Ein bisschen viel, ist es nicht

Mir geht es wirklich sehr, sehr gut. Ich war immer schon privilegiert: bildungsbürgerlicher Hintergrund, zwar weder Abitur noch gar Studium in der Familie, eher Hauptschulabschluss als Realschule, aber liebevolle und kluge und sehr weltoffene Eltern, die mir sehr viel von der Welt zeigten und mir ermöglichten, sehr viel von der Welt selbst zu entdecken. Außerdem hatte ich es von Temperament und Neigung her leicht in der Schule, im Studium, im Beruf, und hatte obendrein stets viel Glück.

Auch jetzt bin ich privilegiert, aus so vielen Gründen. Auch jetzt geht es mir gut. Darf ich trotzdem etwas jammern? Das war zumindest meine Motivation zu diesem Blogeintrag, inzwischen fürchte ich, es läuft eher auf Herumangebern heraus als Jammern, aber soll sein, soll sein.

Im Vergleich zu Leute, die wirklich etwas zu tun haben, etwa der beeindruckenden Frau Novemberregen, verbringe ich den Tag voller Muße. Aber für einen mittelalten bayerischen Beamten ist das viel, was heute alles los war:

  • Videogespräch mit Uni (mit Zoom, weil ich mit Jitsi schon genug Erfahrung habe; das einfarbige T‑Shirt und Greenscreen genutzt, um die anderen zu verwirren)
  • Baked Beans nach einem Rezept von Yotam Ottolenghi aufgesetzt
  • Videogespräch mit meiner Unterstufen-Klasse, nur mal so zum Ausprobieren (etwa die Hälfte dabei, ein paar leider technische Schwierigkeiten; ging allen gut, haben genug zu tun)
  • Baked Beans zu Ende gemacht, Brot aufgetaut, gegessen
  • Fahrrad vom Reparieren geholt
  • Blumen gegossen
  • Spülmaschine ausgeräumt
  • Mail: den Klassenelternsprecherinnen Feedback auf Klassenfeedback gegeben (zu forsch gewesen?)
  • Elternbeirat Feedback gegeben, aber nur kurz und vorläufig
  • Elterntelefonat
  • ganz kurz mit einem Journalisten korrespondiert und elefoniert (Ciffi)
  • die wöchentliche Kartoffelkiste geholt
  • Eltern angerufen, deren Kind laut Kollegin Probleme mit Mebis hat, gefragt, ob ich deren Account übernehmen kann, um das aus Schülerinnensicht zu sehen, ging dann auch, erledigt, zurückgemailt
  • Homepage aktualisiert
  • Videogespräch: Uni
  • Versucht, Kollegen zu erreichen, wegen Sache; mache mir Sorgen, werde es morgen noch einmal versuchen
  • überlegt, einem überforderten Kollegen eine Klasse abzunehmen; hätte da schöne Idee, was ich spontan in den kommenden drei Wochen ohne allzu viel Aufwand Schönes machen könnte
  • Videogespräch: Kollegin
  • Sporadisch Twitter gelesen, nach und nach Feedreader abgearbeitet; Guardian, Independent und Slat gelesen
  • E‑Mails empfangen: um die 100, versendet nur um die 15. Nicht gezählt die Nachrichten bei Mebis, da habe ich keinen Überblick. 15 Nachrichten im schulinternen Portal abgesetzt, wie viel gekriegt, weiß ich nicht, weil ich die nach Erledigung immer gleich lösche.

Tag davor ähnlich, nur ohne mitzählen. (Vier Videokonferenzen, das weiß ich noch.) Das klingt jetzt gar nicht nach so viel, aber irgendwie war’s das schon. Vielleicht habe ich etwas vergessen?

An sich stelle ich mir meinen Workflow so vor, jedenfalls so lange es jedenfalls keinen Video-Präsenzunterricht gibt: Am Wochenende erstelle ich Aufgaben für die Woche, die ich am Sonntagabend online stelle. Im Lauf der Woche korrigiere ich die Arbeiten der Vorwoche und halte Online-Sprechstunden.

Aber da kommt halt immer etwas dazwischen, und nächste Woche soll ich wieder die Q12 in Deutsch unterrichten. Mache ich ja auch, obwohl es die nicht nötig haben: In Deutsch werden Kompetenzen gelehrt, nämlich der Umgang mit unbekannten Texten auf Basis eines breiten Wissens – ob da ein Text mehr oder weniger gelesen wurde, eine Epoche intensiver oder weniger intensiv behandelt wurde, ist für die Abiturprüfungen nicht wichtig. Anders ist das bei Mathematik, wo es wohl kaum Übertragungen gibt und bis kurz vor dem Abitur neuer Stoff prüfungsrelevant ist – das ist eben kein komptenzorientiertes Fach, und deswegen haben die das ja auch erfunden mit der Kompetenzorientierung und uns anderen aufgehalts.

Apropos Hals: Mich geärgert über Kollegen und Kolleginnen, die wahrscheinlich souverän ihr eigenes Ding machen, aber nicht sichtbar in Erscheinung treten und auch andere Kanäle als die gemeinsam genutzten verwenden. Ist schon recht so, aber die fallen halt schon mal als potentiell Helfende für andere aus, so dass vielleicht einen Tick mehr Anrufe bei mir landen als nötig. Aber wer weiß, die tun sicher anderswo Gutes.

Nachtrag: Ich möchte den Begriff der “Herdenintelligenz” einführen, falls es den noch nicht gibt, und der etwas ganz anderes bezeichnet als Schwarmintelligenz. Nämlich: Wenn in einer Gruppe ein Werkzeug weit genug verbreitet ist, dann tun sich alle damit leichter.

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