Brot“. Kein schlechtes Thema, aber man wird nie eines finden, dass alle einen ganzen Test lang fesselt.

  4. Regine

    Kontext an sich finde ich super – wenn er Sinn macht, und nicht nur um seiner selbst willen eingesetzt wird.

    Das fängt schon in der Grundschul-Mathe an… Da werden möglichst viele Aufgaben in eine Textaufgabe verwandelt, Hauptsache es ist irgendwie pseudo-realistisch. Und dann wundert man sich, dass die Schüler das nicht total spannend finden, schließlich geht es doch um Dinge aus dem „echten Leben“…

    Irgendwie kann ich damit nichts anfangen. Dann doch lieber eine ehrliche Schreib- oder Rechenaufgabe mit der Zielsetzung, Grundlagen zu üben, und dann an passenden Stellen eine Aufgabe mit sinnvollem Realitätsbezug. Ich glaube, dass die Schüler durchaus wissen, dass sie manche Sachen üben müssen, auch wenn sie das nicht immer gern tun. Und diese erzwungenen Pseudo-Kontexte appellieren ja nicht gerade an die Intelligenz der Lernenden…

    (Aber der Bombenkoffer ist mein Favorit! ;-) )

  5. pfiffika

    Ich unterschreibe vollständig bei Regine! Ich habe zwei Kinder, die als Schüler (Gym, 9. und 12.) genau so empfinden.

  6. Regine

    Hallo pfiffika,

    kommt mir bekannt vor… Ich habe neulich ein nettes Bild gesehen mit dem Text „Das Mathebuch ist der einzige Ort auf der Welt, wo jemand 52 Melonen kauft.“

    Das sagt irgendwie alles, oder? ;-)

    Regine

  7. Jochen

    Die Schülerzeitung / „school magazine“ ist auch schon seit längerem der (abgenudelte) Standard-Kontext für die Mediation. Früher hatten wir z.B. auch schon mal „Schreibe eine Rede für einen Minister“, aber das war wohl nicht so richtig „lebensnah“. ;-)

    > Alternativ könnte man doch Vokabeln so abfragen

    Um Himmels willen, Vokabeln D – E abfragen? Das ist doch V E R B O T E N ! ! !

    Im wirklichen Leben muss man Vokabeln doch auch immer nur in (einsprachige) Lücken einsetzen. ;-)

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