Harte Schule zum Letzten

So, gerade kam die letzte Folge (siehe ersten, zweiten, dritten Eintrag). Die hat mich ein bisschen versöhnt, und sei es nur, dass ich glaube, ein bisschen was daraus für den Unterricht verwenden zu können.
Tenor der letzten Folge: Die Schüler sind zufrieden. Sie haben vor allem die Gemeinschaft genossen, und außerdem erkannt, dass sie mit dem anderen (aufgezwungenen) Lernverhalten viel effizienter lernen. selbst Saskia sagt, dass die Zeit doch ganz schön war. Von 24 Schülern haben 17 bestanden, alle haben bis zum Schluss durchgehalten. (Anders übrigens als bei der englischen Vorlage.)

Ich hätte gerne etwas über die Lehrmethoden erfahren. Okay, “amo, amas, amat” wird im Chor gesprochen, aber das war’s dann auch. Stattdessen wurden ständig nur Prüfungssituationen gezeigt. Das ist auch nicht uninteressant, aber um wirklich beurteilen zu können, wie sich die Schule unterscheidet, braucht es vor allem die normale Unterrichtssituation.

Störendes Detail: Musste die Schulhymne unbedingt zur Melodie von “Auld Lang Syne” sein? Man sollte meinen, es hätte genügend deutsches Liedgut gegeben. Schubert oder so etwas. Auch wenn man das den Schülern und dem Publikum erst hätte beibringen müssen.

Prinzipielles Problem: Die geheuchelte Enttäuschung über Verhalten, das von der TV-Produktion herausgefordert oder erwartet, auf jeden Fall erwünscht wird. Natürlich wird heimlich ein Deo in die Burg geschmuggelt, und natürlich wird es entdeckt, und natürlich gibt es Anschiss dafür. Maßlos enttäuscht war der Schulleiter. Aber der Produktionsleiter freut sich. (Ähnlich bei der Kissenschlacht in der allerletzten Nacht. Auch dafür ein Anschiss. Und keiner hat gelacht dabei.)
Und da frage ich mich: Haben die Lehrer das am Ende etwa ernst genommen? Waren die wirklich enttäuscht oder überrascht? Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Man kommt nur auf den Gedanken, weil man die Lehrer nie außerhalb ihrer Rolle sieht. Auch bei der Lehrerkonferenz gaben sich die Kollegen ganz im Stil der 50er Jahre – gut, die Kamera war dabei. Aber die Lehrer waren doch hoffentlich abends bei Wein und Bier zusammen gesessen und haben derbe Scherze über die Schule und die Schüler gemacht? Bitte sagt mir, dass das so war!
Ganz zum Schluss kamen die Lehrer nochmal zu Wort und durften ein bisschen was zu ihren Erfahrungen sagen. Einer hat dabei gelächelt und ganz vernünftige Sachen gesagt. Die anderen wirkten ganz genau so wie den Rest des Experiments über.
Merkwürdig.

7 Antworten auf „Harte Schule zum Letzten“

  1. Mir hat die Serie gefallen. Im Vergleich zu den “Living History” Produktionen der ARD (Schwarzwaldhaus, Gutshaus, Windstärke 8) stand zwar eher der Unterhaltungsaspekt im Vordergrund als der ernsthafte Versuch, Lebensbedingungen von anno dunnemals experimentell soweit wie heute noch möglich nachzustellen. Gegenüber RTL-Müll wie “Peking Express” waren die Regeln aber klarer und von Anfang an transparent (für die Teilnehmer und die Zuschauer). Wahrscheinlich gab es auch in der “harten Schule” kleinere Pannen, die rausgeschnitten wurden (z.B. wenn ein Teilnehmer aus seiner Rolle fiel oder im Unterricht auch mal gelacht wurde), aber ein bisschen getrickst wird im Fernsehen immer, und solange nicht wie bei “Peking Express” wesentliche Handlungsstränge dem Zuschauer vorenthalten werden, ist es in meinen Augen legitim.

    Trotzdem würde mich mal interessieren, inwieweit der Ablauf geskriptet oder ergebnisoffen war. Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass die Lehrer vorab gebeten wurden die Eingangsprüfungen so “schwer” zu machen, dass ca. drei Viertel durchfallen und in den Abschlussprüfungen nur noch ein Drittel durchfallen zu lassen, um den “Erfolg” der pädagogischen Methoden zu demonstrieren. Frage an die Leute, die “That’ll teach them” gesehen haben: Waren diese Zahlen im englischen Vorbild ähnlich ? Gab es auch dort eine Rebellin (bei uns Saskia), die eine ganze Folge lang im Mittelpunkt stand ? Verlief die gesamte Serie in etwa gleich oder ganz anders ?

    Blackend: Erzähl doch mal etwas mehr aus der Sicht eines Teilnehmers (Lehrer oder Schüler?). Wäre sicher nicht nur für mich interessant. Warum z.B. wurde die “Wilhelm Tell” Aufführung bei der Abschlussfeier nicht gezeigt, die im Videotext angekündigt war ?

    Noch kurz mein Senf zu PISA (wen’s interessiert): Anders als die (zum Teil scharfen) Kritiker der Serie sehe ich sie zwar nicht als ernsthaften Diskussionsbeitrag zu dieser Problematik (sondern wie gesagt in erster Linie als Unterhaltung), aber gezeigt hat sie doch folgendes:
    Mit der Pädagogik der 50er Jahre erreicht man die Lernziele, die von der damaligen (patriarchalischen, autoritären, leistungsorientierten, usw.) Gesellschaft als wichtig angesehen wurden (Disziplin, Fleiss, Ordnung, breites Faktenwissen, …), allerdings auf Kosten von teilweise gebrochenen Persönlichkeiten.
    Mit der heutigen Pädagogik erreicht man die Ziele, die heute als wichtig angesehen werden
    (selbständiges Denken, Selbstbewusstsein, selektives Wissen, …) – zunehmend allerdings immer schlechter. Gründe dafür gibt es viele:

    - Konzentrationsschwächen der Schüler durch mediale Reizüberflutung
    – Fehlende Lernausdauer durch eine “instant satisfaction” Mentalität
    – Zunehmde Gewalt unter Jugendlichen
    – Probleme mit der Integration von Ausländern (fehlende Deutsch-Kenntnisse müssen noch
    in weiterführenden Schulen erst mühsam aufgeholt werden)
    – Mangelndes Interesse der Eltern an den Schulerfahrungen ihrer Kinder
    – Fehlende Kompetenz und Motivation der (zu alten) Lehrer
    – Zu grosse Klassen, zu viel Unterichtsausfall, fehlendes Geld an den Schulen
    – Die (soziale) Herkunft, nicht die Eignung, bestimmt häufig die Einstufung in Gymnasium /
    Realschule / Hauptschule
    – Einheitstempo, um auch den schwächsten Schüler noch “mitzunehmen” (statt besonderer
    Förderung jeweils für die Schwachen UND die Hochbegabten)
    – Fehlende Anpassung an den Biorhythmus von Schülern und Lehrern (nachdenkenswert
    finde ich die Ganztagsschule mit Mathematik, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften,
    Sprachen am Vormittag und Sport, Kunst oder Musik am Nachmittag)
    – und so weiter und so fort …

    Eine Frage, auf die mir auch die “harte Schule” keine Antwort gegeben hat: Erreicht man Ziele wie Kreativität, Phantasie, Ehrgeiz, Talent zum Glücklichsein eher mit der heutigen oder der 50er-Jahre Pädagogik ?

  2. Ich habe (dem mir ansonst völlig unbekannten) Blackend gemailt und auf diesen Kommentar hingewiesen, vielleicht meldet er oder sie sich ja darauf noch einmal.

  3. hallo!
    ihr wollt meine Meinung hören!
    Als ich als MItwirkender in dieser Serie war eher enttäuscht!
    Das ZDF hat wesentliche Dinge weggelassen! Man hätte mehr aus 3 einhalb Wochen Material machen können!
    Ansonsten war die Umsetzung der Idee recht gutgelungen, obwohl man wirklich hätte mehr Unterrichtssituation zeigen sollen.
    Wenn es irgendwelche Fragen gibt dann meldet euch einfach bei mir!

    Gruß Blackend

  4. Melden ist schwierig, da die E‑Mail-Adressen der Gäste hier nicht veröffentlicht werden. Soll ich deine hier abdrucken? (Ansonsten leite ich gerne auch weiter.)

  5. Ich muss zu meiner Schande gestehen, die restlichen drei Teile der Serie verpasst zu haben. Asche auf mein Haupt… ;-)

    Aber ich finde den Anstoß von steerpike interessant, obwohl ich mich frage, ob man überhaupt so einfach von einer “heutigen” Pädagogik sprechen kann. Meine Schulzeit ist noch nicht allzu lange her, aber auch ich bin noch mit Lehrern konfrontiert worden, die uns nach dem alten Modell Vokabeln und Formeln haben pauken lassen. Auch mit Aufstehen vor Unterrichtsbeginn und der ein oder andere Lehrer hätte sich mühelos in die “harte Schule” eingefügt. Andererseits gibt es auch Lehrer die (und zwar unabhängig vom Alter, was ich betonen möchte!) völlig neue Wege gehen und wirklich auch neue Unterrichtsformen ausprobieren und entwickeln. Beide Formen hatten/haben in meinen Augen ihren Nutzen, man sollte aber trotzdem immer aufgeschlossen dafür bleiben, dass es auch andere Wege zu lernen gibt.

    Ich finde deshalb, man sollte die Frage nicht darauf zuspitzen, ob die “alte” oder die “neue” Pädagogik die bessere ist, sondern die Pädagogik den Rahmenbedingungen, auf die Schule ja nur bedingt Einfluss hat, und auch neuen Erkenntnissen anpassen. Dein Hinweis bezgl. des Biorhythmus’ spukt mir auch schon seit längerem im Kopf herum. Aber es gibt ja auch andere Hinweise aus der Neurobiologie, z.B. das man Vokabel angeblich besser lernt, wenn man sie mal in Falsettstimme und mal im Bass vor sich herspricht, weil das Hirn dann mehr Abwechslung bekommt.

    Ob alle Deine Punkte wirklich “Schuld” an Pisa sind, ist fraglich. Z.B. der Punkt, dass schwache Schüler den Fortgang des Unterrichts bremsen. Ist in meiner Schulzeit wohl eher selten vorgekommen, eher sind selbige abgehängt worden und standen dann auf Dauer‑5 in dem jeweiligen Fach. Darüber hinaus sortieren wir ja schon immer die Schwächsten nach unten hin aus. Spätestens nach der vierten Klasse werden die “Guten” von den “Schlechten” getrennt. Anderseits haben die führenden neun Pisa-Länder alle die Gesamtschule als Schulform, wo auch gute und schlechte Schüler in einer Klasse sitzen. Bei denen scheint das zu funktionieren.

    Andere Punkte sind eher gesamtgesellschaftlicher Natur (Integration, Gewalt, Konzentrationsschwäche), denen man alleine mit Pädagogik in der Schule wohl nur schwach entgegentreten kann. Ob die (im ZDF dargestellte) Pädagogik der 50er das besser lösen würde, halte ich für fraglich.

  6. @Blackend: Schreib doch einfach, was du für erzählenswert hältst! Welche wesentlichen Dinge wurden z.B. weggelassen ? Oder wie sah die typische Unterrichtssituation aus ? Wie war das mit dem “Tell” ?

    @Hokey: Mit dem “Einheitstempo” meinte ich nicht direkt, dass schwache Schüler den Unterricht bremsen, sondern eher dass die Lehrer ihr Tempo (zwangsläufig) an den durchschnittlichen Schülern orientieren. Dabei werden dann häufig die schwächeren Schüler abgehängt und die “Besseren” sind unterfordert und langweilen sich. Beide Gruppen von Schülern brauchen daher meiner Meinung nach besondere, auf sie abgestimmte Förderung, die aber von den meisten Schulen nicht angeboten wird.
    Ein Beispiel war mein Physik-Leistungskurs: Ich will nicht sagen, dass wir alle Genies waren :-), aber wir waren ziemlich gut und hätten uns oft einen höheren Anspruch gewünscht. Statt sich darauf einzustellen hat unser Lehrer aber das gleiche Tempo durchgezogen wie in einem Grundkurs; der Stoff war nur breiter aber nicht schwieriger. Ich hatte den Eindruck, dass er gar nicht anders konnte, weil er es einfach so gewohnt war.
    Aus diesen Gründen und aus eigener Erfahrung (in der 7. Klasse von der Gesamtschule auf’s Gymnasium gewechselt) bin ich übrigens ein Verfechter des dreigliedrigen Schulsystems.

    Meine 2 cents (aus der Sicht eines Laien) wie ein idealer Unterricht (z.B. eine Doppelstunde Mathe, in der die pq-Formel behandelt wird) HEUTE ausehen sollte:

    a) Der Lehrer stellt ein Problem vor (wie löse ich eine quadratische Gleichung?) – und zwar nach Möglichkeit so motivierend, dass man sich als Schüler wirklich für die Lösung zu interessieren beginnt. Im Beispiel könnte er z.B. einen Ausflug in die Geschichte der Mathematik machen und von den Mathematikern erzählen, die sich erstmalig mit der Frage beschäftigt haben. Anschliessend setzen sich die Schüler in Gruppen von 4 bis 5 Leuten zusammen und diskutieren untereinander (für etwa ein Drittel der Doppelstunde) ihre Ideen, wie man das Problem lösen könnte. Der Lehrer gibt in dieser Phase keine oder nur wenige Tips, sondern achtet nur darauf, dass sich die Schüler nicht mit ganz anderen Themen beschäftigen.

    b) Im nächsten Drittel werden die Lösungen an der Tafel präsentiert (durch je einen Schüler aus jeder 4er/5er Gruppe). Anschliessend fasst der Lehrer im Frontalunterricht die verschiedenen Ansätze zusammen und entwickelt daraus an der Tafel die Lehrbuch-Form der pq-Formel. Dann können die Schüler, die es noch nicht kapiert haben, Fragen stellen und kriegen sie vom Lehrer (oder von Mitschülern) beantwortet.

    c) Im letzten Drittel der Doppelstunde wird die neue Formel durch Übungsaufgaben aus dem Lehrbuch einstudiert. Jeder arbeitet in Ruhe für sich. Solche stupiden Wiederholungen sind einfach notwendig, damit der Stoff richtig “sitzt” (hat man ja wunderbar in der “harten Schule” gesehen).

    Das funktioniert natürlich nur, wenn die nötige Disziplin vorhanden ist und wenn diese Einteilung in drei Unterrichtsphasen Routine ist (also in JEDER Stunde so praktiziert wird), damit beim Wechel von Gruppenarbeit zu Frontalunterricht nicht fünf Minuten mit Stühlerücken vergehen. Aber wie gesagt, ich bin Pädagogik-Laie und weiss nicht, ob das wirklich klappen würde – ich weiss nur, dass ich als Schüler gerne einen solchen Unterricht gehabt hätte.

  7. Irgendwie hab ich den Eindruck, was verpasst zu haben. Andererseits: meine Mutter ist Hauptschullehrerin, die hatte jetzt die ganze vergangene Woche Quali zu korrigieren, da brauch ich mir sowas nich auch noch im Fernsehn antun.

    cu, w0lf.

    ps: ja, und mein Vater quält sich grade mit ner 11. Klasse FOS herum. Und den rechtskonservativen Idioten namens Lehrerkollegium an seiner neuen Schule. Hoffentlich nimmer lang.

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