Ich höre nicht oft Hörbücher, als mir diese Fassung des Hoffmann-Romans unterkam (SWR Mediathek, sie nennen es Podcast, aber es ist natürlich keiner), griff ich aber zu. Via Buddenbohm, vielleicht? Ich kannte zuvor nur den Anfang des Romans, es stellte sich heraus: a) der Roman ist lang und verwirrend, und b) geht auf Matthew Lewis‘ The Monk zurück.
Die Inhaltsangabe auf Wikipedia deutsch ist recht kurz, auf der englischen Seite ist sie ausführlicher. Ich habe versucht, hier auf ganz andere Art für mich Inhalt und Aufbau herauszuarbeiten.
Überblick: Das eine Ende der Familie
Am einen Ende der Geschichte steht der Renaissance-Maler Francesko (Francesko 1), der eine Verbindung mit einer Dämonin eingeht, die bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes stirbt. Francesko 1 bereut diese Beziehung zwar, ihm wird aber erst vergeben, wenn seine gesamte Nachkommenschaft ausgelöscht ist. Also zieht er unsterblich herum und piesackt insbesondere seine männlichen Nachkommen, ohne sich zu erkennen zu geben. Die männlichen Nachkommen in direkter Linie zeichnen sich alle durch Vergewaltigung und Verführung aus.
Überblick: Das andere Ende der Familie (der Anfang)
Am anderen Ende, nämlich dem Anfang des Romans, steht unsere Hauptperson, der Mönch Medardus (geborener Franz, tatsächlich Francesko 5). Er verlässt das Kloster, verfällt diversen Sünden, trifft immer wieder auf unerkannte Verwandte, wird an inzestuöser Fortpflanzung gehindert und auch sonst immer wieder durch einen geheimnisvollen alten Maler (Francesko 1) gestört. Ganz am Ende ist sichergestellt, dass sich das böse Blut nicht fortpflanzt, Medardus schreibt seine Lebenserinnerungen auf und vermacht sie dem Kloster, und der Roman besteht größtenteils aus eben dieser Niederschrift. Wir erfahren erst nach und nach, was es mit Francesko 4, Meliardus‘ Vater, auf sich hat, und dann immer weiter zurück bis zur Aufklärung der Geschichte von Francesko 1.
Die Geschichte der letzten Generation
Der kleine Franz wächst bei seiner Mutter auf und geht bald – unterstützt von einer Äbtissin – als Medardus ins Kloster, wo er sich einerseits zu einem erfolgreichen Prediger entwickelt, andererseits arrogant wird und erst von einem geheimnisvollen alten Maler zurechtgestutzt werden muss. Er trinkt später verbotener Weise immer wieder von einer Flasche Wein, die als Reliquie im Kloster aufbewahrt wird, und mit der der Teufel den Heiligen Antonius versucht hat, eben jene Elixiere des Titels. Außerdem fasziniert ihn besonders ein Bild im Kloster, das Gemälde der Heiligen Rosalia. In einem Traum gesteht ihm eine Frau, die diesem Bild ähnlich sieht, ihre Liebe. Daraufhin verlässt Medardus das Kloster mit einem Auftrag, flieht aber de facto.
- Medardus ist Francesko 5, sein Vater ist Francesko 4.
- Die Äbtissin ist eine Halb-Tante von Medardus.
- Das Gemälde stammt von von Francesko 1, Vorbild für die Heilige war ihm aber die heidnische Venus, mit der er seine Nachkommen zeugt.
- Die Frau aus dem Traum ist Aurelie, wie Medardus in der Urenkel-Generation von Francesko 2, der Traum taucht später aus ihrer Perspektive noch einmal auf.
- Der geheimnisvolle alte Maler ist der unsterbliche Francesko 1, der immer wieder mal auftauchen wird.
Medardus flieht, stürzt versehentlich einen Mann, Viktorin, eine Schlucht hinunter und setzt, diesem ähnlich sehend und in dessen Rolle dessen Liebesbeziehung zur schurkischen zweiten Baronin Euphemie fort, die den Baron, den sie nach dem Tod von dessen erster Frau geheiratet hat, mit Viktorin betrügt. Euphemie glaubt, dass Viktorin sich nur als Mönch verkleidet hat. Als Aurelie auf dem Anwesen auftaucht und sich Medardus von Euphemie abwendet, will diese Medardus vergiften, der ihr aber selbst den vergifteten Wein unterjubelt („verwechselte geschickt die Gläser“). Außerdem tötet Medardus im Kampf Euphemies Stiefsohn Hermogen, Aureliens Bruder. Medardus flieht wieder und nennt sich ab jetzt Leonard.
- Der in die Schlucht gestürzte Viktorin ist gar nicht tot, sondern hat überlebt. Er ist Medardus‘ Halbbruder und sieht ihm deshalb ähnlich.
- Euphemie ist Medardus‘ und Viktorins illegitime Halbschwester väterlicherseits, also auch ein Kind von Francesko 4; alle haben unterschiedliche Mütter. Sie ist außerdem Aureliens Halbschwester mütterlicherseits und ihre Stiefmutter, weil sie nach dem Tod der von Francesko 4 verführten ersten Baronin, Euphemies Mutter, dessen Witwer, den Mann ihrer toten Mutter, geheiratet hat.
- Hermogen ist einfach nur das Kind von Baron und erster Baronin und damit Aureliens Bruder.
Leonard-Medardus kommt über eine Stadt (aus der ihn der geheimnisvolle Maler verscheucht, un dmit Hilfe des Friserus Belcampo) und ein Försterhaus (wo er dem totgeglaubten Viktorin begegnet, der als Mönch verkleidet ist) an einen Fürstenhof. Dort erfährt er:
Die Geschichte der vorletzten Generation
Es war um die Zeit kurz nach der Hochzeit von Fürst und Fürstin, Leonards Gastgebern. Die Fürstin hat eine ältere Schwester, die Prinzessin; der Fürst hat einen jüngeren, hübscheren und interessanteren Bruder, den Prinzen. Dieser bringt einen wunderlichen fremden Deutschen mit, Francesko, und außerdem einen Maler. Bruder und Fürstin liebäugeln heftig miteinander, woraus aber nichts wird; die Schwester liebäugelt mit dem Francesko. Da kommt auch noch eine italienische Adlige an den Hof, die früher einmal den Fürstenbruder hätte heiraten sollen. Francesko interessiert sich auch für sie und vorerst weniger für die Fürstinnenschwester, und auch der Fürstenbruder wendet sich wieder seiner alten Liebe zu.
Der Maler malt Porträts von der Fürstinnenschwester und Italienerin, weswegen der Fürstenbruder eifersüchtig wird. (Chris de Burghs „The Painter“ greift auf Brownings „My Last Duchess“ zurück, aber Maler als Grund zur Eifersucht waren wohl auch so ein Topos?) Der Maler rächt sich mit einer Verzerrung des Italienerinnen-Porträts und einem orakelhaften Fluch. Nach der Trauung, noch in der Hochzeitsnacht, wird der Fürstenbruder getötet; man hält den nicht mehr auffindbaren Maler für den Täter. Die italienische Adlige, jetzt Prinzessin, ist schwanger und gebiert ihr Kind.
Später soll die Prinzessinnen-Schwester doch noch den Francesko heiraten, ganz kleiner Rahmen; das verhindert aber der plötzlich wieder aufgetauchte Maler. All das sind der unglückliche Erinnerungen für die Fürstin.
- Der Maler ist natürlich Francesko 1, der unsterblich Umherziehende, der die inzestuöse Hochzeit verhindet.
- Francesko: ist Francesko 4, wohl der Hauptschurke in der Familie. Halbbruder väterlicherseits von Fürstin und Schwester, illegitimer Halbbruder mütterlicherseits von Prinz und Herzog.
- Der Vater des zum Ende hin geborenen Kindes ist mitnichten der tote Fürstenbruder, sondern der schurkische Francesko 4, der sie vermutlich in der Hochzeitsnacht vergewaltigt hat.
- Es ist dann auch Francesko 4, der den Prinzen in der Hochzeitsnacht getötet hat, und keinesfalls der Maler..
- Die Fürstin und ihre Schwester: Kinder von Francesko 3.
- Der Früst und sein Bruder: Enkel von Francesko 2.
- Die italienische Adlige: Illegitime Enkelin von Francesko 2, illegitime mütterlicherseitige Halbschwester der Prinzessin und ihrer Schwester; väterlicherseits Halbschwester der ersten Baronin. Sie stirbt bald nach der Geburt des Sohnes, der ist Viktorin, dessen Vater Francesko 4.
- Die Schwester der Fürstin bleibt unverheiratet und geht als Äbtissin ins Kloster; sie ist es, die später den jungen Medardus fördert.
Vielleicht hilft ja dieser Überblick:

Notropis procne, Francesko Family Tree & Relationships – Devils Elixirs by E.T.A. Hoffmann.drawio, CC0 1.0
Fortsetzung der Geschichte der letzten Generation
Als überraschend Aurelie am Hof erscheint, wird Leonhard-Medardus verhaftet, weil er für Medardus gehalten wird. Zuspruch erhält er durch den geheimnisvollen alten Maler. Da taucht der wahnsinnige Viktorin auf, der sich für Medardus hält, worauf Leonhard-Medardus nicht nur freigelassen wird, sondern Aurelie heiraten soll. Er liest heimlich einen Brief Aureliens und wir erfahren mit ihm die bisherige Geschichte aus Aureliens Sicht.
- Aureliens Mutter pflegte heimlich ein Bildnis des „Teufels“, nämlich Francesko 4, anzusehen; sie hatte ein Verhältnis mit ihm und ist die Mutter Euphemiens.
- Aurelie sah einst in einem Traum Medardus im Kloster und verliebte sich in ihn – es ist die Schilderung der Traumvision, die Medardus ganz am Anfang aus dem Kloster forttrieb. Im Zuge dessen liest sie auch Matthew Lewis Der Mönch.
- Der geheimnisvolle alte Maler ist weiterhin Francesko 1.
Die Hochzeit Medardus-Aurelie findet nicht statt: Im Wahn greift Medardus Aurelie an, kämpft mit dem Doppelgänger-Viktorin, und erwacht in einem Kloster, gerettet vom Friseur Belcampo. Medardus geht nach Rom und entdeckt dort, nach heftiger Buße und Selbstkasteiung, ein nach und nach fortgesetztes Manuskript des geheimnisvollen alten Malers, das alles enthüllt:
Das Pergamentblatt des alten Malers (Die Geschichte der ersten drei Generationen)
Der fiktive Herausgeber nennt die echten Namen der Personen, oder deren Initialen, und erinnert uns: „Alles wird sich, lieber Leser, nun klärlich dartun, wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behältst.“ Ich sehe das anders, und Hoffmann vielleicht auch, deshalb formuliere ich etwas abstrakter. All das Folgende ist in einem kurzen Kapitel als info dump festgehalten.
Francesko 1, Schüler Leornados da Vinci, gibt seine Thronfolgerrolle zugunsten seines Bruders auf, um Maler zu bleiben; er malt vor allem heidnische Gestalten und insbesondere – nach echten Modellen! – die nackte Venus. Für ein Kloster soll er eine Heilige Rosalia malen und versieht diese, verführt durch den Teufelswein der Versuchung des Heiligen Antonius, mit dem Kopf der ihm lebendig erschienenen heidnischen Venus. Mit dieser erschienenen Venus lebt er frevelhaft zusammen und zeugt ein Kind, Francesko 2.
- Das Gemälde ist jenes Bild, das Aurelia so ähnlich sieht und im Kloster hängt.
Francesko 2 wird von einem alten Adligen in einer Höhle als Findelkind gefunden und aufgezogen. Herangewachsen verführt Francesko 2 seine junge Adoptivmutter Gräfin S., woraus zwei Kinder entstehen: Pietro, der spätere Vater der ersten Baronin (legitim) und der italienischen Adligen (illegitim), und Angiola, die spätere Mutter von Francesco 4 einerseits (illegitim) und Prinz und Prinzenbruder andererseits (legitim). Nach einiger Zeit bewirkt Francesko 1, dass Francesco 2 der Nachfolger seines Bruders, des Fürsten, wird. Francesko 2 zeugt einen legitimen Nachfolger, Francesko 3 (Paolo Francesko).
Die beiden Halbgeschwister von Francesko 3, Pietro und Angiola, kommen an dessen Hof. Pietro verführt die junge Braut von Francesco 3 (daraus entstehende Tocher ist später die italienische Adlige); Francesco 3 betrügt währenddessen seine Frau mit der unter Drogen gesetzten Angiola (Kind: Francesko 4). Mit seiner tatsächlichen Frau zeugt er später die Fürstin und die Fürstinnenschwester, die spätere Äbtissin. Angiola ist die Mutter von Fürst und Fürstenbruder.
Das Ende der Geschichte der letzten Generation
Medardus erlebt in Rom noch ein wenig retardierendes kirchliches Ränkespiel außerhalb seiner eigentlichen Geschichte, bevor er in sein ursprüngliches Kloster zurückkehrt. Die Mönche dort wissen nicht so recht, wer jetzt eigentlich für die Missetaten verantwortlich ist – Medardus oder Viktorin-als-Medardus, der inzwischen eine Weile als Patient in diesem Kloster verbracht hat. (Das wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, uns auf die Idee zu bringen, dass er erzählende Medardus ursprünglich Viktorin war, der den echten ab einem bestimmten Zeitpunkt ganz ersetzt hat. Aber diesen Weg geht der Roman nicht.)
Aurelie legt gerade ihr Nonnengelübde ab. Medardus kämpft erst mit sich, und gewinnt, dann erscheint Viktorin und ersticht Aurelie. Medaradus büßt im Kloster, schreiber im Auftrag seine Geschichte auf und stirbt exakt ein Jahr nach Aurelie. Pietro Belcampo erscheint und bleibt im Kloster.
Meine Erfahrungen damit
Lovecraft hätte seine Freude daran gehabt. (Er schreibt in seinem großen Essay lobend über Lewis‘ The Monk, erwähnt Hoffmann aber nur beiläufig.) Ein Mensch zeugt Nachkommen mit einem Nichtmenschen, böses Blut vererbt sich fort, der Erzähler mehrere Generationen danach deckt alles auf, ein unsterblicher Vorfahrt mischt immer wieder mit.
Jeder Francesko hat nur einen Sohn, bis auf Francesko 4, der das Doppelgängerpaar Viktorin-Medardus zeugt. Dass Viktorin die unterdrückte böse Seite des Medardus repräsentiert, ist naheliehend, eben deshalb hätte mich ein Rollentausch interessiert. Der als Schurke hingestellte Viktorin ist dabei nur für einen Tod verantwortlich, die Ermordung Aureliens; sonst macht er eigentlich nicht viel, während Medardus Euphemie den vergifteten Wein trinken lässt und Hermogens Bruder ersticht.
Auch ein typisches Gruselmotiv: verfluchte Gemälde – die heilige Rosalia, die von dem Kloster, für das es geschaffen wurde, abgelehnt und durch eine Kopie ersetzt wurde; das Original ging in das Kloster, in dem Medardus sein Mönchsleben begann. Die Ähnlichkeit über Generationen hinweg – Aurelie und Rosalia, deren Vorbild die Ur-Dämonin war.
Ich habe das Hörbuch sehr gründlich gehört, viele Stellen mehrfach, andere auch nachgelesen. Hätte ich beim Lesen mehr oder weniger Überblick gewonnen, am Ende sogar aufgegeben? Gut möglich.
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