Genosse Herr Rau

By | 7.5.2017

Ich bin Genosse, seit einem halben Jahr. Frau Rau ist schon seit dreieinhalb Jahren Genossenschaftsmitglied, und zwar sind wir beide beim Kartoffelkombinat.

Und das kam so. Vor fünf Jahren hatten wir eine Biokiste abonniert. Vier Anbieter haben sich Münchnen und Umland ziemlich genau nach den Himmelsrichtungen aufgeteilt und liefern wöchentlich eine Kiste Biogemüse. Auf Wunsch auch regional. Das war erst mal schön. Aber so furchtbar regional war das auch nicht immer, außerdem kann man den Inhalt der aktuellen Kiste online einsehen und tauschen und andere Sachen hineinpacken – wenn es keinen Biosupermarkt in der Nähe gibt, eine feine Sache, um an Obst und Gemüse zu kommen. Aber hier gibt es genug Biosupermärkte.
So wurde Frau Rau vor gut vier Jahren auf das Kartoffelkombinat aufmerksam. Das ist eine Genossenschaft (eine Geschäftsform, die im Wirtschaftsunterricht der Schule immer unter der Tisch fällt, neben AG und GmbH und GbR und so weiter). Das Kartoffelkombinat vertritt Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft. Das heißt, dass faire Löhne gezahlt werden; dass das Risiko geteilt wird; dass der Erzeuger von vornherein einen fairen Preis zugesagt bekommt. (Ansonsten ist das ja so, dass ein Bauer etwas anpflanzt, und wenn die Ernte schlecht ist, ist es sein Pech, und wenn sein Produkt am Markt dann wenig Geld macht, weil es plötzlich eine Schwemme davon gibt, ist das auch sein Pech.)

Konkret sah das lange so aus, dass das Kartoffelkombinat mit der einen oder anderen Gärtnerei zusammenarbeitete und dort Gemüse anpflanzte, quasi als Untermieter, und außerdem mit Bauern kooperierte – faire Preise, faire Verträge, geteiltes Risiko, und auch die Möglichkeit, Gemüse abzunehmen, dass auf dem Markt keine Chancen hat: krumme Karotten, unschöne Kartoffeln, zu kleine dies oder zu große das. Das nimmt einem ja kein Supermarkt ab, Bio oder nicht. Jeder Genosse – genauer: jeder Genosse, der zusätzlich zur Mitgliedschaft eine Kartoffelkiste bestellt hat – erhält dann jede Woche eine Kiste mit Obst und vor allem Salat und Gemüse.

Die Kiste muss man sich an einem Verteilerpunkte abholen, bei mir sind das sechs Minuten zu Fuß. Drin ist, was drin ist – im Winter Kartoffeln und Pastinaken und Lageräpfel und Sellerie, später dann Salat, Feldsalat, Chinakohl, Radicchio, noch später Tomaten in Hülle und Fülle, und Schwarzwurzeln, Kürbis, Karotten, Lauch, Kohl, Schnittlauch, Rettich, Kohlrüben, rote Rüben, Rhabarber, Birnen, Topinambur, Petersilie, Petersilienwurzel, Radieschen, Schwarzwurzeln, Kohlrabi, Grünkohl, Blumenkohl, Rosenkohl, Auberginen, Pak Choi, Mangold, Spinat, Fenchel, Blaukraut, Weißkraut, Bohnen, und vieles mehr (hier ohne besondere Reihenfolge aufgeführt). Wenn die Ernte schlecht ausfällt, ist weniger da; wenn die Ernte gut ist, mehr. Was nicht selbst angebaut wird, wird von Partnerbetrieben zugekauft. Ein von kundigen Menschen ausgearbeiteter Anbauplan sorgt dafür, dass es über das ganze Jahr über etwas gibt; die vielen Tomaten im Sommer werden außerdem zu Sugo verarbeitet, der dann in den Winterkisten drin ist.

Im Moment besteht das Kartoffelkombinat aus etwa tausend Haushalten. Das ist also schon eine große Sache, mit haupt- und nebenberuflich angestellten Mitarbeitern. Aber eigentlich haben die Genossen Gelegenheit, mitzuhelfen: Etwa beim Einkochen der Tomaten im Sommer, beim Ernten von Obst und Gemüse, beim wöchentlichen Packen der Kisten. – Selber mache ich da sehr wenig mit, bin nur jedes Jahr beim Einkochen dabei, und gehe regelmäßig auf Mitgliederversammlungen, ordentliche und außerordentliche.

Davon gab es in letzter Zeit einige, denn vor kurzem hat das Kartoffelkombinat einen großen Schritt getan, der von Anfang an geplant war: Wir besitzen jetzt eigenen Grund und Boden, sind also nicht mehr Untermieter bei anderen Gärtnereien. Ein wunderschönes Stück Land, etwa fünf Hektar groß, mit ebenso viel noch einmal dazu gepachtet. Das Gelände ist eine ehemalige Baumschule, die zur ökologischen Gärtnerei umgebaut wird, zwischen Oberschweinbach und Egenhofen – Ortsnamen, die ich aus dem Einzugsbereich meiner Schule kenne. Ich war schon mehrfach dort, es ist wunderschön gelegen, mit Platz für alles mögliche (Grillplatz, Spielecke, Bienenkörbe).

Das ist ein großer Schritt für unsere Genossenschaft. Wir mussten Geld aufbringen für den Ankauf des Grunds, für den Umbau, für neue Gebäude und Geräte; der Rest kommt von der Bank. Dazu müssen wir auch noch etwas wachsen; der Grund ist groß genug für 1500 Haushalte, und auf so viele muss die Genossenschaft in ein paar Jahren auch wachsen. (Bis zu diesem Zeitpunkt zahlen wir eine Zulage, um das zu finanzieren.)

Ich bin mit der Genossenschaft und den Kisten äußerst zufrieden. Das Vorgehen der Vorstände und des Aufsichtsrat sind sehr transparent, man wird über so viel und so detailliert informiert, wie man das wünscht; die Vorstände kommen auch eher aus der kritischen BWL-Ecke statt aus einer idealisierenden Ökobewegung.

Frau Rau und ich kriegen natürlich nur eine Kiste; ich bin Mitglied ohne Ernteanteil, einfach so, weil ich das gut finde. Die Kisten sind ihr Geld wert, der Salat schmeckt jedesmal besser als der aus dem Laden. Die Karotten sind manchmal krumm, die Kartoffeln haben auch schon mal silbrig geglänzt (was völlig harmlos ist, sie aber unverkäuflich macht), sie waren jedesmal sehr lecker. Schwarzwurzeln und diesen kleinen kanonenkugelrunden Kürbis mögen Frau Rau und ich nicht so besonders, aber die werde ich schnell an Kollegen los. Ansonsten mag ich es inzwischen, so eine schöne Kiste vorgesetzt zu bekommen, und dann zu planen, was ich damit mache. Am Abholtag gibt es regelmäßig Salat zum Abendessen, und inzwischen fallen mir sogar zu Rettich verschiedene Sachen ein. Sellerie ist eh leicht: mindestens schon mal Sellerielasagne, Waldorfsalat, Sellerieschnitzel. Anregungen hole ich mir in den Blogs, denen ich folge; bei den Rezeptseiten des Guardian und aus Kochbüchern.

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6 thoughts on “Genosse Herr Rau

  1. Herr Rau Post author

    Werde ich ausprobieren – den letzten Rettich habe ich auch eingelegt, ebenfalls als Sandwichfüllung, aber mit Kurkuma und ohne Karotten. Karotten sind auch immer genug da.

  2. Hauptschulblues

    Das Kartoffelkombinat finde ich prima.
    Wir bleiben aber trotzdem bei der Ökokiste. Wir haben die Regionalkiste und werfen online bereits alles raus, was nicht regional ist.
    Das Genossenschaftsmodell unterstütze wir auch. Wir sind seit vielen Jahren taz-Genossen (http://www.taz.de/!111154/) und neuerdings von Bellevue di Monaco (http://bellevuedimonaco.de/). Das geht aber eher in die politische/gesellschaftliche Richtung, wobei Essen natürlich auch immer gesellschaftlich und ökonomisch bedingt ist.
    Zudem habe ich 1980 Netzwerk Selbsthilfe München mitgegründet, ein interessantes Projekt, das schon 37 Jahre alt wird (http://www.netzwerk-muenchen.de/).

  3. Regine Franck

    Än Guete! Auch spannend hier: Brot aus Rettich, also sozusagen das Doppeldeckersandwich mit Rettich im Teig und auf dem Belag?????????????????

    https://books.google.ch/books?id=QjBXAAAAcAAJ&pg=RA6-PP1&lpg=RA6-PP1&dq=gesalzen+brod+und+rettich&source=bl&ots=kcYflj2_jS&sig=dCZ6h76MFaSNQtk5wXwereAKlpo&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiDnbX5heLTAhUrIMAKHXRXCfsQ6AEIUDAG#v=onepage&q=gesalzen%20brod%20und%20rettich&f=false
    Und der CH-Klassiker für die Karotten (mit politisch korrektem Hintergrund): http://www.coopzeitung.ch/karotten#tab_2
    herzlich
    r.

  4. Herr Rau Post author

    Beeindruckend, Hauptschulblues. Da rührt sich mein schlechtes Gewissen, dass ich mehr machen sollte.
    Karottenkuchen (so muss ich leider dazu sagen) macht Frau Rau gelegentlich auf meinen Wunsch, aber ich mag vor vor allem das Frischkäse-Zucker-Icing daran. Das Rettichbrot… wird noch etwas dauern, denke ich.

    Aber vom Kollegen Wirtschaftslehrer soll ich ausrichten, dass er sehr wohl Genossenschaften unterrichtet. Nur dieses eine Mal vor zwei Jahren nicht, als ich ihn gefragt habe, aber seitdem schon.

  5. Hauptschulblues

    Einen Gruß an den Kollegen Wirtschaftslehrer!
    (Netzwerk München und Bellevue könnte man auch anschauen mit der Klasse.)
    Und schlechtes Gewissen – ? Das brauchen Sie doch nicht haben, Herr Rau!

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