Freuden des Fernsehens

War bei meinen Eltern, habe dort etwas Schönes erlebt: Beide Elternteile plus Onkel und Tante trafen sich zum Fernsehen, “Wege zum Glück”, eine Daily Soap in der ARD, vormals “Julia – Wege zum Glück”. Sonst sehen sie keine Soaps an, aber bei dieser Serie sind sie aus irgendwelchen Gründen hängen geblieben. Und die schauen sie jetzt regelmäßig an und unterhalten sich darüber. Schimpfen über das hanebüchene Drehbuch. Und wenn man sie nach der Hintergrundgeschichte fragt – was etwa aus der eponymen Julia des Originaltitels geworden ist – dann hören sie sich an wie ich, wenn man mich über die Backstory von Spider-Man fragt.

Manchmal glaube ich, es ist fast egal, was man ansieht, solange man es gemeinsam tut. Meine große Zeit des gemeinsamen Fernsehens waren die späten 80er und frühen 90er Jahre. Star Trek mit Frank, Simpsons mit Andrea. Und davor unzählige Videos mit Michael und Karl-Heinz.

Gestern war ich bei alten Freunden in Augsburg. Wir sehen uns nur noch ein- oder zweimal im Jahr; es gibt trotzdem nicht viel zu erzählen, weil wir uns so gut kennen und sich nichts wirklich ändert zwischen uns. Und dann schauen wir gemeinsam fern. War wieder sehr schön.

Fernsehepisoden: Dass es in vielen Serien Rashomon-Folgen gibt, habe ich schon mal erwähnt. Aber auch andere Stoffe – Film-Klassiker vor allem – werden in Serien gerne verwendet. Ich glaube, ich habe sowohl bei MacGyver als auch bei Matlock jeweils Episoden gesehen, die “The Petrified Forest” als Vorlage hatten. Auch ein Klassiker sind “Die zwölf Geschworenen”: Jeweils die Hauptperson der Serie wird als Juror berufen und überzeugt in langen, emotionalen Diskussionen die anderen Mitglieder der Jury davon, dass der Angeklagte keinesfalls zweifelsfrei schuldig ist. Nach und nach stellen sich die Mitglieder der Jury dabei ihren Vorurteilen oder Oberflächlichkeit.

Eine besonders interessante Variante davon gibt es bei “Seventh Heaven”, auf Deutsch “Eine himmlische Familie”. Es geht in dieser Familienserie um einen Pastor mit Frau und vielen Kindern. Sehr bürgerlich insgesamt. In der Episode Twelve Angry People (dt. Recht und Gerechtigkeit) ist Eric, der Pastor, Mitglied einer Jury. Es geht um eine Mordanklage, ein Polizist ist erschossen worden. Am Anfang wollen die anderen elf Geschworenen den Angeklagten freisprechen – aus Apathie, Rassenvorurteilen, grundsätzlichem Misstrauen gegenüber der Polizei und der Justiz. (Aber nicht, soweit ich mich erinnere, weil sie die Todesstrafe grundsätzlich ablehnen – sonst dürften sie vermutlich gar nicht berufen werden.) Eric gelingt es nach und nach, die anderen Juroren zu einem objektiveren Urteil zu bewegen, so dass am Ende alle für schuldig stimmen. Eine mutige Variante des Stoffes.

Eine weitere schöne Episode habe ich mal bei “Diagnose Mord” (Diagnosis Murder) gesehen. Eine eher heitere Krimiserie um einen Arzt (Dick van Dyke, wir mögen ihn), seine Kollegen und seinen Sohn (Barry van Dyke), einen Polizisten, die gemeinsam Mordfälle lösen, über die Dick van Dyke immer stolpert. Eine typische Serie um einen unwahrscheinlichen Amateurdetektiv, der stets schlauer ist als die Polizei. Vergleichbar mit Matlock oder dieser Angela-Lansbury-Serie, nur etwas besser dank Dick van Dyke.
Oft haben die Fälle einen medizinischen Hintergrund. In einer Episode werden mehrere Leichen gefunden, die seltsame Wundmale haben und denen fast alles Blut fehlt. Die Presse schreibt gleich sensationell von Vampiren. Hauptverdächtige ist ein goth chick, bleich geschminkt und mit dunklen Haaren. Sie lässt sich nur nachts blicken und führt einen exklusiven Club, geriert sich als Vampirin. Viel zu offensichtlich als echte Täterin.
Dann kommt es zum Showdown zwischen ihr und Dick van Dyke: Und was soll ich sagen, sie ist ein echter Vampir, komplett mit Zähnen und übermenschlicher Kraft, schmeißt den guten Arzt quer durchs Zimmer und wird am Schluss gepfählt. Das kam dann doch überraschend. (Ansonsten gibt es so wenig Übernatürliches in der Serie wie bei Friends oder Columbo.)

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