Liminale Lokale

Christopher Campbell von den Film School Rejects macht sich im letzten Eintrag Gedanken über Remixkultur, und was alles noch möglich wäre, wenn es legal möglich wäre. Seine Hauptbeispiele sind drei Filme von Antonio Maria Da Silva, in denen dieser Szenen aus Filmen zusammenschneidet und bearbeitet, so dass ein fiktiver Ort entsteht: Hell’s Club, ein Club außerhalb der Kontinuität der Filme, in dem sich Figuren der Filme treffen und ausspannen. Hier Teil 1:

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Solche Lokale zwischen den Welten sind recht verbreitet. Das erste, auf das ich stieß, war der Alte Phönix in Poul Andersons Ein Mittsommernachtssturm (1974). Der Roman selber spielt im 17. Jahrhundert in einer Parallelwelt, in der Shakespears Geschichten alle wahr sind (und er als Historiker verehrt wird). Die Handlung orientiert sich an Sturm & Sommernachtstraum, und nach einem guten Drittel stößt Prinz Rupert, der sich auf der Flucht vor den Roundheads befindet, auf eine Wirtschaft im Wald, eben den Alten Phönix. Gäste dürfen höchstens eine Nacht bleiben, und manche schauen auch nur auf ein Bier vorbei – ein Gast kommt aus der römischen Antike, ein anderer aus dem 20. Jahrhundert (wenn auch einem alternativen zu dem unseren, nämlich dem einer anderen Romanwelt von Poul Anderson). Den Gästen aus verschiedenen Zeiten und Orten stellt sich der Wirt mit verschiedenen Namen vor. “Dies hier ist neutraler Boden” heißt es von dieser Taverne.

Das gilt auch für die Cafés der Kette Common Grounds aus der gleichnamigen sechsteiligen Comic-Miniserie: Dort können Superhelden und Superschurken auch mal Pause machen und eine Kaffee trinken, ohne sich bekriegen zu müssen.

In Neil Gaimans Sandman-Serie gibt es sechs Hefte, die in der Taverne World’s End spielen (gesammelt in Band VIII); zumindest dient diese Taverne als Rahmenhandlung für die einzelnen Episoden, die die Gäste einander erzählen. Auch hier kommen diese Gäste aus verschiedenen Welten, aus unserer, aus Sandman-spezifischen, und aus anderen. “This is a free house. It is not part of any kingdom or empire.” Die namenlose Wirtin sieht indisch aus und als Schatten werden ihr zwei zusätzliche Arme verlieren – Lakshmi? Kali?

Für mich erscheint die Urversion dieser Wirtschaft zwischen den Welten, oder am Ende der Welt, im Gilgamesch-Epos, zu Beginn der zehnten Tafel. Der Herrscher Gilgamesch ist getrieben von der Suche nach Unsterblichkeit, nachdem sein bester Freund gestorben ist, und hat die Heimat als Wanderer verlassen. Er kommt zur göttlichen “Schenkin Siduri, die da wohnt in des Meeres Abgeschiedenheit” – eine Gastwirtin am Rande des Ozeans, der das Ende der Welt darstellt. Von ihr erfährt er den Weg zu Ur-šanabi, dem Fährmann; nur er weiß, wie man über das Wasser des Todes ins Land der Seligen kommt, wo der einzige Mensch lebt, der das Geheimnis der Unsterblichkeit kennt. (Gilgamesch kommt dort auch an, verliert das Geheimnis aber.)

- Das Restaurant am Ende des Universums kenne ich natürlich. Wirtschaften sind gerne mal nicht nur in der Dorfmitte, sondern auch an deren Rand oder außerhalb, für Wanderer. In einer Liste (Blogeintrag dazu), die älter ist als dieses Blog, habe ich vor Jahren mal solche Orte (und verschwindenende Häuse, unheimliche Bibliotheken, und so weiter) gesammelt.

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