The Lady, or the Tiger? Worldbuilding 905

(Unzusammenhänged, aber mir ist beim Schreiben die Lust etwas vergangen: weg damit. Muss auch niemand lesen.)

Ein Mann steht vor der Wahl: Er muss eine von zwei Türen öffnen, hinter denen sich entweder seine zukünftige Ehefrau befindet oder ein Tiger, der ihn fressen wird. So endet Frank R. Stocktons berühmte Geschichte “The Lady, or the Tiger?” Sie beginnt:

In the very olden time there lived a semi-barbaric king, whose ideas, though somewhat polished and sharpened by the progressiveness of distant Latin neighbors, were still large, florid, and untrammeled, as became the half of him which was barbaric.

Viele kennen von dieser Geschichte nur den Titel und die Schlusssituation; tatsächlich ist sie ein wenig interessanter: Ein junger Mann liebt verbotener Weise die Tochter dieses Königs, und sie ihn, und nach der Entdeckung soll er jener Art Gottesurteil unterzogen werden, die der König eingeführt hat: Hinter einer der beiden Türen ist der Tiger, hinter der anderen eine Braut, die der König für den jeweiligen Angeklagten ausgesucht hat. Dort steht also explizit nicht die Königstochter und Geliebte. Aber diese Tochter hat die Vorbereitungen gesehen, sie weiß, hinter welcher Tür der Tiger ist und hinter welcher die prospektive Braut ihres Geliebten – eine Frau, die sie übrigens hasst:

And not only did she know in which room stood the lady ready to emerge, all blushing and radiant, should her door be opened, but she knew who the lady was. It was one of the fairest and loveliest of the damsels of the court […] and the princess hated her. […] The girl was lovely, but she had dared to raise her eyes to the loved one of the princess; and, with all the intensity of the savage blood transmitted to her through long lines of wholly barbaric ancestors, she hated the woman who blushed and trembled behind that silent door.

Von allen anderen unbemerkt signalisiert die Königstochter ihrem Geliebten, welche Tür er öffnen soll. Beherzt geht der junge Mann zur Tür und öffnet sie.

“Now, the point of the story is this: Did the tiger come out of that door, or did the lady?” In einem Anhang wird das philosophische Problem noch einmal festgezurrt. Die Prinzessin wusste, dass sie Gelegenheit haben würde, dem Geliebten zu signalisieren; sie hat sich vorher überlegt, was sie ihm signalisieren würde, und sich daran gehalten. Was wird also aus der Tür treten: die Braut oder der Tiger? Welche Tür hat sie dem Geliebten gewiesen?

Man könnte zwar auch über Frauenbilder und Exotismus sprechen, aber mir geht es tatsächlich um die in der Geschichte gestellte Frage: War hinter der geöffneten Tür die Dame oder der Tiger? Vielleicht lässt sich die Frage nicht beantworten, ohne die Geschichte selber im Wortlaut gelesen zu haben, aber ich biete einmal folgende Möglichkeiten an:

  1. Die Dame.
  2. Der Tiger.
  3. Eins von beiden, aber wir können es nicht entscheiden.
  4. Die Dame oder der Tiger, aber in Wirklichkeit waren hinter beiden Türen Damen beziehungsweise Tiger.
  5. Weder noch, es war alles nur ein Trick des Königs. In Wirklichkeit steht ein nagelneues Auto hinter der Tür.
  6. Weder noch, die Frage an sich ist sinnlos: Was nicht im Text steht, steht nicht im Text, und es ist müßig, darüber zu spekulieren.

Allgemeiner könnte man fragen: Was steckt hinter ungeöffneten Türen in einem fiktionalen Text?

Konkreter Anlass für diese Gedanken ist ein Video von Victor Gijsbers:

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Der Beitrag wiederum ist aufgehängt an einer Besprechung des Spiels “9:05” von Adam Cadre aus dem Jahr 2000. Das ist ein kurzes aber sehr gut gemachtes Werk der interactive fiction, ein Durchgang dauert etwa 20 Minuten. Es gibt darin so etwas wie eine ungeöffnete Tür, und bei einem Durchgang öffnet man die Tür als Spieler vielleicht, beim anderen nicht. Bei interactive fiction ist es ja möglich, dass eine Tür zu einem Zeitpunkt sowohl offen als auch geschlossen ist, nämlich bei verschiedenen Durchgängen.

Bei einer Interactive-fiction-Varianten von “The Lady, or the Tiger?” könnte ich als Spieler die mir gewiesene Tür öffnen und hinter ihr eine Dame entdecken. Oder eben einen Tiger. Und beim nächsten Durchgang könnte ich die andere Tür wählen, und wäre vielleicht auch da überrascht. Vielleicht gibt es eine geringe Chance, ein Auto dahinter zu finden. Oder ich breche das Spiel ab, bevor ich die Tür öffne, so wie in der Kurzgeschichte auch – habe ich dann den Text zu Ende gelesen? Wann habe ich ein Spiel zu Ende gelesen? (Infidel von 1983 ist so ein Spiel: Man muss eine moralisch schlechte Entscheidung treffen, um das Spiel zu beenden. Oder man hört einfach auf, vorher.)

Victor Gijsbers Tenor, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist der: Nach einer Lesart ist hinter der Tür nichts, wenn man nicht nachschaut. Ein Text erzeugt eben keine “secondary world”, über die man möglichst viele genaue Aussagen machen kann. Diese Lesart von Texten mag Gijsbers weniger, jegliche Art von Kanon-Fragen (“Was ist wirklich passiert?”) sind ihm ein Greuel:

Rather than being invited to play with the text, perhaps achieving strange and unexpected results, the reader is supposed to just accept a pre-determined truth that was established by the author. … The author … is presented as a kind of omnipotent and omniscient god.

Für mich hat sich sein Konflikt bald in Luft aufgelöst, und deswegen ist dieser Blogeintrag auch etwas unzusammenhängend geworden und ich breche ihn bald ab. Ich tue Gijsbers damit sicher unrecht. Aber die von Gijsbers selbst zitierte Frage “Did Han shoot first?” ist eben gerade keine Frage, die George Lucas mit irgendeiner Form von gottgleicher Autorität abschließend klären kann. Tolkiens Werke sind voller Ungereimtheiten, und Fanfiction ergänzt die Welt um viele Elemente, die der Autor nicht gewollt hat. Ich sehe wenig Konflikt zwischen den Lesarten: Alle Texte enthalten Lücken und Widersprüche, und Leser und Leserinnen werden stets ein Weltmodell beim Lesen erzeugen. Wenn ich einen Science-Fiction-Roman lese, besteht das Vergnügen in den ersten Kapiteln ja eben genau darin, die Regeln der mir zunächst fremden Zukunftswelt herauszufinden. Und wenn ich in einem Gesellschaftsroman erkenne, dass ein Mann seine Frau betrügt und nicht mehr liebt, weil der seinen Hut bei ihrem Erscheinen nicht mehr abnimmt, dann funktioniert das auch nur, wenn ich die Regeln der Welt kenne, in der das Erzählte spielt. (Ich erinnere mich nicht mehr, wo dieses Beispiel her ist. Vielleicht Raymond Chandler irgendwo zum Thema Drehbuchschreiben? Oder doch Henry James?) Manchmal gelangt man zu einem eindeutigen Weltmodell, schön, manchmal eben gerade nicht, weil man die Konflikte nicht auflösen kann: auch schön. Texte sind keine Puzzles und keine Skulpturen, sondern Spielzeug, und es gibt verschiedene Arten, damit zu spielen.

Frank R. Stockton hat übrigens eine Fortsetzung zu “The Lady, or the Tiger?” geschrieben. In der kommt eine Forschergruppe zu dem König, um herauszufinden, wie es dem ursprünglichen Helden ergangen ist. Sie bekommen eine andere Geschichte aufgetischt, mit einem ähnlichen Problem, und erst wenn sie das gelöst haben, sollen sie die Antwort auf ihre Frage erhalten. Auch hier endet die Geschiche, ohne dass auch nur die Binnengeschichte geklärt wäre.

4 Antworten auf „The Lady, or the Tiger? Worldbuilding 905“

  1. Eine tolle Geschichte, auf die ich ohne den Blogeintrag wohl nie gestoßen wäre.
    Was ich spannend finde: Sind die Erwägungen am Ende als zur Geschichte zugehörig oder als Anhang zu sehen? Oder als beides? Im Original trennt sie die einzige Leerzeile vom Rest des Textes. Zusammen mit dem Wechsel der Erzählweise setzt sie sich ab; jedoch wird die Geschichte der Entscheidungsfindung der Prinzessin hier, in einer für die Erzählung typisch dualistischen Art und Weise, entscheidend ergänzt: Die Entscheidung fällt wohl aus Verzweiflung _und_ Eifersucht („ combined fires of despair and jealousy“).

    BTW: Könnten Sie, Herr Rau, mal einen Eintrag zu ihren liebsten Kurzgeschichten verfassen?

  2. >Sind die Erwägungen am Ende als zur Geschichte zugehörig oder als Anhang zu sehen? Oder als beides?

    Als Teil der Geschichte, schlage ich vor. Irgendwie. Das ganze ist ja nicht viel Geschichte, keine Kurzgeschichte im herkömmlichen Sinn, eher eine Fabel oder ein philosophischer Lehrtext. (Und nicht unbedingt ein besonders differenzierter.) Würde man die Geschichte verbessern, wenn man den Anhang wegließe? Vielleicht, aber sie wäre dann weniger Zeitdokument. Denn diesen Tonfall, den hat man heute gar nicht mehr.

    Eintrag zu liebsten Kurzgeschichten: Ist notiert, spannend. Meine liebsten Kurzgeschichten sind mir wahrscheinlich deshalb so lieb, weil ich sie in jungen Jahren gelesen habe. Mal sehen, wie sie sich heute lesen… und ob nicht doch auch jüngere Geschichten darunter sind.

  3. Mich erinnert diese interessante Frage an Herausforderungen, wie wir sie ähnlich aus Märchen kennen. Von daher können wir wohl annehmen, dass zumindest die menschliche Natur unverändert in a l l e Zeiten und a l l e anderen Welten übertragbar ist.
    Nach dem (nur hier) Gelesenen favorisiere ich Antwort 2:
    Die Königstochter (es handelt sich bestimmt um eine schöne, aber verwöhnte und ichbezogene Person – wie sollte es anders sein bei der Erziehung) signalisiert dem Geliebten die Tür mit dem Tiger.
    Warum?
    Wenn sie ihn nicht haben kann, dann erst recht keine andere, schon gar nicht die Verhasste. Da ist er besser tot und sie kann ihn betrauern.

    Zugegeben, ich sehe das sehr nüchtern und das Spiel wäre damit wohl schon aus. Allerdings verstehe ich wirklich gar nichts davon.

    Bei der Hutfrage tippe ich übrigens auf Raymond Chandler, das würde passen. Eine schlüssige, feine Beobachtung des Detektivs. Bei Henry James hätte der Ehemann sich in der Öffentlichkeit vermutlich doch konventionell höflich verhalten.

  4. Gerade bei dieser Geschichte würde ich sagen: 6 – die Frage ist müßig, eben weil die Geschichte von der fehlenden Antwort lebt. Aber die Tatsache, dass es eine Fortsetzung gibt, festigt zumindest den Ansatz, dass da doch entweder das eine oder das andere gewesen sein muss.

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