Entwicklungsaufgaben

Mir fällt schon seit Jahren immer wieder ein Moment aus meiner Referendarszeit ein, diesmal bin ich ihm nachgegangen. Im Skript Pädagogische Psychologie (Akademiebericht Nr. 177, Dillingen 1991), das wir im Referendariat verwendeten und das ich noch habe, fand ich die Stelle.

Es geht dabei um das Konzept der Entwicklungsaufgaben, 1948 von Robert J. Havighurst aufgestellt: Demnach gibt es im Zug der persönlichen Entwicklung und Reifung des Menschen regelmäßige Aufgaben, die bewältigt werden müssen.

Wenn diese Aufgaben erfolgreich gelöst werden, führt das zu einer stabilen Persönlichkeit, Glück und mehr Erfolg bei späteren Aufgaben, ansonsten zu Unglücklichsein und gesellschaftlicher Missbilligung. Diese Aufgaben sind natürlich zu weiten Teilen kulturell bedingt, manche hängen aber auch mit der körperlichen Entwicklung zusammen, und auch “individuelle Wünsche und Werte” (Havighurst) spielen eine Rolle.

Es folgt ein erster, sicher vorläufiger und anzupassender Katalog an Entwicklungsaufgaben ( aus: W. Edelmann, Entwicklungspsychologie. München 1980, S. 21 – 23, zitiert nach dem Akademiebericht). Dass der Katalog “stark an den Normen der amerikanischen weißen Mittelschicht [seiner Zeit] orientiert ist”, ist offensichtlich und war Havighurst bewusst.

Entwicklungsaufgaben nach Havighurst

Frühe Kindheit (Geburt bis 6 Jahre)

  • Lernen von Geschlechtsunterschieden und Scham
  • Schaffung emotionaler Bindungen an Eltern, Geschwister u.a.
  • Unterscheidung zwischen “richtig” und “falsch” und Entwicklung eines Bewußtseins
  • […]

Mittlere Kindheit (6 bis 12 Jahre)

  • Erlernen einer gesunden Selbsteinschätzung
  • Lernen, sich mit gleichaltrigen Spielgenossen zu vertragen
  • Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen
  • Entwicklung vn Bewußtsein, Moral und einer Reihe von Werten
  • Erlernen einer persönlichen Unabhängigkeit
  • Entwicklung einer Einstellung gegenüber sozialen Gruppen und Institutionen
  • […]

Jugendalter (12 bis 18 Jahre)

  • Bildung neuerer und reiferer Verhältnisse mit Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts
  • Erlernen einer männlichen oder weiblichen sozialen Rolle
  • Adäquater Gebrauch des eigenen Körpers
  • Erreichen emotionaler Unabhängigkeit von Eltern, anderen Erwachsenen
  • Gewißheit, ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen
  • Auswahl und Vorbereitung auf einen Beruf
  • Vorbereitung auf Ehe und Familienleben
  • Entwicklung intellektuellerFähigkeiten und Entwicklung von Konzepten, die für das Leben notwendig sind
  • Entwicklung sozialen Verantwortungsbewußtseins
  • Aneignung eines ethischen Wertsystems, welches das eigene Verhalten lenkt

Frühes Erwachsenenalter (18 bis 35 Jahre)

  • Wahl eines Partners
  • Lernen, mit dem Partner zu leben
  • Gründung einer Familie
  • Aufziehen von Kindern
  • Gestaltung eines Heims
  • Beginn im Beruf
  • Gesellschaftliche Verantwortung
  • Anschluß an eine passende soziale Gruppe

Mittleres Alter (35 bis 60 Jahre)

  • Gesellschaftliche und soziale Verantwortung
  • Erreichen eines bestimmten Lebensstandards
  • Vorbereitung der eigenen Kinder auf ein verantwortungsbewußtes und zufriedenstellendes Erwachsenenalter
  • Vernünftige Freizeitgestaltung
  • Pflege der Beziehungen zum Partner
  • Anpassung an die physiologischen Veränderungen des mittleren Alters
  • Anpassung an alte Eltern

Hohes Alter (60 und mehr Jahre)

  • Anpassung an das Nachlassen der Kräfte und der Gesundheit
  • Anpassung an den Ruhestand und ein vermindertes Einkommen
  • Anpassung beim Tod des Partners
  • Anpassung an die eigene Altersgruppe
  • Fortführung sozialer und gesellschaftlicher Verpflichtungen
  • Anpassung an die entsprechenden Wohn- und Lebensbedingungen

Entwicklungsaufgaben und ich

Mir kam der Katalog aus zwei Gründen immer wieder in den Sinn. Erstens: Die Erkenntnis im Referendariat, dass Zeit meines Lebens solche und andere Aufgaben auf mich persönlich zukommen würden, traf mich. Demnach bin ich auch an den späteren Entwicklungsaufgaben mehr interessiert als an den früheren, und mich ängstigen ein wenig diejenigen, die noch auf mich zukommen. Tod im Freundeskreis, Tod in der Familie, Aussicht auf den eigenen Tod.

Entwicklungsaufgaben und Schule

Zweitens, ein jüngerer Gedanke: Inwiefern ist es die Aufgabe der Schule, des Unterrichts in den Fächern, den Schülern und Schülerinnen bei diesen Entwicklungsaufgaben zu helfen – und zwar insbesondere bei den Aufgaben, die nicht erst im Jugendalter auf sie zukommen, sondern später, im frühen und mittleren Erwachsenen- und im hohen Alter? Will heißen: Lernt man die Beschäftigung mit Literatur, damit die “Anpassung an das Nachlassen der Kräfte und der Gesundheit” gemeistert werden kann? Hilft Kafka, an der modernen Welt nicht zu verzweifeln? Oder ist der Gedanke vermessen, Schule könnte dazu nennenswert etwas beitragen? Immerhin habe ich in den letzten 24 Jahren kein einziges Mal den Begriff “Entwicklungsaufgabe” im Zusammenhang mit Schule gehört. Hat man das Konzept am Ende heutzutage gar nicht mehr?

Revidierte Entwicklungsaufgaben des Jugendalters nach Dreher – und deren relative Wichtigkeit

Im Jahr 1985, so mein Skript, stellten Dreher/Dreher nach einer Untersuchung an Münchner 10. Klassen fest, dass der Katalog “zwar revisions- und anpassungsbedürftig, insgesamt aber zutreffend ist.” Sie legten einen revidierten Katalogfür das Jugendalter vor (das Skript zitiert Oerter/Montada, Entwicklungspsychologie, München 1987. S. 276):

  1. Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers
  2. Erwerb der männlichen bzw. weiblichen Rolle
  3. Erwerb neuer und reiferer Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts
  4. Gewinnung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen
  5. Vorbereitung auf die berufliche Karriere
  6. Vorbereitung auf Heirat und Familienleben
  7. Aufbau eines Wertsystems und eines ethischen Bewußtseins als Richtschnur für eigenes Verhalten
  8. Über sich selbst im Bilde sein
  9. Aufnahme intimer Beziehungen zum Partner
  10. Entwicklung einer Zukunftsperspektive

Dabei stellten sie fest, dass die Punkte 5, 8, 3 (Beruf, Selbst, Peergroup) für alle wichtig waren. Daneben waren noch 7 und 1 (Wertesystem, Körper) besonders wichtig für die Schülerinnen, 9 und 2 (Sex, Geschlechterrolle) dagegen besonders wenig wichtig im Vergleich zu den Schülern. Lediglich im Mittelfeld ist bei beiden Geschlechtern 4 (Ablösung vom Elternhaus).

Die Eltern wiederum sehen folgende Aufgaben als wichtiger an als die Schülerinnen und Schüler: 7, 1, 10, 4.

Oft wird oder wurde der Abschluss von Entwicklungsaufgaben von einem Ritual begleitet. Ist der Schulabschluss eine Entwicklungsaufgabe? Ist die Abifeier das begleitende Ritual, oder ist im Gegenteil für manche Schüler und Schülerinnen die Abifeier die eigentliche Aufgabe und das Abitur an sich aus deren Sicht eher Routine?

Skript der Bundeszentrale für politische Bildung

Ich beziehe mein Klecklsein Wissen über dieses Thema nicht nur aus dreißig Jahre alten Skripten und Wikipedia, auch die bpb stellt das Konzept in einem Papier vor: https://www.bpb.de/lernen/grafstat/krise-und-sozialisation/224837/info-02–01-entwicklungsaufgaben (ganz unten auch als Pdf-Datei zum Herunterladen.) Da stehen ziemlich harte Worte:

“Für die Lösung der zentralen Entwicklungsaufgaben gibt es sensitive Zeitfenster. Wenn diese verpasst werden, ist es zwar nicht unmöglich, aber doch schwierig, die Lösung der Aufgabe (z.B. Schulabschluss) später nachzuholen. Wer mit 40 Jahren keinen Schulabschluss, keinen Beruf, keinen Partner, keine Freunde gefunden hat und immer noch zu Hause wohnt, hat große Schwierigkeiten, erwachsen, d.h. in unserer Gesellschaft selbstständig zu werden. Er kann ein kluger, belesener, künstlerisch begabter, unterhaltsamer und sympathischer Mensch mit gepflegten Umfangsformen sein, aber er ist ein Exot und entspricht nicht den Standardvorstellungen von Erwachsensein in unserer Gesellschaft.”

Das einzige aus dieser Liste, was in unserer Gesellschaft ein Problem ist, ist der fehlende Beruf. Das macht diesen Menschen auf Tinder verdächtig, denke ich, jedenfalls solange er männlich ist. Unbeantwortet ist die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass man unterhaltsam, klug und so weiter ist, und dennoch zu Hause wohnt, keinen Beruf und keine Freunde hat. Mir fallen da nur reiche Erben ein, und die sind ja gesellschaftlich so was von akzeptiert. Mit genug Geld ist all das oben kein Problem, und ohne Geld wäre etwas mehr Diversität vielleicht auch gar nicht schlecht. Und wenn jemand klug, belesen, künstlerisch begabt, unterhaltsam und sympathisch mit gepflegten Umfangsformen ist, dann sollte er auch mit 40 Jahren Freunde finden können.

Zum ursprünglichen Katalog

Vieles gilt noch. Manches hat sich überholt. Anderes legt ein sehr normgerechtes, konfliktfreies Leben nahe, aber es gibt sicher auch andere Arten, das eigene Leben zu meistern und zu gestalten. Und ob es überhaupt eine Pflicht dazu gibt, ein stabiles und glückliches Leben zu führen… aber dass die Gesellschaft das fördern möchte, ist sicher klar.

6 Antworten auf „Entwicklungsaufgaben“

  1. Ich danke sehr für das Stichwort. Ich denke, es sollte, so bald das Thema Berufswahl behandelt wird, immer angesprochen werden. Andererseits sollte es beim laufenden Unterricht völlig aus dem Blick geraten.
    Ein Angebot, auf das man Schüler in dem Zusammenhang aufmerksam machen könnte, ist dies: https://ichkurs.de/all-courses/
    Aber es gibt gewiss noch attraktivere. Wenn jemand welche kennt, fände ich es gut, wenn er darauf hinwiese.

  2. Mich erinnert das Konzept sehr an Erik Eriksson. Bekannt ist von ihm ja v.a. die erste Krise der Entwicklung des Urvertrauens Aber die steht bei ihm eigentlich auch nur am Anfang einer langen Reihe von Lebensaufgaben.
    In de Tat ein spannender Ansatz auch für pädagogische Überlegungen: Wie bereiten wir unsere SuS darauf vor?

  3. Ja, Erikson kommt in dem Skript im Kapitel davor, seine Leistung sei vor allem gewesen das Ausweiten des Phasenmodells auf das Erwachsenenalter und das Zuweisen von Leitaufgaben zu den einzelnen Phasen.

    Ich weiß nicht einmal, ob die Schule theoretisch es als Aufgabe sieht, auf diese Aufgaben vorzubereiten. Praktisch geschieht das… allenfalls sehr indirekt. Aber gut, vielleicht geht das nur indirekt. Studien, die über die Schulzeit hinausgehen, kenne ich ohnehin kaum. (Bei einer ist mir hängen geblieben, dass auch bei erfolgreicher Chancengleichheit in der Schule *nach* der Schule, bei Studium und Beruf, dann doch wieder das Elternhaus über Erfolg entscheidet.)

  4. Abgesehen von Sonderfällen, z.B. wenn ein 14-Jähriger in der Mittelstufe mit expliziten Bildern oder gar rechtsextremen Äußerungen auffällt, spielen Entwicklungsaufgaben im Unterricht eine Nebenrolle. Nicht so in der Oberstufe z.B. in Geographie, wenn es um Themen der Bevölkerungsgeographie und Mobilität geht. Nach der Auseinandersetzung mit den üblichen Bevölkerungspyramiden und der Verortung der eigenen Kohorte, gibt es zumindest in meinem Unterricht immer die Aufgabe einen fiktiven Lebenlauf für eine eine gleichaltrige oder die eigene Person zu verfassen, in dem die Entwicklungsaufgaben thematisiert werden. Auffällig ist dabei, wie konventionell die Vorstellungen sind. Nur manchmal werden andere Lebenswege erfunden, meist im Zusammenhang mit der Genderthematik.
    Die etwa 16 – 18-jährigen Schüler haben kaum einen Begriff davon, wie sich ihre Vorstellung von erwarteter Normalität auf die Lebensperspektiven ihrer Mitschülerinnen auswirken. Umgekehrt ist das schon eher der Fall.

  5. Havighurst differenziert eigentlich noch stärker:
    Frühe Kindheit 0–2 J.
    Kindheit 2–4 J.
    Schulübergang und frühes Schulalter 5–7 J.
    Mittleres Schulalter 6–12 J.
    Adoleszenz 13–17 J.
    Jugend 18–22 J.
    frühes 23–30 J.
    mittleres 31–50 J.
    spätes Erwachsenenalter 51 J. und älter
    Entsprechend aufgeschlüsselt sind auch die Entwicklungsaufgaben der verschiedenen Entwicklungsperioden. Im Skript ist alles entsprechend zusammengefasst, das ist legitim.
    Nicht legitim ist, wenn Lehrkräfte diese Problematik aus den Augen verlieren und nur noch als reine Wissensvermittler agieren. Denn viele Probleme im Unterricht resultieren aus dem Entwicklungsprozess und eventuellen Störungen.
    (H. musste das pauken für das Beratungslehrerstudium)
    Prima, dass Du dieses Thema aufgreifst!

  6. Mit den Entwicklungsaufgaben habe ich mich im späten Studium auseinandergesetzt. Auffallend dabei ist, dass sich jene des früheren Erwachsenenalters vorwiegend auf äussere Einflüsse beziehen (Familie, Kinder, Beruf). Das hat mich eher traurig gestimmt. Vielleicht sollte man es mehr als lebenskategorisierendes, grobes Gerüst betrachten, als einen Leitfaden.

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