Distichen in der Q11

Das Distichon ist eine Versform, die aus einem Hexameter und einem Pentameter besteht. Ein Hexameter besteht im Deutschen aus sechs Daktylen, wobei die ersten vier davon auch um eine unbetonte Silbe verkürzt sein können, sie können also durch Trochäen ersetzt werden. Ein Pentameter ist ebenfalls sechshebig, dem Namen zu trotz, er besteht aus zwei Daktylen, dann einem arg verkürzten Daktylus, nämlich einer einzigen betonten Silbe, gefolgt von drei Daktylen.

Goethe hat in den römischen Elegien Distichen geschrieben, hier ein Auszug:

Ich befolge den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuss.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt.
Und belehr ich mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh ich erst recht den Marmor, ich denk’ und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug’, fühle mit sehender Hand.

Oder:

Lass dich, Geliebte, nicht reun, dass du mir so schnell dich ergeben!
Glaub es, ich denke nicht frech, denke nicht niedrig von dir.
Vielfach wirken die Pfeile des Amors: einige ritzen,
Und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz.
Aber mächtig befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe
Dringen die andern ins Mark, zünden behende das Blut.

Nun ja, Goethe. Man sieht im gedanklichen Aufbau der Verse auch die grundsätzliche Zweiversigkeit. – Die Form führt dazu, dass der erste Vers des Distichons einen flotten daktylischen Rhythmus hat und der zweite Vers in der Mitte dramatisch pausiert, weil zwei betonte Silben direkt aufeinander folgen. Goethe und Schiller beschreiben das in einem Distichon so:

Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

Parodiert von Matthias Claudius:

Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
Im Pentameter drauf lässt er ihn wieder heraus.

Distichen werden gerne für kluge Sprüche verwendet. Hier zwei von mir, das Verhältnis von Sturm und Drang und Klassik illustrierend:

Stürmische drängende Haare, sie tun stets nur das, was sie wollen.
Nur die Fönfrisur drauf hält sie gewaltsam in Form.

Klassisch geschnittene Haare jedoch, sie fallen und liegen
Anmutig würdevoll da, schüttelt das Haupt man im Schwunge.

Einmal habe ich unvorsichtigen Gastgebern das Gästebuch mit einem dutzend holpriger Distichen vollgemacht, nun ja. Wann hat man schon Gelegenheit dazu?

Und so musste auch meine Q11 Distichen verfassen:

Zweitausendzwanzig, ein Jahr, das bisher noch nicht ganz so gut laufet,
hat uns Corona und auch, alle durch’nander gebracht.

Eine große Entscheidung wird der November uns bringen –
Wird Präsident denn der Trump, dann sind wir alle verdammt.

Dieses feine Homeoffice, bringt uns die Bildung nach Bayern;
Feiern die Drucker ihr Fest, geben der Tinte den Rest.

Mathe in der letzten Stunde soll Schüler noch sinnvoll belehren
Regeln wie diese verfasst bringen am Ende nur Last.

Werke verfassend warn Goethe und Schiller begnadete Köpfe
Könnt ich sie heut nur verstehn Xenien wärn gar kein Problem.

Helfend beim Kochen ist doch des Gerichtes gute Rezepte;
Schmecken wird freilich das Mahl, fühlt doch auch keiner die Qual.

Corona wütet in unserer Welt und wir Menschen sind panisch
Masken schützen uns nur, wenn wir sie richtig tragen

Der goldene Oktober, der schönste Monat des Jahres
Zugvögel fliegen nun fort, die Blätter färben sich rot.

Viele schwere Lasten sind uns dank Covid bescheret
Ist es denn wirklich so schwer, lernen wir dadurch nichts mehr?

Lasts uns von der Nordhalbkugel ins Warme jetzt fliehn;
Hier ist es kalt und nass, holt von daheim euch den Pass.

Die mutige Nachtwache sagte die weißen Wanderer sind da
Aber der Süden schaut weg und schlägt sich nur den Bauch voll.

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