Mit dem Erörtern werde ich nicht richtig warm

Was das Arbeiten mit literarischen Texten betrifft, bin ich im Fach Deutsch über die Jahre hinweg mit den Leistungen meiner Schüler zufrieden. Ich habe das Gefühl, sie lernen etwas dazu. Bei den Erörterungen habe ich dieses Gefühl sehr viel weniger.

Dabei gehört zu meinen Vorstellungen von einem Abiturienten eigentlich schon, dass er Aufsätze schreiben kann etwa zum Thema von 2011:

„Freundschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“
Setzen Sie sich mit diesem Thema auseinander, indem sie eine [sic – fett und kursiv und unterstrichen] der beiden Varianten bearbeiten!

Variante 1:
Erörtern Sie unter Berücksichtigung der beigefügten Materialien und Ihrer eigenen Erfahrungen Chancen und Risiken für Freundschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation! Entwickeln Sie ausgehend von Ihren Ergebnissen Vorschläge, wie die Chancen erweitert und die Risiken eingedämmt werden können!

Aber ich fürchte, das geht so einfach nicht. Auf jeden Fall ist die Erörterung im Abitur das Thema, das in Bayern stets am wenigsten von den Schülern gewählt wird. Und ich glaube nicht, dass die Schüler, die sich darauf einlassen, dann gut fahren damit.

(Trotzdem würde ich gerne mal richtig gute Erörterungen von real existierenden Schülern sehen. Wenn da jemand welche veröffentlichen möchte, wäre ich sehr verbunden.)


Was gefällt mir denn an Erörterungen nicht? Wenn ich mir das Abiturthema von oben anschaue: Die Schüler müssen Aufsätze schreiben zu einem Thema, zu dem sie zu wenig Wissen haben. Ich sage bewusst: Wissen. Argumentationskompetenz haben sie durchaus. Da kommen dann solche Argumente heraus (Mittelstufe, paraphrasiert):

Die meisten Computerspieler bewegen sich nur wenig und treiben keinen Sport. Da man sich auch beim Computerspielen nicht viel bewegt, werden Computerspieler häufig dick. Es gibt zwar auch Sportsimulationen, aber die ändern nichts daran. In einem Computerspielmagazin habe ich von einem 20-Jährigen gelesen, der immer nur vor dem Computer saß und spielte und deshalb sehr dick geworden ist.

Ist doch schön logisch und zusammenhängend aufgebaut. Aber die Prämisse ist falsch. (Und Schüler, die nicht wissen, was ein casual game und ein MMORPG ist, brauchen mir keine Aufsätze über Computerspiele zu schreiben.)

Oder ein anderer Aufsatz, in dem es um E-Reader und traditionelle Bücher geht. Auf der Pro-Seite steht, dass man durch E-Reader Energie spart, weil kein Papier erzeugt und verbraucht wird. Auf der Kontra-Seite steht, dass man durch Bücher Energie spart, weil die keinen Strom brauchen. Also was jetzt? Es kann doch nicht beides wahr sein, so schön logisch man das argumentieren kann. Neben der Logik gibt es auch noch Fakten, und ich halte faktenfreie, noch so schön zusammenhängende Erörterung für Blödsinn. Faktenfreies Erörtern gibt es im Fernsehen genug.
(Wer das mit dem Energieverbrauch bei Papier vs. E-Bücher wissen will: bei Slate steht die Antwort.)

Manchen Lehrern ist das mit den Fakten so egal, dass sie nichts dagegen haben, wenn die Schüler Statistiken erfinden. „In einer Zeitung habe ich gelesen, dass“, „die Wissenschaft hat bewiesen, dass“, „laut einer Statistik“. Dazu gesellen sich dann die erfundenen Nachbarn und Verwandten, die als Beispiele herangezogen werden. Ich finde beides unmöglich.


Wie kann man verhindern, dass Schüler Aufsätze über Themen schreiben müssen, von denen sie nichts verstehen und die sie nicht recherchieren können (weil in der Prüfung keine Recherche möglich ist)?

Ich kenne drei Möglichkeiten, die auch alle praktiziert werden. Erörterungen zu gänzlich unbekannten und nicht vorbereiteten Themen gibt es ohnehin schon lange nicht mehr.

1. Man nimmt ein Thema, bei denen die Schüler sich auskennen und genug wissen, dass sie keinen Unsinn schreiben.
Ich glaube nicht, dass es da viele Möglichkeiten gibt.

2. Man gibt den Schülern – so wie im Abitur – begleitendes Textmaterial mit, damit sie während der Prüfung Zugang zu genügend Daten haben, um keinen Unsinn zu schreiben.
Sagen wir: Im Abitur klappt das mäßig. Dann müsste man mehr Lesekompetenz fördern, und mehr Wissen ansammeln, damit man die neuen Informationen mit bereits bekannten in Verbindung bringen kann. Anders gesagt: Es hilft, um das Abiturbeispiel oben zu nehmen, enorm, wenn man schon mal über das Thema Freundschaft nachgedacht hat. Zu diesem Nachdenken kommt es wenig, aber vielleicht lässt sich das verbessern. (Ehrlich gesagt: Wenn man in der Unterstufe anhand einer Lektüre mal ein Wandbild zum Thema Freundschaft macht, bleibt davon beim Abitur wenig übrig. Auch von den religiösen Orientierungstagen in der 10. ist da keinerlei Transfer zu sehen.)

3. Man sorgt dafür, dass das Themengebiet im Unterricht ordentlich vorbereitet ist.
Das ist wohl das sinnvollste, aber es findet nach meiner Erfahrung nicht ausreichend statt.
Ich habe meine Unzufriedenheit bei Twitter gepostet, da kamen zwei Anregungen: die Schüler das Themengebiet selber aussuchen lassen, und die Kooperation mit anderen Fächern. An letzteres habe ich noch nie gedacht; geht das, dass man in der 9. oder 10. Klasse ein Thema stellt, das mit Geschichte oder Sozialkunde zu tun hat, und in diesem Fach vorbereit wurde?

Ich hätte gerne mal eine Fortbildung dazu, wie man Eröterungen gut vorbereitet. Nehmen wir das mit den Computerspielen, Material gibt es da genug. Ich müsste es nur mal zusammensuchen und die Texte auwählen, die für Schüler verständlich sind. Oder doch gemeinsame recherchieren?


Kurzer Exkurs: Waren vergleichbare Schüleraufsätze früher besser? Vermutlich schon. Ich habe an Material nur die Auswahl in Abitur. Von Duckmäusern und Rebellen – 150 Jahre Zeitgeschichte in Aufsätzen prominenter Deutscher, herausgegeben von Birgit Lahann. Die Ausschnitte darin sind um Längen besser als das, was ich je von Schülern gelesen habe.
Aber das heißt nicht viel. Zum einen hatten die dafür weniger Informatik, und was weiß ich noch alles; zum anderen ist es vielleicht gar nicht so wichtig, so gute Aufsätze schreiben zu können. Heute und zu meiner eigenen Schulzeit sind die Aufsätze nicht so gut, aber dafür hat man anderes gewonnen.
Oder vielleicht waren die Texte der prominenten Deutschen auch einfach Ausnahmeaufsätze.

24 Antworten auf „Mit dem Erörtern werde ich nicht richtig warm“

  1. Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Die Problematik liegt, meines Erachtens, nicht nur in dem nicht vorhandenen Wissen, sondern auch in der Tatsache, dass Erörterungen meist immer nach dem gleichen Muster gelehrt werden. Nachdem die Schüler dann wissen, dass es um Behauptung, Begründung und Beleg geht, läuft die gesamte Erörterung nach demselben Muster ab. Was oftmals fehlt sind da die wichtigen Bezüge, Erklärungen und sprachlich angemessene Beispiele, die auch einen roten Faden haben. Ich habe vor ein paar Monaten mal versucht, den Unterschied in einem „perfekten“ Argument zu verdeutlichen. Seitdem habe ich das Gefühl, dass den Schülern etwas klarer geworden ist, worum es geht. Aber am Ende bin ich da mit Sicherheit auch noch nicht.

    Hier ein Link zum „perfekten Argument.“ War als Arbeitsblatt aufgebaut:
    http://bobblume.de/2013/11/25/das-perfekte-argument-abschlussprufung-realschule-2013/

    Liebe Grüße

  2. Mein Lieblingssatz: „(Und Schüler, die nicht wissen, was ein casual game und ein MMORPG ist, brauchen mir keine Aufsätze über Computerspiele zu schreiben.)“ :-)

    Aber mal im Ernst, mir ist aufgefallen, dass wir bei den Erörterungen, bzw. ähnlichen Texten wie den Comments im Englischen, von den Schülern viel abverlangen, was sie selten als Modell zu sehen bekommen. Ich habe daraufhin mal ein paar meiner alten Unitexte oder Best-Practice von Schülern rausgekramt und mit denen analysiert. Lernen am Modell funktioniert dabei oft besser als das simple Regeln Anwenden. Mache ich eigentlich noch viel zu wenig, fällt mir da auf.

    Liebe Grüße aus dem armen aber kreativen Bremen,

    Charlotte

  3. Ausgewählte Arbeiten sind nicht selten völlig exzeptionell.
    Die deutsche Rede eines 15jährigen Ausländers war so gut, dass vielleicht zwei meiner deutschen Abiturienten in 30 Jahren dasselbe Niveau erreicht hätten.
    Die Sammlung sagt meiner Einschätzung nach also nichts über das übliche damalige Niveau.
    Aber beurteilen kann ich das natürlich auch nicht.

  4. hmm für Realschulen inBaden württemberg, gibt es das Kompendiumsthema. eine Wissenssammlung, zu einem Thema, das über das komplette SJ erarbeitet wird. Zu jedemThema gibt es auch Hefte, mit z.B. Infotexten. Für eine 9 Klasse durchaus verständlich und zu einem Thema zusammengesetzt, auch nur „Stückleswerk“ aber mehr als das alte „Die Klassenfahrten sollen abgeschafft werden“ blabla. Die finde ich eine große Hilfe (mit Lesehinweisen auch für 8Klässler)

  5. Neulich mal gemacht: Mit Schülern in Geographie einen Zeitungsbeitrag zum Thema „Herkunft seltener Erden aus dem Kongo – und was hat das mit meinem Handy zu tun?“ untersucht, dann Diskussion zum Thema. Immerhin kam dabei heraus, dass man sein Mobiltelefon recyceln soll und nicht dauernd ein neues braucht. Auch heraus kam dabei, dass Mobiltelefone gerechterweise viel teurer sein müssten, als es derzeit der Fall ist. Aber letztlich waren die Schüler ratlos, denn die Frage „Wärt ihr denn bereit, auf euer Handy zu verzichten?“, konnten und wollten sie nicht beantworten. Und ich wollte ihnen auch keinen Schuldkomplex oktroyieren.

    Erkenntnis: Die meisten Erörterungsthemen, die so landläufig die Runde machen, würden aus dem Stand auch die meisten Erwachsenen überfordern. Deshalb findet demnächst in meinen 8. Klassen rollenspielartig auch eine Diskussion über das Für und Wider von Staudammgroßprojekten statt. :-)

    Als Prüfungsthema im Fach Deutsch würde ich das nie machen wollen und deswegen bleibt es in meiner Praxis bei den Themen, die nah am Schulalltag sind, bei denen ich nicht ständig gegen das argumentative Überwältigungsverbot verstoßen muss, wenn ich den Stuss nicht mehr ertrage. Und es bleibt dabei, dass ich meinen Abiturienten zu einer analytischen Aufgabenstellung in der Abschlussprüfung rate, denn Schwätzer gibt es auch so immer und überall genug.

    Nebenbei: die Argumentation bei Slate zur Umweltfreundlichkeit von E-Books ist ein typisches Beispiel für die selbstdienliche Argumentation des messianisch-digitalen Welterlösungsbewusstseins…

  6. Gehe mir Deiner Haltung zum Thema völlig d’accord. Im Zentralabitur hatten wir als Lehrkräfte die zwei Alternativthemen auszuwählen, zwischen denen die S ihrerseits wählen durften. Das moderne-Medien-Essaythema (genauer: Fernsehen vs. YouTube) haben wir sofort ausgeschlossen, dafür u. a. das Faust betreffende ausgewählt. Zwar scheint zunächst einmal Faust schwieriger als der modernde-Medien-Kram, doch bei Faust wissen wir unsere S durch Wissen und Verständnis gewappnet: das Thema ist vorbereitet, sie haben gelernt und sie sollten Gutes schreiben können. Zu YouTube vs. Fernsehen, aus dem hohlen Bauch behandelt, wird es schwierig für die S, wirklich Sinnvolles zu schreiben, das über eigene Befindlichkeiten hinausgeht …

  7. Vom Kompendium in den BW-Realschulen habe ich schon auf Twitter gehört, Rebecca. Das gefällt mir. Werde ich ausprobieren.

    Stimmt, Bob Blume: Mich stört ebenfalls, dass die Erörterung sehr mechanisch angegangen werden, von Schülern, aber wohl auch Lehrern.

    Best Practice bei Erörterungen: Eine Sammlung guter Erörterungen wäre schön, Charlotte. Bei anderen Textsorten kann man ja Beispiele aus der Alltagswelt zeigen, Erörterungen gibt es dagegen nur in der Schule.

    Hanjo, genau so hätte ich auch ausgewählt. Gerade die scheinbar vertrauten Themen („Facebook“, „Youtube“) schaden mehr als sie nutzen, wenn sie noch nie reflektiert wurden.

  8. Das Kreuz mit der Erörterung geht schon soweit, dass Lehrer ihren Schülern raten: „Um Himmels Willen, bei Klausur/Abitur keine Erörterung nehmen, das geht schief.“ Die Geschichte habe ich von fast jedem Deutsch LKler der letzten zehn Jahre gehört. ^^
    Auch nicht wirklich zielführend finde ich, immerhin ist überzeugend Argumentieren bzw. Zusammenhänge darstellen durchaus eine Kompetenz, die jedem gut zu Gesichte steht.

    Die Lösung sehe ich ähnlich wie Herr Rau. Allerdings gibt es ja noch die Möglichkeit Fragen zu so allgemeinen Themen zu stellen, dass jeder Gymnasiast genügend Wissen und Beispiele dazu bereitstellen kann (oder sollte?). In Klausuren zB Thema gewaltfreier Widerstand, im Abitur 2011, weil das Beispiel oben noch kam, war das dann etwa absinkendes Kulturniveau.

  9. Gewaltfreier Widerstand als Thema dieser Schülergeneration? Gegen wen oder was? Dazu müsste man historische Beispiele kennen und zwar genau, mit Hintergrundwissen. Und falls man selbst mal gewaltfrei Widerstand geübt hat: da kann man sich auf ein paar Enttäuschungen gefasst machen…

  10. DANKE, der Text spricht mir aus der Seele.
    DerIdee mit dem Geschichte/Sozialkundethema stehe ich eher skeptisch gegenüber. Auch in Geschichte drängt die Zeit (in Jgst 9 vergnügt man sich mit der Zeit vom Ende des 1. Weltkrieges bis in das erste Jahrzehnt des Kalten Krieges.), und auch hier werden die Themen mehr angerissen als soweit vertieft, dass eine ordentliche Erörterung möglich wäre. Aus Q11/12-Klausuren kenne ich die „Erörterung“ in Geschichte bzw. Sozialkunde. Selbst in diesen Jgst. ein sehr schwieriges Unterfangen für viele Schüler/innen. Das mag aber (auch) an mangelnder Vorbereitung/mangelnder Lesekompetenz/mangelndem Argumentationsvermögen/mangelnden Deutschkenntnissen liegen.

  11. Die Schüler müssen Aufsätze schreiben zu einem Thema, zu dem sie zu wenig Wissen haben. Ich sage bewusst: Wissen.

    Aber Herr Rau, »Wissen« im Zeitalter des allgegenwärtigen Internets? Kann man doch nachschlagen ;-). Aber das ist eine andere Argumentationsbaustelle … ;-)

    Ich stimme Dir zu, kenne das ein wenig aus Englisch (»Comment«), wo das auch oft sehr mechanisch eingeübt und ausgeführt wird.

    Deine Variante 2 … 

    Man gibt den Schülern – so wie im Abitur – begleitendes Textmaterial mit, damit sie während der Prüfung Zugang zu genügend Daten haben, um keinen Unsinn zu schreiben.
    Sagen wir: Im Abitur klappt das mäßig. Dann müsste man mehr Lesekompetenz fördern, und mehr Wissen ansammeln, damit man die neuen Informationen mit bereits bekannten in Verbindung bringen kann.

    … wird in Baden-Württemberg im Neigungskurs Geographie regelmäßig realisiert. Der Operator »erörtern« kommt im Abi regelmäßig vor, letztes Jahr zum Beispiel folgende Aufgabe:

    „Der Zugang zu sauberem Trinkwasser in ariden Gebieten des nördlichen Afrikas hängt stark vom Bruttonationaleinkommen ab.“
    Erörtern Sie diese Aussage ausgehend von M2 unter Einbeziehung von natur- und humangeographischen Aspekten.

    Dazu gab es eine Karte mit 2 Angaben zu jedem Land Nordafrikas: Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu sauberem Trinkwasser und Bruttonationaleinkommen (BNE) pro Kopf. Außerdem war das Thema »Konflikte um die begrenzte Ressource Süßwasser« Schwerpunktthema, man hat es also im Unterricht ebenfalls ausgiebig an verschiedenen Beispielen besprochen.

    Oder 2012: »Erörtern Sie mithilfe von M1 bis M5 die wirtschaftliche Zukunftsperspektive der Region Galicien im europäischen Rahmen.« (M1 – M5 waren Tabellen mit wirtschaftlichen Strukturdaten zu Galicien, Spanien gesamt und Deutschland, zwei Zeitungstexte sowie eine Karte mit Wirtschaftsregionen). Wirtschaftsgeographie (bes. Standortwahl von Unternehmen) sowie Wirtschaftsregionen in Europa waren wiederum Schwerpunktthema gewesen.

    Das ist – in Deinem Sinne – ja dann eine nahezu ideale Situation. Trotzdem bekommen die wenigsten Schüler hier die volle Punktzahl (wobei die Musterlösung ausdrücklich nicht erwartet, dass alle vorgegebenen Argumente angeführt werden). Ich denke, das ginge auch vielen Erwachsenen so – so ein Sachverhalt ist schwierig und man müsste das in Ruhe schreiben und später noch mal überarbeiten können. Das in einem Rutsch runterzuschreiben, ist sehr anspruchsvoll.

    Es gibt aber auch die Variante ohne Material, nur auf dem im Unterricht zu einem Schwerpunktthema erarbeiteten Hintergrundwissen basierend, z.B. dieses Jahr: »Erörtern Sie die in M3 dargestellte Bevölkerungsentwicklung Indiens hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den städtischen Raum.« (M3 war eine Tabelle mit Bevölkerungsdaten der letzten 60 Jahre sowie dem jeweiligen Anteil städtischer und ländlicher Bevölkerung). Diese Variante fand ich schwieriger als mit Material (dem Korrektur-Anschein nach: die Schüler auch).

    Insgesamt habe ich den Eindruck, dass man in der Kursstufe Geographie (in Baden-Württemberg) sehr gut das Erörtern komplexer Probleme auf der Basis vorhandener Informationen lernen kann (je nachdem, wie intensiv die Lehrkraft das behandelt). Das ist aber schon ein anspruchsvolles Geschäft und nur wenige Schüler bekommen bei solchen Aufgaben hohe oder volle Punktzahlen.

  12. Erörterungen (zu meiner Schulzeit: Besinnungsaufsätze) trainieren die Schüler darin, viele Worte zu machen über Dinge, von denen sie nichts verstehen.

    Das hat zur Folge, dass sie diese Fähigkeit auch dort anwenden, wo damit kein Blumentopf zu gewinnen ist, nämlich in den Naturwissenschaften. Jeder Physiklehrer weiß, dass Prüfungsfragen, deren Beantwortung lediglich zwei oder drei deutsche Sätze erfordert, oft zu einem seitenlangen Schwall unzusammenhängenden Gelabers führen, dem auch nach mehrmaligem Lesen kein Sinn zu entnehmen ist.

    Ich habe im Physikunterricht dagegen gekämpft, indem ich Zusammenhänge mit Hilfe der Schüler in kurze, klare Sätze gefasst habe, die dann ins Heft geschrieben wurden. Leider kostet das viel Zeit.

  13. >Allerdings gibt es ja noch die Möglichkeit Fragen zu so allgemeinen Themen zu stellen, dass jeder Gymnasiast genügend Wissen und Beispiele dazu bereitstellen kann […] zB Thema gewaltfreier Widerstand, […] absinkendes Kulturniveau.

    Ich fühle mich ja schon nicht gut, wenn ich hier gelegentlich über absinkendes Niveau schreibe; für Schüler halte ich diese Themen schon besonders schwer. :-)

    Vielleicht ist einfach der Operator „erörtern“ ungeeignet. Im Physikunterricht sowieso; auch im Deutschunterricht könnte man mal mit dem Operator „erklären“ anfangen. Den gibt es nie, und als Textsorten gibt es Beschreibung und Bericht, aber keine Erklärung. Dabei ist es doch eigentlich wichtig, etwas erklären zu können. Aber klar: Um etwas erklären zu können, muss man erst einmal etwas wissen.

    retemirabile, ddanke für den Einblick. Es scheitn also ztumindest begrenzt zu gehen, ich frage mal unsere Lehrer, was die dazu beitragen können. In Informatik sollen die bei uns ja auch arbeitsteilig ein vernetztes Dokument erstellen (mit Inhalten aus dem Physikunterricht) oder Präsentationen erstellen (mit inhalten aus dem Biologieunterricht), da spricht nichts prinzipiell dagegen, Inhalte aus anderen Fächern zu holen.

  14. Liebes @www.kollegium und was lernen wir daraus: Noten sind für die Katz und die aktuelle Form der Beschulung teilweise ziemlich sinnbefreit.

    Fächerübergreifenden Projektunterricht halte ich für sehr sinnvoll und so, dieser gut gemacht ist, für eine effektive und freudvoll Form der Wissensvermittlung/-aneigung.

    In unserem Kollegium kursiert aktuell folgende Form der „praktizierten“ Erörterungsvermittlung:
    Ein Kollege der Fachschaft Deutsch (und Sport), der es geschafft hat, bis auf eine Ausnahme, nur vormittags zu unterrichten, bereitet seine Klasse 2 Stunden vorher auf die Schulaufgabe vor und unterrichtet „interessierte“ Eltern, sie mögen doch bitte den Schulaufgabentrainer als Vorbereitungshilfe nehmen. Aus diesem kopierte er dann, eine der beiden Trainingsaufgaben und nimmt diese als Schulaufgabe. Bei denen, die diese Aufgabe mit Mutti vorher durchgegangen sind, sind die Noten erwartungsgemäss gut, der Rest hatte Pech. Machen wir uns nicht einfach zuviel Gedanken, wie gute Schule geht? Macht es unser Kollege vielleicht einfach besser? Der ist immer extrem entspannt, kann trotz G8 und Ganztag, die Nachmittage dem Tennisplatz widmen. Und dass diese Praxis bekannt wurde, ist ein dummer Zufall, der sich durch geschicktes Selektionsmanagement relativ schnell auswächst.

  15. @Susann

    Herr Rau schreibt:
    „Ich hätte gerne mal eine Fortbildung dazu, wie man Eröterungen gut vorbereitet.“
    Bei der Hinterfragung der aktuellen Bildungswirklichkeit, um deren Sinn und Unsinn, 1000 Jahre seit Einführung der Schulpflicht und der aktuellen Erörterungspraxis, ergibt sich vielleicht nur ein gefühlter Zusammenhang. Aber dieser gefühlte Zusammenhang ist bei mir gerade auch bei der generellen Betrachtung von Schule, zwischen den jeweiligen Fächern und dem Rest des Lebens, sehr dünn.

    Gefühlter weiblicher Erörterungszusammenhang?

  16. Entschuldigung zur unvollständigen Hintergrundinformation.

    „Der Zusammenhang zum Artikel erschließt sich mir nicht ganz, sorry.“
    … des besseren Zusammenhangs wegen: Bayern, 8. Klasse, Schulaufgabenthema: (Sachliche?) Erörterung.

  17. Die Argumentationskompetenz der Schüler würde ich durchaus infragestellen. Und das liegt meiner Meinung auch ein bisschen daran, wie einem das Schreiben einer Erörterung beigebracht wird.

    Man betrachte das Grobbeispiel für eine dialektische Erörterung zu finden auf http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/freie-eroerterung-uebung1

    Ungefähr so wie dort wurde auch mir das Schreiben von Erörterungen beigebacht: These aufstellen, Begründung und Beispiel, dann nächstes Argument, bis man drei bis vier Argumente pro Seite hat. Das stärkste Argument für die „eigene Seite“ am Ende.

    Nur was ist eigentlich ein starkes Argument? Und wie kann man ein Argument stark machen? Das wurde nie sprochen. Natürlich, eine These wie „Rauchen ist ungesund“ klingt stark, stärker jedenfalls als die These „Rauchen ist sinnlos“. Aber wird die These wie in dem verlinkten Beispiel zu einem Argument ausgebaut, ist es trotzdem nur ein schwaches Argument. Warum? Weil sie viel zu leicht angreifbar ist. Rauchen führt zu schweren Erkrankungen und es sterben jeden Tag 400 Menschen? Ok, „so what. Entlastet doch die Rentenkasse“. Oder „besser an einem Herzkasper zu sterben als zehn Jahre lang an Alzheimer dahin zu siechen“ etc.

    Wenn man ein Argument stark machen will, dann muss man weiter denken. Sich fragen immer Fragen „warum“ oder „und was ist das Problem“. Also bei obigem Beispiel, „was ist das Problem, dass das Rauchen zu schweren Erkrankungen führt“.

    „Wir müssen die Abgase reduzieren, da der Klimawandel zum Aussterben der Arten führt bzw. bereits geführt hat“. Klingt gut? „Es ist mir egal, ob es im Regenwald einen Schmetterling mehr oder weniger gibt. Hat doch keine Folgen für uns Menschen (bzw. mich selbst)“. (Man müsste weiter Argumentieren. Z.b. dass das biologische Gleichgewicht komplett aus dem Tritt, dass es zum Massenaussterben ganzer Arten kommen könnte. Dadurch würde sich die Vegetation verändern, Hungersnöte, Völkerwanderung, und am Ende hat man das Problem vor der eigenen Haustür) Hier ist eher ein bisschen Phantasie gefragt. Es m.E.n. nicht so wichtig zu wissen, was wirklich passieren wird (das wissen ja nicht mal die Wissenschaftler selber). Wichtig ist eher eine logische Argumentation, bei der mir am Ende klar wird, warum der Klimawandel für mich selbst z.B. ein Problem ist.

    Erst beim Bilden der Argumentationskette wird es eigentlich richtig interessant. „Folter ist inhuman, da es gegen die Menschenrechte ist. Zum Beispiel verbietet Paragraph X der UN-Menschenrechtserklärung die Folter“. Überzeugend? Nur wenn man weitergeht. Man müsste jetzt erklären, warum die Menschenrechte wichtig sind bzw. weshalb man das Folterverbot nicht einfach rausstreichen kann (Gesetze kann man schließlich auch ändern; in China wird auch gefoltert und die haben ein Wirtschaftswachstum von 8%…).

    Häufig geht es auch um Grundwerte, wie z.B. das Streben nach dem persönlichen Glück, Freiheit etc. Da kann man sicher im Unterricht etwas gut erarbeiten.

    Das Argument „das kostet viel Geld“ sollte man übrigens komplett verbieten, denn da kann man immer etwas dagegensetzen in der Form „wenn X richtig und wichtig ist, dann muss man dafür eben auch das Geld ausgeben“.

  18. >Wenn man ein Argument stark machen will, dann muss man weiter denken

    Das ist wahr, aber auch ein Problem. An sich müsste man jede Begründung zurückführen auf eine weitere Begründung, auf ein allgemeines Prinzip. Kann man das von Schülern verlangen, hilft ihnen das beim Schreiben? Ich weiß es nicht. Aber mich schauen sie schon gelegentlich verwundert an, wenn ich für die Begründung einer Behauptung gerne noch eine eigene Begründung hätte.

  19. > An sich müsste man jede Begründung zurückführen auf eine weitere Begründung, auf ein allgemeines Prinzip.

    Ich würde sagen, dass das eine Möglichkeit ist. Alternativ kann man auch versuchen aufzuzeigen, was die Konsequenzen für den Einzelnen oder, alternativ, für die Gesamtgesellschaft sind. Das erfordert etwas Übung, aber ist lernbar. Verlangen kann man es wohl nicht. Aber gute bzw. motivierte Schüler können zumindest sensibilisert werden.

    Meine Erörterungen wurde besser, als ich bewusster Kommentare in (Qualitäts-)Zeitungen gelesen habe (ich denke jetzt an ZEIT, FAZ etc.). Wie schreibt der Autor seine Einleitung? Wie hat er seine Argumente angeordnet? Wie sind die Argumente aufgebaut? Es sind sicher nicht viele Schüler, die in der achten oder neunten Klasse Zeitung lesen, aber dem ein oder anderen hilft es vielleicht. Es ist nur meine persönliche Erfahrung (ich bin kein Lehrer), aber das Lernen und das Kopieren des Stils von „Meistern“ hat mir geholfen.

    Mir war es nur am Anfang (so achte/neute Klasse) gar nicht bewusst, dass die Schulerörterung (wo man immer so eine verquaste Gliederung schreiben muss(te), die es natürlich bei keinem echten Zeitungskommentar oder Ähnlichem gibt), mit den Kommentaren in Zeitungen so eng verwandt ist und das mir die bewusste Lektüre derselben also helfen könnte.

  20. >Meine Erörterungen wurde besser, als ich bewusster Kommentare in (Qualitäts-)Zeitungen gelesen habe

    Ich glaube, ab einem bestimmten Zeitpunkt entdeckt man, was gutes Schreiben ist, auch sachliches, argumentierendes. Dann erkennt man das auch an fremden Texten, und kann es an eigenen anwenden. Vermutlich muss man aber erst einmal reif werden, und kann dann erst aus anderen Texten lernen. Vor diesem Zeitpunkt sieht man überall einfach nur Wörter.

  21. „und die Kooperation mit anderen Fächern. An letzteres habe ich noch nie gedacht; geht das, dass man in der 9. oder 10. Klasse ein Thema stellt, das mit Geschichte oder Sozialkunde zu tun hat, und in diesem Fach vorbereit wurde?“

    Haben Sie das mittlerweile mal ausprobiert oder kennen Sie jmd., der das ausprobiert hat, Herr Rau?

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