Stan Lee mit 95 Jahren gestorben

Und dann doch überraschend: Stan Lee ist gestorben, 2018, mit 95 Jahren. Stan Lee kenne ich seit Herbst 1978. da war ich gerade mal elf Jahre alt, Stan Lee 56 – aber für mich zehn bis fünfzehn Jahre jünger. Und das kam so:

In der 5. Klasse entdeckte ich Marvel Comics, namentlich die Serie Die Spinne aus dem Williams-Verlag. EIn Mitschüler brachte mich darauf, und ich war schnell regelmäßiger Leser. Die Hefte kriegte ich am Kiosk an der Endhaltestelle der Straßenbahn in meinem Stadtteil; da fuhr ich mit dem Bus hin und von da aus weiter mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Alle zwei Wochen gab es ein neues Heft, und neben Die Spinne las ich auch die anderen Hefte aus dem gleichen Haus – Die Rächer, Die Fantastischen Vier vor allem.

Auf Flohmärkten fand ich mit einigem Einsatz einen Großteil der zurückliegenden Hefte, und auch die der anderen, bereits eingestellten Serien – und wenige Monate später (nach meinem Gefühl: eine Ewigkeit später) wurden auch die restlichen Williams-Marvel-Serien eingestellt. Just my luck. Aber ich hatte ja die Jagd nach den alten Heften, hatte amerikanische Hefte, die ich – als Folge der vielen amerikanischen Soldaten in Augsburg – auch reichlich auf Flohmärkten fand, und in den Folgejahren bei Urlauben in den USA. Und einen Nachfolgeverlag gab es auch, der viel deutsche Ausgaben produzierte, dem aber völlig der Charme der Williams-Marvels abging. (Allein schon das Handlettering der Williams-Hefte, das nur von heute aus amateurhaft aussieht, und dabei immer noch besser ist als der Pseudo-Handsatz heute.)

Und dieser Charme, der war ein wesentliches Merkmal der Marvels: Die Autoren und Zeichner hatten überbordende Spitznamen, ich weiß nur noch die englischen: Smiling‘ Stan Lee, Dazzlin‘ Don Heck, Adorable Artie SImek, King Kirby, Stainless Steve Ditko, Rascally Roy Thomas, Big John Romita, alle mit lobpreisenden Adjektiven oder Spitznamen versehen. Diese Sprache der 1960er-Marvels übernahm auch das Redaktionsteam der deutschen Fassungen in den Übersetzungen der 1970er-Jahre, als die Geschichten mit zwölf oder fünfzehn Jahren Verspätung erschienen. Das großsprecherisch, markschreierisch – aber bei der Konkurrenz wurden die Namen der Autoren, Zeichner, Tuscher überhaupt nicht genannt. Marvel gab ihnen Identitäten. Ein gezeichneter Stan Lee sprach den Leser mit weitausladenden Gesten direkt an, „Excelsior“ sein Schlachtruf. Marvel-Comics waren nicht einfach da, sie wurden erkennbar von Menschen gemacht.

Dass der amerikanische Bullpen – die künstlerischen Mitarbeiter im Verlag – gar nicht so war wie dargestellt, klar; und auch die Figur, die Stan Lee für sich erfunden hatte, entsprach sicher nicht der Wirklichkeit – aber die Unterschrift, der Schnurrbart, das liebenswert Großsprecherische, das war schon auch echt. Stan Lee war das Gesicht von Marvel, der Co-Erfinder fast aller frühen Marvel-Superhelden, der Autor vieler früher Geschichten – Stan Lee und Steve Ditko bei Spider-Man, Stan Lee und Jack Kirby bei The Fantastic Four, das sind zurecht legendäre Jahre. Mit Schmalz und Melodrama und Pathos. Schon im ersten Spider-Man-Heft schrieb Stan Lee: „With great power comes great responsibility“, und danach ging es nur noch aufwärts.

Marvel-Sammlung 1979
Meine Marvel-Sammlung 1979

Stan Lee verdiente als Executive viel Geld und stand gerne im Rampenlicht, andere Künstler behandelte der Verlag („The House of Ideas“, im Vergleich zur „Distinguished Competition“ von DC) stiefmütterlich biss schlecht; zwischen Kirby und Lee und Ditko und Lee gab es Streit. („Funky Flashman“ mit seinem „Houseroy“ war danach eine Kirby-Parodie auf Lee im Mister-Miracle-Universum, Google-Bildersuche.) Manche Fans mochten ihn nicht, unterstellten auch, die anderen Künstler seien die eigentlich Produktiven gewesen. Aber die letztlich doch immer etwas enttäuschenden Hefte von Ditko ohne Lee, von Kirby ohne Lee zeigen, dass sein Beitrag als Erzähler nötig war, um Geschichten und das Marvel-Universum zu erschaffen. Die Auftritte im Marvel Cinematic Universe bezauberten dann auch wieder viele verstimmte Fans.

Angemalte Seite aus Schulbuch
Tiere in meinem Schulbuch Englisch 5./6. Klasse: Als Superhelden

Die Rolle, die Stan Lees Marvel-Comics in meiner Entwicklung spielen, ist groß. Toleranz, Nicht-Aufgeben, Umgang mit Niederschlägen, Verantwortung, Verlust. Avengers 32 und 33 mit den rassistischen Söhnen der Schlange. Pulphaft versunkene Reiche in Avengers 34 oder Fantastic Four 54. „This Man – This Monster“ in FF 51. Amazing Spider-Man 33, in dem Spider-Man sich fünf Seiten lang aus einem eingestürzten Labor hervorarbeitet. Hachz.

Vom Objektdiagramm zum Klassendiagramm

Diagramm Superhelden-Beziehungen

Diagramm Superhelden-Beziehungen

(Quelle: Webhostingbuzz)

Erstelle aus diesem Objektdiagramm das entsprechende Klassendiagramm.
Einsatz: heute in 9. Klasse, Thema Datenbanken, Datenbankentwurf, Beziehungen zwischen Objekten beziehungsweise Klassen.

Neuen Fachausdruck gelernt: „lore“ (englisch). Bei mir heißt das ja noch „canon“. Ich konnte das Diagramm sachgerecht kommentieren.

Im Kino gewesen: Black Panther (2018)

Jetzt ist schon wieder was von Marvel im Kino gekommen. Black Panther, hat mir gefallen.

Ach, Marvel. Ich bin ja Fan der ersten Stunde (Foto von 1979 als Beleg), und es war eine schwierige Zeit für Fans. Marvel war in Deutschland der Underdog, DC kannte man. Und auch bei den Filmen gab es erfolgreiche Superman- und Batman-Produktionen (beide Gestalten natürlich DC), und nur sehr unglückliche Marvel-Versuche. Um die Jahrtausendwende änderte sich das plötzlich, es gab richtig gute Marvel-Filme, eine Weile, und dann nicht mehr so gute.

Und vor knapp zehn Jahren kam dann der erste Film des MCU (Marvel Cinematic Universe) heraus, 2008 habe ich Iron Man gesehen und darüber gebloggt. Ich hatte mir nicht viel davon erwartet, der Hulk-Film von 2003 war enttäuschend gewesen, und Iron Man als Figur hatte mich nie besonders interessiert. Und dann war das ein erfrischend originaltreuer Film mit einem vielversprechenden Anhang… und Marvel hat die Versprechungen eingelöst und inzwischen knapp zwanzig Superhelden-Filme gemacht, die alle im gleichen Kosmos und miteinander spielen.

Zugegeben: Citizen Kane war keiner dabei, und auch kein Casablanca. Aber das waren andere Mainstreamfilme auch nicht. Aber die Filme waren mehr oder weniger, und mit der Zeit eher mehr, und teilweise enorm, erfolgreich bei Publikum und Kritik und Fans. Der Immer wieder befürchtete man das Ende der Erfolgsreihe, und immer wieder überraschte Marvel mit etwas Neuem… Während DC, nun Mantel des Schweigens am besten.

Und jetzt schon wieder. Von Black Panther hat ja wohl schon jeder gehört? Kritik lobt, Publikum strömt rein. Ein Unterschied zu bisherigen erfolgreichen Superheldenfilmen, der vor allem in den USA einen großen Unterschied macht: Eigentlich alle wichtigen Rollen sind mit schwarzen Schauspielern besetzt. (Und Musik und Drehbuch und Regie auch.) Der Film spielt weitgehend in Afrika. Wie sehr wäre mir das aufgefallen, wenn das nicht vorher so sehr thematisiert worden wäre? Nur die erste Szene des Films, die in den USA spielt, fühlte sich auffällig an – eben weil sie in den USA spielt. Der Rest ist Afrika, und da sind die Leute halt schwarz. Ganz ohne weißen Retter.

Dabei ist die Perspektive auf die gezeigte Kultur eine mir sehr vertraute. Rider Haggards King Solomon’s Mines habe ich so in Erinnerung – farbenfroh, tanzfreudig, voller Speere und Rituale. Nur dass hier noch Science Fiction dazu kommt, futuristische Technik, futuristische Waffen, Wolkenkratzer, und das mitten in Afrika, vor den neugierigen Augen der Außenwelt verborgen.

Solche Enklaven des Fortschritts kenne ich, zum Beispiel aus meinem geschätzten Lost Horizon von James Hilton: Dort ist es die Stadt Shangri-La in Tibet, mit fortgeschrittener Kultur und moderner Technik, von der keiner ahnt. Hilton dürfte unmittelbar oder mittelbar beeinflusst gewesen sein von Agarttha (Wikipedia), einer geheimnisvollen Stadt in Tibet, die vom französischen Okkultisten Alexandre Saint-Yves d’Alveydre Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben wurde, komplett mit Hohlwelt und geheimen Weltenlenkern. In der Verschwörungsliteratur gibt es noch mehr in der Art. Und bei Marvel auch: In Fantastic Four #47 (1966) tauchte zum ersten Mal die verborgene Stadt Attilan der Inhumans auf, in Fantastic Four #54 (1966) war Prester John der letzte Überlebende der verborgenen Stadt Avalon, in Fantastic Four #52 (1966) erschienen zum ersten Mal das verborgene Land Wakanda und sein Regent T’Challa, der Schwarze Panther. (Das soll jetzt nicht heißen, dass Stan Lee und Jack Kirby zu wenig Fantasie hatten. Zu Prester John kamen die Helden direkt von Wakanda aus, und zwar auf der Suche nach Attilan, hängt doch alles zusammen.)

Wakanda war in den Comics von Anfang an ein ultra-hochtechnisiertes, aber sehr zurückgezogenes Land. Es gaukelt im Film dem Rest der Welt erfolgreich vor, ein ganz normales Drittweltland zu sein. Das ist dann auch ein Thema: Wie sehr soll sich Wakanda weiterhin abschotten, wie sehr an der Lösung der Probleme in der Welt mitarbeiten? Das kommt mir ein wenig so vor wie ein ganzes Land als Superheld: Üblicherweise haben wir den Teenager, der wie ein ganz normaler Teenager wirkt, aber in Wirklichkeit geheime Superkräfte hat, und das weiß nur keiner, weil man sie nicht einsetzt; hier haben wir ein ganzes (schwarzes) Land, das wie ein normales (armes) Land wirkt, aber in Wirklichkeit geheime Superkräfte hat, nur dass das keiner weiß, weil man sie nicht zeigt. Ist das vergleichbares Wunschdenken?

Pluspunkte des Films: Schurken mit sinnvoller Motivation, Frauen mit sinnvollen Rollen. Das gab es bisher zu wenig. Dass die Schauspieler hervorragend sind, die Produktion sorgfältig, mit Liebe zum Detail und zur Vorlage, mit Humor – das ist bei Marvel eigentlich immer so.

Black Panther erschien zuerst als wiederkehrende Nebenfigur bei den Fantastic Four, später bei den Avengers; 1977 erschien das erste Heft mit seinem Namen auf den Titel, aber schon vorher, 1973, war er der Held der Serie Jungle Action, zumindest in den vielgelobten Heften 6-18. Was genau darin passiert, kann man zum Beispiel bei der Marvel University nachlesen, einem inzwischen abgeschlossenen Blog, das so ziemlich jedes Marvel-Heft des Silver Age ausführlich bespricht: Hier geht es zum September 1973, mit Jungle Action Nr. 6.

(Wir sprechen nicht gerne darüber, aber bei seinem Erscheinen war T’Challa einer der wenigen Marvel-Superhelden mit einem Cape, und zwar einem unkleidsam halblangen.)

Marvel wirft nichts weg (mit Anmerkungen zu Guardians of the Galaxy Vol. 2)

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Marvel-Comics

Marvel wirft nichts weg. Das war vor allem in den 1960er und 1970er Jahren prägend, als Marvel die Superheldencomicszene revolutionierte und den Platzhirsch und Konkurrenten DC alt aussehen ließ. Viele der Merkmale jener Zeit finden sich auch in den Filmen des Marvel Cinematic Universe der letzten neun Jahre.


(Der Autor als jugendlicher Marvel-Fan, ca. 1979, Blogeintrag zum Bild)

Neu bei den Comics war: die Albernheit. Stan Lee begrüßte einen immer wieder mal persönlichg mit seinem Ruf „Excelsior!“; die Autoren und Zeichner und Inker wurden nicht nur genannt, sondern porträtiert und ihre Arbeit erklärt; sie hatten Spitznamen wie Stan the Man Lee, Rascally Roy Thomas; Gene the Dean Colan. Die Geschichten waren nicht abgeschlossen wie bei der Konkurrenz, sondern hatten immer ein wenig Fortsetzungscharakter. Auch die Nummerierung der Hefte war fortlaufend, anders als bei Superman & Co, wo in Deutschland jeder Jahrgang wieder neu bei 1 begann. Die Helden hatten ähnliche Superkräfte wie bei DC, aber weniger Capes, waren fehlerhaft, zankten sich und hatten Alltagsprobleme. Und sie liefen einander ständig über den Weg, das machte die Welt größer.

Ein Beispiel für die Verzahnung der Marvelwelt

Ein Beispiel dafür, wie die Marvelcomic-Welt funktionierte, ist Adam Warlock. Der tauchte zuerst 1967 in einem Heft der Fantastischen Vier auf, geschrieben von Stan Lee:

Titelbild Fantastische Vier 63 Das Heft war der zweite Teil einer spannenden Doppelfolge. Üble Wissenschaftler hatten etwas gebaut, das bald aus einem Kokon schlüpfen würde, das war spannend gemacht. Es gab aber auch Hinweise darauf, dass da nicht das herauskommen würde, was geplant war… kurzum, eine goldene Männergestalt kam heraus, wurde „Him“ genannt, und floh die Erde dann ins All.

Panel aus dem Heft, ein goldener Mann

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Zwei Jahre später tauchte diese Gestalt wieder auf, in einem Heft von Thor (1969), geschrieben ebenfalls von Stan Lee. „Er“ schlüpft wieder aus einem Kokon, diesmal ein Fortbewegungsmittel, diesmal im All, und prügelt sich parzivalesk-naiv-draufgängerisch mit Thor, insgesamt vier Hefte lang.

(Geprügelt wird aber nur ein oder zwei Hefte lang – der Fortsetzungscharakter bei Marvel hieß, dass in einem Heft nur ein erster Hinweis auf einen Handlungsstrang kommt, während der vorhergehende abgeschlossen wird, im nächsten entwickelt er sich dann ein wenig weiter, um erst wieder ein Heft später seinen Höhepunkt zu finden – neben ersten Spuren des nächsten Handlungsstrangs.)

Man weiß immer noch nicht recht etwas anzufangen mit der Figur. Drei Jahre später bekommt sie ein neues Kostüm, ein Juwel auf die Stirn, einen neuen Lebensinhalt und bald auch ein eigenes Heft: Eine andere – ebenso wiederverwerte – Gestalt hat eine zweite Erde geschaffen, auf der „Er“, jetzt Adam Warlock genannt, sich als Christusfigur um die Menschen kümmern muss. Von da an wird die Figur berühmt, und da habe ich sie aus den Augenwinkeln immer wieder mal gesehen (in französischen Comics und in Gastauftritte da und dort), und erst Jahre danach mit der Kokon-Geschichte verbunden.

Das Juwel auf der Stirn, das wohl aus Designgründen entstanden sein dürfte, kriegt später noch ein paar Geschwister und eine Hintergrundgeschichte und eine lange, lange, lange Geschichte danach. Und das Labor mit den Wissenschaftlern, das „Ihn“ erst hervorgebracht hat? Das taucht auch noch einmal auf und produziert eine zweite, weibliche Gestalt, „Her“ genannt, später auch als Ayesha bekannt.

Wie das als Marvelfan früher war

Das Leben als Marvel-Fan war nicht leicht. Anfang der 1980er Jahre wurden die deutschen Hefte nach und nach eingestellt. (Etwas später machte ein neuer Verlag weiter, aber nicht mehr so gut – glänzendes Papier, Maschinensatz, und die Zeit der besten Geschichten war auch schon vorbei.) Die ersten Marvel-Produkte kamen ins Kino und waren… enttäuschend, auch wenn es ohnehin nur Fernsehproduktionen waren, die in Deutschland im Kino liefen. DC, der andere Verlag, brachte nach den erfolgreichen Supermanfilmen auch noch erfolgreiche Batmanfilme heraus.
Um die Jahrtausendwende herum verkaufte Marvel dann, vielleicht frustriert, die Filmrechte für Spider-Man, die X-Men, die Fantastischen Vier. Und zu allseitiger Überraschung wurden diese Filme, zunächst jedenfalls, Erfolge bei Publikum und Kritik. Bis sie dann immer schwächer wurden… da fasste Marvel sich ein Herz und produzierte eigene Filme mit ihren restlichen Helden, angefangen bei Iron Man (2008, hier mein Blogeintrag dazu), und das MCU (Marvel Cinematic Universe) war geboren.

Ich alter Marvelfan kann es immer noch nicht fassen, dass unsere Underdog-Helden jetzt plötzlich bekannt und beliebt sind, und dass wir ihre Abenteuer im Kino sehen können, wieder und wieder und wieder. Und dass diese Abenteuer vom Tonfall her den Comics der 1960er und 1970er Jahren entsprechen, eben jene, die ich damals in der 5. Klasse gelesen habe. Marvels beste Zeit.

Guardians of the Galaxy, Vol. 2 (mit Spoilern)

Der Film hat mir sehr gut gefallen, sogar besser als der erste. Die Eröffnungssequenz ist ganz wunderbar, tolle Action, die strikt im Hintergrund spielt, während vorne ein Teddybäumchen tanzt. Das ist die richtige Schwerpunktsetzung. Die Farben im Film unverhohlen knallbunt, mit bunterem Sternengeflitter am Ende als bei Star Crash (1979). Flotte Musik, lustige Sprüche, rundum gut. Der Film ist zehn Minuten zu lang, eine Szene ist mir zu brutal, und der kleine Groot als Kindersoldat musste auch nicht sein. Trotzdem: Unterhaltsam, leichtfüßig, flott, witzig, menschelnd. Und es gibt einen sehr überraschenden 80er-Jahre-Gastauftritt. Das Alberne, Familiäre, Bunte kenne ich aus den frühen Marvels, ebenso das Melodrama, die gebrochenen Figuren – und weggeworfen wurde auch hier nichts. Groot selber war übrigens ursprünglich ein Standard-Monster in einem Standard-SF-Monstercomic von 1960, noch vor dem Beginn der Marvel-Superheldenzeit.

Was den Marvelfan besonders freute:

  • Howard! Howard the Duck ist ein spezieller Marvelheld. Eine sarkastische Ente aus einem Entenuniversum, die es zu uns verschlagen hat. Die Verfilmung von 1986 gilt als katastrophal; das Entenkostüm darin ist disneyworldhaft-unbeweglich, die erotisch knisternde Szene zwischen Howard und Beverly hat das Publikum ratlos-irritiert zurückgelassen. Ich mag den Film, er hat ein paar schöne Szenen. Unter anderem die mit Howard und Beverly.
    Schon im ersten Guardians ist Howard aufgetaucht, als Sammlungsobjekt, hinter Glas. Diesmal treibt er sich tatsächlich im Hintergrund herum und kriegt ein paar Zeilen Text. Nach all diesen Jahren endlich Respekt für Howard! Marvel wirft nichts weg, auch Howard gehört zur Familie, alles ist verziehen. Easter Eggs sind in allen Filmen lustig, aber bei Marvel zeigen sie außerdem, welche unerwarteten oder zukünftigen Ecken Teil der Marvel-Welt sind.
  • Starhawk! Die kleinen verhaltenen Flügelchen auf dem Kostüm von Sylvester Stallone. Als ich die gesehen habe, habe ich sie selbst in dieser Schwundstufe gleich erkannt: Es gibt in den Comics ein ursprüngliches, älteres Guaedians-Team, zu dem Yondu gehört, und so ein Typ mit diesen Flügelchen, nur eben größer. Die anderen Teammitglieder tauchen dann auch schön im Abspann von Vol. 2 auf.
  • Stan Lee und die Beobachter! Eine Wegwerffigur in einem frühen Abenteuer des Fantastischen Vier war der Beobachter, Uatu. Glatzköpfig, übermenschengroß, in Laken gehüllt – ein Außerirdischer, der sich geschworen hat, nur zu beobachten und nicht einzugreifen. Natürlich taucht er dann immer wieder auf – Marvel wirft nichts weg – und greift in den Comics dann doch ständig ein. Er ist der Erzähler der What-If-Parallelweltgeschichten. (Und später gibt es immer mehr Beobachter, und Hintergrundgeschichten dazu. Weniger bekannt als The Watcher ist ein anderer seiner Art, The Critic: Der beobachtet nicht nur, sondern mäkelt auch am Beobachteten herum, aber ich weiß nicht, wie kanonisch der ist.)
  • Ein Kokon, ein Kokon! Die goldglänzende Gegnerin der Guardians präsentiert im Abspann eine Art Wunderwaffe, und zwar einen Kokon, der genau so aussieht wie bei dem Fantastischen-Vier-Titelbild oben. Und da Warlock ein Erzgegner von Thanos ist, dem künftigen Oberschurken der Avengers-Filmen, und außerdem eng mit den Juwelensteinen verbunden ist, die das Gimmick in den MCU-Filmen sind – deshalb rechnen viele mit dem Erscheinen von Warlock in einem der nächsten Filme. Der Guardians-Regisseur hat das auch schon so angedeutet.
    Andererseits haben wir mit Vision aus Avengers 2 bereits einen pazifistischen Film-Superhelden, der ein unschuldiges Konstrukt in einer ihm fremden Welt ist, und der eines dieser Juwelen an der Stirn trägt… wird da wirklich noch einer kommen? Vielleicht steckt ja doch „Sie“ im Kokon, geschaffen von Ayesha und nach ihr benannt? (Aber ich glaube, der Name Adam fällt.)

Zugegeben: Guardians Vol. 2 ist immer noch nur ein Superheldenfilm. Ich warte noch auf einen solchen, der mehr ist als nur ein guter Superheldenfilm, so wie Blade Runner mehr ist als ein guter Science-Fiction-Film.

Doctor Strange

Endlich gibt’s eine Kollegin, mit der ich über Marvel-Filme fachsimpeln kann. Beide waren wir gestern schon in Doctor Strange, und uns beiden hat der Film gut gefallen. Der Film krankt an den üblichen Marvel-Krankheiten, aber die Schurken und Frauen sind wenigstens einen Tick interessanter als sonst. Cumberbatch als Stephen Strange und Tilda Swinton als Ancient One sind ohnehin toll besetzt. Dazu wie üblich ordentliche Dialoge, Action und Humor, so wie man das von Marvel halt kennt und wie das DC immer noch nicht hinkriegt.

Der eigentliche Star des Films sind aber wohl die Spezialeffekte, und dabei lohnt sich das 3D wirklich mal. Anders als man gelegentlich in Kritiken liest, ist Doctor Strange nicht entstanden vor dem psychedelischen Hippie-Hintergrund der 1960er Jahre.* Immerhin wurde die Gestalt schon 1963 von Steve Ditko, hauptsächlich, erfunden. Die Handlung der ersten Hefte ist wieder von Stan Lee. Und schon ganz am Anfang trieb sich Doctor Strange in fremden Dimensionen herum, noch Dalí-hafter als die Kirby-Kosmen, halb organisch, halb weltraumhaft, und ein bisschen dämonisch. Das war das, war uns an Doctor Strange gefiel, und das hat auch der Film übernommen.

Die hochgelobten Spezialeffekte in der Großstadt, wo sich die Straßen und Gebäude von New York wie ein Verschiebepuzzle gegeneinander drehen: schon beeindruckend, aber letztlich für mich nicht interessant. Die Spezialeffekte in Hong Kong, spoilerfrei: schon besser. Aber richtig gut sind die nicht-irdischen Dimensionen.

Der Film beginnt mit einer Entstehungsgeschichte: Wie aus dem Neurochriurgen der Magier wird. Muss wohl sein, ich brauch’s nicht, mich stört es eher. Zeigt mir erst den Magier, für seinen Hintergrund ist auch später Platz. So hielt man es auch in den Comics. Erst in seinem vierten Abenteuer erfährt man seine Geschichte.
Stattdessen beginnt die allererste Geschichte so, wie ich mir einen Film gewünscht hätte. Ein Klient kommt mit einem okkulten Problem zu Doctor Strange, der rät und hilft, fremde Dimensionen sind dabei, und es geht anders aus, als der Klient sich das erwartet hatte. Ich hätte gerne mehr Alltag gehabt. Warum kann der Zauberer nicht einfach mal die Katze der Nachbarn vom magischen Baum holen? Raymond Chandler hat es in The Long Goodbye ja auch geschafft, eine spannende zusammenhängende Detektivgeschichte zu schreiben und zwischendrin mehrere kleine Vignetten aus dem Alltag eines Detektivs zu packen – angefangen mit dem Klienten, der Marlowe bittet, Mabel zu finden.

Typisch für die Comics waren die dramatisch-hanebüchenen Zaubersprüche, die Strange und seine Gegner benutzten, oft – ganz Stan Lee – heftig alliterierend:

  • „By the Flames of the Faltine!“
  • „By the Sons of Satannish!“
  • „By the Hoary Hosts of Hoggoth!“
  • „By the Ruby Rings of Raggadorr!“
  • „By the Crimson Bands of Cyttorak!“
  • „By the Ageless Vishanti!“
  • „By the Vapors of Valtorr!“
  • „By the Eye of Agamotto!“
  • „By the Images of Ikonn!“

(Zusammenstellung von hier übernommen, wo auch noch mehr. Zuerst gab es die Sprüche, im Lauf der Jahre danach wurde nach und nach geklärt, was das überhaupt für Instanzen waren.)

Gesprochen wirken die Sprüche wohl weniger beeindruckend als bei der Lektüre, und in Actionsequenzen hat man auch keine Zeit dazu, anders als im Medium Comic mit seiner ganz eigenen Zeitgestaltung. Also verstehe ich, dass sie es nicht in den Film geschafft haben.

* Zugegeben, wenn man sich Defenders 6 von 1973 anschaut (Blogeintrag dazu), versteht man das mit den Drogen. Da zündet der Schurke eine Schale jamaikanischen Weihrauch an, worauf er Alpträume bekommt.


Ansonsten haben mich Schüler heute tatsächlich nach der Ackermann-Funktion gefragt, im Wahlunterricht. Das ist ja wie Weihnachten für mich! Ich habe so gründlich Auskunft gegeben, wie ich konnte.

Ant-Man (2015)

Vorspann

ant-man_2015Ich weiß, ich höre mich an wie der eine, der mir mal auf einer Party den Unterschied zwischen Techno und Electronic Body Movement erklärt hat, oder wie Bob aus Bob’s Country Bunker, bei dem es großzügig beides gibt: Country und Western – aber auch bei Superheldenfilmen gibt es Unterschiede.

Sind die Filme düster und die Namen der Superhelden zusammengeschrieben (Superman, Batman), basiert der Film auf Comics des Verlags DC. Über die reden wir gar nicht, obwohl die sicher auch ihren Platz irgendwo haben mögen. Und dann gibt es die Filme, bei denen die Superhelden einen Bindestrich haben oder mit einem Leerzeichen geschrieben werden: Spider-Man, Ant-Man, Iron Man, Captain America, X-Men. (Thor und Hulk fallen wegen Kürze heraus.) Diese Filme basieren auf Comics des Verlags Marvel. Das sind historisch die Guten, jedenfalls von den 1960ern bis vielleicht Ende der 1980er Jahre, danach verschwimmen die Unterschiede. Allerdings werden die Filme von drei verschiedenen Gruppen produziert, obwohl natürlich auf allen „Marvel“ steht: Die Rechte für Spider-Man liegen bei Sony, und nach einem guten Anfang sind die letzten Filme enttäuschend. Die Rechte für X-Men und Fantastic Four liegen bei Fox, und während die X-Men-Filme ganz okay sind und man Fox dankbar dafür sein muss, dass sie die Superhelden-Welle damit losgetreten haben (und Sony dafür, ihren ersten Höhepunkt produziert zu haben), sind die Fantastic-Four-Filme durch die Bank …unbeliebt. (Hier eine Reihe Verrisse des aktuellen.)

Und dann gibt es die von Marvel (inzwischen zu Disney gehörend) selbst produzierten Filme: Das sind die guten Filme. Das fing 2008 an mit Iron Man (Blogeintrag) und hat noch nicht aufgehört. Der letzte Film aus diesem Haus ist nun eben Ant-Man.

Kurzfassung: Hat mir gut gefallen.

Das Eigentliche zum Film

Der Film ist eine Nummer kleiner als die letzten Riesenschlachten aus dem Haus Marvel, und das war überfällig. Ich möchte nicht nur bombastische Superheldenfilme, sondern Superheldenkomödien und Superheldenkrimis. Diesmal geht es letztlich um einen Einbruchdiebstahl bei einem Hi-Tech-Schurken. Vater, Tochter und Quasi-Adoptivsohn planen das ganze in einem zwar sehr gediegenen, aber trotzdem eher hausbackenen Wohnzimmer. Danach stößt ein Unterstützungsteam von drei Assistenten dazu, die nicht gerade den kompetentesten Eindruck machen: das sind übrigens sehr schöne Nebenfiguren. Dass sie sich dann als erstaunlich fähig erweisen: geschenkt, ebenso wie das schnelle Training des Helden, die fehlende – von mir auch nicht vermisste – Erklärung für die Technik der Kommunikation mit Ameisen. Auch sonst war mir nicht immer klar, warum etwas genau so und nicht anders gemacht werden musste, aber das ist halt bei Einbruchdiebstahlsfilmen so.

Pluspunkte:

  • Relativ viel Zeit wird auf das Training mit den Ameisen und dem schrumpfenden Kampfanzug verwendet, mehr als bei den anderen Filmen. Thor haut mit dem Hammer drauf, Captain America wirft ein Schild, Iron Man ist eine Panzerrakete, das bedarf wenig Erklärung. Aber was man für Tricks anwenden kann, wenn man die Größe ändern kann, das erfordert etwas mehr Erklärung, und die kriegen wir auch.
  • Im Zusammenhang damit macht auch zum ersten Mal 3D tatsächlich für mich Sinn. Es gibt oft etwas Ameisengroßes zentral im Bild vor reichlich Hintergrund. Da kommt das 3D gut.
  • Im Original ansehen: Da gibt es ein paar Schwerze mit lippensychronem Off-Erzähler, die in der Übersetzung nicht so gut funktionieren könnten.
  • Das Verhältnis von Held und Schurke ist ähnlich wie in Iron Man: Ein Erfinder erfindet eine Rüstung, gibt sie aber nicht her; sein Freund-Konkurrent stiehlt ihm Firma und baut seine eigene Rüstung. Aber hier ist das besser motiviert, und der Held ist zweigeteilt: Der Erfinder, Hank Pym (Michael Douglas) war in den späten 1980er Jahren aktiv, sein Nachfolger-Konkurrent-Ziehsohn baut die Erfindungen von damals nachb, und der andere Held ist Scott Lang (Paul Rudd), im Kostüm des alten.
  • Humor. Kennt man von Marvel. Der Regisseur Peyton Reed hat mir davor schon bei Down with Love gefallen. Klar kann man sich fragen, was aus dem Film geworden wäre, wenn Edgar Wright bei dem Projekt geblieben wäre – der von Shaun of the Dead und so weiter. Vielleicht noch etwas Besseres, ja.
  • The Quantum realm: Wenn man ganz arg schrumpft, kommt man in einen merkwürdigen Bereich. Es wird gemunkelt, dass Doctor Strange (mit Benedict Cumberbatch) darauf zurückgreifen wird. Das sah zwar nicht unbedingt nach den gezeichneten magischen Welten von Steve Ditko aus (der Doctor Strange gezeichnet hat), sondern eher nach einem Kosmos von Jacky Kirby – wo sich die Fantastischen Vier üblicherweise herumtreiben. Mal schauen, ob noch etwas daraus wird.

Minuspunkte:

  • Sollen wir tatsächlich einmal wegen einer toten Ameise eine Träne vergießen? Die Szene ist dankenswert sehr kurz, aber dann hätte man sie bitte gleich weglassen können – oder das Verhältnis Mensch-Ameise genauer untersuchen sollen.
  • Die Frauenrollen. Eher: Rolle. Es gibt von einem Gastauftritt abgesehen nur eine. Die (Evangeline Lilly) ist an sich eine sehr gute Figur. Aber auch sie muss am Schluss den Helden küssen. Das war mir nicht motiviert genug.

Historisches:

  • In den Comics ist der ursprüngliche Ant-Man Hank Pym. Ich kann verstehen, dass sie den nicht als Held genommen haben. Er hat lange keine besondere Identität – aber er war ja auch nicht als Superheld geboren: Januar 1962 erschien eine einzelne Geschichte in Tales to Astonish #27, das damals nichts mit Superhelden am Hut hatte, denn Marvel fing just da an damit, sie wiederzuerwecken. In dieser Geschichte ging es um einen Wissenschaftler, der ein Schrumpfserum an sich testet und mit Mühe und Not aus einem Ameisenhügel entkommt. Geschichten dieser Art, um letztlich austauschbare Wissenschaftler und die Folgen ihrer unbedachten Experimente gab es zuhauf. Aber diesmal war die Figur besonders beliebt und durfte ein paar Monate später noch einmal Abenteuer erleben, diesmal mit einem Kostüm: Ant-Man. (Man bemerke den Bindestrich.) Weil der immer noch eher blass war, bekam er bald eine Partnerin, die Wespe, mit mehr Persönlichkeit.
    Erst später entwickelte Ant-Man/Hank Pyn dann eine Persönlichkeit, oder sogar mehrere davon: Erst wurde er Giant-Man, dann Goliath, dann wurde er in einer psychotischen Phase zum schurkenhaften Yellowjacket.
    Sein Nachfolger, Scott Lang, brachte genug Hintergrund für einen Film mit: Ehemaliger Straftäter, alleinlebend, geliebte kleine Tochter.

Avengers: Age of Ultron

(Mit Spoilern, aber nichts, was man nicht schon im Trailern und auf Fotos gesehen hat.)

Der Film hat mir gut gefallen, sogar besser als der erste. Allerdings wundere ich mich, warum so viele Leute ohne meine Comic-Vergangenheit in diese Filme gehen. Gibt es für die einen Unterschied zwischen Marvel-Superheldenfilmen und anderen Action-Serien? Leider sind die Superheldenfilme alles Action-Filme. Ein bisschen Action muss natürlich sein, und Disney weiß schon, was sie machen – sie stecken sehr viel Geld in einen Film mit sehr viel Krachbumm, und kriegen dafür noch mehr sehr viel Geld heraus, also halte ich mich da heraus. Aber für mich hätte ich gerne die Regel: Jeder SUperhelden darf in zwei Kämpfe pro Film verwickelt werden, aber nicht mehr. Dafür muss nicht jeder bei jedem Kampf dabei sein. (Ich habe ganze X-Men-Hefte, bei dem kein einziges Mal Wolverines Krallen zu sehen sind!) Den Rest füllt man mit dem, was Marvel ausmacht: Soap Opera, Humor, Drama.

Und davon war in diesem Avengers-Film wenigstens auch viel drin. Die schönsten Szenen waren die Szenen ohne Kampf: Wettstreit der Machos, Party, Flirten, Recherchieren, leider keine Auseinandersetzung mit den Medien. Die Schauspieler waren fast alle sehr gut, oder hervorragend besetzt, ich weiß den Unterschied nicht. Downey, Ruffalo, Evans, Johansson, Renner, auch Hemsworth und Taylor-Johnson: toll. Die anderen sind mir weniger aufgefallen. Sehr viel nebenbei und ökonomisch erzählt, ich habe gar nicht alles mitgekriegt, wie ich im Gespräch danach erfahren habe; nächste Woche werde ich den Film noch einmal mit Freunden ansehen. Bestes Kostüm: Bruce Banners Trainingsanzug.

Für alte Marvel-Zombies wie mich war auch viel schönes dabei: Wakanda wird erwähnt, und eine schöne Version von Ulysses Klaw war dabei. (Black Panther wird einer der nächsten Marvel-Verfilmungen sein.) Die alte Garde der Rächer tritt ab und wird durch die neue ersetzt, wie im klassischen Heft Nr. 16:

avengers_16

avengers_57_1 Aber die Menschenmenge, der Kontakt mit den normalen Menschen, der fehlt leider. Dafür ist Vision drin, ähnlich wie in Heft 57.
Bei den Comics hat ja auch das angefangen, was ich an Bildung habe. Die letzte Seite in diesem Heft (Autor: „Rascally“ Roy Thomas, Zeichner: „Big“ John Buscema) zeigt das Schicksal, das Ultron am Ende erleidet:

avengers_57_2

Generationen von Marvel Zombies haben hier Shelley kennengelernt und nicht im Englischunterricht.

In den Comics ist nicht das Technikgenie Tony Stark für die Erschaffung Ultrons verantwortlich, sondern das Technikgenie Hank Pym. Weil die vielen Genies etwas schwer auseinanderzuhalten sind, und es gibt ja auch noch ein paar mehr davon, hat man das mit Ultron dem Stark zugeschoben, aus zwei Figuren quasi eine gemacht, Problem elegant gelöst.
Etwas Ähnliches, glaube ich, geschieht auch mit Vision. Auch im Comic ist diese Figur von Ultron als Instrument des Bösen geschaffen, wird aber doch einer der Guten. Vision hat ein Juwel an der Stirn, technisch natürlich aus irgendwelchen Gründen, aber tatsächlich deshalb, weil das zum Design gehört. Im Film ist die Figur weitgehend aus dem Comic übernommen; das Juwel in der Stirn ist hier allerdings einer der vom Oberschurken so begehrten Infinity Stones. Und auch die Quasi-Geburt von Vision, das Schlüpfen aus dem Kokon, ist nur im Film so ausführlich dargestellt. Ganz so neugeboren-sündenfrei wie im Film ist Vision im Comic nicht, auch wenn der dort ebenfalls friedlich und introspektiv ist. Bei Kokon denkt man eher an diese Szene aus Fantastic Four Nr. 67:

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Was da aus dem Kokon schlüpft, wird sich erst Jahre später herausstellen. Und im Comic wird diese Figur einen der Infinity Stones an der Stirn tragen. Ich kann mir in den nächsten Avengers-Filmen nicht zwei Figuren mit so einem Juwel vorstellen.

Wem all das nichts sagt, der kann das leider nicht nachholen. Das ist wie die Mondlandung: verpasst ist verpasst. (Ich war 1968 vor dem Fernseher.) Ansonsten kann ich die Marvel University anbieten, auf die mich Bernie Kübler hingewiesen hat. Die gelehrten Herren und Damen dort stellen chronologisch alle Hefte vor, die Marvel herausgebracht hat – von November 1961 (das erste Heft der Fantastischen Vier) bis Dezember 1979. Im Moment sind sie allerdings schon im Jahr 1976, ich habe in den letzten Tagen von hinten bis vorne alle Seiten überflogen, viele auch gelesen. Es sind dann doch nicht alle Marvel-Comics detailliert besprochen – die Romance-Serien, die unzähligen Western, die Gruselhefte sind nur angeschnitten. Zu allen anderen Heften gibt es Inhaltsangaben und Kommentare. Ach, wie das das Herz erfreut! Die wichtigsten Serien der 1960er Jahre habe ich als Kind gelesen, die der 1970er Jahre dann erst später, aber gelesen habe ich sie, und auf meine bescheidene kleien Weise kann ich fachsimpeln.

Cory Doctorow & Jen Wang, In Real Life

doctorow_wang_irlGraphic Novel, etwa 175 Seiten.
Um die 13 Euro.

Zugegeben: Wenn es mehr gute Geschichten um Gamer und mehr gute Geschichten mit Heldinnen gäbe, dann würden mir bei In Real Life mehr die Nachteile einfallen. Die Geschichte ist ein bisschen dünn und plakativ, aber hey, das sind viele Jugendromane auch. Weil es aber nicht viel vergleichbare Bücher gibt, kann ich das nur empfehlen als Geschichte um eine Gamerin, ihre Onlinefreunde, jugendliche Naivität. Erfreulich – aber nicht verwunderlich, wenn man Doctorow kennt – ist, dass das Buch ohne die Klischees auskommt, die einem hierzulande bei Onlinespielern einfallen: Schlechte Noten, Realitätsverlust, falsche Identitäten. Dafür gibt es andere Klischees, meinetwegen, aber die sind nicht gar so platt. Und wer noch nie etwas von gold farming gehört hat, der kann hier noch etwas lernen.

Richtig schön ist auf jeden Fall, wie Wang die Bildersprache der Computerspiele mit der Bildersprache der Comics kombiniert – Eingabeformulare, Wartebalken, Punktegewinn. Das habe ich so noch nicht gesehen, aber ich lese ja auch gar nicht mehr viele Comics.

Siehe auch:

Captain America 2: The Winter Soldier (deutsch: The Return of the First Avenger)

War ich also neulich im Kino, den neuen Captain America anschauen. Wie er mir gefallen hat? Ganz nett, bunt, habe mich nicht gelangweilt, war okay. Aber wie er mir gefallen hat, interessiert mich weniger als das, was da gerade passiert.

Das war jetzt der neunte Film im Marvel Cinematic Universe, der neunte Film seit 2008. Finanziell ist das eine der erfolgreichsten Filmserien überhaupt. Mehr Geld, vor allem weltweit, hat die Harry-Potter-Serie eingebracht. Star Wars, Star Trek, James Bond, alle weit abgeschlagen – zum Teil, weil es weniger Filme in der Serie gibt, klar, etwa bei den bisher zwei Hunger-Games-Filmen. Die genauen Zahlen (US/weltweit, inflationsbereinigt usw.) gibt es bei Box Office Mojo.

Neun Filme in sieben Jahren. Nummer zehn noch dieses Jahr, nächstes Jahr wieder zwei, übernächstes mindestens einer, und die Grobplanung läuft bereits bis 2028. Auch wenn man letztere Ankündigung nicht so ernst nehmen muss: Das ist eine beeindruckende Leistung. Neun Filme in sieben Jahren, und kein echter Misserfolg dabei.

Für die Marvel-Comics des Silver Age war entscheidend, dass die Helden einander immer wieder mal über den Weg liefen. Klar, sie wohnten auch fast alle in New York. Diese neun Filme spielen auch alle im selben Universum. Das begann mit Jon Favreaus Iron Man (Blogeintrag 2008), der den Ton vorgab für die folgenden Filme: versteckte Hinweise auf andere Helden und Geschichten, und eine Geheimorganisation als Klammer, die die Filme verbindet.

Auch im neuen Captain America gibt es Hinweise auf eine gemeinsame Welt. Fanboys wie ich waren glücklich, in einem Nebensatz den Namen „Stephen Strange“ zu hören. Oha! Der fehlte uns noch, und ein (bereits angekündigter) Doctor-Strange-Film könnte toll aussehen. Einen Hulk wird es wohl nicht so schnell mehr geben. Viele Geschichten gibt es nicht, die man vom Hulk erzählen kann – andererseits gilt das noch mehr für Spider-Man, und von dem gibt es auch mehr Filme als nötig. Den Peter-David-Hulk zusammen mit dem Pantheon würde ich schon gerne mal sehen. Und die Rechte für die anderen Helden sind leider beim falschen Studio. Selbst wenn noch weitere Fantastische Vier und X-Men angekündigt sind: Ohne ein gemeinsames Universum sind die Filme nur halb so interessant.

Was mir bei Captain America gefehlt hat: Zivilisten. Die Helden sollten nicht nur in einer gemeinsamen Welt leben, sondern gemeinsam mit normalen Menschen. Aber anscheinend kommt der jüngste Film trotzdem sehr gut an. Und das, obwohl er – laut Kritikern – mit den Formeln für die letzten Filme bricht, etwas radikal Neues versucht. Nu, radikal sieht für mich anders aus, aber ja: das ist ein Techno-Action-Thriller, in dem gelegentlich ein Kostüm-Fetzen auftaucht.
Verstehen werde ich Marvels Strategie nie. Schon vor dem ersten Iron Man stand ich zweifelnd da, und musste mich eines Besseren belehren lassen. Genauso zweifelnd schüttle ich den Kopf für den zehnten Film, diesen Sommer noch, eine Science-Fiction-Geschichte mit Rocket Racoon, einem humanoiden Waschbär. Aber hey, inzwischen traue ich denen alles zu. Was kommt als Nächstes, eine romantische Komödie im Marvel-Universum? Ant-Man und die Wespe (2015) kann ich mir gut als Screwball-Comedy vorstellen. Und danach eine romantische Komödie?

Die Handlung für die nächsten beiden Avengers-Filme steht schon halbwegs fest. Eine Civil-War-Verfilmung, in der sich die Superhelden-Gemeinschaft selbst bekriegt, ist wohl erst mal nicht zu erwarten – da machen die einen Superhelden mit bei der von der Regierung verordneten Zwangs-Registration, die anderen wehren sich dagegen. Zu düster, aber eine gute Möglichkeit, viele Helden unterzubringen.

Ich bin erst mal nur sehr gespannt, wie lange diese Erfolgssträhne für Marvel anhält.


Exkurs 1: Gibt es andere geteilte Filmwelten? Erst mal fällt mir wenig ein. Das wäre ja so, als würden sich Tarzan und Indiana Jones treffen, und ein Nachfahr von Zorro noch dazu. Wirkt etwas beliebig. Dracula, der Werwolf und Frankensteins Monster sind schon mal aufeinander getroffen, wenn nur in der Komödie. Disneys Cartoonfiguren haben ein gemeinsames Universum, und die von Warner Brothers auch. James Bond… das wäre so, als gäbe es viele James-Bond-Filme mit jeweils unterschiedlichen Agenten als Hauptpersonen. Es dürfte schwierig sein, da genügend interessante Figuren zu finden, da es wenige Agenten-Archteypen zu geben scheint. Die Star-Wars-Filme sehe ich eher als Fortsetzungen an und weniger als geteilte Universen.

Exkurs 2: Das Golden Age der Superheldencomics waren die späten 1930er bis in die späteren 1940er Jahre. Hunderte von Comicserien lösten die Pulp-Hefte der vorhergehenden Generation ab. Eine bescheidener Start für eine neue Serie war eine Auflage von 250.000, erfolgreiche Serien hatten eine Million, Disney Comics bis zu drei Millionen Auflage – Zahlen, die seitdem nie wieder erreicht wurden.
Die Superhelden des Golden Age waren unüberschaubar zahlreich und bunt, die Geschichten simpel. Anfang der 1950er Jahre war dann aus verschiedenen Gründen erst mal Schluss. Das Publikum wanderte ab, die öffentliche Meinung hatte jugendliche Straftäter als Thema und Comics als Ursache entdeckt.
Ende der der 1950er Jahre und Anfang der 1960er Jahre begann dann das Silver Age. DC Comics – der Verlag mit Superman und Batman, die die 1950er mit eher harmlosen Geschichten übberbrückt hatten – kramte die alten Helden heraus, oder zumindest ihre Namen und Fähigkeiten, und verlieh ihnen einen modernern Anstrich. Flash und Green Lantern bekamen neue Kostüme und eine neue Hintergrundgeschichte. Aber vor allem tauchte am Anfang des Silver Age ein neuer Verlag mit alten Wurzeln auf: Marvel. Die brachten Pep in die Szene. In Kooperation mit Zeichnern (allen voran Jack Kirby und Steve Ditko) und anderen Autoren erschuf Stan Lee viele der Marvel-Helden, die wir heute kennen. Und auch Marvel griff aufs Golden Age zurück, wenn auch anders: Captain America, ein Held der frühen 1940er Jahre, wurde wiederbelebt, ebenso Namor, der Submariner. (Von den anderen Golden-Age-Figuren wurden nur gelegentlich ein paar Namen entlehnt: Vision und Human Torch, in den 1970ern dann auch ein paar Nebenfiguren.)
Ein Bronze Age begann in den frühen 1970ern, als die Geschichten ernsthafter und dramatischer wurden. Über das anschließende Dark Age in den frühen 1990ern reden wir am besten nicht. Und jetzt, mit den Filmen, haben wir wieder eine Neu-Erfindung der Helden, mit ähnlichen, aber eben doch frisch angepassten Kräften, Namen, Kostümen und Hintergrundgeschichten.

The Avengers, im Kino

Wahrlich, was sind das für Zeiten, wo jedermann meine kleine Marvel-Comic-Welt kennt. Das freut mich, und ich rechne das den Filmen hoch an, selbst wenn nicht alle davon besonders gut sind.

Zum Hintergrund: Hulk kennen wir schon aus zwei Filmen, Iron Man auch, Thor und Captain America aus jeweils einem. In den meisten Filmen tauchte auch die Regierungsorganisation SHIELD auf, gar köstlich eingeführt im ersten Iron Man. SHIELD, dessen Leiter, und andere Elemente verbinden die Filme und künden nach und nach einen gemeinsamen Film aller Helden an, eben diesen: The Avengers. So nennt sich seit 1963 Marvels erstes Superheldenteam im engeren Sinn, modelliert nach dem Vorbild des Konkurrenzverlags DC.

Pluspunkte des Films: die Figuren waren genau richtig besetzt und gezeichnet. Sehr gelungen. Jede hat ihre Momente, Hawkeye vielleicht ausgenommen, aber die Hinterbänklerrolle ist er aus den Comics gewöhnt. Trotz der vielen Superhelden-Hauptfiguren – Thor, Iron Man, Hulk, Captain America, Black Widow, Hawkeye, Nick Fury, Loki – war der Film nicht überladen. Die Kampfszenen waren gut geschnitten, nicht verwirrend, jede Figur hatte einen eigenen Kampfstil. Beim Kampf um Manhattan wäre sogar durchaus noch Platz gewesen für ein paar andere Mitstreiter. Und 3D hat sich sogar halbwegs gelohnt.

Minuspunkte: die Sequenz auf dem Heli-Carrier ist zu lang, weil überflüssig. Und weil der Heli-Carrier schon arg unglaubwürdig ist. Was sollte/wollte Loki da überhaupt? Ist mir nicht klar geworden. Bei den angreifenden Außerirdischen fehlte mir die Hintergrundgeschichte – so waren das halt irgendwelche Angreifer, hätten genauso gut Trolle aus Jutgard sein können, aber da hätte man wieder Asgard reinbringen müssen, und das hätte den Film vielleicht überladen.
Der größte Fehler ist meiner Meinung nach aber der, dass dieser Film nicht in meiner Welt spielt. Dabei war das das Schöne am Marvel-Universum: Nicht nur, dass sich die Superhelden der verschiedenen Serien über den Weg laufen konnten, sondern auch, dass das in New York geschah, dass New Yorker aus dem Fenster sahen und den Helden zuwinkten oder ihnen – wenn es die Yancy Street war – Müll auf den Kopf kippten. Und diese Welt jenseits der Superhelden fehlt in The Avengers. Die erste Sequenz spielt in geheimen Regierungsanlagen, und die meisten anderen ebenso. Öffentlichkeit: gibt es keine. Nur einmal in Stuttgart dürfen Bürger furchtsam kauern, und zum Schluss in New York furchtsam flüchten. Staffage.

Ich habe mir die ersten Hefte der Avengers noch einmal angeschaut: Da ist mehr Öffentlichkeit, mindestens schon mal in Form von Rick Jones und seiner Teen Brigade. Und eigentlich geht es mit den Avengers ja erst in Heft 16 los, finde ich – und da haben wir die Presse und Leute auf der Straße und Interviews.

Aber gut, das Team findet sich ja erst in diesem Film. Im nächsten erwarte ich mir dann mehr über das Verhältnis zwischen dem Superheldenteam und dem Rest der Welt.