Unzusammenhängendes zum Amoklauf

Viel kann ich nicht sagen. Don Alphonso meint in der F.A.Z., wie froh er ist, in einer Gesellschaft zu leben, die Gewalt aus ihrem Alltag zurückgedrängt hat, und wie wenig es ihm gefällt, dass sie durch die Hintertür “Spieleindustrie” wieder eintritt. Ein lohnenswerter Gedankengang, aber vielleicht nicht haltbar. Im aktuellen Fall scheint das Üben mit der echten Waffe ohnehin eine größere Rolle zu spielen als Computerspiele.

Ärgerlich, dass so ziemlich jeder gleich in den ersten Stunden seine Meinung dazu abgeben und spekulieren musste. Sinnvoll ist höchstens, Trauer und Bestürzung zu äußern, alles andere muss warten. Schon am Nachmittag gab es Pressemitteilungen von jedem halbwegs zuständigen Ministerium und Lehrerverband. Danach stündlich neue widersprüchliche Angaben.

Norberto42 wünscht uns Lehrern ebenso wie das Ministerium in NRW mehr Zeit zum Hinschauen, dann aber auch die Art Schule und Unterricht, die das ermöglicht. Mir fallen einige Schüler ein, bei denen ich – auch durch Sprechstundenbesuche – das Gefühl habe, dass man sich mehr um sie kümmern müsste.

Nachahmungstäter: Kann ich mir vorstellen, bei dem Medienrummel. Meldepflicht für Sportschützen und Waffenbesitzer bei Schulen, damit man deren Kindern im Auge behalten kann? Damit wenigstens die Aufmerksamkeit kriegen – was natürlich ungerecht wäre.

Im Lokalforum diskutieren Schüler übers Thema. Lustig der begrenzte Blick: Um halb zehn hätten gar keine Schüsse im Unterricht fallen können, denn “UM 9.30 IST IN DEN MEISTEN SCHULEN IN DEUTSCHLAND NOCH PAUSE !” Großschreibung nicht von mir. Interessanter die Diskussion, bei welcher Art von Gewaltandrohung man selber die Polizei verständigen würde. Die Forenbetreiber sagen, sie würden rasch reagieren; die Forennutzer geben alle zu, dass sie das wohl nicht machen würden. Vielleicht ist da ein Punkt zum Ansetzen: Gewaltandrohung ist als Scherzwort in der Jugend- und Websprache akzeptiert. “Ist doch nur Spaß.” Ich denke, dass jedes bisschen Gewaltphantasie dazu beiträgt, ein Klima zu schaffen, in dem jemand seine Phantasien umsetzt.

Trivialer Gedanke: Auch wenn die Web-Ankündigung des Amoklaufs nun als gefälscht erkannt ist, sollte man beim Zitieren den Originaltext nicht an die neue deutsche Rechtschreibung anpassen. Stand da jetzt: “Niemand erkennt mein Potential” oder “Niemand erkennt mein Potenzial”?

Mangelndes Selbstbewusstsein als Motiv. Mangelndes Selbstvertrauen ist schlecht, und sicher trägt die Schule dazu bei, dass Schüler mangelndes Selbstbewusstsein haben. Zumindest ist es kein ernsthaft verfolgtes Ziel der Schule, Selbstbewusstsein aufzubauen. Mein Selbstbewusstsein und das von Schülern wie mir hat die Schule allerdings tatsächlich aufgebaut, und würde es auch heute noch tun.

Klar überlege ich als Lehrer, wie das wohl an meiner eigenen Schule ablaufen würde. Ausschließen kann man das nicht. Ich fühle mich trotzdem sicher, man glaubt ja nie, dass es einen selber trifft. Es ist ja auch unwahrscheinlich. Aber eben nicht: unmöglich.

Es scheint, das schnelle Eingreifen der Polizei hat Leben gerettet. Vielleicht denken manche Schüler jetzt wenigstens anders über Scheiß-Bullen.

Man mag es sich nicht vorstellen, aber es gibt Länder, in denen vergleichbare Gewalt wenn nicht an der Tagesordnung, so wenigstens viel, viel häufiger ist als bei uns. Das ist erschreckend.

10 Antworten auf „Unzusammenhängendes zum Amoklauf“

  1. Aufgrund eines relativ guten Beitrags bei Spreeblick, sah ich mich veranlasst, auch etwas zu schreiben über den Amoklauf.
    Hier der LINK.
    In meinem Posting kommen die Offliner, von denen es leider noch viel zu viele gibt, schlecht weg.
    Sie, Herr Rau, sind ja zum Glück einer der wenigen Onliner unter den Lehrern und ich hoffe, ihr Beispiel wirkt auf viele Ihrer Kollegen ansteckend. Nicht, dass die jetzt alle bloggen sollen, aber sie sollten zumindest wissen, wie das Web funktioniert, wie man sich im Web bewegt und welche Möglichkeiten und Gefahren sich dort ergeben. Die meisten haben erschreckend wenig bis überhaupt keine Ahnung.
    Ich wünsche Ihnen jedenfalls noch viel Erfolg in der Schule und beim Bloggen. Ich schaue hier gerne rein, auch wenn meine Schulzeit schon etwas länger zurückliegt.
    Bleiben Sie am Ball – es ist wirklich wichtig!

  2. Irgendwie gibt es schon merkwürdige Zufälle!
    Ich habe gerade mein Posting in meinem Blog überarbeitet, da ich mich als die Meldung in den Nachrichten kam, bewusst in mein Privatleben zurückgezogen habe und keine Nachrichten sehen oder hören wollte!
    Ich blogge also was über Grillen – ich habe tatsächlich gegrillt in meinem Garten – und was muss ich dann lesen?
    Der Rest dürfte bekannt sein!
    Ergo: Auch harmlose Posts können durch äußere Einflüsse plötzlich einen anderen Sinn bekommen!

  3. Viele viele Jahre als Vertrauenslehrerin und heute in ähnlichen Funktionen haben mir gezeigt, dass man nie ganz genau weiß, was wirklich in den Schülerköpfen vorgeht.
    Es gibt Anzeichen dafür, dass seelische Verletzungen vorliegen, dafür, dass Kinder den Druck der Schule als unerträglich empfinden.
    Dass sich Hass und Frustration so ballen, dass sie noch ein Jahr nach Schulabgang ein Ventil suchen, ist ungewöhnlich.
    Dass jetzt überall die Schule als Schuldige erwähnt wird, erstaunt mich doch.
    Wer redet den von den Psychiatern, die den Jungen in Behandlung hatten? Haben Sie die Gefahr nicht erkannt? Die Eltern, die in der Familie nicht darüber gesprochen haben und Waffen rumliegen ließen?
    Die Schüler und Schülerinnen, die Lehrerinnen sind Opfer, nicht Schuldige.

    (ebenfalls Unzusammenhängendes)

  4. Es bleibt unzusammenhängend. Auf der Homepage der SZ steht zu lesen, dass die Deutsch- und Ethiklehrerin an der Berufsschule, die der Täter besuchte, vor wenigen Wochen eine ganze Unterrichtseinheit zu Computerspielen und zum Amoklauf von Erfurt gehalten hat. Einen Aufsatz ließ sie über das Thema “Verschärfung der Waffengesetze – ja oder nein?” schreiben.

    An Tims Aufsatz kann sich Zurhorst noch genau erinnern. Tenor: Auf Menschen dürfe man nicht schießen, Regeln müssten eingehalten werden. Michael, 19, ein ehemaliger Freund und Nachbar berichtet, Tim habe eigentlich eher “was in die pädagogische Richtung” machen wollen. “Er konnte gut mit Kindern.”

    Mir scheint, er war ein guter Rollenspieler – er hat die Rolle des braven Schülers gespielt. Wie man als Lehrer richtig handelt, ist aus diesem Text nicht abzuleiten. Wenn man das Problem totschweigt, versäumt man die Gelegenheit zu pädagogischer Wirksamkeit? Wenn man das Problem in einer Unterrichtseinheit behandelt, schafft man einen Anreiz zur Nachahmung?

  5. Hallo Herr Rau,

    ich finde es gut, wie sie darüber schreiben. Sie geben Tim nicht einseitig die Schuld (oder Waffen oder Killerspielen), sie schreiben über sein Selbstbewusstsein.

    Ich glaube man müsste einen Rückzugsraum schaffen, um Kinder/Jugendlichen, die mit der Schule nicht zurechtkommen nicht jeden Tag wieder hinein zu zwingen. Und dieses muss von flankierenden Maßnahmen begleitet werden (Aufklärung, dass Bildung trotz Rückzug möglich ist; Aufklärung, dass ein Rückzug nichts schlimmes ist und somit auch nicht zu einem Gesichtsverlust für die Eltern führt).

    In der freien Wildbahn können Tiere sich aus dem Weg gehen, in der freien Welt können sich Menschen aus dem Weg gehen. Nur in die Schule, in der empfindlichsten Phase, werden wir zusammen gezwungen. Es wäre schön, wenn auch Lehrer meinen Aufruf unterstützen würden, und sich gegen eine Politik des unbedingten Zwanges wenden würden.
    Ich glaube, das würde die Situation an Schulen entspannen:
    http://freiebildung.wordpress.com/2009/03/12/aktiv-gegen-amok/

  6. Ich meine, dass ein kleines Gedicht das recht gut ausdrückt:

    Amok
    Erziehungsamok
    Bildungsamok
    Medienamok
    Koma

    Wer mag, darf eine Steigerung erkennen.

  7. Man kann viel zu dem Thema sagen.

    Die erste Sache ist, es ist ein Fehler den Sachverhalt monokausal zu betrachten. Wäre dies gewesen, dann wäre dies nicht gewesen. Es dürfte sich um ein Aufsummieren von vielen Faktoren handeln.

    Die Hauptfrage ist aber, warum andere Menschen bei ähnliche Gemengenlage nicht so austicken. Könnte es einfach so sein, dass es einen Prozentsatz von Menschen gibt, die nicht mit Frustration umgehen können. Früher war es Selbstmord, heute Amok.

    Was können Lehrer dagegen tun? Sich klar sein, dass die Frage dem Lehrer eine Fähigkeit zur Intervention zutraut, die er nicht hat. Stellt diese Frage ein Lehrer, sollte er realistisch seine Möglichkeiten einschätzen. Ein Lehrer ist kein Messias mit Erlösungsgarantie.

    Ich als Instrumentallehrer habe auf Grund der Situation einen besseren Zugang und mehr Zeit für einen Schüler. Weiter nehme ich ihn besser wahr.

    Nehmen wir Tim K. Er hätte professionelle Hilfe gebraucht und nicht ein paar freundliche Lehrerworte. Wie bekommt man als Lehrer einen Schüler zum Psychologen. Dazu ist ein Vertrauensverhältnis nötig, wie es sich an einer allgemeinbildenden Schule nicht herausbilden kann.

    Ich würde sogar so weit gehen, wenn ein Schullehrer in diese Richtung interveniert, treibt er den Schüler noch mehr in diese Lage.

    Aber dann muss man sich auch überlegen, was für Risiken sich ein Lehrer aussetzt, wenn er interveniert und alle es als Fehlalarm ansehen.

    Ich hatte vor kurzen so ein Fall. Die Eltern alles ist in Ordnung, kein Problem. Drei Wochen später, zieht die Tochter aus, bricht den Kontakt zu den Eltern ab, fällt durch Straftaten auf. Mir macht man aber nicht den Vorwurf, dass ich nichts getan habe, sondern man wirft mir vor etwas getan zu haben, und damit der Auslöser gewesen zu sein.

    Im Rahmen dieser Geschichte bin ich aber zu der Erkenntnis gekommen, es ist vielleicht wichtig, die Menschen zu einer Selbstverantwortung für ihre Seele zu erziehen.

    Es ist so, viele gehen in gewisser Weise davon aus, dass ein Ereignis eine bestimmte Wirkung auf sie hat und sie zu etwas bestimmten macht. Aber viele sind sich nicht kar darüber, dass sie in gewisser Weise mit entscheiden, was ein Ereignis in ihnen bewirkt. Man muss lernen, normal zu bleiben, egal was passiert.

    Ich mache jetzt mal den advocatus diaboli. Ich würde sogar so weit gehen, dass diese Suche nach der Verantwortung und den Gründen kontraproduktiv ist. Sollte jemand gerade einen Amoklauf planen, wird ihm vermittelt, alles und jeder ist schuld, nur er nicht. Er ist das arme Opfer der Verhältnisse und hat eigentlich das Recht zum Durchdrehen.

    GS

  8. @ StephanZ
    Das scheint mir ziemlich durchdacht, zeigt sich doch an diesem Beispiel das ganze Problem: Alle Maßnahmen müssen damit leben, dass ihre Wirkung nicht oder kaum beweisbar ist, zugleich muss sie ihre Nebenwirkungen und Folgen legitimieren. Eine verhinderte Schulschießerei hat nicht stattgefunden, die Kosten für ein Profiling, aufwändige Arbeit von Kinder- und Jugendpsychologen müssen trotzdem bezahlt werden. An anderer Stelle wird eine Parallele zu den Maßnahmen unseres Staates in Bezug auf islamistisch motivierten Terror gezogen. Was kosten die?
    Aus einem zweiten Grund finde ich diesen Beitrag überlegt. Die Ursache hinter den Ursachen ist auch meiner unmaßgeblichen Meinung nach tatsächlich, dass es diese Gesellschaft versäumt, “die Menschen zu einer Selbstverantwortung für ihre Seele zu erziehen.” Stattdessen hat sich bei uns (nicht notwendigerweise in der Schule) eine Haltung auch gegenüber Jugendlichen eingebürgert, die man als achselzuckenden “Is’so”-Zynismus bezeichnen könnte. Ziemlich lange scheint mir galt die Vermittlung einer von Ironie triefenden Zeitgeisthaltung als Schlusspunkt der Aufgeklärtheit. Was sollen Jugendliche mit dieser eigentlich resignierten Position anfangen? Sie zum Vorbild nehmen?

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