There Is No Antimemetics Division (mit Spoilern)

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Ein Freund empfahl mir dieses Buch, Wir haben keine Antimemetikabteilung (Originaltitel: There is No Antimemetics Division) von Sam Hughes, ursprünglich erschienen unter dem Pseudonym qntm.

Ist das Buch gut, nicht gut? Hat es mir gefallen? Das sind immer so schwierige Fragen. Vermutlich: Ja, es war gut, wenn auch nicht immer, und es hat mir gefallen, wenn auch nicht alles. Leichter und vielleicht sinnvoller ist die Frage, ob ich froh bin, dass ich das Buch gelesen habe. Da ist die Antwort ein simples, eindeutiges: Ja.

Die Prämisse

Der Roman ist Science Fiction, wenn auch mit großem Horror-Anteil. Der spekulative Ausgangspunkt: So wie es Ideen gibt, die sich innerhalb einer Kultur leicht verbreiten (sogenannte Meme), gibt es auch Antimeme – Ideen, die man nicht im Kopf behalten kann, die man sofort wieder vergisst. Es gibt auch antimemetische Objekte, also Gegenstände, die zwar da sind, die das menschliche Bewusstsein sich aber wahrzunehmen weigert, um die es gedanklich einen Bogen schlägt, die es sofort wieder vergisst, wenn es doch irgendwie gezwungen wird, damit zu interagieren.

Nicht nur gibt es solche Objekte, es gibt auch – wenn auch selten – Tierarten, die eine Art Antimemetik als Tarnvorrichtung benutzen, die deshalb nicht wahrgenommen werden. Man übersieht sie, man erkennt sie nicht auf Fotos, Aufzeichnungen verschwinden oder werden für wertlos gehalten. Wovon man nicht reden kann, davon muss man schweigen, mehr noch, wie es Poe in „The Man of the Crowd“ von einem deutschen Buch sagt: „[Es] lasst sich nicht lesen„—it does not permit itself to be read.“ Hier: Es lässt sich nicht denken.

Eine Organisation, oder eine Reihe von Organisationen, halb Polizei-Spezialeinheit, halb Forschungsinstitut, widmet sich diesen Objekten. Wie nähert man sich gedanklich einer Sache, die man nicht denken kann? (Drogen und Medikamente, letztlich. Und immer wieder Gehirnwäschen.)

Womit man das vergleichen kann

Dinge, die da sind, die wir aber konditioniert sind, nicht zu sehen? Im Buch werden sie selbst genannt: Die fnords aus der Illuminatus!-Trilogie natürlich.

Genannt werden ebenfalls die X-Files und Memento, aber beides nebenbei, und an keins davon fühlte ich mich besonders erinnert. Eher ein bisschen John Carpenter: They Live! wegen der Aliens, die unerkannt und unbemerkt unter uns leben, in einer Welt, die nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen.

Ein bisschen Groundhog Day ist dabei, wenn Erinnerungen gelöscht werden und Figuren früher oder später dann doch erkennen: „Das ist nicht das erste Mal, das wir dieses Gespräch führen, nicht wahr?“

Ein bisschen ist diese Ideen-Welt dann auch wie der Cyberspace bei WIlliam Gibson, aber vielleicht kommt mir das nur so vor, weil es in einem Podcast, den ich gerade höre, darum geht.

Schon ganz am Anfang dachte ich an den Einfall aus Lost in a Good von Jasper Fforde, wo die Ich-Erzählerin beiläufig in einer Erfinderwerkstatt Teil des folgenden Austauschs wird:

“Did you show her your memory erasure device, Crofty?”
“No, he didn’t,” I said.
Yes I did,” replied Mycroft with a smile

Ähnliche Szenen gibt es immer wieder. Aber während ich am Anfang noch launige Scherzhaftigkeit erwartete, entwickelte sich bald ein Horror-Szenario daraus.

Diese antimemetischen Objekte sind nämlich größtenteils äußerst gefährlich. Schon ein bisschen wie Monty Pythons tödlicher Witz: Wer ihn liest, stirbt. In dem Sketch wird er als Kriegswaffe eingesetzt, indem die Übersetzer verteilt daran arbeiten und jeder nur ein oder zwei Wörter davon auf einmal kriegen.

Wie es nämlich weitergeht

Auf ähnliche Weise lauert Wahnsinn auf jeden, der manchen dieser antimemetischen Objekte – oder Lebewesen – begegnet oder an sie denkt. Am Ende ist das Grauen von Lovecraftschen Ausmaß. Die Welt geht unter, kann man durchaus sagen, vergleichbar den letzten drei Folgen der Serie Gravity Falls, die den Titel „Weirdmageddon“ tragen. Nur mit mehr body horror. Pluspunkte für den Versuch sich zu überlegen, wie Lovecraftscher Horror, das Fremde, das Unvorstellbare, konkreter aussehen könnte. Lovecrafts Credo ist hier umgesetzt:

Now all my tales are based on the fundamental premise that common human laws and interests and emotions have no validity or significance in the vast cosmos-at-large. […] To achieve the essence of real externality, whether of time or space or dimension, one must forget that such things as organic life, good and evil, love and hate, and all such local attributes of a negligible and temporary race called mankind, have any existence at all.

Wer den unbeschreiblichen Kosmos sieht, wie er ist, wird bei Lovecraft wahnsinnig; wir als Publikum kriegen bei ihm aber nur diesen Wahnsinn als Folge zu sehen; die Großen Alten landen nie wirklich auf der Erde landen – in diesem Buch allerdings schon.

Zur Publikationsform

Ich habe das Buch in der ursprünglichen Creative-Commons-Fassung gelesen; es war auch mal als print-on-demand erhältlich. Im November 2025 erschien es allerdings bei Random House als Hardcover, mit wohl durchgehend anderen Eigennamen als in der Ursprungsfassung. (Die Foundation heißt Organisation, die SCPs heißen Unknowns, Marion Wheeler heißt jetzt Marie Quinn, und so weiter.) Das ist dann nicht mehr unter CC-Lizenz; ob es weitere Änderungen gibt, weiß ich nicht.

Urspünglich erschien der Text nämlich als Teil eines kollaborativen Schreibprojekts. Es gibt ein Wiki zur SCP Foundation (Secure, Contain, Protect) und zur Antimemetik-Abteilung darin. Darin geht es um die antimemetischen Kreaturen/Objekte/Ideen, über die die Foundation Informationen gesammelt hat, mit Datenblättern dazu, und Tipps zum Umgang damit, zur Gefährlichkeit und Geschichte der Erforschung. Wir unterscheiden „SCP by Series“, erklärte und damit unschädliche SCP, und Scherz-Objekte, und mir als Laien fällt es wirklich schwer, das eine vom anderen zu unterscheiden. Die Texte sind teilweise geschwärzt, naturgemäß oft unklar (weil jeder, der sich näher damit befasst hat, alles darüber vergessen hat, so dass nur kryptische Notizen bleiben), es gibt Kurzgeschichten aus dieser Welt und Fortsetzungen dazu. Ich würde sehr dazu raten, die Geschichten dort in der vorgeschlagenen Reihenfolge zu lesen (die dem Roman entspricht), bevor man versucht, irgendetwas zu verstehen. ABer reinschauen kann man ja mal.


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Ein Kommentar zu „There Is No Antimemetics Division (mit Spoilern)“

  1. Bleistifterin

    beim 11. doktor gibt es solche kreaturen, die man sofort vergisst…

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