Bundeskanzlerin werden

By | 2.10.2017

Am Vorlesewettbewerb des deutschen Buchhandels nehmen viele Schulen teil, auch wir machen das regelmäßig. (Schon oft darüber gebloggt, wie über alles.) Dabei ermitteln wir für jede 6. Klasse einen Klassensieger oder eine Siegerin, und alle diese lesen dann in der Aula gemeinsam vor den versammelten 6. Klassen vor, um einen Schulsieger zu ermitteln – und danach geht es weiter zum Landkreiswettbewerb und so weiter.

Manche Schülerinnen und Schüler haben nichts gegen den Wettbewerb, aber scheuen es, eventuell in der Aula vor größerem Publikum lesen zu müssen. Das verstehe ich völlig. Aber sie sollen ja auch vorlesen lernen, und sie sollen lernen, vor Publikum zu stehen. (Wieviel man das lernen kann und wieviel einfach Übung oder Machen ist: andere Frage.) Ich erkläre das so, dass wir ja hoffen, dass irgendwer aus den 6. Klassen mal später Bundeskanzlerin werden wird. (Das kann auch ein Junge sein.) Und als Bundeskanzlerin muss man ja auch vor vielen Leuten stehen und reden, immer wieder. Eine schwierige Arbeit, aber wir brauchen gute Leute, die sie machen können.

Nebenbei: Nicht jeder muss Bundeskanzlerin werden, das habe ich versichert. Aber trotzdem: Ich mache auch jedes Jahr vier Dinge, vor denen mir graut, weil ich sie zum ersten Mal mache, und eigentlich machen will, aber ich dazu aus meiner Komfortzone heraus muss. Zugegeben, mir graut schnell. Danach bin ich aber froh, und im nächsten Jahr graut mir dann weniger, wenn ich das noch einmal machen muss.

– Ansonsten: Heute in Englisch, 11. Klasse, „Keep Talking And Nobody Explodes“ gespielt. (Hier schon mal kurz vorgestellt.) Mit Warnung vorher, und Erklärung, und Kontext – immerhin geht es um das Entschärfen einer Bombe, und wer das nicht sehen will, darf natürlich das Klassenzimmer verlassen. Zwei Schüler hatten sich vorbereitet und stellten das Spiel den anderen vor, die alle auf Handy oder Papier das Bombenentschärfer-Handbuch vor sich hatten. Mit dem Erklären von Dingen ist es so eine Sache, oft erklärt man Dinge, die gar nicht hilfreich oder nötig sind; kann man gar nicht genug üben.

Bei dem Spiel geht es darum, dass ein Spieler eine Bombe mit verschiedenen zu entschärfenden Modulen vor sich sieht, und die anderen haben das Handbuch, sehen aber die Bombe nicht; und der eine Spieler muss beschreiben, was er sieht (mit korrekter Aussprache, da sonst Missverständnisse), und die anderen müssen das Handbuch schnell nach den nötigen Informationen durchsuchen („scanning“) und diese dem ersten Spieler mitteilen (präzise, korrekte Aussprache). Welche Drähte müssen durchgeschnitten, welches Passwort muss eingegeben, eventuell buchstabiert, werden?

Technisch läuft das Spiel ohne Adminrechte und Installation, man muss es nur kaufen (15 Euro oder so) und starten – dabei nicht über Steam kaufen, sondern als direten Download, klar, weil man sich sonst immer erst bei Steam einloggen und das vor allem installieren müsste. Die Schülerinnen und Schüler kapieren das Spiel unterschiedlich schnell, die besten sind dabei weit, weit schneller als ich es bin. Bin halt träge geworden und auch nicht so gut beim räumlichen Vorstellungsvermögen. Mann, waren die fit.

3 thoughts on “Bundeskanzlerin werden

  1. -thh

    „Mit Warnung vorher, und Erklärung, und Kontext – immerhin geht es um das Entschärfen einer Bombe, und wer das nicht sehen will, darf natürlich das Klassenzimmer verlassen.“

    Was ist denn am Entschärfen einer Bombe so dramatisch, dass Schüler(innen) der 11. Jahrgangsstufe (!) das möglicherweise nicht ertragen können oder wollen und den Raum verlassen müssten?

  2. Vilinthril

    Zum Beispiel, wenn man aus einem Bürgerkriegsland geflohen ist oder anderweitige vergleichbare traumatisierende Erfahrungen gemacht?

  3. Herr Rau Post author

    Ja. Außerdem verstehe ich es, wenn Schülerinnen oder Schüler nicht mit Bomben scherzen wollen, zumal es eindeutig ein Kino-Terroristen-Bombenkoffer ist und kein Blindgänger, um den man sich kümmern muss. Immerhin gab’s am gleichen Tag dann auch einen terroristischen Massenmord in Las Vegas. – Aber vielleicht war das auch nur zu Sicherheit, um Eltern und Schulleitung notfalls beruhigen zu können, falls die sich daran stoßen.

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