Marvel wirft nichts weg (mit Anmerkungen zu Guardians of the Galaxy Vol. 2)

By | 12.5.2017

Marvel-Comics

Marvel wirft nichts weg. Das war vor allem in den 1960er und 1970er Jahren prägend, als Marvel die Superheldencomicszene revolutionierte und den Platzhirsch und Konkurrenten DC alt aussehen ließ. Viele der Merkmale jener Zeit finden sich auch in den Filmen des Marvel Cinematic Universe der letzten neun Jahre.


(Der Autor als jugendlicher Marvel-Fan, ca. 1979, Blogeintrag zum Bild)

Neu bei den Comics war: die Albernheit. Stan Lee begrüßte einen immer wieder mal persönlichg mit seinem Ruf „Excelsior!“; die Autoren und Zeichner und Inker wurden nicht nur genannt, sondern porträtiert und ihre Arbeit erklärt; sie hatten Spitznamen wie Stan the Man Lee, Rascally Roy Thomas; Gene the Dean Colan. Die Geschichten waren nicht abgeschlossen wie bei der Konkurrenz, sondern hatten immer ein wenig Fortsetzungscharakter. Auch die Nummerierung der Hefte war fortlaufend, anders als bei Superman & Co, wo in Deutschland jeder Jahrgang wieder neu bei 1 begann. Die Helden hatten ähnliche Superkräfte wie bei DC, aber weniger Capes, waren fehlerhaft, zankten sich und hatten Alltagsprobleme. Und sie liefen einander ständig über den Weg, das machte die Welt größer.

Ein Beispiel für die Verzahnung der Marvelwelt

Ein Beispiel dafür, wie die Marvelcomic-Welt funktionierte, ist Adam Warlock. Der tauchte zuerst 1967 in einem Heft der Fantastischen Vier auf, geschrieben von Stan Lee:

Titelbild Fantastische Vier 63 Das Heft war der zweite Teil einer spannenden Doppelfolge. Üble Wissenschaftler hatten etwas gebaut, das bald aus einem Kokon schlüpfen würde, das war spannend gemacht. Es gab aber auch Hinweise darauf, dass da nicht das herauskommen würde, was geplant war… kurzum, eine goldene Männergestalt kam heraus, wurde „Him“ genannt, und floh die Erde dann ins All.

Panel aus dem Heft, ein goldener Mann

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Zwei Jahre später tauchte diese Gestalt wieder auf, in einem Heft von Thor (1969), geschrieben ebenfalls von Stan Lee. „Er“ schlüpft wieder aus einem Kokon, diesmal ein Fortbewegungsmittel, diesmal im All, und prügelt sich parzivalesk-naiv-draufgängerisch mit Thor, insgesamt vier Hefte lang.

(Geprügelt wird aber nur ein oder zwei Hefte lang – der Fortsetzungscharakter bei Marvel hieß, dass in einem Heft nur ein erster Hinweis auf einen Handlungsstrang kommt, während der vorhergehende abgeschlossen wird, im nächsten entwickelt er sich dann ein wenig weiter, um erst wieder ein Heft später seinen Höhepunkt zu finden – neben ersten Spuren des nächsten Handlungsstrangs.)

Man weiß immer noch nicht recht etwas anzufangen mit der Figur. Drei Jahre später bekommt sie ein neues Kostüm, ein Juwel auf die Stirn, einen neuen Lebensinhalt und bald auch ein eigenes Heft: Eine andere – ebenso wiederverwerte – Gestalt hat eine zweite Erde geschaffen, auf der „Er“, jetzt Adam Warlock genannt, sich als Christusfigur um die Menschen kümmern muss. Von da an wird die Figur berühmt, und da habe ich sie aus den Augenwinkeln immer wieder mal gesehen (in französischen Comics und in Gastauftritte da und dort), und erst Jahre danach mit der Kokon-Geschichte verbunden.

Das Juwel auf der Stirn, das wohl aus Designgründen entstanden sein dürfte, kriegt später noch ein paar Geschwister und eine Hintergrundgeschichte und eine lange, lange, lange Geschichte danach. Und das Labor mit den Wissenschaftlern, das „Ihn“ erst hervorgebracht hat? Das taucht auch noch einmal auf und produziert eine zweite, weibliche Gestalt, „Her“ genannt, später auch als Ayesha bekannt.

Wie das als Marvelfan früher war

Das Leben als Marvel-Fan war nicht leicht. Anfang der 1980er Jahre wurden die deutschen Hefte nach und nach eingestellt. (Etwas später machte ein neuer Verlag weiter, aber nicht mehr so gut – glänzendes Papier, Maschinensatz, und die Zeit der besten Geschichten war auch schon vorbei.) Die ersten Marvel-Produkte kamen ins Kino und waren… enttäuschend, auch wenn es ohnehin nur Fernsehproduktionen waren, die in Deutschland im Kino liefen. DC, der andere Verlag, brachte nach den erfolgreichen Supermanfilmen auch noch erfolgreiche Batmanfilme heraus.
Um die Jahrtausendwende herum verkaufte Marvel dann, vielleicht frustriert, die Filmrechte für Spider-Man, die X-Men, die Fantastischen Vier. Und zu allseitiger Überraschung wurden diese Filme, zunächst jedenfalls, Erfolge bei Publikum und Kritik. Bis sie dann immer schwächer wurden… da fasste Marvel sich ein Herz und produzierte eigene Filme mit ihren restlichen Helden, angefangen bei Iron Man (2008, hier mein Blogeintrag dazu), und das MCU (Marvel Cinematic Universe) war geboren.

Ich alter Marvelfan kann es immer noch nicht fassen, dass unsere Underdog-Helden jetzt plötzlich bekannt und beliebt sind, und dass wir ihre Abenteuer im Kino sehen können, wieder und wieder und wieder. Und dass diese Abenteuer vom Tonfall her den Comics der 1960er und 1970er Jahren entsprechen, eben jene, die ich damals in der 5. Klasse gelesen habe. Marvels beste Zeit.

Guardians of the Galaxy, Vol. 2 (mit Spoilern)

Der Film hat mir sehr gut gefallen, sogar besser als der erste. Die Eröffnungssequenz ist ganz wunderbar, tolle Action, die strikt im Hintergrund spielt, während vorne ein Teddybäumchen tanzt. Das ist die richtige Schwerpunktsetzung. Die Farben im Film unverhohlen knallbunt, mit bunterem Sternengeflitter am Ende als bei Star Crash (1979). Flotte Musik, lustige Sprüche, rundum gut. Der Film ist zehn Minuten zu lang, eine Szene ist mir zu brutal, und der kleine Groot als Kindersoldat musste auch nicht sein. Trotzdem: Unterhaltsam, leichtfüßig, flott, witzig, menschelnd. Und es gibt einen sehr überraschenden 80er-Jahre-Gastauftritt. Das Alberne, Familiäre, Bunte kenne ich aus den frühen Marvels, ebenso das Melodrama, die gebrochenen Figuren – und weggeworfen wurde auch hier nichts. Groot selber war übrigens ursprünglich ein Standard-Monster in einem Standard-SF-Monstercomic von 1960, noch vor dem Beginn der Marvel-Superheldenzeit.

Was den Marvelfan besonders freute:

  • Howard! Howard the Duck ist ein spezieller Marvelheld. Eine sarkastische Ente aus einem Entenuniversum, die es zu uns verschlagen hat. Die Verfilmung von 1986 gilt als katastrophal; das Entenkostüm darin ist disneyworldhaft-unbeweglich, die erotisch knisternde Szene zwischen Howard und Beverly hat das Publikum ratlos-irritiert zurückgelassen. Ich mag den Film, er hat ein paar schöne Szenen. Unter anderem die mit Howard und Beverly.
    Schon im ersten Guardians ist Howard aufgetaucht, als Sammlungsobjekt, hinter Glas. Diesmal treibt er sich tatsächlich im Hintergrund herum und kriegt ein paar Zeilen Text. Nach all diesen Jahren endlich Respekt für Howard! Marvel wirft nichts weg, auch Howard gehört zur Familie, alles ist verziehen. Easter Eggs sind in allen Filmen lustig, aber bei Marvel zeigen sie außerdem, welche unerwarteten oder zukünftigen Ecken Teil der Marvel-Welt sind.
  • Starhawk! Die kleinen verhaltenen Flügelchen auf dem Kostüm von Sylvester Stallone. Als ich die gesehen habe, habe ich sie selbst in dieser Schwundstufe gleich erkannt: Es gibt in den Comics ein ursprüngliches, älteres Guaedians-Team, zu dem Yondu gehört, und so ein Typ mit diesen Flügelchen, nur eben größer. Die anderen Teammitglieder tauchen dann auch schön im Abspann von Vol. 2 auf.
  • Stan Lee und die Beobachter! Eine Wegwerffigur in einem frühen Abenteuer des Fantastischen Vier war der Beobachter, Uatu. Glatzköpfig, übermenschengroß, in Laken gehüllt – ein Außerirdischer, der sich geschworen hat, nur zu beobachten und nicht einzugreifen. Natürlich taucht er dann immer wieder auf – Marvel wirft nichts weg – und greift in den Comics dann doch ständig ein. Er ist der Erzähler der What-If-Parallelweltgeschichten. (Und später gibt es immer mehr Beobachter, und Hintergrundgeschichten dazu. Weniger bekannt als The Watcher ist ein anderer seiner Art, The Critic: Der beobachtet nicht nur, sondern mäkelt auch am Beobachteten herum, aber ich weiß nicht, wie kanonisch der ist.)
  • Ein Kokon, ein Kokon! Die goldglänzende Gegnerin der Guardians präsentiert im Abspann eine Art Wunderwaffe, und zwar einen Kokon, der genau so aussieht wie bei dem Fantastischen-Vier-Titelbild oben. Und da Warlock ein Erzgegner von Thanos ist, dem künftigen Oberschurken der Avengers-Filmen, und außerdem eng mit den Juwelensteinen verbunden ist, die das Gimmick in den MCU-Filmen sind – deshalb rechnen viele mit dem Erscheinen von Warlock in einem der nächsten Filme. Der Guardians-Regisseur hat das auch schon so angedeutet.
    Andererseits haben wir mit Vision aus Avengers 2 bereits einen pazifistischen Film-Superhelden, der ein unschuldiges Konstrukt in einer ihm fremden Welt ist, und der eines dieser Juwelen an der Stirn trägt… wird da wirklich noch einer kommen? Vielleicht steckt ja doch „Sie“ im Kokon, geschaffen von Ayesha und nach ihr benannt? (Aber ich glaube, der Name Adam fällt.)

Zugegeben: Guardians Vol. 2 ist immer noch nur ein Superheldenfilm. Ich warte noch auf einen solchen, der mehr ist als nur ein guter Superheldenfilm, so wie Blade Runner mehr ist als ein guter Science-Fiction-Film.

2 thoughts on “Marvel wirft nichts weg (mit Anmerkungen zu Guardians of the Galaxy Vol. 2)

  1. Joël

    Ich war auch ganz begeistert von dem zweiten Guardians of the Galaxy. In Punkto Gefallen sind für mich beide gleichauf. Doch habe ich eine Frage auch an Sie: Glauben Sie, dass man sich den zweiten Film ansehen kann ohne den ersten gesehen zu haben? (Ich hatte das schon mit Frau Rau in Berlin diskutiert)
    Meine Antwort wäre nämlich Jein.
    Ich ersten Film wird ziemlich viel Zeit darauf verwendet wo die einzelnen Mitglieder der Guardians herkommen und wie sie zusammengewürfelt werden. Wenn man das für den zweiten Film nicht weiß, ist es zu Anfang dann doch ein wenig seltsam, denn die Protagonisten sind schon sehr schräg.

  2. Herr Rau Post author

    Ich weiß es nicht. Für Comicredakteure von früher galt: Jedes Heft ist für irgendeinen Leser das erste Heft, und muss deshalb verständlich sein. (Und daneben auch: Jeder Superheld ist der Lieblingssuperheld von irgendwem.) Bei Marvel wurde das im Silver und Bronze Age gelöst unter anderem mit vielen redaktionellen Kommentaren in eckigen Kästchen, und mit viel Wiederholungen. Heute ist das leider anders.

    Da meine Sammlung nach und nach auf der Grundlage von Zufallsfunden auf Flohmärkten entstand, war ich es gewohnt, unvermittelt in Handlungen einzusteigen, und habe viel Übung darin. Für mich wäre es ein Genuss, einen zweiten Teil zu sehen, ohne den ersten zu kennen. (Die Hintergrundgeschichte der Helden hätte ich selber lieber erst im zweiten oder dritten Teil.) Aber ich kann mich da ganz schlecht in einen Kinogänger ohne Superheldenvergangenheit hineinversetzen.

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