Das Märchen vom Zauberfaden

(12 Kommentare.)

Als Kind oder Jugendlicher las ich ein Märchen in einem Kinder-Magazin. Das war nicht in unserem Haushalt, sondern ich las es als Gast irgendwo. Das Magazin war in einem ungewohnten Format, eher quadratisch als hochkant. Sonst weiß ich nichts mehr darüber.

Aber das Märchen habe ich nicht vergessen, es ist die Geschichte vom Zauberfaden. Im Web habe ich sie fälschlich den Brüdern Grimm zugeschrieben gesehen; oft ist von einem französischen Ursprung die Rede; ein bekannter Motivationscoach (Robin Sharma) hat es in seinem bekanntesten Buch verwendet, ein amerikanischer Politiker (William Bennett) hat es in den 1990ern in einer Sammlung für Kinder veröffentlicht. Aber eine solide Quelle davor habe ich bislang nicht gefunden. Das wundert mich. Auch wenn es sich um eine anonyme französische Fabel handeln mag, gibt es doch bestimmt einen schriftlichen Überlieferungszweig.

Das Märchen ist jedenfalls bekannt und keinesfalls ein Geheimtipp: Ein ungeduldiger Junge bekommt von einer Fee oder Hexe eine magische Garnrolle. Wann immer er etwas nicht erwarten kann, muss er nur ein wenig Garn von der Rolle ziehen, und schon ist Samstag. Oder Sonntag. Es kommt, wie es kommen muss: Der Junge zieht immer öfter am Faden, überspringt immer mehr langweilige oder schmerzhafte Ereignisse, bis er am Ende alt und sein Leben vorbei ist und er bereut, so wenig davon gehabt zu haben.

(Ja, es gibt eine Parallele zum Adam-Sandler-Film Click.)

Technisch ist das vielleicht auch gar nicht so einfach mit der Moral von der Geschichte. Denn ausgehend von diesem Märchen habe ich mir als Jugendlicher schon überlegt, dass solche Zeitsprünge ja eigentlich leicht zu bewerkstelligen wären. Ich könnte jemandem versprechen, ihn eine Woche in die Zukunft zu transportieren, und nach einer Woche könnte ich vorbeikommen und abkassieren und behaupten, die Dienstleistung ja in diesem Moment erbracht zu haben. Ein solcher Zeitsprung ist ja nicht zu unterscheiden von der Erinnerung an die Zeit. Ich hoffe, ich drücke michhalbwegs verständlich aus.

(Klar, wenn man sich nicht erinnern kann, ist das zweifelsfrei etwas anderes; dann verliert man etwas. Das ist wie die Strafe bei Judge Dredd, wo man statt zehn Jahre ins Gefängnis gesteckt zu werden, einfach spontan um zehn Jahre älter gemacht wird.)

(Und wieder etwas anderes ist es, wenn man sich andersherum an zehn Jahre Leben erinnert, die dann doch nie geschehen sind. Picard ging es in einer Episode so, und in Grillparzers Der Traum ein Leben und in der Ballade von Manuel geschieht ähnliches.)

Warum ich auf all das komme: Chatbot-Nutzung ist wie das Zupfen am Zauberfaden.


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12 Kommentare zu „Das Märchen vom Zauberfaden“

  1. Stefan Loskamp

    „Chatbot-Nutzung ist wie das Zupfen am Zauberfaden“: Das ist the best Aphorismus ever, weil KI macht dumm, dümmer gehts nimmer!
    :-)

  2. Danke, sehr schöner Text. – Wie passend, dass ich gerade vorhin im heutigen SZ-Feuilleton Kathleen Hildebrands „Sorry, das ist Menschensache“ gelesen habe –> https://www.sueddeutsche.de/kultur/kuenstliche-intelligenz-journalismus-kritik-voigt-doepfner-li.3499264

  3. Kleinpferd

    Ja, schon sehr abseitig, was mir dazu einfällt, trotzdem hier der Liedtext einer wohl russischen Volksballade in deutscher Umdichtung aus der Bündischen Liedertradition.

    1. Horch, wie die Domra spinnt ihr feines Silberfädchen!
    tanzen hinterm Erlenwald im Sommer unsre Mädchen.
    Kennst du nicht die alte Hütte? Moos wächst düster auf dem Dache,
    und die Eibe raunt im Winde überm dunklen Bache.

    2. Warn ich dich, Gregor, gehe nicht zum Tanz hinunter,
    tanzen dort am Eibenbaume auch die Mädchen munter,
    klatschen sie in ihre Hände – alle sind sie Zauberinnen,
    weben sie die Hexenfädchen, schwarze Weberinnen!

    3. Doch unter allen weiß ich eine schöne Hexe,
    schnitt am Sonntag in der Frühe Wurzeln und Gewächse,
    braut am Montag trübe Säfte, brodelt Dienstag ungeheuer,
    schäumend trank’s am Mittwochabend Gregor nachts am Feuer.

    4. Kaum kam der Donnerstag, war Gregor stumm gestorben:
    weißes Kinn und kalte Hände, jäh am Gift verdorben.
    Freitag kamen viel Leute, dünn ist unser Glöckchen gangen,
    Popes Bart weht weiß im Winde, und die Kinder sangen.

    5. Sangen sie laut ein frommes Lied im Sommerregen.
    Doch die Burschen fluchten heimlich auf den Kirchhofswegen:
    Du hast deine Hexenkünste heut zum letztenmal gewonnen,
    hast dein schwarzes Zauberfädchen einmal nur gesponnen!

    Es gibt noch andere Textvarianten, die mit „Gehe nicht, oh Gregor..“ beginnen, die sich auch in den Liederbüchern meiner Schulzeit fanden.
    Vermutlich lässt sich auch im Aarne-Thompson-Uther-Index etwas zu Zauberfäden finden. Auch die Moiren kommen einem da in den Sinn.

  4. […] Das Märchen vom Zauberfaden […]

  5. Danke, Peter, für den Link!

    @kleinpferd: Ich habe tatsächlich im Index gesucht, und in der Enzyklopädie des Märchens, aber nichts gefunden. Allerdings habe ich nach Faden gesucht und nicht etwa nach Zeit, Frau Rau erinnert sich an einen Knopf, an dem man drehen kann. (Zum Lebensfaden gab es natürlich Funde. Russische Volksballaden: nur immer her damit!)

  6. […] Herr Rau erzählt Das Märchen vom Zauberfaden […]

  7. Stone Pony

    Spinnen (Textilherstellung), Zeit und Zauberei scheinen mir schon einen festen Kontext zu bilden, z.B. in „Rumpelstilzchen“, Penelope und ihre gegen die Freier gerichtete List, da gibt es sicher noch weiteres. Die eintönige und langwährende Arbeit erscheint als Ausdruck der vergehenden oder eben im magischen Kontext nicht vergehenden Zeit. Der Versuch die Zeit anzuhalten oder ihre Grenzen zu überwinden führt zu (Beinahe-)Katastrophen.

  8. MM

    Im deutschen Bereich wird das wohl auf Paul Waller, „Die schönsten Kindergeschichten“, 1984 zurückgehen (Deutsche Nationalbibliothek, Link https://d-nb.info/840866240). Laut dem Inhaltsverzeichnis „Aus Frankreich : Der Zauberfaden“. Wieviel bei solchen Bearbeitungen vom Original (wenn man das denn finden könnte) erhalten bleibt, ist fraglich.

  9. MM

    Es sollte heißen: Wanner nicht Waller. Au weia, das warme Wetter macht mir doch zu schaffen…

  10. Vielen Dank, MM! Vom Buch habe ich auch nicht mehr als Titel und Inhaltsverzeichnis gefunden, bin aber wenigstens auf eine noch frühere Ausgabe gestoßen: „Die schönsten Märchen Europas Band 1“, Paul Wanner, bei Schreiber Esslingen, 1971. Das enthält ebenfalls den Zauberfaden.

    Auch bei Stackexchange heißt es nur: „An old French fable“, „has been retold many times“: https://scifi.stackexchange.com/questions/220268/childrens-story-boy-receives-a-ball-of-yarn-pulling-it-jumps-ahead-in-life

    Aktueller Tipp: Einer der 13 Bände von „Le trésor des contes“ von Henri Pourrat: „https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Pourrat – hier das Inhaltsverzeichnis auf Französisch: https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Tr%C3%A9sor_des_contes – wo ich aber nichts Passendes entdecke. Allerdings ist mein Französisch arg rostig.

  11. Rina

    https://www.babelio.com/livres/Ponthier-Le-fil-magique/1742942
    Hier ist eine französische Quelle, Nikolai Ustinov steht dabei als Übersetzer, aber es gibt wohl auch eine Sammlung von Märchen aus aller Welt von ihm, da spricht ja vielleicht auch wieder für russische Herkunft, mit le fil magique gibt es jedenfalls viele französische Treffer.

  12. Ja, le fil magique gibt es viel, aber ich habe noch nichts, was älter ist als meine erste deutsche Quelle von 1971. Ustinov ist wohl der Illustrator, auch für deutsche Ausgaben (1984).

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