Ein bunter PDF-Strauß zum Schuljahresanfang

Die Sommerferien sind fast zu Ende, die ersten Nachrichten der Schulleitung – “Bitte auf die Homepage” – und die weitergeleiteten Nachrichten von allen, die meinen, mir Nachrichten schicken zu wollen, trudeln ein. Die Ausbeute:

Lehrplan 11. Klasse, Englisch

Wie erwartet eher allgemein-vage; die 11. scheint mir eine Art Park- und Wiederholungsjahr. Immerhin

verfügen [die Schülerinnen und Schüler] über zunehmend fundierte Kenntnisse zu grundlegenden geographischen, historischen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und umweltrelevanten Gegebenheiten sowie zu aktuellen Entwicklungen im UK, in den USA sowie in weiteren englischsprachigen Ländern.

Aber konkret heißt das natürlich gar nichts, und dass der Englischunterricht aus irgendsoetwas besteht, ist eh klar. Es wird aber noch präzisiert:

- Kolonialisierung und koloniales Erbe (First Empire, Second Empire, Commonwealth; Umgang mit indigenous populations); postkoloniale Entwicklungen in verschiedenen Ländern der englischsprachigen Welt, v.a. Kanada, Indien, Südafrika, ggf. ein weiteres afrikanisches Land; Massenproteste des Jahres 2020 (Black Lives Matter)
- vielfältige Aspekte einer Weltstadt am Beispiel von London oder New York, z. B. Wirtschaft, Kultur, Stadtentwicklung, Verkehr, Sicherheit, soziale Gegensätze
- Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung: Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt illustriert an Beispielen aus dem UK und den USA, z. B. Midlands und Kalifornien

Irland, das verbleibende EU-Land mit Muttersprache Englisch, taucht nirgendwo auf, auch wenn es bei allen Aspekten erscheinen könnte. Vielleicht in 12 oder 13, wo ohnehin manche dieser Punkte wiederholt werden werden (meine Prognose). Oder geht es dann nur um Europa und USA?

Außerdem gibt es jetzt eine “thematische Sequenz ‘Visionen der Zukunft aus Vergangenheit und Gegenwart’ ”. Inhaltlich nichts dagegen, aber ich finde es eine traurige Entwicklung, dass jetzt schon Mottos und Slogans im Lehrplan erscheinen, die früher Pressekonferenzen oder Wahlplakaten vorbehalten waren.

Lehrplan Deutsch, 11. Klasse

Das 17. und 18. Jahrhundert. Dass das Barock, wenn es nicht ganz weggelassen wird, aus der 8. in eine höhere Jahrgangsstufe wandert: unbedingt. Dass Aufklärung und Sturm und Drang dadurch verkürzt werden, ist allerdings schade. Nun, wenigstens keine “thematische Sequenz ‘Visionen der Vernunft aus Aberglauben und Furchtlosigkeit’ ”. Sonst müsste man wohl auch über die Kreuze im Klassenzimmer reden.

Rezipiert werden nur noch “eine Ganzschrift aus der Zeit der Aufklärung bzw. des Sturm und Drang und […] eine Graphic Novel oder [ein] Film.” Seit mindestens vierzig Jahren also zum ersten Mal nicht mal mehr zwei Bücher pro Jahr. Auch diese Entwicklung gefällt mir nicht. Graphic Novels konnte man bisher auch machen, habe ich jedenfalls schon erlebt; ich halte das Genre nicht für wichtig genug, es statt einem Buch in den Lehrplan zu schreiben. Außer Manga spielen Comics doch kaum eine Rolle im Leben junger Menschen? Und ist das Format so wichtig, dass man es denen, die es nicht kennen, näher bringen muss? Filme spielen eine größere Rolle, aber auch das kann man zusätzlich zur Lektüre machen, und sie werden sehr oberflächlich analysiert werden – da hielte ich die Beschäftigung mit Computerspielen noch für sinnvoller. In den 80ern gab es Schlager im Deutschunterricht, in den 90ern Trivialliteratur (Jerry Cotton im Schulbuch und so), jetzt halt das. Nun, man kann ja auch mehr lesen als im Lehrplan steht.

Visavid und Mebis

Visavid (die zentrale bayerische Schul-Videokonferenzlösung) kriegt neue Features; die Anmeldung soll an Mebiskonten angebunden werden. Alles schon angekündigt, alles erwartet, und wenn es funktioniert, wird das auch gut sein.

Kontaktbriefe

Vom ISB, dem pädagogischen Zweig des Kultusministeriums, gibt es jedes Jahr für jedes Fach einen Kontaktbrief mit aktuellen Informationen. Da sind übrigens auch viele Empfehlungen und Wünsche drin, mal mehr, mal weniger drängend formuliert – aber nichts, an das man sich halten muss, denke ich; das steht dann in anderen Schreiben. Die Kontaktbriefe werden jedes Jahr länger. Ich stelle mir das so vor, dass alle möglichen Anliegenhaber und ‑haberinnen, die gerne gelesen werden wollen, an die Kontaktbriefabteilung schreiben, dass doch bitte dieser eine Punkt doch auch noch da aufgenommen werden könnte.

In Deutsch gibt es dieses Jahr demnach das gleiche wie jedes Jahr. (Neu nur: “Informationskompetenz schulen mit SPUTNIK.”) Wie jedes Jahr auch die Tirade: Warum es gut ist, dass die Aufgaben I bis III keinen Kontext für das Schreiben haben, kein Zielpublikum, weil nämlich epistemisch-heuristisch, und das ist auch gut so, während die Aufgaben IV und V natürlich einen Kontext und eine Situierung haben, wo kämen wir sonst auch hin. Anscheinend wollen das immer noch nicht alle einsehen.

Die Unterscheidung liegt auch daran, dass Sachtexte seit jeher analysiert werden und literarische Texte interpretiert. Früher gab es im Lehrplan explizite Aufsatzformen, die demnach Analyse oder Interpretation hießen. Diese Aufsatzformen gibt es zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr, aber sie sind noch in den Köpfen der Lehrkräfte:

Dies [=“Synergieeffekte”, ehrlich, ich denke mir das nicht aus] ist aber nur möglich, wenn wir als Deutschlehrkräfte nicht mehr in „Aufsatzformaten“ denken, sondern von den erforderlichen Teilkompetenzen ausgehen, die je nach Zieltext eingesetzt werden müssen.

Gefällt mir. Damit man das mit den weiterhin exakt vorgegebenen Abitur-Aufsatzformaten unter einen Hut kriegt, sagen wir da jetzt “Schreibformen” statt Aufsatzformate.

Ein weiterer Unterschied zwischen Sach- und literarischem Text ist der, dass der Lehrplan beim Sachtext “Verstehensentwürfe” verlangt und beim literarischen “Deutungshypothesen”. Mit diesem Konzept habe ich Schwierigkeiten, befinde mich damit aber in der Minderheit. Einig sind wir uns wohl: ein literarischer Text hat nicht eine (richtige) Bedeutung, sondern Bedeutung ist etwas, was im Kopf der Rezipierenden entsteht. Daher das behutsame “Hypothese”. Allerdings ist für mich eine Hypothese etwas, das man a) aufstellt und dann b) auf Wahrheit überprüft. Wenn man eine Hypothese sauber widerlegt, ist das auch ein Gewinn.

Geht es bei der Interpretation jetzt darum, eine Hypothese aufzustellen, irgendeine oder eine naheliegende, und die zu überprüfen? “Dieses Gedicht warnt vor dem Nationalsozialismus”, und dann schauen wir mal, ob das stimmt? Das kann eigentlich nicht sein; ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass eine Hypothese in einer Schul-Interpetation widerlegt wird – und der Nationalsozialismus-Deutungsthese begegnet man leider oft.

Also geht es vielleicht eher um den Prozess, wie man überhaupt auf die Idee kommt, diese Hypothese aufzustellen? Auch in der Naturwissenschaft stellt man eine Hypothese ja nicht aus dem Blauen heraus auf. Wenn es aber um das Aufstellen der Hypothese geht, heißt das dann, dass diese nie überprüft wird? Da spielt sicher der Gedanke der Vorläufigkeit jeglicher Interpretation hinein. Dann halte ich aber das Wort “Deutungshypothesen” für falsch. Vermutlich geht es einfach um “Deutung” und man will den Eindruck vermeiden, es gebe nur eine davon. – Im Erwartungshorizont zum Abitur taucht das Wort “Deutungshypothese” dann auch gar nicht auf. Da ist von “Deutung” die Rede. Nun ja.

3 Antworten auf „Ein bunter PDF-Strauß zum Schuljahresanfang“

  1. Danke für diesen Einblick. Dass ein literarischer Text unterschiedliche Bedeutungen für unterschiedliche Lesende hat, ist durch den Ansatz der Rezeptionsästhetik in den letzten Jahren zunehmend ins Bewußtsein gekommen. Umberto Eco ist einer der wichtigsten Vertreter.

    “Lolita lesen in Teheran” von Azar Nafisi macht das in einer genialen Weise literarisch deutlich – und was das unter den Bedingungen einer Diktatur bedeuten kann.

  2. Die Rezeptionsästhetik habe ich sogar im letzten Jahrtausend an der Uni noch mitgekriegt. Vielleicht aber auch nur, weil ich eh viel und gern Eco gelesen habe.

  3. Damals (1978) im ersten phil. Proseminar an der Uni Köln gelesen: Rainer Warning: Rezeptionsästhetik 1975. (Den ganzen Reader durchgeackert, Notizen auf jeder Seite.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.