Als Kind oder Jugendlicher las ich ein Märchen in einem Kinder-Magazin. Das war nicht in unserem Haushalt, sondern ich las es als Gast irgendwo. Das Magazin war in einem ungewohnten Format, eher quadratisch als hochkant. Sonst weiß ich nichts mehr darüber.
Aber das Märchen habe ich nicht vergessen, es ist die Geschichte vom Zauberfaden. Im Web habe ich sie fälschlich den Brüdern Grimm zugeschrieben gesehen; oft ist von einem französischen Ursprung die Rede; ein bekannter Motivationscoach (Robin Sharma) hat es in seinem bekanntesten Buch verwendet, ein amerikanischer Politiker (William Bennett) hat es in den 1990ern in einer Sammlung für Kinder veröffentlicht. Aber eine solide Quelle davor habe ich bislang nicht gefunden. Das wundert mich. Auch wenn es sich um eine anonyme französische Fabel handeln mag, gibt es doch bestimmt einen schriftlichen Überlieferungszweig.
Das Märchen ist jedenfalls bekannt und keinesfalls ein Geheimtipp: Ein ungeduldiger Junge bekommt von einer Fee oder Hexe eine magische Garnrolle. Wann immer er etwas nicht erwarten kann, muss er nur ein wenig Garn von der Rolle ziehen, und schon ist Samstag. Oder Sonntag. Es kommt, wie es kommen muss: Der Junge zieht immer öfter am Faden, überspringt immer mehr langweilige oder schmerzhafte Ereignisse, bis er am Ende alt und sein Leben vorbei ist und er bereut, so wenig davon gehabt zu haben.
(Ja, es gibt eine Parallele zum Adam-Sandler-Film Click.)
Technisch ist das vielleicht auch gar nicht so einfach mit der Moral von der Geschichte. Denn ausgehend von diesem Märchen habe ich mir als Jugendlicher schon überlegt, dass solche Zeitsprünge ja eigentlich leicht zu bewerkstelligen wären. Ich könnte jemandem versprechen, ihn eine Woche in die Zukunft zu transportieren, und nach einer Woche könnte ich vorbeikommen und abkassieren und behaupten, die Dienstleistung ja in diesem Moment erbracht zu haben. Ein solcher Zeitsprung ist ja nicht zu unterscheiden von der Erinnerung an die Zeit. Ich hoffe, ich drücke michhalbwegs verständlich aus.
(Klar, wenn man sich nicht erinnern kann, ist das zweifelsfrei etwas anderes; dann verliert man etwas. Das ist wie die Strafe bei Judge Dredd, wo man statt zehn Jahre ins Gefängnis gesteckt zu werden, einfach spontan um zehn Jahre älter gemacht wird.)
(Und wieder etwas anderes ist es, wenn man sich andersherum an zehn Jahre Leben erinnert, die dann doch nie geschehen sind. Picard ging es in einer Episode so, und in Grillparzers Der Traum ein Leben und in der Ballade von Manuel geschieht ähnliches.)
Warum ich auf all das komme: Chatbot-Nutzung ist wie das Zupfen am Zauberfaden.
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