Nickelodeon (Peter Bogdanovich 1976) und Filme der 1970er Jahre

Gestern lief auf Arte Nickelodeon. Der Film gilt als kommerzieller Flop, auch die Kritik war enttäuscht. Mit diesem dritten Misserfolg hintereinander war Bogdanovichs Ruf erst einmal sehr angeschlagen.

Aber ich mag diesen Film. Er kam in Deutschland im Fernsehen, vermutlich in den sehr frühen 1980er Jahren, wir hatten ihn auf Video aufgenommen und sagen ihn als Familie gemeinsam immer wieder mal an; vielleicht war ich es auch alleine.

Nickelodeon beginnt damit, dass es um 1910 herum Ryan O’Neal und Burt Reynolds auf verschiedene Weise ins Filmgeschäft verschlägt; sie landen bald an der Westküste und verlieben sich in dieselbe Frau. Diese wird Schauspiel-Star, Reynolds auch, O’Neal Regisseur, im Hintergrund entsteht die Westküsten-Filmindustrie.

Den Film mag ich, weil ich Filme mag, in denen ein Mann eine Frau nicht kriegt und traurig guckt, aber weiter macht; ich mag ihn, weil es ums Filmemachen geht. Der Film benutzt selbst Stilmittel des frühen Films: Slapstick-Einlagen, kleinere Tortenschlachten, Faustkämpfe, umstürzende Heuladungen, Buster-Keaton-Artistik; dazu Abblenden und Zwischentitel, als Musik nur Klavier. Es ist immer schwierig, überholte Motive als Zitat aufzugreifen, sie wirken halt dennoch altbacken.

Ich mochte den Film vor allem deshalb, weil ich so vieles darin nicht verstand oder dieses mir erst durch den Film als Teil einer unbekannten Zeit erschlossen wurde:

  • allein das Wort „Nickelodeon“und dessen Aussprache
  • die Saturday Evening Post und die Art der dort erschienen Literatur (sie taucht prominent mehrfach auf)
  • einer liest im Zug Der Mann aus Virginia mit einem Helden „Trampas“, und zwar so, als sollte einem das etwas sagen; unsereins ist das vage vertraut aus Die Leute von der Shiloh Ranch
  • Musik der Zeit: leitmotivisch „I’ll Take you Home Again, Kathleen“ (viel später wiederentdeckt in Hear My Song) und „I Wonder Who’s Kissing Her Now“ und „Let Me Call You Sweetheart“ – wo hört man denn sonst die Schlager des frühen 20. Jahrhunderts?
  • zum ersten Mal den Namen „D. W. Griffith“ gehört, auch hier so, als müsste man den kennen
  • als Teil einer Theaterinszenierung: ein bejubelter Mann in weißer Kutte auf einem Pferd mit einem brennenden Kreuz – das sagte mir damals gar nichts; heute natürlich als Ku Klux Klan erkennbar
  • sehr befremdlicher holländischer Holzschuhtanz

***

Es hat mich geprägt, dass ich als Kind viel Fernsehen durfte, konnte, und tatsächlich tat. Ich kannte und schätzte Filme der 1930er bis 1960er Jahre (Screwball, Noir, Musical, Western, Abenteuer, gemäßigtes Drama), aber mit den 1970ern tat ich mich immer schwer, auch mit den gefeierten Filmen. Sie waren anders als die Filme der Jahrzehnte zuvor.

Die Komödien waren nicht völlig lustig: What’s Up, Doc (Bogdanovich 1972), Paper Moon (Bogdanovitch 1973). Die verfilmten Neil-Simon-Stücke waren es auch nicht: am zugänglichsten The Odd Couple (1969), aber The Sunshine Boys (1975), das die zweite oder dritte Karriere von George Burns einleitete, war nahe am Drama. Die Science Fiction war weder heiter noch spannend: Silent Running (Trumbull 1971) und Soylent Greenn (Fleischer 1973). Die wenigen Musicals waren kritisch (Sweet Charity, Cabaret), die Krimis schwierig, das Drama dramatisch. Das war mir alles zu realistisch, zu wenig seicht.

Die Filme der 1970er begannen wohl schon in den späten 1960ern: The Graduate (Nichols 1967), Easy Rider (Hopper 1969). Sie waren ernsthaft, und das mochte ich nicht. Selbst heute habe ich meine Schwierigkeiten damit, zolle ihnen aber Respekt. Close Encounters of the Third Kind (Spielberg 1977) und American Graffiti (Lucas 1973) gehören auch dazu.

Das änderte sich alles mit dem ersten Blockbuster Jaws (Spielberg 1975), den ich inzwischen sehr schätze, und dem unerwarteten Erfolg von Star Wars (Lucas 1977). Danach begann das Kino der 1980er Jahre, seichter, zugänglicher, gerne mit viel Action, so wie vor den 1970ern auch, und wie wir das heute kennen.


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