Besser Deutsch?

By | 16.6.2004

Neulich habe ich versucht, im Deutsch-Leistungskurs den Schülern beizubringen, besseres Deutsch zu schreiben.

Das hatte ich leider ungeschickt angefangen. Ich hatte nicht bedacht, dass ich mit diesem Vorsatz nahe lege, dass die Schüler schlechtes Deutsch schreiben, also verbesserungsfähiges und verbesserungsbedürftiges. Das lässt sich auch ein Schüler nicht gerne sagen.

Gewöhnt sind sie es nämlich nicht. Für schlechte Klausurergebnisse macht man Fehler bei der Gedichtinterpretation verantwortlich: Falsche Epochenzuschreibungen; die Tatsache, dass einem nichts Interessantes zum Kreuzreim eingefallen ist; das falsch analysierte Versmaß; „leider hast du zu den Metaphern nur wenig gesagt“. Für literarische Erörterungen und überhaupt das Arbeiten mit Textvorlagen gilt das gleiche: Die schlechten Noten kommen vom fehlenden Fachwissen. Sie kommen daher, dass man keine Gedichte mag.

Aber ein Teil der Note liegt auch an der Sprache. Ein gut geschriebener Text kann fehlendes Wissen zu einem guten Teil ausgleichen: Es braucht gar nicht so viel, um mich als Lehrer zu beeindrucken.
Als sprachliche Fehler kennen Schüler aber meist nur Rechtschreibfehler. Darin unterscheiden sich Schüler nicht von den meisten anderen Sprechern des Deutschen. Andere Lehrer, die Öffentlichkeit, das Fernsehen – in Quizshows wird geprüft, ob die Kandidaten die Rechtschreibung beherrschen, andere Schwierigkeiten in der Sprache scheint es nicht zu geben. Das zeigt auch das große Aufheben um die Rechtschreibung.

Es gibt neben der Rechtschreibung aber noch viel mehr, das man zwar nicht richtig oder falschen machen kann, aber noch wichtiger: Man kann es gut oder schlecht machen.
Das Schülern zu vermitteln, selbstbewussten und ja auch durchaus kompetenten Muttersprachlern, ist schwer und erfordert eine Zaghaftigkeit Takt mehr, als ich meist aufbringe.

Gerne gesteht man dem Lehrer zu, mehr über Literaturgeschichte zu wissen; den Wissens- und Technikvorsprung beim Umgang mit literarischen Texten gönnt man ihm etwas halbherziger. („Aber ich seh‘ das trotzdem anders.“ – Manchmal macht das Sinn, manchmal nicht.)
Den Stil lässt man sich überhaupt nicht gern kritisieren. (Dafür gibt es sicher auch gute Gründe. Ich habe allerdings genug Selbstbewusstsein, um zu glauben, dass ich den Schülern noch etwas beibringen kann.) Anlass zur Meckerei gibt es aber schon:

1. Gustav Wendt startet den Versuch…
(Warum nicht: versucht…?

2. Er versucht sie weiter auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen, in der sie sich zur dieser Zeit befindet.
Alles nach dem Komma streichen. Das bedeutet „Lage“ schließlich.

3. Zwischen den zwei Hauptdarstellern [es sind die einzigen] in diesem Szenenausschnitt gibt es Gegensätze zu verzeichnen.

4. …, sondern es ist eine langsame und konstante Hinführung des Themas zu seinem Höhepunkt in diesem Szenenausschnitt.

5. …löst einen Verwirrtheitszustand in dem Leser aus.

6. Diese Szene stellt auch einen inhaltlichen Wechsel des Gesprächsinhalts dar.

7. Trotz der begrenzten Mittel, es musste z.B. durchaus auch mal Gardinenstore als Spitze am Rocksaum der Kostüme herhalten und die Perücken der Dichter bestanden aus Watte, klappte die Premiere wie am Schnürchen
(Vielleicht bin das ja nur ich: Aber durch eine kleine Umstellung im Satzbau wird der Satz so viel leichter verständlich.)

Zum Glück gibt es Wolf Schneider mit seinen Büchern, etwa das Helferlein: Deutsch fürs Leben, das sich mein LK anschaffen musste. Dem glaubt man mehr als dem Lehrer.
Wolf Schneider sagt, wie man präziser schreiben kann, anschaulicher und verständlicher. Er zeigt, wie man in vier Schritten von Texte verbessert. Von:

„Im Mittelpunk des Kongresses stehen drei Problemkreise: die technische Realisierbarkeit neuer audiovisueller Kommunikationsmittel in ihrer jeweiligen Relation zur wirtschaftlichen pPraktikabilität und zur kundenseitigen Akzeptanz.“

zu:

„Der Kongress will für die Neuen Medien klären, was die Technik kann, was die Wirtschaft will und was die Leute mögen.“

(Danach darf man sich selber versuchen an: „In Bezug auf die Fragestellung nach der Relevanz der Kulturtechnik Lesen für den gesellschaftlichen Kommunikationsprozess steht das Medium Buch nicht im Vordergrund, sondern reiht sich mit seiner Funktionalität eher neben die tagesaktuellen Massenmedien.“)

Außerdem gibt es Übungen zum Satzbau: Wie man ungeheure Sätze wie den folgenden genießbar macht:

schneider

9 thoughts on “Besser Deutsch?

  1. Kai

    Wie wahr. Erst vorgestern hatte ich ein entsprechendes Gespräch mit einer Schülerin. Ich empfahl ihr, auf allzu komplizierte Sätze und Phrasen zu verzichten und lieber klare, kurze Sätze zu schreiben, die ihre Gedanken auf den Punkt bringen. Sie war schließlich tief gekränkt. Andere Lehrer hätten ihr das aber anders beigebracht …

  2. philosophus

    Stilistik ist aber auch ein Minenfeld. DEN guten Stil gibt es eigentlich nicht. Eher: mehr oder minder angemessene Register.

    Außerdem gibt es auch hierzulande noch ‚Stilisten‘, die z.B. Hegels Unfähigkeit, mal nen Punkt zu machen (im wörtlichen Sinne), für elegantes Deutsch und Ausdruck seines Tiefsinns halten. Mitunter nimmt der Schüler (und auch der Student) von seiner Lektüre mit, daß an einen gescheiten Satz mindestens zwei Nebensätze gehören, damit es sich um eine „anspruchsvolle“ Konstruktion handelt.

    Um bei der Kritik nicht allzu persönlich zu werden, sollte man vielleicht eher auf die verschiedenen Register abheben – und den Schülern auch mal zumuten, andere Textsorten zu produzieren. Korrektur quasi als Redaktionskonferenz. (Gerade Journalisten müssen ja bis ins hohe Alter Stilkritik – ganz ohne Samthandschuhe aushalten.)

  3. philosophus

    BTW: Wäre das nicht einen Beitrag bei Lehrerforen.de wert? Könnte eine interessante Diskussion geben.

  4. Ekkehard Knörer

    Durch die Phase, in der einem der Lehrer die allzu langen Sätze um die Ohren haut, muss man wohl wirklich durch. Wenn auch nicht mit Wolf „Ich habe die Sprachweisheit mit Löffeln gefressen“ Schneider. Danach aber darf man wieder gaaanz lange Sätze schreiben. Und Hegel nacheifern. Echt. Darf man dann wieder. Wenn man’s kann.

  5. Herr Rau

    Wobei lange Sätze ja überhaupt nicht das Problem sind: sondern schwer verständliche Sätze. Genauso wenig sind Nebensätze zu vermeiden – ein Hauptsatz allein kann unverständlich sein als manches Satzgefüge.

    Und natürlich kann man sich über all das hinwegsetzen und seine Novellen mit solchen Sätzen beginnen:

    Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gräfin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte.

    Heinrich von Kleist, „Der Zweikampf“. Der darf das, auch wenn’s nicht jedem gefallen muss.

  6. Ekkehard Knörer

    Ja, aber Verständlichkeit ist als Fetisch gerade das Problem (von Leuten wie Wolf Schneider). So eine schöne, zum anknabbernden und nachsinnenden Denken anregende Schwer- oder Unverständlichkeit, die hat schon manchen zum besseren und klügeren Menschen gemacht. Natürlich ist Journalismus Vermittlung blabla – und natürlich müssen SchülerInnen wie StudentInnen erst mal lernen, geradeaus unfallfrei zu denken wie zu formulieren. Klar und geschenkt. Aber Texte sollen auch herausfordern dürfen, egal wo, auch in der Zeitung, sollen ungefällig sein dürfen. Das Stolpern, das Nochmal-Nachlesen-Müssen, das Nicht-Begreifen sind unbedingt als wertvoll zu erachtende Lektüre-Erlebnisse. Finde ich, und zwar mit Entschiedenheit.

  7. Pingback: » Schreibwaisen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.