Man kennt das ja: Die Juwelen stecken immer im letzten Stuhl.

Gelesen: Ilja Ilf, Jewgeni Petrow, Zwölf Stühle

Als Kind hatte ich irgendwann mal Dreizehn Stühle gesehen, schwarzweiß, mit Heinz Rühmann: Im Zuge einer Erbschaft erfährt der Held, dass in einem von dreizehn gutbürgerlichen Polsterstühlen wertvolle Juwelen versteckt sind. Die Stühle sind aber längst in alle Winde zerstreut, und natürlich ist unbekannt, in welchem Stuhl der Schmuck steckt. Auf der Jagd nach den Juwelen, von Stuhl zu Stuhl, erleben Held und Sidekick diverse Abenteuer.

In einer Anthologie mit Schachgeschichten stieß ich dann zum ersten Mal auf die Originalfassung: Zwölf Stühle von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, 1928 als Fortsetzungsroman in der noch recht jungen Sowjetunion erschienen. Und noch ein wenig später lernte ich das wunderbare Lied „Hope for the Best (Expect the Worst)“ kennen. Während sich recht bald herausstellte, dass die Melodie von Brahms war, wusste ich lange nicht, aus welchem Film das Lied stammte. Es war The Twelvve Chairs von Mel Brooks (1970):

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Der Plot des Romans ist wirklich genial, einer der besten: Der ehemalige Lebemann und jetzige kleiner Sowjetbeamte Ippolit Worobjaninow erfährt auf dem Sterbebett seiner Schwiegermutter, dass sie vor der Revolution ihre wertvollen Juwelen in einem der zwölf herrschaftlichen Polsterstühle versteckt hat. Der unbeholfene Worobjaninow macht sich auf die Spuren der Stühle, bald begleitet und angeleitet von Ostap Bender, einem fröhlichen und charmanten Trickster. Kein ernstzunehmender Konkurrent ist der orthodoxe Priester Fjodor, der ebenfalls von dem Geheimnis um die Stühle erfahren hat. Fünfhundert Seiten lang jagen die beiden nicht ganz freiwilligen Partner den Stühlen hinterher, erleben kuriose Abenteuer, reisen durch Russland und treffen schräge Zeitgenossen. Auch die Sprache ist schön, hier stoßen die Helden bald auf einen der Stühle, in einer überschwemmten Wohnung:

Das Wasser rauschte. Im Speisezimmer bildete es einen Strudel. Im Schlafzimmer stand es als stiller Teich, auf dem zwei Pantoffeln gemächlich wie Schwäne dahinglitten. In einer Ecke drängten sich Zigarettenkippen zusammen wie schläfrige Fische.
Worobjaninows Stuhl stand im Speisezimmer, wo die Strömung am stärksten war. An allen vier Beinen schäumten kleine weiße Brandungswellen. Der Stuhl zitterte leicht und schien drauf und dran, seinem Verfolger davonzuschwimmen.
(Übersetzung: Renate und Thomas Reschke.)

Kein Wunder, dass dieser Plot sehr oft verfilmt wurde (Wikipedia). Der Schluss des Buches ist allerdings etwas zu abrupt; kein Wunder, dass schon die erste Verfilmung ihn änderte, und viele weitere ebenso. Für den modernen Zuschauer müsste man sich ohnehin etwas Neues einfallen lassen. Dass der Schmuck erst im letzten Stuhl ist, ist klar; dass er auch da eigentlich nicht ist, auch, jedenfalls gehört es einfach dazu, dass die Helden davon nicht profitieren.

Irgendwie gehört dieser Plot in eine Reihe mit anderen, vielleicht vergleichbaren Romanplots. Die Reise um die Welt in 80 Tagen, The Wrong Box von Robert Louis Stevenson und Lloyd Osbourne, vielleicht Vernes Die Leiden eines Chinesen in China. Der Plot gibt jeweils Anlass zu wildem Herumgereise, mehrere Parteien rennen jeweils einer Sache hinterher. Als Film gekrönt durch It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World.

Bonus:

2009 war Mel Brooks einer der Preisträger des Kennedy-Preises. Hier ein Ausschnitt aus der Verleihungszeremonie, ein großes Medley mit verschiedenen Mel-Brooks-Liedern, mit vielen Künstlern, und „Hope for the Best“ macht den Anfang. Rührend, sehr rührend:

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3 Thoughts to “Man kennt das ja: Die Juwelen stecken immer im letzten Stuhl.

  1. Bei meinem Schwiegervater war es wirklich so, dass er einige Juwelen im Polstersessel versteckte.
    Wir kamen allerdings erst drauf, als der Stuhl unwiederbringbar weg war.
    Vielleicht hat sich jemand gefreut.

  2. Tolle Geschichte, dass es so etwas wirklich gibt.
    Ich habe ja zwei Polstersessel im Wohnzimmer, vor zwanzig Jahren von der Großmutter einer Freundin erhalten… diese Sommerferien haben wir die Sessel aufbessern lassen (Bezug war noch toll, Federung nicht mehr). Der Restaurateur hat aber nichts gesagt.

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