Doctor Strange

Endlich gibt’s eine Kollegin, mit der ich über Marvel-Filme fachsimpeln kann. Beide waren wir gestern schon in Doctor Strange, und uns beiden hat der Film gut gefallen. Der Film krankt an den üblichen Marvel-Krankheiten, aber die Schurken und Frauen sind wenigstens einen Tick interessanter als sonst. Cumberbatch als Stephen Strange und Tilda Swinton als Ancient One sind ohnehin toll besetzt. Dazu wie üblich ordentliche Dialoge, Action und Humor, so wie man das von Marvel halt kennt und wie das DC immer noch nicht hinkriegt.

Der eigentliche Star des Films sind aber wohl die Spezialeffekte, und dabei lohnt sich das 3D wirklich mal. Anders als man gelegentlich in Kritiken liest, ist Doctor Strange nicht entstanden vor dem psychedelischen Hippie-Hintergrund der 1960er Jahre.* Immerhin wurde die Gestalt schon 1963 von Steve Ditko, hauptsächlich, erfunden. Die Handlung der ersten Hefte ist wieder von Stan Lee. Und schon ganz am Anfang trieb sich Doctor Strange in fremden Dimensionen herum, noch Dalí-hafter als die Kirby-Kosmen, halb organisch, halb weltraumhaft, und ein bisschen dämonisch. Das war das, war uns an Doctor Strange gefiel, und das hat auch der Film übernommen.

Die hochgelobten Spezialeffekte in der Großstadt, wo sich die Straßen und Gebäude von New York wie ein Verschiebepuzzle gegeneinander drehen: schon beeindruckend, aber letztlich für mich nicht interessant. Die Spezialeffekte in Hong Kong, spoilerfrei: schon besser. Aber richtig gut sind die nicht-irdischen Dimensionen.

Der Film beginnt mit einer Entstehungsgeschichte: Wie aus dem Neurochriurgen der Magier wird. Muss wohl sein, ich brauch’s nicht, mich stört es eher. Zeigt mir erst den Magier, für seinen Hintergrund ist auch später Platz. So hielt man es auch in den Comics. Erst in seinem vierten Abenteuer erfährt man seine Geschichte.
Stattdessen beginnt die allererste Geschichte so, wie ich mir einen Film gewünscht hätte. Ein Klient kommt mit einem okkulten Problem zu Doctor Strange, der rät und hilft, fremde Dimensionen sind dabei, und es geht anders aus, als der Klient sich das erwartet hatte. Ich hätte gerne mehr Alltag gehabt. Warum kann der Zauberer nicht einfach mal die Katze der Nachbarn vom magischen Baum holen? Raymond Chandler hat es in The Long Goodbye ja auch geschafft, eine spannende zusammenhängende Detektivgeschichte zu schreiben und zwischendrin mehrere kleine Vignetten aus dem Alltag eines Detektivs zu packen – angefangen mit dem Klienten, der Marlowe bittet, Mabel zu finden.

Typisch für die Comics waren die dramatisch-hanebüchenen Zaubersprüche, die Strange und seine Gegner benutzten, oft – ganz Stan Lee – heftig alliterierend:

  • „By the Flames of the Faltine!“
  • „By the Sons of Satannish!“
  • „By the Hoary Hosts of Hoggoth!“
  • „By the Ruby Rings of Raggadorr!“
  • „By the Crimson Bands of Cyttorak!“
  • „By the Ageless Vishanti!“
  • „By the Vapors of Valtorr!“
  • „By the Eye of Agamotto!“
  • „By the Images of Ikonn!“

(Zusammenstellung von hier übernommen, wo auch noch mehr. Zuerst gab es die Sprüche, im Lauf der Jahre danach wurde nach und nach geklärt, was das überhaupt für Instanzen waren.)

Gesprochen wirken die Sprüche wohl weniger beeindruckend als bei der Lektüre, und in Actionsequenzen hat man auch keine Zeit dazu, anders als im Medium Comic mit seiner ganz eigenen Zeitgestaltung. Also verstehe ich, dass sie es nicht in den Film geschafft haben.

* Zugegeben, wenn man sich Defenders 6 von 1973 anschaut (Blogeintrag dazu), versteht man das mit den Drogen. Da zündet der Schurke eine Schale jamaikanischen Weihrauch an, worauf er Alpträume bekommt.


Ansonsten haben mich Schüler heute tatsächlich nach der Ackermann-Funktion gefragt, im Wahlunterricht. Das ist ja wie Weihnachten für mich! Ich habe so gründlich Auskunft gegeben, wie ich konnte.

4 Antworten auf „Doctor Strange“

  1. Hallo, Thomas,
    freut mich, dass Dir der Film gefallen hat. Ich bin ja schon seit Monaten sehr gespannt darauf, immerhin ist Dr. Strange eine meiner Lieblingsfiguren und Benedict Cumberbatch einer meiner Lieblingsschauspieler. Insofern ging ich fest davon aus, dass der Film schlecht ist – die vielen positiven Stimmen irritieren mich…
    Übrigens gab es am Anfang auch einen Zauberspruch mit dem „Dreaded Dormammu“, das war, glaube ich, die erste Figur, die dann recht bald persönlich in den Comics vorkam.
    Bzgl. des kuturellen Entstehungshintergrundes – ersetze Hippie durch Hipster (nee, nicht die aus Berlin), wahlweise auch Beatnik, dann hast Du’s. In der Subkultur ging das in den Fünfzigern los mit Buddhismus und Marihuana (und diverse härtere Drogen), bei Marvel in New York war man damals recht gut am Puls der Zeit und hat das schon aufgegriffen.

  2. Hallo Herr Rau,
    durch Zufall bin ich grad auf Ihren Blog gestoßen, weil ich zum Thema Wiki im Unterricht recherchiert habe. Nun sehe ich auch zufällig, dass Sie Marvel-Fan und interessiert am Austausch darüber sind. Da kann ich Ihnen den Youtube-Kanal meines Mannes empfehlen, der zu vielen aktuellen Filmen – Marvel sowieso immer – Kritiken dort veröffentlicht und sich gerne mit Interessierten in den Kommentaren dazu austauscht:
    https://www.youtube.com/user/Brodie1979/videos
    Viele Grüße
    Ulrike

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