Warum manche Leute gerne Bücher verbrennen, und ich nicht

By | 17.3.2005

Am 14. Juli 1999 verbrannte ein Großteil der Schüler der 11. Klassen im Pausenhof Bücher und Unterrichtsmaterialien, vornehmlich ihre Lateinbücher und -hefte. Die meisten Schüler trugen dazu eine aus einem Leintuch improvisierte Toga.
Es ist gut, wenn es an Schulen Traditionen gibt. Es ist zumindest manchmal notwendig, dass Schüler Dinge tun, die bei den Lehrern Missfallen erregen. Hiermit äußere ich dieses Missfallen.
Die Schüler verbrennen deshalb Lateinunterlagen, weil dieses Fach von vielen nach der 11. Klasse abgelegt wird. Es gibt sicher auch Schüler, die Physik und Französisch ablegen. Warum verbrennen sie keine Französischunterlagen? Mit Latein haben sich die Schüler das Kernfach mit der schwächsten Stellung herausgesucht, ein Fach, dessen Position im Fächerkanon wackliger als die der anderen ist, bei dem man sich vielleicht sogar eines gewissen Wohlwollens seitens der Allgemeinheit sicher sein kann. Wenn es daran liegt, dass die Schüler Latein nicht mögen oder mit ihren Leistungen in dem Fach nicht zufrieden sind und der Ansicht sind, sie bräuchten das Gelernte nie wieder – keiner hat sie dazu gezwungen, dieses Fach zu wählen.
Letztendlich ist meine Kritik aber vom Fach unabhängig. Ich empfinde das demonstrative Verbrennen von Schulbüchern als respektlos und unhöflich. Die alten, zu sehr beschädigten Bücher der Lehrmittelbücherei müssen allerdings tatsächlich ausgemustert werden. Verbrennen ist eine sinnvolle Möglichkeit, die Bücher zu entsorgen, die so oft gebraucht wurden, dass sie jetzt zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Aber man sollte Bücher nicht beiläufig verbrennen. Eine anständige Bestattung wäre passender als ein die Weinflasche kreisen lassender Lynchmob.
Dass nach einer anstrengenden Zeit, oder besser: nach einer Zeit der Anstrengung ein Fest fällig ist, ist selbstverständlich. Auch die Lehrer feiern das Ende eines Schuljahres. Nach einer großen Anstrengung soll man sich freuen und feiern. Wer die 11. Klasse nicht über sich ergehen hat, sondern sich angestrengt hat, darf auch feiern. Dabei stört es mich allerdings, dass die Schüler mit dieser Tradition einen ganzen Tag lang den Unterricht boykottieren. Auch wenn es nur noch zwei Wochen bis Schuljahresende sind. Dass die Schüler, die Fächer ablegen, in diesen nicht mehr mitarbeiten, ist noch einleuchtend. Dass sie auch für andere den Unterricht unmöglich machen, nicht. Wer Bücher verbrennen will, findet sicher einen angemesseneren Ort dafür.

Würde ich heute anders schreiben, etwas näher am Publikum, aber so stand das damals in der Schülerzeitung. Ich war ja noch jung. Inzwischen gibt’s den Brauch nicht mehr, oder zumindest nicht mehr auf dem Schulgelände.
Durch das G8 erlebt Latein ohnehin eine Renaissance: Viele Schüler trauen oder muten sich für die 6. Klasse keine zweite lebende Fremdsprache zu. Gerade die sprachlich Schwächeren wählen Latein – noch ist die Schreibung des Deutschen nicht gefestigt, ganz zu schweigen von Aussprache und Schreibung des Englischen. Also wählen mehr Schüler Latein als Französisch. Immerhin, die einen können danach vielleicht eine zweite Fremdsprache, und die anderen haben vielleicht etwas abendländische Bildung mitgekriegt.

12 thoughts on “Warum manche Leute gerne Bücher verbrennen, und ich nicht

  1. Tanja

    Ich finde das entsetzlich, bin aber sicher als Buchhändlerin sensibilisiert.

    Ich denke an Joseph Roth, der 1932 bereits ahnte, was kommen würde: „Ich glaube, es ist Zeit zu gehen. Sie werden unsere Bücher verbrennen und uns damit meinen“.

    Oder an Heinrich Heines Tragödie Almansor: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

    Bücher werden meistens verbrannt, wenn sie entsorgt werden müssen, weil sie wirklich nicht mehr gebraucht werden können. Aber wie man das mit einem Fest verbinden kann, ist mir absolut unverständlich. Wie wurde der „Brauch“ abgeschafft? Durch Verbote oder durch Einsicht oder hat er sich einfach verflüchtigt?

  2. Herr Rau Post author

    Angefangen hatte das auch damit, dass alte Bücher aus der lehrmittelfreien Bibliothek verbrannt wurden. Und da haben die Lateinschüler einfach mitgemacht, und irgendwann hieß das dann auch Lateinmarsch, mit weißen Leintüchern, und ritualisierter Störung des Untwerrichts. (Ähnlich wie bei den unsäglichen Abi-Streichen, zu denen ich im Juni sicher was zu sagen haben werde.)
    Abgeschafft wurde der Brauch durch eine kleine Menge gewachsener Einsicht; gewachsen dadurch, dass einige Leher das Verbrennen im Unterricht thematisierten. Dazu kam das allerdings sehr bereitwillig akzeptierte Verbot des Verbrennens auf dem Schulgelände: Unsere Schüler sind nämlich alles andere als rebellisch, sondern geradezu lammfromm. Irgendwie schien einfach keinem vorher aufgefallen zu sein, wie unmöglich das war.
    — Wir haben inzwischen eine neue Schulleitung, ich bin gespannt, was es dieses Jahr geben wird. Der Lateinmarsch fand nämlich bislang immer noch statt, aber ohne Störung des anderen Unterrichts. Allerdings wurde das Fernbleiben der Elftklässler vom Unterricht geduldet. Im Juli werde ich davon berichten. Verbrannt wird vermutlich immer noch werden, aber außerhalb der Schule.

  3. Hokey

    Eine Bücherverbrennung dieser Art halte ich für ähnlich harmlos wie das Verbrennen von Holz. Es geschieht nicht, um jemanden zu diskriminieren oder um bestimmtes Gedankengut auszulöschen. Einen Vergleich zur Bücherverbrennung im Nationalsozialismus halte ich diesbezüglich für unangemessen, da so das Verhalten der Schüler überbewertet und das Verhalten der nationalsozialistischen Bücherverbrenner zum „dumme-Jungen-Streich“ relativiert wird.

    Ich weiß wovon ich spreche, denn mein Latein-Kurs hat ein ähnliches Ritual veranstaltet. Dabei haben auch einige ihre Latein-Bücher verbrannt – ich nicht, ich war keine Latein-Leuchte, aber mein Buch zu verbrennen erschien mir etwas übertrieben. Der Römer-Sekt (jawohl!) kreiste danach jedoch auch bei uns und Unterricht gab’s an diesem Tag auch nicht mehr.

    Anlaß für dieses Verhalten mag möglicherweise der Erhalt dieses magischen Titels „Latinum“ gewesen sein, für uns war das quasi wie ein Ritterschlag der erlauchten Gesellschaft der Latein-Könner. Vielleicht dachten wir, dass so ein Titel gefeiert werden muss. Ein anderer Grund mag gewesen sein, dass es bei Latein nahezu ausgeschlossen ist, dass man mit der Sprache im weiteren Leben konfrontiert wird und ein solches Ritual als endgültigen Abschluss mit der nicht immer geliebten Sprache betrachtet.

  4. Tanja

    @Herr Rau: Danke für die Anwort, sie nützt mir auch für die Präventionsarbeit in unserer Schule und bei der Integrationsarbeit, in die ich auch noch involviert bin. Wir hatten kürzlich eine länger Diskussion weil eine (allerdings kleine) Gruppe Asylbewerber nach Abschluss des obligatorischen Deutschkurses die Unterlagen dazu auf dem Abschlussausflug verbrannt hat. Viele Lehrpersonen fanden das harmlos, wenige fande es schlimm. Wir konnten uns nicht einigen.

    @Hokey: Ich habe versucht, klarzumachen, dass es sich um eine Assoziation einer Buchändlerin handelt und nicht um einen Vergleich. Offensichtlich ist das nicht gelungen.

  5. Herr Rau Post author

    Die Nationalsozialismus-Assoziation habe ich übrigens genauso. Und die Schüler konnten sie ebenfalls nicht verstehen.

    „Es geschieht nicht, um jemanden zu diskriminieren oder um bestimmtes Gedankengut auszulöschen.“ Warum dann aber ausgerechnet Latein? Warum nicht alle nicht mehr gebrauchten Unterlagen? Ich bin kein Lateinlehrer, vielleicht sehen die das ganz anders und ich handle nur aus vorauseilender Mitmenschlichkeit: Aber hier wird ein Fach aus vielen herausgesucht und vorgeführt. Und mit dem Verbrennen geben die Schüler zu verstehen, und ich behaupte: bewusst, dass dieses Gedankengut ausgelöscht gehört.

    Für das Lehramt Deutsch brauchte ich das Latinum, das ich an der Uni nachgeholt habe. Für das Lehramt Englisch brauchte ich Grundkenntnisse in Französisch (es mag auch „eine weitere moderne Fremdsprache“ gewesen sein), erworben durch ein mindestens „ausreichend“ nach fünf Jahren Schulfranzösisch. Der Titel ist weniger magisch, aber die Sache ist äquivalent. Das magische Latinum braucht man für Sprachen- und Geschichtsstudiengänge; nicht mehr für das Medizinstudium. Sachlich müsste Französisch also analog bewertet werden; zugegeben, Schüler sind nicht sachlich – aber dass sie ihr Latinum feiern, das glaube ich nicht. Ritterschlag? Für die Schüler? So verhalten sich frischgeschlagene Ritter? Dafür halten sich diese Schüler? Ich zweifle.

    Für meine Schüler hatte ich damals erst mal nur Verachtung übrig. Mich in einer Masse primitiv zu verhalten war eh nie meine Sache. (Das gilt auch für so an sich lobenswerte Dinge wie Fasching und Discos.) Dazu bin ich ein zu kontrollierter Mensch. Aber auch unabhängig davon: Ich hätte dieses Verbrennen als unhöflich verletzend den Lehrern gegenüber empfunden, und als den Inhalten des Faches (die ich kapiert hätte) nicht angemessen.

    Ich hab‘ schon mal Bücher verbrannt, und zwar die Restauflage einer von von mir und zwei Freunden (einer davon der Autor) herausgegebenen Sammlung von Science-Fiction-Kurzgeschichten. Das war zuerst feierlich und ein bisschen traurig, dann aber rasch langweilig und mühsam. Das Zeug hat gar nicht gut gebrannt. Wir waren aber auch nüchtern.

  6. Hanjo Iwanowitsch

    Wer Bücher verbrennt, zeigt, dass er von den Leistungen der Kultur genau gar nichts begriffen hat, dass Geist, Denken, Verstand und Vernunft für ihn nur leere Vokabeln sind. Wer dermaßen über die Stränge schlägt, hat ein Reifezeugnis (und letztlich auch „bloß“ ein Latinum) nicht verdient.

    Ist es ein Unterschied, ob ich beispielsweise alte Lernunterlagen nicht mehr brauche und deshalb ins Altpapier schmeiße oder ob ich sie verbrenne? Ja, sehr wohl; und diejenigen, die ihre Unterlagen und Bücher verbrennen, wissen dies: es ist eine symbolische und provokative Geste des „Dies-nun-nicht-mehr-nötig-Habens“ – schon dies ist im Regelfall, wie der Akt selbst zeigt, nicht wahr – und es steht nunmal auch in einem historischen Kontext, der jedem denkenden Menschen eine solche Handlung unmöglich machen dürfte.

  7. Hokey

    Ich stelle fest: Harscher Gegenwind. :-)

    @Herr Rau

    Ich betone sicherheitshalber nochmal: ich habe noch nie ein Buch verbrannt und bin auch nicht gewillt, das aus symbolischen oder anderswie gelagerten Gründen zu tun und teile auch Ihre Aversion gegen Discos und vor allem Karneval.

    Allerdings fand (und finde) ich dieses Verhalten nicht sonderlich verdammungswürdig. Es ging uns (ich habe zwar nicht mitgebrannt, aber immerhin dabeigestanden) nicht darum, den/die Lehrer oder das Fach bloßzustellen oder irgendein Gedankengut auszulöschen. Den meisten von uns war klar, dass sie das Latinum effektiv noch gebrauchen konnten und mussten, sei es für das Jurastudium oder, wie bei mir, für das Lehramtsstudium Deutsch und Geschichte.

    Dem Einwand, Französisch sei sachlich das Gleiche, muss ich entgegenhalten, dass Latein eine tote Sprache ist, bzw. nur von einer kleinen Gruppe noch aktiv gesprochen wird. Französisch dagegen nützt zumindest beim Urlaub in Frankreich, Kanada, der Schweiz und wo auch immer noch. Und in meinen Augen ist das der Knackpunkt, warum Lateinbücher offensichtlich an mehr als einer öffentlichen Schule verbrannt werden: das Erlernen dieser Sprache scheint vielen Schülern als sinnlos, auch wenn dem faktisch nicht so ist. Nirgends habe ich die deutsche Grammatik so gut gelernt wie in Latein. Weiterhin bekommt man als „Franzose“ keinen „tollen“ Titel. Man kann zwar behaupten, man habe Französisch gelernt, der Lateiner aber kann sagen: „Ich habe ein Latinum.“ Das meinte ich mit meinem Ritterschlag.

    Das Verbrennen der Bücher ist ein Abschlussritual, dem das, mit viel Mühsal und Schweiß verbundene, Erlernen einer toten Sprache vorausgeht und welches mit dem Zusprechen eines besonderen Titels abgeschlossen wird. Das weist meiner Ansicht nach deutliche Analogien zum Erlangen des Abiturs auf und vielleicht liegt darin der Grund, wieso Schüler vermeinen, ein solches Ritual stattfinden lassen zu müssen. Bei Französisch dagegen ist klar, dass hier noch weitergearbeitet werden muss, dass noch niemand „fertig ist“ mit Französisch.

    Ich will die Bücherverbrennung hier gar nicht schönreden und sagen, das müsse oder solle so sein, dennoch verschließt sich mir hier die Analogie zum Nationalsozialismus zur Gänze.

    @Hanjo Iwanowitsch

    Den historischen Kontext herbeizuziehen, ist als ob man mit Kanonen auf Spatzen schießen würde. Die Ziele der Nazis und die der Schüler, aber auch ihre Motivation, sind völlig verschiedene: Die Schüler „feiern“ ein persönliches (!) Abschlussritual, nicht aus Hass oder um Gedankengut auszulöschen, sondern um einen Schlussstrich unter ein Kapitel privater Schulgeschichte zu setzen. Fragen sie diese Schüler, ob Latein ihnen dennoch zum Nutzen gereicht habe, wird der überwiegende Teil ihnen mit „ja“ antworten.

    Die Nazis dagegen löschten im wahrsten Sinne des Wortes und im Namen der Allgemeinheit Gedankengut aus, aus Hass und Angst und mit aggressiver politischer Motivation. Es blieb letztlich ja auch nicht bei den Büchern allein…
    Ihre (meine) (Mit-)Schüler dagegen studieren mittlerweile Latein, beschäftigen sich mit antiken Philosophen, antiker Geschichte, geben Lateinnachhilfe und sind vermutlich mehrteils anständige, gewaltfreie und vernünftige Menschen, haben sich also auf Kultur, Geist, Denken und Vernunft vollkommen eingelassen, trotz Bücherverbrennung und sie würden niemals Hand an einen Lateinlehrer legen. Eben, weil sie nicht mit dem Ziel der Auslöschung daran gegangen sind, sondern mit der Motivation, einen persönlichen, rituellen Schlussstrich zu ziehen.

    Die Frage, wann man letztlich „reif“ ist, habe ich mir früher oft gestellt, bin bei meinen Beobachtungen aber zumindest soweit gekommen, dass ich glaube, dass es für geistige Reife keinen bestimmbaren Zeitpunkt gibt – zu viele alte Männer (auch die, die keine Lateinbücher verbrannt haben) benehmen sich unreif – sollte man ihnen ihr Abi wieder aberkennen? Aber eins weiß ich sicher: mit sechzehn war ich noch keinesfalls „reif“.

  8. Tanja

    Ich kann mich in vielem anschliessen, Hokey. Ich bin sicher, dass das Verbrennen der Lateinbücher meistens keine weiteren Folgen hat.

    Aber gerade weil die Leute mit 16 Jahen nicht immer „reif“ sind, gerade deswegen ist es so wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihnen die „rites de passage“ anschauen anstatt wegschauen. Es gibt viele Rituale, die sind nicht nur für einen selber nützlich, sondern auch für die Peers, erleichtern vieles und verschaffen einen zusätzlichen Respekt (ich denke da an unsere von Schülerinnen und Schülern gestalteten Abschlussfeiern nach Übergabe der Berufsdiplome).

    Dann gibt es Rituale mit denen man Respekt einbüsst. Rituale müssen Lehrende erklären, nicht verdammen, aber auch nicht entschuldigen. Ich finde die Haltung „denn sie wissen nicht, was sie tun“ hat sich nicht bewährt. Wir haben – jedenfalls in der Schweiz – eine Menge Probleme mehr und nicht zuletzt dadruch.

    Und viele Probleme werden teuer nach oben delegiert, anstatt möglichst früh gemeinsam besprochen und angegangen; die Strassen und Plätze müssen doppelt so oft er Müll befreit werden, jedes Jahr stehen mehr Jugendliche vor dem Richter und noch mehr vor dem Verkehrsgericht. Und sogar die Mädchenbeschneidung hat wie es aussieht weiter zugenommen, auch schweizer Boden. Ich erwähne das, weil beschnittene Mädchen in der Schule als Jugendliche erwiesenermassen aggressiv sind. Rituale können durchaus Kreise ziehen.

    Vor einem Jahr wurde hier in Bern ein Lehrer ins Koma geprügelt, noch zuvor ein „Verräter“ aus der rechtsextremen Szene im Berner Oberland mit Gewichten im See versenkt und in Lugano wurde vor einer Woche eine Synagoge angezündet (hier ist aber noch nicht klar, wer es war). Und wenn die Anwälte, Psychologen und Richter nachfragen, fällt sehr, sehr oft das Wort „Ritual“ und noch öfter folgt die Frage „warum nicht früher reagiert?“.

    Bei bei Jugendlichen ist thematisieren nützlicher als bagatellisieren. Es ist meine Wertschätzung für Jugendliche, mit ihnen fragwürdige Rituale zu besprechen, solange es erst Fettnäpfchen sind.

  9. Tanja

    es muss heissen, „auf Schweizer Boden“, sorry. Ohne Vorschau bin ich unfähig, Herr Rau :-)

  10. Lila

    Ich schalte mich erst spät und ungeladen in diese Diskussion ein, doch meine zehn Pfennig muß ich nun auch in den Brunnen werfen….

    Bei mir ist das Latinum gerade topaktuell, da ich es mir gerade in Israel anerkennen lassen muß, was unerwartet schwierig ist. Ich habe es mir zwischen dem 5. und 10. Schuljahren bitter erworben, und erst heute interessiert es mich wirklich. Das Schullatein wird von den Schülern als tot empfunden – als Lehrerin höre ich das sehr, sehr ungern, aber als ehemalige Lateinschülerin gebe ich zu, daß ich genauso empfunden habe.

    Wenn ein Lateinunterricht heutzutage es nicht schafft, den Schülern zu vermitteln, daß Latein keinesfalls tot ist, sondern eine lebendige, allerdings vom Aussterben bedrohte Art – daß wir in vieler Hinsicht auf römischem Gedankengut aufbauen oder aber als Gegenbewegung dazu agieren – daß unsere Kultur ohne Reflektion und ohne Bewußtsein der Vergangenheit zum Tode verurteilt ist – daß gute Literatur und Kunst nie sterben, sondern eine Zeile von Horaz oder das Fragment eines Reliefs noch immer berühren kann, einfach weil wir gar nicht so weit weg sind von den Römern – daß Deutschlands Geschichte mit der halben Zugehörigkeit zum römischen Reich eine spannende Beispielsgeschichte sein kann für das Verhalten fremder, aggressiver Kultur gegenüber, die der eigenen in mancher Hinsicht überlegen ist – das heißt, wenn der Lateinunterricht hinter dem ACI und dem Ablativus Absolutus etwas von der Lebenswelt aufscheinen läßt …. dann werden die Schüler keine Lateinbücher verbrennen.

    Mir täte es sehr leid, wenn das Lateinische stürbe. Es wäre ein großer Verlust. Ich profitiere hier in Israel täglich davon, daß meine Schulerziehung humanistisch-musisch-gründlich war. Ich kann Zusammenhänge verstehen und einordnen und kritisch reflektieren. Das haben wir gelernt. In Deutschland war die Erziehung so, sie ändert sich rapide. Aber bei aller Zustimmung zu notwendigen Änderungen, ich möchte nicht alles über Bord geworfen sehen. Dieses humanistische, musische Element halte ich für unzeitgemäß und gerade darum für lebenswichtig.

    Als Lehrerin für Kunstgeschichte, ein Fach, das ebenso wie Latein mit einem schlechten Image kämpft, möchte ich eine Lanze brechen für einen guten, lebendigen, interessanten Lateinunterricht, der weniger Gewicht auf die Grammatik und mehr Gewicht auf die lebendige Kultur legt.

    Jawohl. Sie dürfen sich wieder setzen.

  11. Herr Rau Post author

    Ich bin jedenfalls interessiert, wie es mit Latein weitergeht. Die früher in Notzeiten angeführten Vorteile von Latein haben mich nie überzeugt: Basis für Fremdsprachen (dann lieber gleich Französsich oder noch besser Spanisch), Schulung des logischen Denkens (das geht auch in einem Fach Logik oder Philosophie), gründliche Kenntnisse in der Grammatik (das geht auch in Deutsch, wenn man Lehrern/dem Lehrplan dazu Platz lässt). Wenn’s nur darum ginge, dann würde ich als Kultusministerium kein Verständnis für Latein haben. Sofort überzeugen kann man mich aber mit humanistischen Werten, mit Geschichte, mit Bildung. Und deswegen bin ich froh über den Aufschwung des Lateinischen und gespannt, wie es damit weiter geht, was die neuen Lateinschüler nach fünf Jahren sagen werden.

  12. Hokey

    Aber muss man zum Vermitteln/Begreifen humanistischer Werte Latein beherrschen? Oder für Geschichte (es sei denn man ist aktiver Forscher für Antike oder Mittelalter…)? Bildung? Kann man das nicht alles besser mit Geschichts- und Philisophieunterricht abdecken?

    Kunstgeschichte hatten wir leider nicht. Wir mussten Bäume usw. malen. Keine Theorie. Kein Wissen um die Wirkung von Kunst, um Aussagekraft von Kunst, um Strömungen der Kunst, um Zensur von Kunst, nichts. Wenn man uns erklärt hätte, wie bedeutsam ein paar bunte Striche auf einem weißen Blatt Papier werden können (abgesehen vom reinen Verkaufswert), dann hätten wir vielleicht auch „Kunst“ insgesamt in einem anderen Licht gesehen. So war sie nur Beschäftigungstheorie. Wenn Sie, Lila, das anders machen, es sei Ihnen gedankt!

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