Gottfried Keller, Sieben Legenden

Gottfried Kellers Romane Der grüne Heinrich und Martin Salander habe ich nie gelesen, sie klingen mir immer noch zu ernst; aber seine Novellenzyklen Die Leute von Seldwyla, Züricher Novellen und Das Sinngedicht schon – und jetzt eben auch die Sieben Legenden.

Man überschätzt gerne dicke Bücher, weil man stolz darauf ist, sie gelesen zu haben (E.M. Forster), und vielleicht gilt das auch für alte Bücher. Warum auch immer, das neunzehnte Jahrhundert bereitet mir tatsächlich Vergnügen. (Bei Fontane bin ich noch skeptisch.) Aber dieses kleine Büchlein ist wirklich schön, auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, das Heranwachsenden etwa in der Schule zu vermitteln. Aber versprochen: das war es jetzt erst mal mit altem Zeug, und irgendwann ist dann ja auch wieder Schule.

Es handelt sich bei den Geschichten darin um thematisch und motivisch miteinander verknüpfte Legenden. Augenscheinlich jedenfalls: Legenden sind typischerweise Heiligengeschichten, mit historischem oder für historisch gehaltenem Kern; sie erzählen von einem Martyrium oder wundersamen Begebenheiten. Und wenn es hier auch um Heilige und Wundertaten geht, so sind diese Legenden oft… subversiv diesseitig? (Das liegt wohl auch an Kellers Beschäftigung mit Ludwig Feuerbach. Der war zwar mein Schwerpunkt im Kolloquium anno 1987, aber viel ist nicht mehr da, und viel war da sicher auch nie da, so von heute aus betrachtet. Trotzdem, 15 Punkte.)

Zur ersten (“Eugenia”) und letzten Erzählung (“Das Tanzlegendchen”) habe ich nichts zu sagen, deshalb nur hier deren Titel.

Die Jungfrau und der Teufel

Ein Graf braucht Geld, um seine Schulden bezahlen und weiter wohltätige Werke ausüben zu können, und verkauft deshalb seine Frau an, nun ja, den Teufel – eine Kombination von Unmoralischem Angebot & Meet Joe Black, ohne die Frau überhaupt gefragt zu haben. Zur Übergabe an Walpurgis reitet der Graf mit der nichts ahnenden Bertrade los, die aber auf dem Weg in einem Kirchlein die Muttergottes um Beistand bittet und diesen auch erhält:

Da fiel sie in einen tiefen Schlaf; die Jungfrau sprang vom Altar herunter, nahm Gestalt und Kleidung der Schlafenden an, trat aus der Türe frischen Mutes und bestieg das Pferd, worauf sie an der Seite des Grafen und an Bertradens Statt den Weg fortsetzte.

Oookay. Da wurde ich zum ersten Mal misstrauisch. Das Motiv der Erdenwanderung kannte ich vom Herrgott, mit oder ohne Petrus, und von Odin und so weiter, aber nicht von Maria. Gibt es wohl schon, oder zumindest erweiterte Erscheinungen, wie ein Blick in die Enzyklopädie des Märchens zeigt. Aber was folgt, ist dann schon recht unmarienhaftes Verhalten, finde ich. Denn Maria-Bertrade steigt zu dem fremden Ritter, der “ganz manierlich” ist. Und der hat alles für ein schönes Stelldichein vorbereitet, und Maria trägt ihren Teil zu einem schönen Ambiente bei:

Unversehens hielt der Reiter an, sprang vom Pferde und half der Dame mit den Gebärden eines vollkommenen Ritters aus dem Sattel. Kaum berührte ihr Fuß die Heide, so entsproß rings um das Paar ein mannshoher Rosengarten mit einem herrlichen Brunnen und Ruhesitz, über welchem ein Sternenhimmel funkelte, so hell, daß man bei seinem Lichte hätte lesen können. Der Brunnen aber bestand aus einer großen runden Schale, in welcher einige Teufel in der Weise, wie man heutzutage lebende Bilder macht, eine verführerische weiße Marmorgruppe schöner Nymphen bildeten oder darstellten. Sie gossen schimmerndes Wasser aus ihren hohlen Händen, wo sie es hernahmen, wußte nur ihr Herr und Meister; das Wasser machte die lieblichste Musik, denn jeder Strahl gab einen andern Ton, und das Ganze schien gestimmt wie ein Saitenspiel. Es war sozusagen eine Wasserharmonika, deren Akkorde alle Süßigkeiten der ersten Mainacht durchbebten und mit den reizenden Formen der Nymphengruppe ineinanderflossen; denn das lebende Bild stand nicht still, sondern wandelte und drehte sich unvermerkt.

Nicht ohne feine Bewegung führte der seltsame Herr die Frau zu dem Ruhesitz und lud sie ein, Platz zu nehmen; dann aber ergriff er gewaltsam zärtlich ihre Hand und sagte mit einer das Mark erschütternden Stimme: »Ich bin der ewig Einsame, der aus dem Himmel fiel! Nur die Minne eines guten irdischen Weibes in der Mainacht läßt mich das Paradies vergessen und gibt mir Kraft, den ewigen Untergang zu tragen. Sei mit mir zu zweit, und ich will dich unsterblich machen und dir die Macht geben, Gutes zu tun und Böses zu hindern, soviel es dich freut!«

Der einsame melancholische edle Verfluchte; wir kennen ihn aus vielen Geschichten.

Er warf sich leidenschaftlich an die Brust des schönen Weibes, welches seine Arme lächelnd öffnete; aber in demselben Augenblicke nahm die Heilige Jungfrau ihre göttliche Gestalt an und schloß den Betrüger, der nun gefangen war, mit aller Gewalt in ihre leuchtenden Arme. Augenblicklich verschwand der Garten samt Brunnen und Nachtigall, die kunstreichen Dämonen, so das lebende Bild gemacht, entflohen als üble Geister mit ängstlichem Wimmern, ihren Herren im Stich lassend, und dieser rang mit Titanengewalt, sich aus der qualvollen Umarmung loszuwinden, ohne einen Laut zu verlieren.

Die Jungfrau hielt sich aber tapfer und entließ ihn nicht, obgleich sie alle Kraft zusammennehmen mußte; sie hatte nichts Minderes im Sinn, als den überlisteten Teufel vor den Himmel zu tragen und ihn dort in all seinem Elend zum Gelächter der Seligen an einen Türpfosten zu binden.

Allein der Böse änderte seine Kampfweise, hielt sich ein Weilchen still und nahm die Schönheit an, welche er einst als der schönste Engel besessen, so daß es der himmlischen Schönheit Marias naheging. Sie erhöhte sich soviel als möglich; aber wenn sie glänzte wie Venus, der schöne Abendstern, so leuchtete jener wie Luzifer, der helle Morgenstern, so daß auf der dunkeln Heide ein Leuchten begann, als wären die Himmel selbst herniedergestiegen.

Als die Jungfrau merkte, daß sie zuviel unternommen und ihre Kräfte schwanden, begnügte sie sich, den Feind gegen Verzicht auf die Grafenfrau zu entlassen, und alsbald fuhren die himmlische und die höllische Schönheit auseinander mit großer Gewalt. Die Jungfrau begab sich etwas ermüdet nach ihrem Kirchlein zurück; der Böse hingegen, unfähig, länger irgendeine Verwandlung zu tragen, und wie an allen Gliedern zermalmt, schleppte sich in grausig dürftiger Gestalt, wie der leibhafte geschwänzte Gram, im Sande davon.

Letztlich besteht die Kampfweise Marias darin, den ihr Verfallenen möglichst fest an sich zu pressen. Und dann leuchtet sie hell, und er hell, und sie noch heller, bis beide verausgabt sind. Nun ja.

Bertrades Mann stirbt noch in dieser Nacht, und Maria wird sich auf die Suche nach einem Nachfolger für sie machen.

Die Jungfrau als Ritter

Der junge Ritter Zendelwald wird vom Kaiser zu Bertrade geschickt, dessen Kommen zu arrangieren. Zendelwald “besah sich ehrerbietig die herrlichen Säle, Zinnen und Gärten und verliebte sich nebenbei heftig in die Besitzerin.” Aber er ist zurückhaltend, denkt zuviel und steht sich selber im Weg. Der Kaiser kommt und will Bertrade verheiraten, sie schlägt ein Turnier vor, dessen Gewinner ihr Gemahl sein wird. Zendelwald entschließt sich zwar zur Teilnahme, oder eher: seine resolute Mutter treibt ihn dorthin, aber er hat eigentlich keine Chance ohne Hilfe:

Da stieg die Jungfrau Maria wieder von ihrem Altare herunter, nahm seine Gestalt und Waffenrüstung an, bestieg sein Pferd und ritt, geschlossenen Helmes, eine kühne Brunhilde, an Zendelwalds Statt nach der Burg.

Maria als Brünhilde… zwischendrin versetzt sie noch einmal dem Teufel einen kleinen Tritt, was ihre Laune erheitert. Maria hat Laune?

Durch das kleine Abenteuer erheitert, ritt sie voll guten Mutes vollends auf die Burg Bertrades, wo sie eben ankam, als die zwei stärksten Kämpen übriggeblieben, um die Entscheidung unter sich herbeizuführen.

Und diese zwei Gegner haben es in sich. Der eine “trug einen pechschwarzen Schnurrbart, dessen Spitzen so steif gedreht waagrecht in die Luft ragten, daß zwei silberne Glöckchen, die daran hingen, sie nicht zu biegen vermochten und fortwährend klingelten, wenn er den Kopf bewegte. Dies nannte er das Geläute des Schreckens für seine Feinde, des Wohlgefallens für seine Dame!” Der andere hat “die aus seinen Naslöchern hervorstehenden Haare etwa sechs Zoll lang wachsen lassen und in zwei Zöpfchen geflochten, welche ihm über den Mund herabhingen und an den Enden mit zierlichen roten Bandschleifchen geschmückt waren.”

Maria besiegt als linkischer Zindelwald die beiden komischen Muskelprotzes und schneidet “mit ihrem Dolche die beiden Schnäuze mit den Silberglöcklein ab, welche sie an ihrem Wehrgehänge befestigte, indessen die Fanfaren sie oder vielmehr den Zendelwald als Sieger begrüßten.”

Damit hat Maria-Zindelwald das Turnier gewonnen und macht sich jetzt an das Herz von Betrade. Stellt sich heraus, Maria kann ganz gut mit Frauen:

Dann erhob sie sich und stellte einen Zendelwald dar, wie dieser gewöhnlich zu blöde war, es zu sein. Ohne indessen seiner Bescheidenheit zuviel zu vergeben, grüßte sie Bertraden mit einem Blicke, dessen Wirkung auf ein Frauenherz sie wohl kannte; kurz, sie wußte sich als Liebhaber wie als Ritter so zu benehmen, daß Bertrade ihr Wort nicht zurücknahm, sondern dem Zureden des Kaisers, der am Ende froh war, einen so tapfern und edlen Mann mächtig zu sehen, ein williges Ohr lieh.

Es gibt Blümchen, wie es sie mehr auch bei Disney nicht geben würde:

Heitere Wonne verbreitete sich über alle; in den grünen Laubgewölben in der Höhe sangen die Vögel um die Wette mit den Musikinstrumenten, ein Schmetterling setzte sich auf die goldene Krone des Kaisers, und die Weinpokale dufteten wie durch einen besonderen Segen gleich Veilchen und Reseda.

Am Ende sendet Bertrade noch ein “heißes stilles” Gebet an Maria, und die kriegt das natürlich gleich mit, weil sie neben ihr sitzt, und gibt Bertrade einen Kuss, der es in sich hat:

Aber vor allen fühlte sich Bertrade so glücklich, daß sie, während Zendelwald sie bei der Hand hielt, in ihrem Herzen ihrer göttlichen Beschützerin gedachte und derselben ein heißes stilles Dankgebet abstattete. Die Jungfrau Maria, welche ja als Zendelwald neben ihr saß, las dies Gebet in ihrem Herzen und war so erfreut über die fromme Dankbarkeit ihres Schützlings, daß sie Bertraden zärtlich umfing und einen Kuß auf ihre Lippen drückte, der begreiflicherweise das holde Weib mit himmlischer Seligkeit erfüllte; denn wenn die Himmlischen einmal Zuckerzeug backen, so gerät es zur Süße.

Die Jungfrau und die Nonne

Nur ganz kurz: Die schöne Nonne Beatrix, Küsterin im Kloster, “sah Waffen funkeln, hörte das Horn der Jäger aus den Wäldern und den hellen Ruf der Männer, und ihre Brust war voll Sehnsucht nach der Welt.” Und so verlässt sie eines Nachts das Kloster, nachdem sie Maria die Schlüssel ihres Amtes übergeben hat, wird Geliebte des ersten Ritters, dem sie begegnet, bis der sie im Glücksspiel an einen anderen Ritter verliert. Mit Hilfe der heiligen Maria erwürfelt sich Beatrix ihre Freiheit zurück, geht zurück zu ihrem Ritter Wonnebold, der sie daraufhin zu einer ehrbaren Frau und standesgemäßen Gefährtin macht. Sie gebiert ihm acht Kinder, bis sie eines Nachts wieder meint: so, es reicht, und zurück ins Kloster geht.

Dort ist ihre Abwesenheit gar nicht aufgefallen, weil während dieser Maria “ihre Stelle in der Nonne eigener Gestalt versehen” hat. Zum Schluss fertigen die Nonne zu einem Feiertag Geschenke für die Gottesmutter an; Beatrix kann zwar keine Handarbeiten, aber alle staunen, als zufälligerweise Beatrix’ Ehemann mit seinen acht strammen Söhnen vorbeikommt. Alle erfahren die Geschichte, und Maria segnet die Kinder.

Der schlimm-heilige Vitalis

Mein Favorit unter den Geschichten.

Der fromme Mönch Vitalis lädt eine schlimme Last auf sich, wie es Märtyrer zu tun pflegen. Allerdings geht er unerwartet vor: Er geht nachts in Bordelle und zu Prostitutierten und bekehrt sie durch Gebete und besorgt ihnen danach jeweils einen Platz in einem Kloster. Das macht er aber heimlich, so dass er nach außen den Ruf eines verderbten Lüstlings hat, und diesen Ruf genießt er sozusagen als sein Martyrium. Einmal gerät er an eine Frau, die er nicht überzeugen kann. Er geht wieder und wieder zu ihr, bietet ihr Geld, sie nimmt es und gibt sich überzeugt, nur um in der Nacht darauf das Spiel zu wiederholen.

Währenddessen hat die Nachbarstochter Jole ein Auge auf den feschen Priester geworfen; sie erkennt, dass sein schlechter Ruf ungerechtfertigt ist. Sie bezahlt die Prostituierte, ihre Position aufzugeben, und richtet sich selber in deren Haus ein – gibt vor, selbst diesen Beruf ausüben zu wollen, worauf sich Vitalis voller Elan die Hände reibt und sie zu bekehren versucht. Nach und nach gibt sie vor, auf den rechten Weg zu gelangen; gleichzeitig sorgt sie dafür, dass Vitalis feine Kleidung anzieht und sich wie ein ordentlicher Mann benimmt und letztlich bei ihrem Vate rum ihre hand anhält. Am Ende gibt er also ein Martyrium auf und wird ein noch besserer Ehemann, als er Märtyrer gewesen ist.

Mir gefällt an dieser Geschichte das Schwankhafte, und das Katz- und Maus-Spiel mit der umgedrehten Erotik, und Kellers feiner Humor – deshalb und zum Festhalten für mich hier einige Zitate.

Interessant finde ich, wie faszinierend Vitalis seine Arbeit und die Frauen findet, als wäre ihm doch das Laster schöner als die Tugend:

Hier aber konnte er gar nicht ins Innere gelangen, um seine fromme Tat zu beginnen; und doch reizte es ihn über alle Maßen, gerade diese rotschimmernde Satanstochter zu bändigen, weil große schöne Menschenbilder immer wieder die Sinne verleiten, ihnen einen höheren menschlichen Wert zuzuschreiben, als sie wirklich haben.

Dass Vitalis in dieser Szene “ungerührt von ihren Reizen” ist, glaube ich sogar, aber von irgend etwas ist er gerührt:

Das Lachen verbeißend, schaute sie darein, als ob sie von nichts wüßte, und der Mönch prüfte sie mit ungewissen und kummervollen Blicken und wußte nicht, wie er es anpacken sollte, sie zur Rede zu stellen. Als sie aber plötzlich in verlockende Gebärden überging und mit der Hand in seinen glänzenden dunkeln Bart fahren wollte, da brach das Gewitter seines geistlichen Gemütes mächtig los, zornig schlug er ihr auf die Hand, warf sie dann auf ihr Bett, daß es erzitterte, und indem er auf sie hinkniete und ihre Hände festhielt, fing er, ungerührt von ihren Reizen, dergestalt an, ihr in die Seele zu reden, daß ihre Verstocktheit endlich sich zu lösen schien.

Die Frau entdeckt Vitalis als Einkommensquelle:

Sie bereute und bekehrte sich zum dritten Mal, und auf gleiche Weise zum vierten und fünften Mal, da sie diese Bekehrungen einträglicher fand als alles andere und überdies der böse Geist in ihr ein höllisches Vergnügen empfand, mit wechselnden Künsten und Erfindungen den armen Mönch zu äffen.

Die vielen Besuche sind schlecht für den Ruf des Mönchs, und er genießt diese Art der Kasteiung:

und wenn dies alles ihm endlich in seinem Herzen schwer und schwerer zu tragen war, so bestrebte er sich um so eifriger, vor der Welt die schlimme Außenseite mit frivolen Worten aufrechtzuhalten. Denn diese märtyrliche Spezialität hatte er einmal erwählt.

Da naht Hilfe in Form der durchaus marienkritischen Nachbarstochter Jole:

Plötzlich entschloß sie sich, wenn die Jungfrau Maria nicht soviel Verstand habe, den Verirrten auf einen wohlanständigeren Weg zu führen, dies selbst zu übernehmen und ihr etwas ins Handwerk zu pfuschen, nicht ahnend, daß sie selbst das unbewußte Werkzeug der bereits einschreitenden Himmelskönigin war.

Dann zieht Jole zumindest in der Nacht in die Wohnung der Prostitutierten und erzählt Vitalis, ab jetzt diesem Beruf nachgehen zu wollen. Das bringt Vitalis geradezu ins Schwelgen:

Er strich sich vor Vergnügen den Bart, einmal so zur rechten Zeit auf dem Platz erschienen zu sein, und um sein Behagen noch länger zu genießen, sagte er langsam und humoristisch:

»Und dann nachher, mein Täubchen?«

»Nachher will ich in die Hölle fahren als eine allerärmste Seele, wo die schöne Frau Venus ist, oder vielleicht auch, wenn ich einen guten Prediger finde, etwa später in ein Kloster gehen und Buße tun!«

»Gut so, immer besser!« rief er, »das ist ja ein ordentlicher Kriegsplan und gar nicht übel erraten! Denn was den Prediger betrifft, so ist er schon da, er steht vor dir, du schwarzäugiges Höllenbrätchen! Und das Kloster ist dir auch schon hergerichtet wie eine Mausfalle, nur daß man ungesündigt hineinspaziert, verstanden? Ungesündigt bis auf den sauberen Vorsatz, der indessen einen erklecklichen Reueknochen für dein ganzes Leben abgeben und nützlich sein mag; denn sonst wärst du kleine Hexe auch gar zu possierlich und scherzhaft für eine rechte Büßerin! Aber nun«, fuhr er mit ernster Stimme fort, »herunter vorerst mit den Rosen vom Kopf und dann aufmerksam zugehört!«

“Höllenbrätchen” nennt er sie, später auch “die kleine Höllenkandidatin”. Jole lässt sich von ihm genüsslich-verführerisch die Leviten lesen, was ihr leicht fällt, da sie ihren Sündenplan ja nur vorgibt:

Jole dagegen machte es sich bequem; sie legte sich mit dem Oberleib auf den Teppich zurück, schlang die Arme um den Kopf und betrachtete aus halbgeschlossenen Augen unverwandt den Mönch, der vor ihr stand und predigte. Einigemal schloß sie die Augen, wie vom Schlummer beschlichen, und sobald Vitalis das gewahrte, stieß er sie mit dem Fuße an, um sie zu wecken. Aber diese mürrische Maßregel fiel dennoch jedesmal milder aus, als er beabsichtigte; denn sobald der Fuß sich der schlanken Seite des Mädchens näherte, mäßigte er von selbst seine Schwere und berührte nur sanft die zarten Rippen, und dessenungeachtet strömte dann eine gar seltsamliche Empfindung den ganzen langen Mönch hinauf, eine Empfindung, die sich bei allen den vielen schönen Sünderinnen, mit denen er bisher verkehrt, im entferntesten nie eingestellt hatte.

Schließlich behauptet sie, überzeugt worden zu sein, und gesteht ihm gleichzeitig (aber immer noch in der Rolle der Bekehrten) ihre Liebe. Vitalis ist erst verwirrt und sucht Hilfe bei der Gottesmutter Maria, aber wir sehen schon, dass es keine ganz christliche Maria ist:

Er schlüpfte daher in seiner Bedrängnis in ein Gotteshäuschen, wo vor kurzem ein schönes altes Marmorbild der Göttin Juno, mit einem goldenen Heiligenschein versehen, als Marienbild aufgestellt worden war, um diese Gottesgabe der Kunst nicht umkommen zu lassen.

Beim nächsten Besuch hat Jole das bisher sehr schlichte Appartment stilvoll-festlich hergerichtet:

[A]uf einem blühweißen Ruhbett, an dessen Seide kein unordentliches Fältchen sichtbar war, saß Jole herrlich geschmückt, in süß bekümmerter Melancholie, gleich einem spintisierenden Engel. Unter dem schönfaltigen Brustkleide wogte es so rauh wie der Sturm in einem Milchbecher, und so schön die weißen Arme erglänzten, die sie unter der Brust übereinandergelegt hatte, so sah doch all dieser Reiz so gesetzlich und erlaubt in die Welt, daß Vitalissens gewohnte Redekunst in seinem Halse steckenblieb.

Spintisierender Engel! Sturm im Milchbecher! Ich musste sehr lachen beim Lesen. – Jole gibt vor, Vitalis‘ Ablehnung ihres Antrags zu akzeptieren, will ihn nur vorher einmal in feiner Kleidung und rasiert und so weiter sehen. Er lässt sich darauf ein und wird verwöhnt:

Jole mischte dem stillen Vitalis eine Schale Wein und reichte ihm liebevoll etwas zu essen, so daß er sich wie zu Hause fühlte und ihm fast seine Kinderjahre in den Sinn kamen, wo er als Knäbchen zärtlich von seiner Mutter gespeist worden.

Am nächsten Morgen ist Jole weg und Vitalis sieht immer noch fein aus. Das ist ihm sichtlich peinlich, er druckst vor dem Ausgang herum: „Er steckte nun vorsichtig den Kopf bald durch diese, bald durch jene Öffnung auf die Straße und zog sich jedesmal zurück, wenn jemand nahte.“ Fasst dann aber doch einen Entschluss:

Endlich warf er sich auf das seidene Ruhbett, so bequem und lässig, als ob er nie auf einem harten Mönchslager geruht hätte; dann raffte er sich zusammen, ordnete das Gewand und schlich aufgeregt an die Haustüre. Dort zögerte er noch ein Weilchen; plötzlich aber riß er sie weit auf und ging mit Glanz und Würde ins Freie. Niemand erkannte ihn; alles hielt ihn für einen großen Herren aus der Ferne, welcher sich hier zu Alexandria einige gute Tage mache.

Und hält um Joles Hand an und wird ein fabelhafter Ehemann, und sein selbst gewähltes Martyrium ist zu Ende.

Dorotheas Blumenkörbchen

Das ist eine verhältnismäßig traditionelle Legendenerzählung, nur etwas variiert, zur Heiligen Dorothea. Die entdeckt das Christentum für sich (hier: aus unglücklicher Liebe, lange Geschichte):

Aber wo sie stand und ging, sprach sie jetzt nichts als in den zärtlichsten und sehnsüchtigsten Ausdrücken von einem himmlischen Bräutigam, den sie gefunden, der in unsterblicher Schönheit ihrer warte, um sie an seine leuchtende Brust zu nehmen und ihr die Rose des ewigen Lebens zu reichen usw.

Mir geht es um dieses letzte “usw.” (im Erstdruck steht “u. s. w.”). Soll man das in modernen Ausgaben abgekürzt lassen oder ausschreiben? Ich habe beide Varianten gesehen. Zumindest für mich liest sich die Version mit der Abkürzung deutlich schelmenhaft lapidarer als die ausgeschriebene. Andererseits war es im 19. Jahrhundert üblicher, auch im Erzähltext solche Abkürzungen zu verwenden. Leider weiß ich nichts über das Abkürzungsverhalten bei Gottfried Keller, weder handschriftlich noch im Druck, und in diesem Buch gibt es keinen vergleichbaren Fall.

2 Antworten auf „Gottfried Keller, Sieben Legenden“

  1. Herzlichen Dank!
    Nun habe ich den grünen Heinrich zwar früh und Martin Salander vor kurzen gelesen, aber die Sieben Legenden nie (oder zumindest ohne jede Folgen in meinem Gedächtnis). Und “Die Jungfrau und der Teufel” hat mir nach deiner Vorstellung ausnehmend gut gefallen. Beide wurden mir richtig sympathisch in ihrer Einsicht, dass sie ihre Fähigkeiten überschätzt haben.
    Der Graf, der, um Gutes zu tun, seine Frau an den Teufel verkauft, passt mir sehr gut zu dem Bild, das Bill Gates’ Stiftung bei manchen Impfgegnern erweckt. Skrupellos Geld/Macht erwerben, um seine Art der Menschheitsbeglückung – koste es, was es wolle – durchzusetzen.
    Andererseits habe ich gelesen – nicht überprüft! -, dass die privaten Stiftungen in den USA mehr Geld zur Verfügung haben sollen, als der US-Rüstungshaushalt beträgt. Damit ließe sich gewiss viel Schlimmes anrichten. Aber gewiss auch einiges, was die Klimaerwärmung abzuschwächen geeignet wäre.
    Was das “usw.” in “Dorotheas Blumenkörbchen” betrifft, steht in meiner Ausgabe (um 1925) “und so weiter”. Gutenberg.de hat es auch (https://www.projekt-gutenberg.org/keller/7legende/7legende.html) , zeno.org dagegen “usw.” (http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Legenden/Sieben+Legenden/Dorotheas+Blumenk%C3%B6rbchen), im deutschen Textarchiv findet sich in einer Ausgabe von 1872 “u. s. w.” (https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/keller_legenden_1872?p=143)
    Die kritische Ausgabe (Projektbeschreibung: https://www.gottfriedkeller.ch/hkka/projekt.php) habe ich noch nicht im Netz gefunden.

    Selbst als Fontanefan muss ich zugeben: Bei der ironischen Behandlung von Heiligenlegenden ist Keller ihm haushoch überlegen. Vergleichbares findet man bei ihm nicht.

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