Schuljahresende 2019 und Malteserfalken

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – ja, aber manchem Ende auch. Heute war Schuljahresende, das dienstlich und privat mehr gefeiert wird als Ferienanfang, glaube ich. In den ersten sechs oder sieben Jahren meines Lehrerseins brauchte ich immer ein paar Tage, um mich an die Ferien zu gewöhnen. Ich glaube, dieses Jahr habe ich einfach schon in der vorletzten Woche angefangen, mich in die Ferien zu verabschieden, also gedanklich und emotional.

Die letzten zehn Tage und mehr findet ja eh nur eine Art Schule spielen statt. Wandertag, die sogenannten Projekttage, Konferenzen mit effizienzorientierten (quasi automatisierten) Abstimmungen. Da wird nicht viel gedankliche Anwesenheit von mir gefordert. Zugegeben: Ich könnte mit gedanklicher Anwesenheit dafür sorgen, dass etwa die Projekttage besser wären. Aber schon zu meiner Schulzeit waren diese SMV-Tage anarchische Phasen ohne ordentliche Aufsicht und ohne nachvollziehbares Programm; diese Erfahrung will ich den Schülern und Schülerinnen nicht nehmen.

– Dieses Jahr wieder ausgezählt, wieviel Unterricht ich tatsächlich gehalten habe und wieviel Prozent durch schulinterne Aktionen ausgefallen ist (zwischen 5,7% und 21% je nach Klasse; Nachmittagsunterricht ist immer ein Problem, aber das hört im G9 ja auf). Bevor ich das der Schulleitung noch einmal explizit mitteile warte ich sicherheitshalber, bis mir die nächste Fortbildung genehmigt ist. Ich gehe nämlich auf drei Fortbildungen pro Jahr; die machen aber nur einen kleinen Teil der ausfallenden Stunden aus. Krank bin ich eh nie.

– Frustrierend die sich abzeichnende Zukunft von Bring Your Own Device der Schule. Was man von Sachaufwandsträger und Kultusministerium hört, sieht das so aus, als werden Schüler und Schülerinnen zumindest im nächsten Jahrzehnt nie mit eigenen Handys oder Tablets ins Internet dürfen. Keine Moodle-App, keine Süddeutsche-Zeitung-App. Nicht mal freiwillig. Ich glaube ja immer noch, dass das der Einfluss der Hardwarelobby ist. (Datenschutz, Sicherheitsbedenken.)

– Rein technisch bietet das bayrische Mebis-Moodle ja schon eine Art datenschutzsichere Schulcloud. Alle Schüler und Schülerinnen haben 1 GB Speicherplatz, es müsste doch auch zu machen sein, dass sie Daten kursweise freigeben können. So oder so ist das aber nicht einsetzbar, da die Interfaces dazu – die Webseite und die Moodle-App – zu umständlich dazu sind. das müsste doch einfach per Kommandozeile gehen, und dann halt mit ordentlicher grafischer Oberfläche dazu. Das KuMi schreibt auch regelmäßig Stellen zur technischen Weiterentwicklung aus, am End wissen die noch, was geboten ist.

– Da Frau Rau drei Wochen auf Reha war, habe ich an langen, einsamen Abenden einige der Filme nachgeholt, zu denen ich sonst nicht komme. Unter anderem die ersten zwei Verfilmungen von Dashiell Hammetts The Maltese Falcon:

The Maltese Falcon (1931). Gar nicht schlecht, gar nicht schlecht. Ich mag das Buch sehr gerne, und die Verfilmung von 1941 ist zu Recht ein Klassiker. (Sydney Greenstreet in seiner ersten Filmrolle!) Die Fassung von 1931 dagegen kennt kaum jemand, dabei ist um Längen besser als die von 1936 (Satan Met A Lady) – eine freiere Fassung mit Bette Davis und Screwball-Elementen: Mit dem Stetson-Hut und dem weiten Mantel sieht da das Spade-Äquivalent („Shane“) den Großteil des Films über wie ein Schäfer aus. Es geht auch nicht um einen Falken, sondern ein Horn mit ähnlich historischer Vorgeschichte, und statt Casper Gutman gibt es eien sehr interessante Madame Barabbas (Alison Skipworth, viermalige Filmpartnerin von W.C. Fields). Alle drei Filme zeigen mehrfach Zeitungsseiten zur Informationsvermittlung, aber nur 1936 hat – in ähnlichem Stil – eine Art Poster außerhalb der Filmhandlung, das die gegenwärtige Situation zusammenfasst: „Who Will Be Next -„, gefolgt von Fotos der Schurken.

Die Fassung von 1931 sieht weit mehr als zehn Jahre älter aus als die von 1936. Die Kleidung ist älter. Die Möbel. Alte Telefone, und auf der Post schreibt man noch mit Feder und Tintenfass seine Adresse auf. Und weil der Film entstand, bevor der Selbstzensur-Code Hollywoods („Hays Code“, „Motion Picture Production Code“) umgesetzt wurde, gibt es anzügliche Stellen – halbnackte Frauen, deutlichere Anspielungen auf Homosexualität. Die Schauspieler sind nicht so gut, die Handlung zieht sich, die Gesichter sind manchmal fast noch stummfilmhaft. Aber Ricardo Cortez, der den Sam Spade spielt, hat ein sehr unsympathisches Lachen, und das passt gut zum Buch; und eine Gefängnis-Coda am Ende illustriert das Verhältnis zwischen Spade und Brigid O’Shaughnessy sehr schön.

– Damit ist der gleiche Roman 1931, 1936 und 1941 verfilmt worden, und damals hat wohl auch keiner gemeckert und ich finde das voll in Ordnung. Auch Romane sollte man in verschiedenen Versionen haben, finde ich, aber da kenne ich nur die Fantasy-Fassung von Der Richter und sein Henker, ein paar Gottfried-Keller-Reminiszenzen bei Walter Moers und Übersetzungen wie der Simplicissimus in modernem Deutsch.

7 Antworten auf „Schuljahresende 2019 und Malteserfalken“

  1. Die Anarchie bei den Projekttagen am Schuljahresende schätze ich auch sehr. Es ist die Zeit des freien Geistes. Ein Projekt muss kein Ergebnis haben außer zufälligen Erkenntnissen und Beschäftigung mit ungewöhnlichem Zeugs.

  2. Als Verbindungslehrerin war diese Phase wieder sehr arbeitsintensiv, als Klassenlehrerin genieße ich sie sehr. Weil man endlich mal gemeinsame Zeit mit den Schüler*innen hat und sich nicht alles um Noten dreht. Die andere, m.E. wichtigere Seite von Bildung;-).

  3. Wie machen Sie das, dass Sie nie krank sind? Das ist ja wie bei uns früher! Die Lehrer/-innen meiner Kinder sind im Herbst und Winter abwechselnd dauerkrank, jedenfalls kommt mir das so vor.

  4. Tatsächlich war ich dieses Jahr einmal einen Tag krank, aber das in den Ferien. Ansonsten: reine Glückssache, und im Hochsommer habe ich wiederkehrende Rückenschmerzen, aber da sind dann auch immer Ferien. (Arzttermin nächste Woche.)

    Bei den Projekttagen dieses Jahr habe ich übrigens Anime geschaut und dabei viel gelernt. In „Assassination Classroom“ geht es um ein gelbes grinsendes freundliches Monster, das vorbildlicher Lehrer einer Verlierer-Schulklasse wird und die Erde vernichten wird, wenn es der Klasse nicht gelingt, es zu töten. Und „Food Wars!“ (Kochschulen im Kampfsportmodus) war nicht viel weniger schräg.

  5. Ich wünsche dir schöne Ferien und eine demnächst unvermutet auftauchende offene Tür.

  6. Liebe Sabine, danke, dir auch schöne Ferien. Offene Türen sind immer spannend, ansonsten habe ich ja genug zum Lesen und zur Unterhaltung.

    @Fabian Müller: Ich weiß das alles nur aus zweiter Hand und kann nur hoffen, dass das so alles nicht stimmt, auch weil ich mir das nicht vorstellen will. Quellen sind die Systembetreuertagung, der Sachaufwandsträger (Landkreis) und die medienpädagogisch-informationstechnische Beratung für den Regierungsbezirk. Schüler und Schülerinnen könnten ja Apps nutzen, die personenbezogene Daten auf unsicheren Servern (also: so gut wie allen) speichern, und das darf auch nicht freiwillig sein. (Aber BayernWLAN, das dürfen sie überall nutzen.) Absurd.

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