Parabeln

Meine Parabelsequenz sieht meist so aus, dass ich mit einem biblischen Gleichnis beginne, am besten mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf:

Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: “Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen.” Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er deren eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er’s auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. […]
Also auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
(Lutherbibel, Lukas 15, 1–10)

Das klassische Gleichnis besteht aus drei Teilen: einer erklärungsbedürftigen Situation; einer kurzen Geschichte, die zur Erklärung der Situation beitragen soll; und aus einer Deutung dieser Geschichte, in der ihr Inhalt auf die Ursprungssituation bezogen wird.

Parabeln sind quasi das weltliche Gegenstück zum religiösen Gleichnis. (Ich glaube, die Bibelwissenschaft unterscheidet auch innerhalb der Bibel Gleichnisse und Parabeln, aber das muss mich als Germanist nicht interessieren.) Ich zeige den Schülern ein paar weitere Gleichnisse mit christlich-jüdischem Hintergrund, dann ein paar einfache Parabeln. Bei den Parabeln fehlt allerdings meist die Einbettung in eine konkrete Situation, und oft genug auch der dritte Teil mit einer expliziten Deutung. Dementsprechend sind manche Parabeln auch nicht so leicht zu deuten; schön sind da die Keuner-Geschichten von Brecht. (Bitte, kann mir jemand die Parabel “Luxus” erklären?.)

Manche moderne Parabeln scheinen gar keine klare Sachebene zu haben, auf die man die Bildebene der Erzählung übertragen kann. Kafka bietet sich da an:

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: “Von mir willst du den Weg erfahren?” “Ja”, sagte ich, “da ich ihn selbst nicht finden kann.” “Gibs auf, gibs auf”, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

In dieser Geschichte bleibt das Verlangen nach Information und Aufklärung unbefriedigt.

Aber auch die einfache Parabel macht schon Schwierigkeiten, nicht nur bei der Deutung, auch bei der Bewertung der Sachebene. Hier ist eine buddhistische Parabel, vermutlich sehr bekannt, da sie mir in verschiedenen Fassungen immer wieder untergekommen ist:

Buddha erzählte in einem Sutra eine Parabel: Ein Mann, der über eine Ebene reiste, stieß auf einen Tiger. Er floh, den Tiger hinter sich. Als er an einen Abgrund kam, suchte er Halt an der Wurzel eines wilden Weinstocks und schwang sich über die Kante. Der Tiger beschnupperte ihn von oben. Zitternd schaute der Mann hinab, wo weit unten ein anderer Tiger darauf wartete, ihn zu fressen. Nur der Wein hielt ihn. Zwei Mäuse, eine weiße und eine schwarze, machten sich daran, nach und nach die Weinwurzel durchzubeißen. Der Mann sah eine saftige Erdbeere neben sich. Während er sich mit der einen Hand am Wein festhielt, pflückte er mit der anderen die Erdbeere. Wie süß sie schmeckte!
(Paul Reps, Zen Flesh, Zen Bones. Deutsch: Ohne Worte – ohne Schweigen. O. W. Barth bei Scherz; 12. Auflage: 2008.)

(Fußnote: Ein paar Zen-Koans zeige ich den Schülern auch gerne, wenn es um Parabeln geht.)

Eine Deutung dieser Parabel/dieses Gleichnis fällt Schülern nicht schwer. Aber sie wollen auch wissen, ob es etwas bedeutet, dass die eine Maus schwarz und die andere weiß ist. Zur Erklärung biete ich den Schülern folgende Verse von Friedrich Rückert an:

Es ging ein Mann im Syrerland,
Führt’ ein Kamel am Halfterband.
Das Tier mit grimmigen Gebärden
Urplötzlich anfing scheu zu werden
Und tat so ganz entsetzlich schnaufen,
Der Führer vor ihm musst’ entlaufen.
Er lief und einen Brunnen sah
Von ungefähr am Wege da.
Das Tier hört’ er im Rücken schnauben,
Das musst’ ihm die Besinnung rauben.
Er in den Schacht des Brunnens kroch,
Er stürzte nicht, er schwebte noch.
Gewachsen war ein Brombeerstrauch
Aus des geborstnen Brunnens Bauch;
Daran der Mann sich fest tat klammern
Und seinen Zustand drauf bejammern.
Er blickte in die Höh’ und sah
Dort das Kamelhaupt furchtbar nah’,
Das ihn wollt’ oben fassen wieder.
Dann blickt’ er in den Brunnen nieder;
Da sah am Grund er einen Drachen
Aufgähnen mit entsperrtem Rachen,
Der drunten ihn verschlingen wollte,
Wenn er hinunter fallen sollte.
So schwebend in der beiden Mitte,
Da sah der Arme noch das Dritte.
Wo in die Mauerspalte ging
Des Sträuchleins Wurzel, dran er hing,
Da sah er still ein Mäusepaar,
Schwarz eine, weiß die andre war.
Er sah die schwarze mit der weißen
Abwechselnd an der Wurzel beißen.
Sie nagten, zausten, gruben, wühlten,
Die Erd’ ab von der Wurzel spülten;
Und wie sie rieselnd niederrann,
Der Drach’ im Grund aufblickte dann,
Zu sehn, wie bald mit seiner Bürde
Der Strauch entwurzelt fallen würde.
Der Mann in Angst und Furcht und Not,
Umstellt, umlagert und umdroht,
Im Stand des jammerhaften Schwebens,
Sah sich nach Rettung um vergebens.
Und da er also um sich blickte,
Sah er ein Zweiglein, welches nickte
Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren;
Da konnt’ er doch der Lust nicht wehren.
Er sah nicht des Kameles Wut
Und nicht den Drachen in der Flut
Und nicht der Mäuse Tückespiel,
Als ihm die Beer’ ins Auge fiel.
Er ließ das Tier von oben rauschen
Und unter sich den Drachen lauschen
Und neben sich die Mäuse nagen,
Griff nach den Beerlein mit Behagen,
Sie deuchten ihm zu essen gut,
Aß Beer’ auf Beerlein wohlgemut,
Und durch die Süßigkeit im Essen
War alle seine Furcht vergessen.

Du fragst: “Wer ist der töricht’ Mann,
Der so die Furcht vergessen kann?”
So wiss’, o Freund, der Mann bist du;
Vernimm die Deutung auch dazu.
Es ist der Drach’ im Brunnengrund
Des Todes aufgesperrter Schlund;
Und das Kamel, das oben droht,
Es ist des Lebens Angst und Not.
Du bist’s, der zwischen Tod und Leben
Am grünen Strauch der Welt musst schweben.
Die beiden, so die Wurzel nagen,
Dich samt den Zweigen, die dich tragen,
Zu liefern in des Todes Macht,
Die Mäuse heißen Tag und Nacht.
Es nagt die schwarze wohl verborgen
Vom Abend heimlich bis zum Morgen,
Es nagt vom Morgen bis zum Abend
Die weiße, wurzeluntergrabend.
Und zwischen diesem Graus und Wust
Lockt dich die Beere Sinnenlust,
Dass du Kamel, die Lebensnot,
Dass du im Grund den Drachen Tod,
Dass du die Mäuse Tag und Nacht
Vergissest und auf nichts hast acht,
Als dass du recht viel Beerlein haschest,
Aus Grabes Brunnenritzen naschest.

Das Gedicht ist mir mal beim Blättern in Ludwig Reiners Ewigem Brunnen untergekommen. Es erzählt fast die gleiche Geschichte und liefert die Deutung gleich mit.

Bei der Bewertung scheiden sich aber die Geister: Wenn ich Schüler frage, wie Rückert die Haltung dieses Mannes, der da zwischen Kamel und Drache hängt, bewertet, dann erkennen sie nicht, dass diese Haltung kritisiert wird – dieses Genießen des Augenblicks ungeachtet der Gefahr ist kein christlich angemessenes Verhalten. Sage ich jedenfalls. Ich finde das offensichtlich, aber tatsächlich sind die Merkmale im Gedicht, wenn ich sie Schülern zu erklären versuche, nicht viele: “töricht” ist der Mann (aber das könnte ja Ironie sein); die Furcht vergessen kann negativ oder positiv gesehen werden; die “Sinnenlust” wird nicht als negativ gesehen (ist doch schön), und auch das “du bist der Mann” sagt Schülern nichts (Nathan zu König David im 2. Buch Samuel, dem Nathan mit einer Parabel den Kopf wäscht).

(Meine Lieblingsform dieser Geschichte, weil am anschaulichsten: Lord Dunsany, “The Workman”.)

9 Antworten auf „Parabeln“

  1. Die Vorstellung von carpe diem oder Erd-/Brombeerem ist allerdings auch christlich, so wie die Sache mit den Talenten (Gleichnis). Zumindest ist sie gut katholisch. Die ausschließliche Jenseitsfixierung trifft auf das Christentum nicht in allen seinen Spielarten und nicht zu allen Zeiten zu.

  2. Ahoi!
    Hab die Parabel “Luxus” so verstanden, dass die Schuhe für bestimmte Verhaltensweisen, also verschiedene Habiti (Mehrzahl von Habitus!?) stehen. Ein Luxus, den sich die Frau leisten kann, solange die Schuhe (die ja auch für verschiedenes Terrain stehen) = Verhaltensweisen (für verschiedene Situationen) im dafür stehenden Terrain funktionieren. Sonst muss sie “Barfuß” agieren, also von ihrem erlernten Verhalten zu ihrem natürlichen Verhalten wechseln.
    Schuhe = Angelernte Verhaltensweisen
    Barfuß = Wesen / Flexibilität –> Kann man sich drum streiten..

    Ich lehn mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und vergleiche:
    “Erst das Fressen, dann die Moral”
    Moral= Luxus, ein “Schuhpaar”, dass man anhat, wenn man nicht barfuß geht.

    Hat einige Schwachstellen, es ist aber auch nicht die stärkste Keunergeschichte.. (Freunde von mir haben die Haifische geliebt..)

  3. Vielen Dank für die Hilfe. Okay, die erste Hälfte verstehe ich jetzt besser. Schuhe=Rollen, Verhalten in bestimmten Situationen. Das passt zu Brecht und auch zu anderen Keunergeschichten. Was den Rest betrifft… das klingt eher nach einer Selbst-Aufklärung der Freundin. Wer von beiden wusste denn vorher nicht, dass man Füße auch ohne Schuhe benutzen kann?

  4. Hm.
    Wie wärs denn ganz nach Brecht damit: Die Wahrheit ergibt sich für beide, beide am Anfang unwissend (“..daß er noch nicht ganz aufgeklärt war, und sagte: “Ich habe mich getäuscht,”..), aus dem Gespräch. Wunderschön dialektisch das Ganze.
    Wobei die Interpretation so aber schon fast zu weit ginge, oder? Überinterpretiert? Was sagt der Lehrer =) ?

  5. Inzwischen gefällt mir dein erster Ansatz immer besser. Aber der Denkende ist mir auch so noch nicht klar. Überinterpretieren geht gar nicht, nur unterbegründen. Und das auch nur in der Schule.

  6. Herr Rau, Sie werden mir allmählich unheimlich. Können Sie Gedanken lesen? Aber jetzt mal ganz im Ernst: Ich bin durch irgendetwas (…) veranlasst worden, Ihre Parabelseite aufzusuchen. Leider ist es jetzt schon 22.40 Uhr, und ich muss Abendbrot essen. Kommentar folgt morgen. MfG Gisbert Erzner

  7. Gedanken lesen kann ich nicht… aber ich mach das hier schon seit sechs Jahren, da lässt sich zu vielen Themen etwas finden. Es freut mich, wenn’s Ihnen gefällt.

  8. Zum besseren Verständnis meiner themenbezogenen Äußerungen: Ich habe trotz meiner recht unkatholischen Weltanschauung noch im hohen Alter die so genannte missio canonica erworben und mich schon mal nach zugelassenen Reli-Büchern umgeschaut. Die alten Schinken aus meiner Grundschulzeit (Vorkriegszeit) waren noch immer Standard, aber ein Büchlein war dabei, das kindgerecht und zeitgemäß auf das ausgerichtet war, was Sie oben behandeln. Für mich gilt: Die Menschen zur Zeit der Wanderprediger und Evangelisten waren mit Parabeln und Gleichnissen gut bedient. Mein “Seelsorger” hat übrigens wieder ein Schaf verloren.

  9. Betr. Lord Dunsany, “The Workman”. Meine Deutung sieht so aus, dass mit dem scheinbar sinnlosen oder lachhaften Bestreben des Workman, sein angefangenes Werk noch zu vollenden bevor er auftickt, eine Wesensart beschrieben wird, die ich auch an mir entdecke. Was ich anfange, bringe ich zu Ende. Dann hat die liebe Seele Ruh’. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass eine solche Einstellung bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz von Nutzen sein kann.

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