Da hört der Spaß auf!

Eigentlich war es nur als Zuckerl gedacht, im Zusammenhang mit dem Thema Herausgeberfiktion im Deutsch-LK. (Diese Bücher, die alle mit einer Variante dessen beginnen, was Umberto Eco so wunderbar zusammengefasst hat im Vorspruch zum Namen der Rose: “Natürlich, eine alte Handschrift.”)
In Zukunft muss ich daraus aber wohl eine längere Sequenz machen, so viel Erschütterung schien mir das Thema der heutigen Stunde hervorgerufen zu haben.

Es geht um die Steinlaus und den Pschyrembel. Der Pschyrembel ist das klinische Wörterbuch, inzwischen in der 260. Auflage. Es steht bei Ärzten und interessierten Laien im Regal, und bei Hypochondern: Voller Fachausdrücke ist es und voller Fotos von ekligen Krankheiten und Viren und Würmern und eitrigen Pickeln. Und mit der Steinlaus, eingeordnet zwischen Steiner-Voerner-Syndrom und Stein-Leventhal-Syndrom (255. Auflage). Wer kennt sie nicht, die zur Familie der Lapivoren gehörenden winzigen Nagetiere, erst seit 1983 beobachtet, mit der gemeinen Steinlaus, aber auch den humanpathogenen Vertretern: Nieren‑, Blasen‑, Gallensteinlaus (jeweils Petrophaga nephrotica, vesicae, cholerica)? Vgl. Chemolitholyse, Lithotripsie.
Und dazu die Zeichnung einer Gemeinen Steinlaus (Petrophaga lorioti). Mit Knollennase.

Es gibt keine Steinlaus, oder keine andere als im Loriot-Sketch von der Steinlaus. Den Eintrag im Pschyrembel gibt es aber wirklich. (In der 256. Auflage nicht mehr; in späteren dann schon wieder, soweit ich weiß.)

Im Süddeutschen Magazin vom 9.10.1998 wurden eine ganze Reihe solcher unrichtigen Lexikoneinträge vorgestellt. Darunter seriöse Werke wie Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, DTV-Lexikon in 20 Bänden, Lexikon des deutschen Widerstands, Meyers enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, Riemann Musiklexikon.
Die ersten Seiten aus dem SZ Magazin hatte ich meinen Schülern kopiert. Und die Schüler waren weniger fassungslos als entrüstet. Das Wort passt, glaube ich, sehr gut: entrüstet! Warum machen die Leute so etwas?! Wem soll man denn dann noch glauben?!! Aber dann kann man dem ganzen Lexikon doch nicht mehr vertrauen?!!!

Das ganze Jahr über erzähle ich ihnen, dass sie mir nicht unbedingt trauen sollen (und sie tun es doch, obwohl ich ihnen schon genug Enten vorgesetzt habe); dass sie dem Duden nicht unbedingt trauen sollen, dass sie dem WWW nicht unbedingt trauen sollen. Wenn ich ihnen gleich am Anfang den Pschyrembel vorgesetzt hätte, ich hätte mir das schenken können.
Ich finde das ja eher eine Ermutigung zum Selberdenken, und kann als Hauptgrund nur angeben: Scherz und Humor. Aber meine Schüler finden das gar nicht lustig.

Einen weiteren Favoriten werde ich den Schülern auch noch präsentieren: Einen Leserbrief aus dem Spektrum der Wissenschaften vom September 1989, sich beziehend auf die April-Ausgabe des gleichen Jahres. (Ich hatte das Spektrum damals noch abonniert; ich hoffe, das beeindruckt wenigstens jemanden.) Der Brief beginnt:

Wie mir soeben durch einen Bericht im Radio bekannt geworden ist, handelt es sich bei dem Artikel “Deuteranomalie – Folgeschaden eines reizarmen Kindermilieus” von Jachin Hawlicek und Michael Schulz um einen Aprilscherz, den die Frauenzeitschrift “Brigitte” nun ernsthaft referiert hat. Meinen herzlichen Glückwunsch – es ist Ihnen auch gelungen, meinen Ruf und den Ruf Ihres Magazins als seriöser Wissenschaftszeitschrift gründlich und weitreichend zu zerstören. […] Als Medizin-Student absolvierte ich zum Zeitpunkt des Erscheinens gerade mein Augenspiegelpraktikum […] Also fertigte ich von dem Artikel einige Kopien an, um auf diesem Wege […] Sie können sich sicher vorstellen, welches Grinsen nun durch die Menge geht […]
Es ist schade, daß ich nun in Zukunft bei jedem Artikel fragen muß, ob er nun sauber recherchiert und wahr ist oder ob Sie wieder einen kleinen Test mit Ihren Lesern veranstalten.

Also, ich habe eigentlich überhaupt nichts gegen Wissenschaftler, die erstmal nicht alles glauben, was sie lesen. Das gilt vielleicht noch mehr für Ärzte.

Zum Schluss noch (via IT&W) das Blog des Bundestagsabgeordneten Mierscheid.
Seine Frau Helene hat auch eine eigene Homepage.

Misstrauisch geworden? Kann gar nicht sein. Siehe hier: http://www.bundestag.de/mdb15/bio/M/miersja0.html. Und auf den offiziellen Bundestagsseiten wird ja wohl nichts stehen, was nicht stimmt.

Will Eisner gestorben

Will Eisner ist, 87-jährig, gestorben. Hier ein guter Nachruf in der New York Times. (Man muss allerdings bei der NYT-Seite angemeldet sein, um NYT-Beiträge lesen zu können.) Hier ein Nachruf eines langjährigen Eisner-Verlegers. Newsarama (ein Comic-Forum) berichtet ebenfalls.

Will Eisner ist sicher nicht allen bekannt. Er war die größte lebende amerikanische Comic-Größe. Am bekanntesten ist sein Zeitungscomic “The Spirit”. Als in den späten 30er Jahren die ersten Comic-Hefte als eigene Hefte erschienen, war deren Qualität sehr schwach, auch wenn die Hefte enorm erfolgreich waren. Anders die Comic-Strips in den Zeitungen: Die hatten eine lange Tradition und und viel Erfahrung hinter sich. “The Spirit” war ein Zwischending: Eine achtseitige Geschichte als Beilage in einer Sonntagszeitung. Das erste Heft erschien 1940, gezeichnet und geschrieben von Will Eisner. “The Spirit” erschien die nächsten Jahre über, während der Kriegszeit ohne Eisners Mitarbeit. Während bereits die ersten Geschichten sehr, sehr gut waren, sind die Geschichten, die Eisner dann nach 1946 schrieb, beispiellos. Auf acht Seiten werden jeweils lustige, dramatische, ironische, sentimentale Geschichten erzählt; knapp und sicher mit fantastischen Ideen, wie die Graphik die Geschichte unterstützen kann. Die erste Seite war oft eine Art Titelbild, das bereits in die Handlung einführte (“splash page”). Hier zum Beispiel:

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Hier ein frühes Beispiel von 1941, das zeigt, wie die räumliche Anordnung der einzelnen Panels genutzt wird, um temporale und kausale Zusammenhänge herzustellen:

Der Spirit ist Eisners bekannteste Gestalt: Denny Colt, Kriminologe und Privatdetektiv, verfolgt die Kobra, wird vergiftet und für tot gehalten. Als maskierter Verbrecherjäger unterstützt er daraufhin Commisioner Dolan (und dessen Tochter Ellen). Dabei sind die Geschichten keinesfalls Superhelden-Geschichten; sie haben oft Elemente des film noir, gehen aber auch ins Absurde.

Eisner war bis zu seinem Tod aktiv und innovativ. Er untersuchte die Theorie des Comics; die Rolle, die die Form der Rahmen, die Anordnung der Rahmen auf der Seite spielen, und viele weitere Elemente der Comic-Grammatik.

Lektürevorschläge:

Comics & Sequential Art und
Graphic Sporytelling & Visual Narrative
Das sind zwei theoretische Bücher von Eisner zu Comics. Sehr sehr gut. Sie dienen als Einführung in sein Wrk, aber noch mehr als Hilfe und Anregung für jeden, der an der Sprache von Comics interssiert ist. Jeweils um 19 Euro.

Understanding Comics
Das Standardwerk zu Comics von Scott McCloud. Auch 19 Euro. Ein Muss. Kriegt noch mal einen eigenen Eintrag.

Bullshitbingo

Das Spiel kenne ich noch aus der Uni-Zeit, aber ein Beitrag in den Lehrerforen (auf den ich leider nicht direkt verlinken kann) hat das Thema wieder aufkommen lassen: Jeder Spieler kriegt, etwa während einer Lehrerkonferenz, ein 4x4 Feld mit Begriffen, die mehr oder weniger wahrscheinlich fallen werden. Natürlich sucht man sich die abgedroschensten heraus. Fällt ein Begriff tatsächlich, streicht man ihn durch. Gewonnen hat, wer als Erster vier durchgestrichene Begriffe in einer Reihe (orthogonal oder diagonal) hat. Und dann lauthals “Bullshit” ruft, aber der Teil ist möglichwerweise optional.

Eine Javascript-Version dafür hat die Lehrerrundmail.

- Im Klassenzimmer hasse ich die Worte: “Ich war doch noch beim Läuten drinnen”. Die Schüler können dafür nicht mehr hören: “Ich wollte nur schauen, ob ihr aufpasst” und: “Das erkläre ich euch später mal.”