Partizipation in der Schule

By | 4.9.2016

Jan-Martin Klinge hat geschrieben, dass er in der Schule entscheidet; Dejan Mihajlovic widerspricht und macht daraus eine Blogparade; Tom Mittelbach nimmt daran teil und wer das nicht so sieht wie er, „wird regiert von einer tief sitzenden Angst“. Dass es andere Gründe gibt, zieht er – zumindest in seiner Formulierung – nicht in Betracht.

Der Hauptgrund, warum man Klassen wenig entscheiden lässt, ist meiner Meinung nach vielmehr der, dass das effizienter ist. Privat entscheide ich selber ungern, bin alles andere als ein Alphamännchen. Aber wenn halt, zefix, niemand sonst entscheidet, dann kann ich einspringen – das habe ich im Referendariat gelernt. Im Studium standen wir nach dem Kino noch laneg herum und konnten uns nicht entscheiden, ob wir jetzt noch in ein Café gehen sollten, und wenn ja, welches, oder doch eine Kneipe, oder zu einem nach Hause… das habe ich keineswegs als unangenehm empfunden. Im Studium. Im Referendariat hatte ich dann keine Zeit – oder keine Geduld – mehr für dieses Herumstehen, und wenn es mir zu viel wurde, habe ich entschieden oder auf eine Entscheidung gedrängt.

Ich rate jedem Lehrer, im Unterricht klarzumachen, dass er oder sie der Chef ist. Wer das anders handhaben will: gerne, es gibt viele Arten, ein guter Lehrer zu sein. Aber im gegenwärtigen System bin ich nun mal auch formal und rechtlich der Chef, diese Rolle nicht anzunehmen, halte ich für albern und unehrlich. Andere Systeme als das gegenwärtige sind denkbar, aber um die geht es hier nicht.

Dejan fasst den Begriff der Partizipation weit: „Echte Mitbestimmung an Schulen bedeutet, dass Schüler*innen bei allen das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen miteinbezogen werden.“ Das stößt bei mir erst einmal auf Widerspruch, der aber nicht gerechtfertigt ist: Das Miteinbeziehen kann die Form von (reiner) Information sind, von Mitsprache, aber eben auch von Mitentscheidung. Und dann gebe ich ihm völlig recht: Bei allen Entscheidungen, die das Zusammenleben aller an der Schule betreffen, ist das Minimum das transparente Vorgehen und die Information der Beteiligten, und bei manchen Entscheidungen ist Mitsprache oder Mitentscheidung sinnvoll.

Am wenigsten Spielraum sehe ich bei den fachlichen Inhalten: Da gibt es den Lehrplan, und den kennt nur die Lehrkraft und sie ist verantwortlich für dessen Erfüllung. Bei Schullektüren lasse ich mir Vorschläge der Klasse machen und entscheide dann selber, oder entscheide, welche Vorschläge die Klasse zur Auswahl erhält. Das mache ich auch von vornherein klar. Notengebung: da halte ich wenig von Mitsprache oder gar Mitentscheidung, aber Information sollte es mehr geben als bisher. (Ob man damit die völlig überzogen wahrgenommene Wichtigkeit von Noten zurückdrehen kann: anderes Thema.)

Sehr viel ungenutzten Spielraum sehe ich bei der Hausordnung und Veranstaltungen. Vielleicht fällt mir das auch leichter, weil das außerhalb meines Unterrichts liegt; die Schulleitung – in deren Bereich das fällt – hat sicher wieder ganz andere pädagogische und sonstige Interessen als ich. Jedenfalls hätte ich da sehr gerne sehr viel mehr Beteiligung der Schülerinnen und Schüler. Nur: ebendiese wollen das nicht. Verstehe ich auch – als Schüler habe ich Schule als sehr willkommene Dienstleistung empfunden, und hätte es als Zumutung empfunden, wenn ich mich in irgendeiner Form über den Unterricht hinaus hätte einbringen müssen. Dejan zitiert Jan-Martin: „Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich.“ Ich glaube, das stimmt. Ich würde sie aber gerne dazu kriegen, wählen zu wollen und mitzuentscheiden. Wie das geht, weiß ich aber nicht. Und ich bin mir nicht mal sicher, dass das nötig ist, um später aus ihnen bessere Demokraten zu machen. Vielleicht. Ich versuche, im kommenden Schuljahr die Augen aufzuhalten, was geht. Für den Anfang wäre ich schon mit besseren Informationsstrukturen an meiner Schule zufrieden – vor allem innerhalb der Schülerschaft gibt es da nichts. Und so etwas wie eine Presse bräuchte es vielleicht.

9 thoughts on “Partizipation in der Schule

  1. Peter Ringeisen

    „Da gibt es den Lehrplan, und den kennt nur die Lehrkraft“ – du meinst: … in seinen Feinheiten?

    Ich informiere meine Klassen immer über den Lehrplan – je höher die Jahrgangsstufe, desto genauer. Im Leistungskurs annodazumal habe ich immer eine kondensierte Fassung davon als Kopie ausgeteilt in der ersten Stunde.
    Oft bietet sich ein zweiter (gemeinsamer) Blick auf den Lehrplan so um die Schuljahrsmitte an: Was haben wir schon geschafft, was liegt noch vor uns?

    Ansonsten stimme ich deinen Ausführungen (wie meistens) zu.

  2. Pingback: Blogparade Partizipation – Wie viel Mitbestimmung braucht Schule? | Dejan Mihajlovic

  3. Herr Rau Post author

    Ich hatte an dieser Stelle schon Widerspruch erwartet… ich diene meinen Schülern auch immer den Lehrplan an, auch schon mal in der 8. Klasse mit Poster hinten an der Wand:
    https://www.herr-rau.de/wordpress/2013/11/deutsch-8-jahrgangsstufe-version-1.htm

    Ich versuche immer einen Überblick zu geben über die aktuelle Stunde, die aktuelle Sequenz, und das laufende Schuljahr. Das hören sich die Schülerinnen und Schüler freundlich und nicht uninteressiert an, aber danach spielt das für sie keine Rolle mehr, glaube ich. Wichtig ist es vielleicht doch, wegen eines Gefühls der Orientierung und des Vertrauens. Aber ich würde nicht sagen, dass die Schüler den Lehrplan kennen.

  4. Dejan Mihajlovic

    Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich stimme deiner Einschätzung bezüglich der Effizienz zu. Ich stimme sogar der Beobachtung, dass eine Auswahl überfordern kann, zu. Ich wünsche mir eigentlich nur, dass die Frage, wie und wann sie den Umgang damit lernen sollen, auch geklärt wird (beim Artikel „Ich entscheide“). Da es mir an drei Schulen gelungen ist, Schüler*Innen dazu zu bekommen, dass sie mitentscheiden (und wählen) wollen, kann ich dir vielleicht ein paar Erfahrungswerte mitgeben: 1.) Schulleitung muss das wollen. 2.) Sobald Partizipation bei wichtigen Entscheidungen stattfinden, fühlen sich Schüler*innen ernstgenommen. ABER ERST, wenn das regelmäßig der Fall ist. Schüler denken häufig „Die wollen uns doch gar nicht mitentscheiden lassen“ und sind bei den ersten Zugeständnissen sehr misstrauisch und skeptisch. Was die Übersichtlichkeit und Transparenz angeht, lohnt es sich vielleicht einen Blick auf das aula-Konzept zu werfen. Software und Handbuch wird es ab dem Schuljahr 2017/18 als OpenSource/OER geben. Bei den Themen einer GLK ist „Augen offen halten“ meistens ein guter Anfang. Danke nochmal.

  5. Herr Rau Post author

    Vielen Dank für die Erläuterungen. Ich stimme dir zu!

    1.) Die Rolle der Schulleitung sehe ich da auch als zentral.
    2.) Ich glaube auch, dass man das erst einmal ein Jahr durchziehen muss, bevor es glaubwürdig wird.

    Erst muss der Wille da sein, dann das Konzept. Also warte ich für meine Schule noch ein Weilchen…

  6. Pingback: Ich entscheide. – Halbtagsblog

  7. Pingback: Blogparade Partizipation « Gesellschaft « riecken.de

  8. Aginor

    Sehr interessanter Beitrag, und danke auch für die Verlinkungen mit anderen Meinungen!

    Möchte gerne auch dazu was sagen, mal nur aus Sicht eines ehemaligen Schülers (als Familienvater sieht es aber bis einem gewissen Grad und Alter der Kinder ähnlich aus, schätze ich):

    Dem Zitat:

    Verstehe ich auch – als Schüler habe ich Schule als sehr willkommene Dienstleistung empfunden, und hätte es als Zumutung empfunden, wenn ich mich in irgendeiner Form über den Unterricht hinaus hätte einbringen müssen

    kann ich mich voll anschließen. Ich fand das lästig, und dem lernen nicht förderlich. Ich gebe allerdings zu dass ich vielleicht nicht das beste Beispiel bin, denn ich fand z.B. auch den guten alten Frontalunterricht immer am besten, im Gegensatz zu vielen anderen Schülern meiner Zeit.
    Für mich war Planbarkeit immer wichtig. Schule geht von 07:45 bis 12:55, noch eine Stunde oder so Hausaufgaben, gut is. Dann ist Freizeit. Hätte man etwas bewegen können, dann wäre das vielleicht anders gewesen, aber dazu später mehr.

    Zum Lehrplan: Ich finde da auch Transparenz gut.
    Bei uns wurde damals eine Art Geheimnis daraus gemacht, als wäre es eine tolle Überraschung nicht zu wissen was das nächste Thema ist. Allerdings kein besonders gutes, denn anhand von Büchern und/oder Geschwistern konnte man eh so grob einschätzen was kommt.
    Aus irgendwelchen Gründen galt es als unfein und streberhaft, andere (z.B. das nächste) Kapitel in Büchern schon anzuschauen. Habe damals sogar von Lehrer zu hören bekommen dass das „vormucken“ blöd wäre. Als müsste die Lehrkraft Angst haben, dass sie die Deutungshoheit über die Inhalte der Bücher verliere oder so. Ich fand das befremdlich. Fast noch befremdlicher fand ich dass ganze Kapitel der Bücher in manchen Fächern gar nicht behandelt wurden, aber das kann ja verschiedene Gründe haben, z.B: dass die Bücher oft schon über zehn Jahre alt waren, und da sich schon ein paar Dinge im Plan getan hatten.

    Zum Chefsein des Lehrers:
    Mich hat es furchtbar geärgert damals (vor allem später in der Oberstufe), wenn so eine Art Scheindemokratie seitens der Lehrkräfte betrieben wurde.
    Die Lehrkraft hat den Job, die Lehrkraft hat den Plan und die Verantwortung, und natürlich hat entsprechend die Lehrkraft das sagen, Ende der Geschichte. Das ist völlig in Ordnung so. Das muss doch jedem klar sein.
    Dann so zu tun als dürften die Schüler mitentscheiden, nur um dann sobald die falsche Entscheidung gefällt wird die Vetokarte zu zücken, das ist irgendwie beleidigend. Auf Klassenebene schon schlimm genug, auf Schulebene noch schlimmer:
    Wir hatten da was, das hieß „Schülermitverwaltung“, kurz SMV. Hörte sich an als könnte man da etwas mitbestimmen. Aber in Wahrheit war es eher eine Art…. weiss nicht wie ich es nennen soll… „Jasager-Club“. Im Grunde genommen durfte man Vorschläge machen, die dann mit oder ohne Begründung nicht angenommen wurden, und über Belanglosigkeiten entscheiden, wie ob man mehr Bücher über Pferde oder mehr über Autos in der kaum besuchten Schulbücherei wollte. Immer multiple-choice, damit man nicht auf die Idee käme, etwas unbequemes vorzuschlagen, wie etwa dystopische Romane oder sozialkritische Literatur, oder gar einen Computer.
    Ungefähr so demokratisch wie das Parlament in Saudi-Arabien. Zu wenigstens halbwegs wichtigen Entscheidungen wurde die SMV nicht nur nicht gefragt sondern nicht einmal informiert.
    Manchmal durfte ein SMV-Vertreter an Sitzungen der Lehrer teilnehmen wenn ich mich recht entsinne, wurde dann zu diesem Tagesordnungspunkt hineingerufen (der Rest der Sitzung war nicht für Schülerohren) aber die SMV war meistens der letzte Tagesordnungspunkt, zu dem man dann leider nicht kam wegen Zeit und so. Schade. Die Entscheidungen wurden dann eine Woche später durch einen Lehrer der SMV mitgeteilt. Oder auch nicht.

    Schülerzeitung genauso. Wenn der Chefredakteur und -zensor ein Lehrer ist, dann kann man das ganze auch lassen, weil außer Kindergartenniveau in der Schülerzeitung nichts stattfindet. Fakten und Kritik absolut unerwünscht. Journalismus jeglicher Art sowieso.

    Es gab weder für die SMV noch für die Schülerzeitung festgelegte Regeln oder Befugnisse, das ganze ging auf Willkürbasis. Letzen Endes lag die Entscheidung immer beim Lehrer oder gar dem Rektor oder einer anderen höheren Stelle.

    Was man gelernt hat, das ist dass Demokratie eine Illusion ist, die Mächtigen machen eh was sie wollen, sobald es drauf ankommt. Eine traurige Lehre finde ich, denn Demokratie funktioniert nur, wenn man mitmachen darf.

    Ich finde dann sollte man das ganze lieber lassen. Schule ist keine Demokratie und das ist OK. Dazu sollte man stehen. Darüberhinaus bin ich zwar nicht der Meinung dass so etwas unbedingt negativ richtungsweisend für das Demokratieverständnis der Schüler und zukünftigen Staatsbürger ist, aber so richtig fördernd ist es sicher auch nicht.

    Zur „Dienstleistung“ Schule… Ich sah das meistens irgendwie genauso, aber für viele meiner Mitschüler war Schule eher wie ein Gefängnis als eine Dienstleistung, auch aufgrund obiger Umstände. Man hatte die Wahl ob man im Gefängnisorchester sein möchte, und auch welches Instrument man spielt. Aber über alles andere entschieden eben doch die Wärter. Schade.

    Geht das anders? Ich weiss es nicht. Manche Dinge in Tom Mittelbach’s Beitrag finde ich utopisch. Nicht dass ich mich nicht freuen würde wenn sowas funktionieren würde, und vielleicht bin ich ja geprägt von meinen natürlich nicht repräsentativen schlechten Erfahrungen, aber ich kann es mir nicht so richtig vorstellen.

    Gruß
    Aginor

  9. Herr Rau Post author

    Vielen Dank für diese Aspekte. Aus dem Lehrplan macht heute keiner mehr ein Geheimnis, vielleicht war dazu die Diskussion darüber auch zu öffentlich. Aber ich musste erst vor kurzem feststellen, dasss es tatsächlich – vereinzelt – Lehrer gibt, die ihre Schülerinnen und Schüler nicht vorlesen lassen. So ein Quatsch.

    Dass manche Kapitel gar nicht behandelt werden, ist normal. Ich bitte Schüler der Mittelstufe in Deutsch gerne mal, sich die Kapitel im Buch anzuschauen und zu sagen, welches sie wohl interessant finden werden und welches sie gar nicht interessiert, und beziehe das in meine Planung ein.

    SMV & Schülerzeitung: Ein weites Feld. Auf dem Papier haben die SMV-Vertreter viel Einfluss. Aber sie sind meist maximal zwei Jahre aktiv in der SMV, und dann kommen wieder neue, und es geht von vorne los. Dabei braucht man doch ein Jahr zur Orientierung, um danach ordentlich Politik machen zu können – davor wird man zu leicht über den Tisch gezogen. Formal wird aber heute darauf geachtet, dass die SMV-Vertreter beteiligt sind.

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