Ist Trump Punk?

In den 1990er gab es im privaten Nachmittagsfernsehen viele und unsägliche Nachmittagstalkshows. Da saßen vier oder fünf Gäste nebeneinander und stellten – wahrscheinlich, ich weiß das nicht mehr genau – ihre Geschichte vor und kommentierten einander. Es kam nicht zu Prügeleien wie in amerikanischen Pendants, soweit ich weiß, aber es war auch so dämlich genug.
In einer dieser Sendungen, lassen wir es Arabella gewesen sein, Thema egal, war ein Punker als Gast, oder zumindest jemand, der so aussah und sich so gerierte. Der sagte etwas, und als die Moderatorin das kurz darauf wiederholte, behauptete er, das nie gesagt zu haben. Das wiederholte sich, beim nächsten Mal hieß es plötzlich: Doch, genau das habe ich gesagt. Dann wieder: Nein, nie passiert.

Das fand ich faszinierend. Da hatte jemand die Basis jeglicher Diskussion, vielleicht der Kommunikation erkannt und angegriffen. Die unausgesprochenen Regeln selbst des Streits galten nicht mehr. Wie kann man da diskutieren? Das war Punk, Anarchie.

Bei Trump muss ich immer wieder an diese Episode denken.

(Beim Recherchieren auf diese Arabella-Show gestoßen: https://magazin.punkfoto.de/arabella-1998pro7/ Das mit den Handgreiflichkeiten nehme ich zurück. Zutiest historisch, und so gestellt wie Profi-Wrestling. So schlecht wie damals ist das Fernsehen heute nicht, oder?)

4 Thoughts to “Ist Trump Punk?

  1. „So schlecht wie damals ist das Fernsehen heute nicht, oder?“

    …..
    …… ich wünschte ich könnte das bejahen.
    Ich glaube es sind manche Dinge besser geworden und manche schlechter, in der Gesamtheit würde ich sagen es ist eher schlimmer geworden. Talkshows waren doof aber sie wurden durch Dinge ersetzt, die nicht unbedingt besser sind.

    Zu Herrn Trump:
    Schwer zu sagen finde ich. Für das ständige vor-und zurückrudern und schwanken in der Meinung, und auch das leugnen eines vorherigen Handelns kann man mehrere mögliche Erklärungen finden.

    Einige Leute argumentieren mit Demenz, und tatsächlich zeigt Herr Trump ein paar Anzeichen, die darauf hinweisen könnten. Demenz gepaart mit seinem Narzissmus könnte einige Verhaltensweisen erklären.
    Eine andere mögliche Erklärung die zuweilen genannt wird ist eine Form von Autismus, das wird besonders in der Interaktion mit anderen Menschen deutlich. Ich halte Trumps ständige Verletzungen des diplomatischen Protokolls nicht – oder zumindest nicht größtenteils – für absichtlich. Ich glaube dass seine sozialen Fähigkeiten nicht besonders gut ausgeprägt sind. Das ist (unter anderem) bei den meisten Formen von Autimus sehr verbreitet.

    Das dritte ist – vereinfacht gesagt – schlicht Dummheit. Der Dunning-Kruger-Effekt führt dazu, dass er seine Kompetenz massiv überschätzt, und das blöde ist dass er mächtig genug ist, dass die Korrekturmaßnahmen teilweise nicht richtig greifen.
    Kombiniert mit einem der anderen Punkte wird das natürlich besonders schlimm.

    Weitere Faktoren sind dann noch Parteifreunde, Lobbyisten, sein familiäres Umfeld (z.B. sein Schwiegersohn, seine Tochter, oder seine Frau) und seine Berater, die – aus unterschiedlichen Motiven heraus – auf ihn Einfluss nehmen. Je nachdem wem er gerade gewogen ist, was ihn beim lesen der Zeitung, fernsehen oder anderweitigem Medienkonsum gerade beschäftigt, oder was gerade aufgrund von Aktualität in seinem Kopf in der Prioritätenliste nach oben gewandert ist, trifft er die – aus seiner Sicht – für dieses Thema angemessenste Entscheidung. Trotz und Sturheit können das Ergebnis dann auch noch ggf. invertieren. Wenn er glaubt dass etwas gut läuft (weil ihm Leute das so sagen) dann schlägt er immer und immer wieder in diese Bresche (weitermachen was funktioniert ist da die Devise) und übertreibt dabei immer mehr, bis ins absurde hinein.
    Dazu kommt dass er seine Statements bewusst oder unbewusst sehr stark auf das Zielpublikum ausrichtet (darum wird er ja auch als Populist bezeichnet), teils ohne zu beachten dass konkurrierende Zielgruppen ebenfalls zuhören und es zwischen den Gruppen Interessen gibt, die sich teils diametral gegenüberstehen. Da er es – je nachdem wo und mit wem er gerade redet – jedem Recht machen will, wechselt seine Meinung um Anerkennung heischend (er meint er sei der größte und es ist ihm wichtig, Zustimmung zu bekommen) vom einen zum anderen.

    Interessant in dem Zusammenhang ist sein Twitter-Verhalten. Wenn man sich die Zeiten seiner Tweets anschaut dann entsteht der Eindruck, als würde er nach dem Aufstehen aber vor seinen täglichen Briefings das wildeste Zeug schreiben, so als reagiere er ganz intuitiv und impulsiv auf seine eigenen Gedanken zu den Themen die ihn beschäftigen, und/oder auf die oberflächliche Betrachtung von Themenkomplexen im Frühstücksfernsehen.
    Dann – nach den üblichen Briefing-Zeiten – kommen die sinnvolleren Ansagen, möglicherweise von seinem Stab mitverfasst, als hätte ihn gerade jemand daran erinnert wer er ist und wie seine Tweets ankommen. Am Nachmittag geht es dann einigermaßen, und abends wenn er alleine ist kommen dann wieder härtere Hämmer. Es ist nicht immer so aber häufig genug dass es schon Leuten aufgefallen ist.

    Beim Punk ist das typische Anti-Verhalten größtenteils absichtlich und überraschend systematisch, zumindest unterstelle ich das aufgrund meiner persönlichen Erfahrung mit Punks. Bei Trump fällt es mir schwer, das so zu sehen. Unter anderem deswegen weil eine der Grundhaltungen des Punk ja ist, dass man gerade _nicht_ gefallen will, Trump aber den Eindruck erweckt er wolle _jeden_ davon überzeugen er sei der größte.

    Gruß
    Aginor

  2. >Ich schäme mich immer auch ein bisschen, so einen Müll früher gesehen zu haben.

    Da hatte ich Examen, da habe ich viel Müll angeschaut. (Im Referendariat dann eher: Solitaire und Minesweeper gespielt.)

    >Beim Punk ist das typische Anti-Verhalten größtenteils absichtlich und überraschend systematisch

    Das sehe ich auch so, ja. Wenn Trump Punk ist, dann ohne es zu wissen, unreflektiert – und er ist ja auch gar nicht Punk, nicht mal Anarchist. Aber er kennt keine Regeln, aus den genannten Gründen – Dummheit, Selbstüberschätzung, nur teilweise auch Absicht.

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