Lange Sätze in der Schule, und Satzzeichen zweiter Klasse

(Ich weiß nicht, ob ich das schon mal geschrieben habe. Das wird in letzter Zeit immer mehr ein Problem. Ich mache das jetzt seit achteinhalb Jahren, manchmal fällt mir nichts mehr ein; andere Male stelle ich fest, dass ich meine Gedanken schon mal früher aufgeschrieben habe.)

Es geht um die Sprache in Aufsätzen ab der 10. Jahrgangsstufe bis hin zum Abitur. Die zeichnet sich aus durch Nominalisierungen, umständlichen Satzbau und Phrasen.

Nominalisierungen

Ein paar Beispiele aus Aufsätzen:

  • Man kann eine Reduzierung der Verse pro Strophe feststellen.
  • Auch ist eine Erleichterung seinerseits zu hören, denn…
  • Das Treffen der beiden Personen geschieht, nachdem…
  • …löst einen Verwirrungszustand in dem Leser aus.
  • Zu beachten ist, dass die Abiturienten eine sehr starke Kompetenzsteigerung erfahren.

Besser sind hier Nebensätze und Verben: Es werden weniger Verse pro Strophe; jemand ist erleichert; Personen treffen sich einfach und der Leser wird verwirrt.

An den Nominalisierungen sind wir teilweise selber schuld. Wir drillen die armen Schüler in den Aufsatz-Gliederungen zum Nominalstil, bis sie nicht mehr anders können.

Satzbau

Es gibt Schüler, die erst einmal nicht anders können als ihre Gedanken in einen einzigen Satz (genauer: eine einzige Periode) zu packen. Das geschieht automatisch, fast zwanghaft. Und spätestens ab dieser Jahrgangsstufe haben die Schüler schon recht komplexe Gedanken. Wenn man die in eine Periode packt, wird die recht umständlich:

Gerade in der heutigen Zeit in der westlichen Welt, wo viele Leute nahe beieinander leben, die einerseits an einen hohen Lebensstandard gewohnt sind, sich andererseits an eine Methode, diesen zu erreichen, nämlich immer an den größtmöglichen eigenen Profit zu denken, gewöhnt haben, was wiederum der Gesellschaft schadet, sind die so genannten Tugenden, wie zum Beispiel Bescheidenheit, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein, allen voran jedoch Mitgefühl, um so wichtiger.

In Deutsch fürs Leben von Wolf Schneider gibt es eine schöne Anleitung zur “Satzzertrümmerung”, wie er das nennt, mit Beispielen, wie man solcher Ungetüme Herr wird. Die teile ich gerne mal meinen Schülern aus. Danach verbesserte ein Schüler meiner 10. Klasse den Satz oben so, wobei bewusst nichts an Inhalt und Wortwahl geändert wurde:

Heutzutage leben in der westlichen Welt viele Menschen nahe beieinander. Diese sind an einen hohen Lebensstandard gewöhnt und versuchen immer, diesen zu erreichen. Hierbei denken sie stets an den größtmöglichen eigenen Profit, was jedoch der Gesellschaft schadet. Deshalb sind heute Tugenden wie zum Beispiel Bescheidenheit, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein, aber vor allem Mitgefühl sehr wichtig.

Wenn man solche Sätze verständlich macht, versteht man sie auch leichter. Das birgt die Gefahr, dass man auch eventuelle Schwächen im Gedankengang leichter erkennt. Zum Üben ein weiterer Satz aus einem Schüleraufsatz:

Im Gegensatz dazu steht seine Frau Jokaste, die erst erfreut über die Meldung des Boten, dass Polybos, der Ziehvater von Ödipus, verstorben sei und somit die Angst ihres Mannes, den eigenen Vater zu töten, unbegründet ist, ist, dann jedoch durch die Schilderung des Boten über seine Bekanntschaft mit Ödipus bemerkt, dass sie durchaus eine weit engere Beziehung zu ihrem Mann haben könnte, als sie es zunächst vermutet hatte.

Ganz ernsthaft: Meine Schüler waren geradezu entrüstet darüber, dass plötzlich ein Lehrer weniger umständliche Sätze fordert. Ich bin mir einigermaßen sicher, dass keine Lehrkraft der Jahre zuvor das so erklärt hat, aber bei den Schülern hängen geblieben ist trotzdem: Ich soll umständliche Sätze machen. Hauptsätze are for sissies.
Das ist zum Teil eine ganz natürliche Entwicklung. Die Schüler wollen anspruchsvolle Texte schreiben, sind auch stolz darauf, so etwas zu können, und schießen dabei über das Ziel hinaus. Und jetzt müssten sie lernen, wieder einfachere Sätze zu bauen. (Manche Erwachsene verlassen nie dieses Stadium.)

Satzzeichen

Der erste Schritt zur Satzzertrümmerung ist, ab und zu mal einen Punkt zu machen. Oder ein anderes Satzzeichen. Meine Schüler (10. Klasse) waren geschockt, als ich ihnen sagte, sie dürften auch einen Doppelpunkt zur Verbindung zweier Sätze verwenden. Einen DOP-pel-PUNKT! (Tumult im Klassenzimmer.) Oder ein Semikolon. Auch mal, für ganz verwegene, einen Gedankenstrich – auch wenn Frau Rau und ich, die wir beide dieses Satzzeichen schätzen, unterschiedliche Ansichten dazu haben, wie angebracht es in welchen Textsorten ist. Gedankenstriche führen gerne mal zu Parenthesen – und wir wissen alle, wie schwer man die Finger davon lassen kann, wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist.

Welche Unterschiede Satzzeichen zwischen zwei Sätzen machen, kann man bei diesen Sätzen ausprobieren:

  1. Formal ist der Kopf deines Briefes nicht korrekt; die Betreffzeile fehlt. (Korrekturbemerkung)
  2. Es besteht nur aus natürlichen Substanzen. Es ist völlig ungefährlich. (Dauerwerbesendung)
  3. Das ist mit Fruchtsaft gemacht, da sind viele Vitamine drin. (Werbung für Süßigkeit)
  4. Mutter feierte bis 4 Uhr früh. Ihre Kinder erstickten. (Schlagzeile)

Meistens ist es noch besser, den Zusammenhang zwischen zwei Sätzen nicht durch ein Satzzeichen anzudeuten, sondern ihn explizit zu machen, indem man Konjunktionen benutzt (weil, so dass, obwohl, während) oder Adverbien (deshalb, gleichzeitig, trotzdem). Zur Not gehen auch Präpositionen (durch), aber die führen automatisch zu Nominalstil, und mit dem übertreiben es viele Schreiber ja ohnehin.

Phrasen

“Ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist der Punkt, dass…” So beginnen gerne mal Argumente in der Erörterung. Das ist einmal problematisch, weil da etwas ganz und gar Nebensächliches im Hauptsatz steht. Das eigentlich Wichtige muss sich in einer Nebensatzkonstruktion ein Plätzchen einrichten, und da kann es eng werden. (Nichts gegen Nebensätze. Einige meiner besten Sätze sind Nebensätze.) Schlimmer ist das aber, weil das so eine leere Phrase ist. Und daran, fürchte ich, sind tatsächlich nur wir Lehrer schuld.

Wir bringen den Schülern nämlich bei, Überleitungen zu machen. Und legen ihnen dazu oft genug eine Liste von Phrasen vor, die sie verwenden sollen. Ich glaube, man sollte Schülern mal probeweise Überleitungen verbieten; vielleicht kämen dann zusammenhängendere Texte heraus.

Anhang 1: Zum Üben.

Es darf daher getrost, was auch von allen, deren Sinne, weil sie unter Sternen, die, wie der Dichter sagt: “versengen, statt leuchten”, geboren sind, vertrocknet sind, behauptet wird, enthauptet werden, daß hier einem sozumaßen und im Sinne der Zeit, dieselbe im Negativen als Hydra gesehen, hydratherapeutischen Moment ersten Ranges – immer angesichts dessen, daß, wie oben, keine mit Rosenfingern den springenden Punkt ihrer schlechthin unvoreingenommenen Hoffnung auf eine, sagen wir, schwansinnige oder wesentielle Erweiterung des natürlichen Stoffgebietes zusamt mit der Freiheit des Individuums vor dem Gesetz ihrer Volksseele zu verraten sich zu entbrechen den Mut, was sage ich, die Verruchtheit haben wird, einem Moment, wie ihm in Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft allüberall dieselbe Erscheinung, dieselbe Frequenz den Arm bieten, und welches bei allem, ja vielleicht gerade trotz allem, als ein mehr oder minder modulationsfähiger Ausdruck einer ganz bestimmten und im weitesten Verfolge excösen Weltauffasseraumwortkindundkunstanschauung kaum mehr zu unterschlagen versucht werden zu wollen vermag – gegenübergestanden und beigewohnt werden zu dürfen gelten lassen zu müssen sein möchte.

Christian Morgenstern, aus der Vorrede zu den Galgenliedern.

Anhang 2:

Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder ‘der Gesellschaft’), die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen es versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.

Karl Popper, “Wider die großen Worte”, ein Brief des Philosophen Karl Popper, der 1971 in der Zeit erschien. Dieser Brief enthält auch die vielzitierten Übersetzungen (jedenfalls sind sie mir oft begegnet), in denen Popper die seiner Meinung nach schwülstigen und unklaren Äußerungen von Adorno und Habermas in verständliches Deutsch übersetzt.

24 Gedanken zu “Lange Sätze in der Schule, und Satzzeichen zweiter Klasse

  1. Mein Lieblingsbeispiel für verschachtelte Nebensätze ist und bleibt Tucholskys “Ratschläge für einen schlechten Redner”. Aber Morgenstern ist auch nicht schlecht. ;-)

  2. Zera on 9.11.2012 at 2:58 sagte:

    Wichtiges Thema, ich habe gegen Ende meiner Zeit in der Schule (ein Jahr her) immer bewusster in diesem Muster geschrieben: Möglichst kurze Sätze mit maximal zwei Nebensätzen, dabei relativ viele Doppelpunkte/Semikola/Gedankenstriche.

    Ein anderer Trick, der mir viel geholfen hat: Füllwörter und doppelt Gesagtes/nicht Informatives streichen. Übliche Verdächtige sind z.B. “auch”, “außerdem”,”eher”, “nun” oder überflüssige Adjektive.
    Ich glaube der kam von meinem Onkel, studierter Germanist, als er meine Seminararbeit korrekturgelesen hat.

    Beispiel dafür mein erster Satz vor Korrektur:
    Ein sehr wichtiges Thema, ich habe gegen Ende meiner Zeit damals in der Schule(gut ein Jahr her) auch immer bewusster in diesem Muster geschrieben:

    Beim Schreiben/Formulieren in der Schule kam ich mir meist sehr allein gelassen vor. Ich glaube solche Faustregeln, wenn man sie früh an die Hand bekommt und einprägt, könnten vielen (auch, oder vor allem schwächeren) Schülern helfen.

  3. Robert on 9.11.2012 at 8:56 sagte:

    Ein sehr schöner Blogbeitrag; vielen Dank! “Einige meiner besten Sätze sind Nebensätze.” :-D

    Unser Deutschleher hat uns damals zwar nicht direkt zu einem klareren Schreibstil ermahnt. Aber es ging ihm immer darum, dass wir Gedankengänge und Aussagenkerne schlüssig darlegen, und eine Satzvereinfachung war dabei oft ein Nebenprodukt.

    Zumindest hat er es sofort gemerkt, wenn wir fehlende Argumente durch komplexe Rhetorik zu überdecken versuchten. Und so kam es, dass ich heute kein Politiker bin… ;)

  4. Was in meiner Schulzeit nirgends vorkam und wohl auch heute nicht: daß man durchaus einen Text erst einmal schreibt, dann prüft und evtl nochmal neu schreibt! Ich erinnere mich an Klassenkameraden, die mit immer größerer Verzweiflung versuchten, per Tintenkiller einen größeren Fehler komplett unsichtbar und ungeschehen zu machen. Ich behaupte, daß dieser unausgesprochene Zwang zum gelungenen ersten Wurf die meisten Schüler schlechter aussehen läßt, als sie eigentlich sind.

    (Übrigens sehr schöne Unterschrift.)

  5. So weit, Zera, sind längst nicht alle Schüler. Dabei schreiben die ja noch mehr als andere Menschen, es ist keinesfalls so, dass alle Erwachsenen (*hust* Lehrer *hust*) besser schreiben.

    (Ja, Robert, der Satz hat mir auch beim Schreiben selber besonders gut gefallen.) Die Lehrer merken es tatsächlich meist, wenn Schüler komplexe Rhetorik statt fehlender Argumente bringen; wichtig, dass die Schüler das dann auch selber merken.

    An der Unterschrift habe ich ein wenig gebastelt. Aber sie ist auch auf Papier recht schön.
    Überarbeiten: steht in den Lehrplänen drin, passiert so gut wie nicht – weder auf dem Papier noch am Rechner. Ich fordere das auch zu wenig ein.

  6. Db on 9.11.2012 at 20:09 sagte:

    Gutes Schreiben muss man üben, üben, üben… und das braucht auch in Klausuren Zeit (z.B. zur Überarbeitung). Deshalb ärgere ich mich seit Jahren über die zu knapp bemessenen Vorgaben an meiner Schule – es würde ja sonst wichtiger (Mathe-/NWT-/xy-)Unterricht ausfallen. Dass alle anderen Fächer von mehr Schreibkompetenz profitieren will keiner hören.
    Ergänzend zu Deinen tollen Satzbau-Ausführungen verweise ich auf mein Arbeitsblatt “Lernen aus (echten) Stilblüten”:
    http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/haeufige-fehler-aufsatz-arbeitsblatt/4059

  7. DJH on 10.11.2012 at 2:57 sagte:

    … und ich dachte immer, an den Monstersätzen waren die Römer schuld ;) Zumindest war schon zu beobachten, dass die “Humanisten” eher ein Faible für Schachtelsätze haben.

  8. Mit den alten Römern habe ich so gut wie keine Erfahrungen, trotz dem nachgeholtem Latinum. Und mit den Humanisten, ehrlich gesagt, auch nicht. (Platon und Herodot: Etwas mehr, in Übersetzung. Lesbar.)

    Dein schönes Arbeitsblatt geht in die gleiche Richtung, ja. Und schreiben lernt man nur durch Übung – dass Schüler aber nicht unbedingt gern das schreiben, was der Lehrplan von ihnen verlangt, verstehe ich völlig. So richtig gut schreiben lernen steht auch nicht im Vordergrund in der Schule, fürchte ich.

  9. …und selbst wenn du dich nach 8 Jahren wiederholst, so dürftest du doch immer wieder neue Leser finden, die das neu lesen.

    …und selbst wenn du dich wiederholst, kann man ja nach ein paar Jahren wieder erinnert werden neu drüber nachzudenken.

  10. Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  11. Herr Biolehrer on 11.11.2012 at 14:57 sagte:

    Eine Beobachtung, bei der mich freut, dass sie ein Deutschlehrer macht. :-)
    Ich teile diese Beobachtung. Auch in meinen naturwissenschaftlichen Fächern versuchen viele Schüler, ihre Unsicherheit durch einen möglichst wortreichen Schreibstil zu überdecken, und manchmal weiß ich gar nicht, was dieses oder jenes schaurige Gebilde mir überhaupt sagen möchte ..

    Ich habe aber auch eine weitere Sache bemerkt: Obwohl sie selbst oft umständlich, verschachtelt und verschroben schreiben, können viele Schüler und junge Erwachsene sprachlich anspruchsvolle Texte nicht sinnentnehmend lesen. (Lesen fällt überhaupt schwer. Mehr als zehn Wörter hintereinander sind eine Zumutung.)

    Ich denke, dass hier der Sprachunterricht eine doppelte Aufgabe hat: einerseits Textverständnis und Sprachvermögen an anspruchsvollen, umständlichen Texten zu üben (boshafter Vorschlag: geisteswissenschaftliche Darbietungen) und einen guten, einfachen Schreibstil zu fördern (naturwissenschaftliche Texte).

    Ich stelle jedoch fest, dass kurze und knappe Antworten nicht ausreichend gewürdigt werden. Wie ich lernen musste, werden für das Abitur durchaus ausführliche, auch das Material bloß wiedergebende Ausführungen sowie nicht direkt auf die Fragestellung antwortende zusätzliches Wissen kund tuende Beschreibungen wohlwollend und punktebringend gewürdigt. Das fördert schlechten Stil.

  12. Db on 12.11.2012 at 16:19 sagte:

    Herr Biolehrer, darf ich Sie meinen (Mathe-)Kollegen vorstellen?! Vielen Dank für die pointierte Darstellung Ihrer Perspektive.

  13. Pingback: Woanders – heute mal nur Blogs | Herzdamengeschichten

  14. Nicolai on 13.11.2012 at 10:06 sagte:

    In meiner Schule wurde vor allem Distinktion belohnt. Je komplizierter, desto schoener. Verschachtelte Saetze kamen einfach besser an. Ich erinnere mich auch daran, einen franzoesischen Aufsatz in naturwissenschaftlicher Sprache geschrieben zu haben. Mit Formulierungen wie “stetig fallender Blutverlust”. Da wurde mir zu verstehen gegeben, dass das nicht erwuenscht sei. Allerdings bin ich in einer deutschsprachigen Minderheit zur Schule gegangen, die fuer ihren umstaendlichen und etwas altertuemlichen Satzbau bekannt ist. Dort besteht vielleicht auch ein anderer Druck, die Faehigkeit auf Deutsch zu schwafeln aufrechtzuerhalten :)

  15. Toller Beitrag. Allerdings habe ich eher das umgekehrte Problem. Meine Seminararbeiten (über rein technische Themen, da Ingenieursstudium) sind wohl zu parataktisch.

  16. Max on 13.11.2012 at 23:26 sagte:

    Oft muss ich Texte mit unnötigen, inhaltslosen Prhrasen in die Länge ziehen, da ich die Seitenangaben von Deutschlehrern deutlich unterschreite. Obwohl ich bereits alles wichtige gesagt habe.

  17. Max, das Problem kenne ich. Also, ich gebe auch meist eine Wort- oder Seitenzahl vor, damit sich die Schüler orientieren können. Eine Inhaltsangabe kann man in 140 Zeichen machen, oder auf zwei Seiten, und beides jeweils gut oder schlecht. Eine Erörterung sollte schon in Richtung eines Themas gehen, über das andere Leute ganze Bücher schreiben (“Internet – Fluch oder Segen”), aber zu jedem Thema kann man auch nur ein kurzes Statement schreiben.

    (Hihi: ALs ich gerade nach “Internet – Fluch oder Segen” googelte, um zu überprüfen, dass dieses Buch von Kathrin Passig und Sascha Lobo tatsächlich so heißt, ergänzte mir Google allen Ernstes als Vorschlag den nächsten Suchbegriff “Erörterung”. Es gibt wohl wirklich Erörterungen mit diesem Thema. Das ist doch eher etwas für ein Buch als für eine Erörterung.)

    Wenn der Erörterungsaufsatz also zu kurz ist, gibt das Thema entweder zu wenig her, oder es fehlt halt doch etwas. Aber lieber kurz als lang und mit Phrasen, wirklich.

    Ich kenne das von Schülern, dass sie sich – aus meiner Sicht – zu knapp fassen. Vielleicht, weil sie den Lesr überschätzen: Man stelle sich den Leser lieber als etwas begriffsstutzig vor. Der steckt ja nicht drin im Autor und weiß nicht, was der meint. Außerdem geht man beim Schreiben automatisch von Prämissen aus (“Das neue Auto ist fortschrittlich. Also ist es eine gute Sache”, Prämisse: “Alles was fortschrittlich ist, ist eine gute Sache”), über die man sich selber nicht immer bewusst ist und die der Leser vielleicht gar nicht teilt.

  18. Pingback: Link(s) vom 14. November 2012 — e13.de

  19. Beelzebub Bruck on 15.11.2012 at 21:15 sagte:

    Schüler tun im Unterricht fast nichts, was sie nicht irgendwie von Erwachsenen gelernt haben.
    Nirgendwo schreibt eine Schülerin oder ein Schüler handschriftlich soviel wie in der Schule, wenn er oder sie überhaupt etwas schreibt, in der Schule oder außerhalb.
    Die entgleiste Syntax ist auch die Folge von Tafelanschriften der geschätzten Kollegen aller Fächer, die sich lesen wie die Lösung zu Lückentexten ohne Lückentext. Da findet sich alles durcheinander, wie Kraut und Rüben: Einzelbegriffe, Nominalphrasen, Halbsätze, ganze Sätze, elliptische Sätze (wahlweise ohne Subjekt oder Prädikat) Das Problem erscheint also zumindest teilweise hausgemacht.

    Nur in Deutsch (und den Fremdsprachen natürlich, aber das ist für Schülerinnen und Schüler ein anderer Planet) müssen heute Schüler mit Konsequenzen rechnen, wenn ihnen der Satzbau misslingt. Da scheint es kein Wunder, wenn sie ab einem bestimmten Alter, etwa ab der 9. oder 10. Jahrgangsstufe in Deutsch mit überkompensierenden Schachtelsätzen beginnen. Mit 12 Prozent oder weniger Anteil an den Unterrichtsstunden soll die Deutschlehrerin oder der Deutschlehrer dann den syntaktischen Würfelhusten aufräumen, der sich aus dem ergibt, was die geschätzten Kollegen mit ihrem schriftlichen Unterrichtspidgin an der Tafel angerichtet haben?

    Fordert man einen Lehrer der Naturwissenschaften dazu auf, doch mal die sprachliche Richtigkeit einer Versuchsbeschreibung zu korrigieren, erntet man verständnisloses Grinsen oder den wohlfeilen Hinweis, dass die Naturwissenschaften sich ja der formalisierten Sprache der Mathematik oder sonstiger Fachterminologie bedienen. Ich habe den Eindruck, dass selbst gute Schüler kaum in der Lage sind, die formalisierten Sätze der Naturwissenschaften in einwandfreies – ach was! – halbwegs verständliches Deutsch zu übertragen. Dazu passt dann die Beobachtung von “photothese”: nach der Schule folgt dann der Rückzug in paraktische Stummelsätze. Da kann man nicht soviel falsch machen.

  20. Db on 6.12.2012 at 7:45 sagte:

    In “Agnes” (Peter Stamm, neue Abitur-Pflichtlektüre in BW) gefunden, Seite 30f.
    Der Ich-Erzähler ist ein alternder Schweizer Schriftsteller, sie eine junge Amerikanerin.

    “Sie blätterte in ihnen und meinte, es sei schade, daß sie kein Deutsch verstünde. (…) «Ich würde gern lesen können, wie du schreibst. Die Sätze sind lang, nicht wahr?» (…) «Ich habe es nie geschafft, meine Stoffe zu beherrschen. Es blieb immer alles künstlich. Ich habe mich an meinen eigenen Worten berauscht. Es war, wie wenn man singt und nicht mehr auf die Worte hört, nur noch auf die Melodie. Wie in diesen italienischen Opern, die niemand versteht.»”

  21. Verena on 10.12.2012 at 10:00 sagte:

    Ich finde zwei Ansätze gut, die ich in Kalifornien kennengelernt habe: Writing across the curriculum, also alle, auch und gerade die naturwissenschaftlichen Fächer, ins Schreibenlernen einbinden, und Writing to learn, also Schreiben als Weg, sich selbst etwas zu erklären. Beispiele dazu: Lösungswege in Mathe in Worten erklären, Elemente in Chemie in einer Broschüre vorstellen, statt Tafelanschrieben 5 Minuten am Ende eigenes Schreiben: Was ich heute gelernt habe (dazu habe ich auch eine Studie gelesen, dass das viel besser gemerkt wird als Abgeschriebenes, selbst wenn das noch so gut strukturiert ist), zum Einstieg immer wieder mit “All I know about…” an Vorwissen anknüpfen.

  22. Selber schreiben lassen ist eine gute Idee. Ich teste das gerade in Informatik; ob das auch in Deutsch und Mathe geht? Ich kenne es jedenfalls von Wikis, dass dann oft Fehler im Text sind, sprachliche (was nicht so wichtig wäre) und inhaltliche. Trotzdem, ausprobieren.

  23. WS on 4.6.2013 at 19:26 sagte:

    Moin!
    Deutschlehrer, nehme ich an?
    selber (ugs.) => selbst
    trotz dem nachgeholtem Latinum => Bastian Sick lesen :-)

  24. >trotz dem nachgeholtem Latinum => Bastian Sick lesen :-)

    Ungern. Sick hat Sprachfreunden einen Bärendienst getan, indem er das Interesse am Korinthenkacken neu belebt hat.

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