Blogparade „Versager im Staatsdienst“

Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf, indem er einige Fragen zur Diskussion vorschlägt. Blogparade: Da schreiben mehrere Lehrer – wenn sie mitmachen wollen – zu einem Thema. Ich mache selten bei so etwas mit: Mir fällt nur dann leicht, über etwas zu schreiben, wenn gerade der richtige Zeitpunkt da ist (ich Lust dazu habe). Ansonsten ist das mühsam, so interessant ich das Thema prinzipiell auch finden mag, und diese Mühe nehme ich nicht auf mich.

A) Gibt es an deutschen Schulen generell zu viele schlechte Lehrer?

Nein. Ich kann nur für bayerische Gymnasien sprechen; von anderen Schularten habe ich keine Ahnung – und selbst vom Gymnasium nur ein wenig. Es gibt schlechte Lehrer, sicher mehr, als manche meinen, und weniger, als andere glauben. Aber was heißt „zu“ viele? Sicher wäre es eine spürbare Verbesserung, wenn es weniger schlechte Lehrer gäbe. Aber wie groß wäre diese Verbesserung, gemessen an anderen Schrauben, an denen man drehen könnte? Klein, glaube ich.
Rein praktisch wird ein Großteil der Lehrer, mich eingerechnet, im Mittelfeld sein, und damit muss man leben. Wenn es keine schlechten Lehrer am Gymnasium mehr gäbe, hätte Bayern dann das G8 nicht eingeführt? Nicht die mündlichen Noten in der Oberstufe stärken müssen, um die Schnitte zu halten? Nicht das Mathe-Abitur quasi-zurückziehen müssen? Das glaube ich nicht. Einen Anteil von schlechten Lehrern kann die Schule verkraften.

B) Woran erkennt man, ob ein Lehrer seinem Job nicht gerecht wird?

Das weiß ich nicht, und das halte ich auch für das Hauptproblem bei der Suche nach schlechten Lehrern. Indizien sind: Der Lehrer ist selber unglücklich mit seiner Arbeit. Oder es gibt häufig und regelmäßig Beschwerden. (Ein paar Beschwerden dürfen aber sein. Wer nie einen bösen Brief kriegt oder einen Test mit kommentierenden Pos-Its zurückkriegt, ist vielleicht etwas zu angepasst.) Ich glaube, ich habe noch nie einen Lehrer getroffen, der nicht für mindestens ein paar Schüler in der Klasse besonders geeignet war – und das gilt selbst für die Lehrer, über die viel geklagt wird.
Noch ein Indiz: Ein geringes Interesse an den Fachinhalten.
Am liebsten würde ich sagen: Die Schüler lernen nichts oder das Falsche, aber wie will man das feststellen?

C) Wie sollte man mit solchen Lehrern verfahren (dürfen)?

Nach der Probezeit kündigen. (Geht nicht mit Beamtenstatus.) Nachqualifizierung verlangen und anbieten. Alternativen aufzeigen. (Schwierig mit Beamtenstatus.)

D) Welchen Anteil hat das Lehramtsstudium?

Keinen großen. Es scheint allerdings möglich zu sein, ein Studium zu absolvieren, ohne ein besonderes Interesse an der Fachwissenschaft zu haben. Das wäre ganz schlecht.

E) Was sollte verändert/ verbessert werden?

Es ist ein Skandal, dass Referendare mit 17 Stunden Einsatz als billige Arbeitskräfte verschlissen werden. Baustellen sind das Verhältnis zwischen Kultusministerium und Lehrern (die einen hätten gerne eines, die anderen nicht) und die Auswahl von Schulleitungen.
Der Lehrerberuf sollte auf jeden Fall auch die fachlich interessierten Studierenden anziehen. Kein wissenschaftliches Schmalspurstudium.

F) Sollten die Schulen die Lehrer selbst aussuchen dürfen?

Ja, bei allen Nachteilen.

G) Sollte der Beamtenstatus abgeschafft werden?

Ja. Ich sage das eher als Bürger. Alle angeblich hoheitlichen Aufgaben, die verbeamtete Lehrer erfüllen, werden schon jetzt auch von angestellten Lehrern im gleichen Maß übernommen. Deshalb sehe ich keine Rechtfertigung dafür. Klar hat das Beamtentum auch Vorteile für Lehrer, auch Vorteile für Staat und Eltern/Schüler.

H) Sollte es eine Art „Belohnungssystem“ wie in der freien Wirtschaft geben?

Ja. Oder nein. Ich weiß nicht, wie man das umsetzen sollte. Es gibt im Moment in Bayern (wieder) ein Bonussystem, mit dessen Umsetzung ich nicht zufrieden bin. Mit der aktuellen Folge von Studienrat, Oberstudienrat, Studiendirektor bin ich auch nicht zufrieden. Vielleicht sollte nur einen Dienstgrad haben und Zusatzaufgaben mit Boni honorieren. Wenn das allerdings als Sparmaßnahme umgesetzt wird, wird der Lehrerberuf aber weniger attraktiv für die Leute, die auch Karriere machen wollen – und die braucht es auch.

I) Woran gehen die Kollegen denn kaputt?

Daran, dass ihnen das Unterrichten keinen Spaß (mehr) macht. Aber woher das jeweils kommt, weiß ich nicht.

J) Wie entstehen die 30% Lehrer, die laut Schaarschmidt quasi dissoziiert sind?

Dazu habe ich nur Vermutungen auf einer sehr geringen Datenbasis.

24 Gedanken zu “Blogparade „Versager im Staatsdienst“

  1. Lieber Herr Rau,
    vielen Dank für deinen Beitrag, geschrieben trotz deiner eigentlichen Aversion. Ich denke, dass viele deiner Punkte Zustimmung finden, vor allem da, wo es um den Verschleiß der Referendare geht, der ja in Bayern übermäßig stark ist. Interessant wird es, inwiefern auch andere Beiträge ihre Sicht auf das Beamtenverhältnis darlegen, denn genau hier scheint ja das Hauptproblem vieler Kritiker zu sein. Wir dürfen gespannt sein.
    Bob Blume

  2. (Es folgt: Der erste Einwand zu einem der einzelnen Punkte in den Kommentaren zu einem zukünftig an Einwänden zu einzelnen Punkten in den Kommentaren sicher nicht armen Blogeintrag.)

    Zu Punkt D: Es ist möglich, ein Studium zu absolvieren, ohne ein besonderes Interesse an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu haben. Das ist schlimmer. Viel (?) schlimmer als ein fehlender Fachbezug.

    Die Praxisorientierung im Lehramtsstudium ist mehr als mangelhaft.
    Noch vor dem Examen stehen Leute da, die man nicht auf Kinder, bzw. Schüler nicht auf diese loslassen sollte. Das können auch ganz hervorragende Fachwissenschaftler sein. Wenn man sein erstes langes Praktikum erst nach 5 (+-2) Semestern macht und merkt, dass einem das nicht taugt, bricht man meist trotzdem nicht mehr ab.

  3. Ebenfalls zu Punkt D:

    Ich stimme Moe zu. Die Fähigkeit oder Unfähigkeit, mit einer Gruppe junger Leute umzugehen, sollte das erste Kriterium sein, an dem sich entscheidet, ob jemand ein Lehramtsstudium anfängt. Deshalb wäre ich dafür, dem fachlichen Studium ein mindestens einmonatiges Blockpraktikum vorzuschalten, in dem der Lehramtsstudent in spe Unterricht begleiten, analysieren und selber halten muss, vorwiegend natürlich in Unter- und Mittelstufe, damit niemand das Gefühl haben muss, er sei fachlich überfordert.

    Dazu dringend erforderlich ist die aktive Begleitung durch Betreuungslehrkräfte, die dafür eine Ermäßigung in ihrem Stundendeputat bekommen müssen (in den restlichen Monaten gerechtfertigt durch die Betreuung von Blockpraktika von Lehramtsstudenten nach dem zweiten Studienjahr).

    Das Fachwissen ist zweifelsohne wichtig. Es ist eine Basis, auf der der Unterricht – vor allem, aber nicht nur in der Oberstufe – erst möglich wird. Ich bin ein großer Freund des Fachwissens, denn es ist eng verknüpft mit dem Spaß, den Lehrkräfte an ihren Fächern haben sollten. Aber es sollte nicht schwerer wiegen als die Sozialkompetenz der Lehrkraft.

    Und da sind wir an einem heiklen Punkt: Die allermeisten Lehramtsstudiumsanfänger sind noch sehr jung. Man entwickelt sich und reift während des Studiums. Manche, die mit 19 Jahren noch nicht vor einer Klasse stehen können, ohne sich zu blamieren oder aus Selbstverteidigungsreflex den Diktator zu markieren, könnten das mit 25 Jahren dann durchaus.

    Es wäre also sinnvoll, ein wie oben beschriebenes Kurzpraktikum verpflichtend zu machen (viel intensiver und mit erheblich mehr Praxisanteil als das jetzige windige „Orientierungspraktikum“ in Bayern) und ein intensives, auch schriftlich fixiertes Beratungsgespräch anzuschließen, in dem die Stärken und Defizite des Praktikanten klar benannt werden müssen.

    Zu Punkt A:
    Die Frage, ob es „generell“ zu viele „schlechte“ Lehrer gibt, ist durch die Undefiniertheit und Emotionalität der Begriffe einfach unsinnig.

    Zu Punkt B:
    Ob jemand dem Lehrerberuf nicht gerecht wird, erkennt primär die Lehrkraft bei einer ehrlichen Selbstüberprüfung selbst – alle anderen können nur die Symptome erkennen. Was immer im Vordergrund stehen muss, ist das Bemühen, dass die Schüler am Ende des Schuljahrs mehr können und wissen als am Anfang – idealerweise all das, was im Lehrplan dieses Schuljahrs steht, und noch ein bisschen mehr, was mit dem Fach nicht unbedingt zu tun haben muss.
    Sehr gute Lehrkräfte schaffen das sogar so, dass die Schüler dabei eigene Lernfreude und Forscherdrang entwickeln. Sehr gute Schüler schaffen das manchmal sogar bei mittelmäßigen Lehrkräften. Was passiert, wenn sehr gute Lehrkräfte auf sehr gute Schüler treffen – nicht auszudenken!

    Was bei schlechten Lehrkräften im Vordergrund steht: Man muss am Ende des Schuljahrs die vorgeschriebene Anzahl an Noten vorweisen können, und der Schnitt darf weder zu schlecht noch zu gut sein.
    Und ich befürchte, es gibt noch schlechtere Lehrer: Die nur deswegen diesen Beruf ergriffen haben, weil sie dort Macht ausüben können, teils subtil, teils brachial. Ich kann nur hoffen, dass dieser Prozentsatz ziemlich niedrig liegt.

    Um zu verhindern, dass ungeeignete Leute Lehrer werden, müsste (zurück zu Punkt D) das Eingangs-Blockpraktikum eine wirkliche Filterfunktion haben. Das kann daran scheitern, dass es nicht überall genügend engagierte und kompetente Lehrkräfte gibt, die Zeit haben, die Praktikanten betreuen. Das ließe sich wohl durch konstruktive Einbindung des Finanzministeriums lösen.

    E und F: Wie Herr Rau.
    G: Ich weiß nicht, ob das einen großen Unterschied machen würde.

  4. Mir erscheinen die Fragen doch etwas sehr allgemein. Wenn man da , wo es geht versuchsweise statt „Lehrer“ die Begriffe „Schüler“ oder „Eltern“ einsetzt, bekäme man ebenfalls mehr oder weniger sinnlose Pauschalaussagen.

    Ein Lehrer, der eine Berufslaufbahn von 30 oder mehr Jahren abschreitet, verändert sich doch ständig. Ein Lehramtsassessor mit 29 ist doch eine völlig andere Gestalt, als ein angegrauter Studiendirektor mit 59. Ein Deutschlehrer begegnet seiner Klasse doch ganz anders als ein Geographielehrer. „Herr X, wir hatten Sie vor sieben Jahren in der Unterstufe, jetzt sind Sie ja ganz anders, gar nicht mehr so streng!“

    Insgesamt erscheinen mir auch die weiteren Überlegungen in den Kommentaren etwas einschichtig. Man kann doch Fachwissen nicht gegen Persönlichkeit oder pädagogischen Eros ausspielen. Man benötigt alle drei, nun ja, Kompetenzen, je nach Situation in unterschiedlichem Maß.

    Und vielleicht sollte man alles ein wenig tiefer hängen. Bei 5 bis 7 Klassen unterschiedlichster Jahrgangsstufen und verschiedenen Fächern bin ich froh, wenn ich gefühlt zwei Klassen oder Kurse am Ende des Schuljahres glaube vorangebracht zu haben und in den weiteren Klassen kein größerer Unfall geschehen ist. Hinter den pauschalen Fragen stecken also pauschale Erwartungen. Die machen Kollegen kaputt, weil sie Ansprüche formulieren, die beim besten Willen niemand einlösen kann.

    Mir macht der Unterricht in meiner 5. Klasse derzeit überhaupt keinen Spaß, weil ich da bloße Grundschulkompensatorik betreiben muss, obwohl ich dort laut zahlreichen Aussagen von Eltern und Schülern, nicht nur mir gegenüber, ganz gut anzukommen scheine. Gutachten über miserable Seminararbeiten zu schreiben macht auch keinen Spaß. Aber das heißt doch lange nicht, dass ich nicht irgendwann wieder auf eine 5. Klasse stoße, mit der man alle Register ziehen kann oder ich eine Arbeit lesen darf, die einen gescheiten jungen Menschen vermuten lässt.

    Woran erkennt man, dass ein Lehrer seinem Job nicht gerecht wird? An der mangelnden Münchhausen-Kompetenz: sich immer wieder aus dem Sumpf, in den man in diesem Beruf zwangsläufig geraten muss, am eigenen Zopf wieder herausziehen zu können.

  5. Dass ich das mit dem Fachbezug so betone, liegt daran, dass mir die Lehrer, die das Fachwissen für nicht so wichtig erachten, mir eher auffallen. Was mit Kindern machen wollen dagegen viele. — Aber das kann durchaus mein Filter sein, der diesen Eindruck entstehen lässt. Mir fiel als Schüler beim Englischlehrer eher auf, dass er uns Chaucer vorlesen konnte, und weniger das Pädagogische. Das fällt einem wohl nur auf, wenn es fehlt.

    Danke für den Kommentar, Beelzebub, das stimmt. Zu hohe Erwartungen.

  6. @beelzebub
    „Bei 5 bis 7 Klassen unterschiedlichster Jahrgangsstufen und verschiedenen Fächern bin ich froh, wenn ich gefühlt zwei Klassen oder Kurse am Ende des Schuljahres glaube vorangebracht zu haben und in den weiteren Klassen kein größerer Unfall geschehen ist. “

    Meine damalige Deutschfachleiterin sagte etwas Ähnliches: „Bei vielen Lerngruppen gerät immer mal eine in den besonderen Fokus. Die anderen laufen dann so nebenher, bis sie ihrerseits wieder in den Fokus geraten.“ Nach einer Schulung zu einer Unterrichtsreihe „Chemie im Kontext“ habe ich die Referentin mit nach Hause genommen. Die Veranstaltung war klasse, bis mir die vollzeitarbeitende Referentin im Auto davon erzählt hat, was sie während der Unterrichtsreihe für persönliche und berufliche Belastungen zu tragen hatte. Mich beruhigen und beunruhigen mich solche Aussagen gleichmaßen. Beruhigen, weil ich nicht ganz unnormal bin. Beunruhigen, weil sie etwas über das System aussagen, in dem wir uns bewegen.

    @Herr Rau
    Ich brauche mein halbes Diplomstudium in Chemie und den Beinahemagister in Deutsch in der Tat sehr häufig, gerade wenn es um die großen Bögen geht. Gleichzeitig habe ich die meisten Studieninhalte eigentlich erst durch meinen Unterricht vollständig durchdrungen und erfasst – z.B. sagte ein Professor mal zu uns: „Auch Goethe hat viel Mist geschrieben!“ – Goethe? . Wahrscheinlich kann man das aber nicht ins Studium „vorziehen“ – obwohl es super wäre. Einigen wir uns darauf, dass Fachlichkeit und Lehrerpersönlichkeit im Idealfall im Lehrerberuf ein dichotomisches Verhältnis eingehen.

  7. Es geht mir nicht darum, fachliche und pädagogische Eignung gegeneinander auszuspielen.

    Es geht mir auch nicht nur um pädagogisches Interesse, sondern um die Kombination eines solchen mit Talent (- was man beides in Praktika feststellen kann). Das ist für mich ein wichtigeres Ausschlusskriterium als fachliche Kompetenz.

    Wer richtet mehr Schaden an? Der Lehrer mit mangelndem pädagogischen Talent und Willen oder der mit schlechter ‚Fachlichkeit‘?

  8. Der Lehrer mit schlechter Fachlichkeit. Dilettanten glauben im Zeitalter des Internets überall mitreden zu können. Übrigens ist auch Pädagogik ein Fach und nicht eine Frage des Talents. Das ist also lern- und studierbar. Allerdings gibt es am Gymnasium eine kaum verkennbare Tendenz alles durchzupsychologisieren und zu -pädagogisieren, wo Fachdidaktik und Methodik eigentlich ausreichen würden.
    Natürlich sollte man erwarten können, dass jeder Lehrer mit Staatsexamen sich im Laufe seines Berufslebens Gegenstände oder Themen „draufschafft“, die im Studium zu kurz gekommen sind. Dass sie das in meinen Fächern häufig nicht tun, hat ganz andere Gründe, als die hier diskutierten. Für mich steht außer Frage, dass wer „Faust I“ nur nach vorgefertigten Stundenblättern unterrichtet, kein überzeugender Deutschlehrer zu diesem Thema sein kann. Das bedeutet nicht, dass man derartige Gehhilfen nicht als Steinbruch verwenden kann. Aber Schüler merken doch ganz schnell, wenn der Lehrer selbst den Gegenstand seines Unterrichts genau kennt, für wichtig hält und sich dafür begeistern kann. Wissen, Wertschätzung und emotionalen Bezug muss man sich erarbeiten, „Talent“, siehe biblisches Gleichnis, bekommt man verliehen.

  9. Ich stimme Beelzebub da zu. Es wird oft unterschätzt, wie gut sich pädagogisches Handeln und didaktisches Geschick lernen lassen. Ein gewisses fachliches Niveau muss schon da sein, sonst wirkt man nämlich auch furchtbar unsicher und handelt dementsprechend. Und das hat auch pädagogisch fatale Folgen, da eine unsichere Lehrerin ganz schnell nicht ernst genommen und dann herausgefordert wird. Fachliche Souveränität ist da wie ein Schutzpanzer, der sowohl innen aufrecht hält als auch für die Außenwelt klar macht, dass hier jemand von Bedeutung auftritt.

    In meiner Beobachtung von Referendaren und Referendarinnen habe ich bisher noch nie jemand getroffen, der fachlich brilliant, aber pädagogisch ungeschickt war (allerdings kenne ich persönlich jemanden, der an einer anderen Schule deswegen das Referendariat abgebrochen hat).

  10. Natürlich muss ein fachliches Niveau da sein. Und: pädagogisches Handeln lässt sich, wenn der Wille da ist, lernen und verbessern. (Was spricht denn gegen die Annahme, es gäbe ‚pädagogisches Talent‘?)
    Wann habe ich etwas anders behauptet? Das manche jetzt persönlich werden („Dilettant“) verletzt mich.

    Komische Diskussion, in die wir da geraten sind, aber ich behaupte weiterhin und zugespitzt: Ein Lehrer, der keinen ordentlichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen hat, richtet eindeutig mehr Schaden an.

    Natürlich basiert das alles nur auf eigener Erfahrung aus der Schule (früher und heute).

    Dass die Kombination fachlich gut und pädagogisch ungeschickt selten ist mag stimmen, aber ist das ein Gegenargument?

  11. >Wer richtet mehr Schaden an? Der Lehrer mit mangelndem pädagogischen Talent und Willen oder der mit schlechter ‘Fachlichkeit’?

    Vermutlich erster. Aber der Fall begegnet mir an meiner Schule seltener (weswegen mir das wichtiger ist, aber vielleicht stimmt meine Wahrnehmung auch nicht), auch wenn du vielleicht andere Erfahrungen gemacht hast, Moe. Auch den guten passieren oft genug Fehler.

    Dilettanten bezog sich wohl nicht auf dich, Moe, sondern auf fachlich nicht gründlich ausgebildete Lehrer, die sich ihre Grundlage schnell vorher mit Wikipedia und Verlagshandreichung bauen.

  12. Nichts spricht gegen die Annahme, es gebe pädagogisches Talent. Nur glaube ich nicht, dass der Anteil an pädagogisch besonders Begabten bei den Lehrern erheblich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung liegt. Desgleichen: pädagogisch überzeugendes Handeln kann man lernen, wenn man die nötige Empathie für Kinder und Jugendliche aufbringt. Mit Dilettantismus meine ich tatsächlich fachlich unterqualifizierte Lehrer und Nicht-Lehrer, die mit ein paar Mal googeln und einem Rückblick auf ihre eigene Schulzeit schon glauben zu wissen, was einen guten Lehrer ausmacht.
    Ein fachlich qualifizierter Lehrer kann also grobe Fehler im Umgang mit Kindern und Jugendlichen machen. Ein fachlich unterqualifizierter Lehrer am Gymnasium wird grobe Fehler im Umgang mit Kindern und Jugendlichen machen, weil er die eigentliche Zielperspektive dieser Schulart verfehlen muss. Das reicht dann eben für Unter- und noch Mittelstufenunterricht, gerne pädagogisch gut gemacht. Reicht das auch für Wissenschaftsorientierung, Studierfähigkeit, Entwicklung von Urteilsvermögen, Selbstständigkeit?

  13. Warum wird denn automatisch davon ausgegangen, dass ein fachlich qualifizierter Lehrer die vier genannten, exemplarischen Ziele transportieren kann? Das sind und bleiben didaktische Ziele. Und um diese vermitteln und erreichen zu können, muss man pädagogisch -ja, auch in der Oberstufe- was drauf haben.

    (Die angesprochene Empathiefähigkeit für Kinder und Jugendliche ist sehr ähnlich dem, was ich meine.)

    Ein pädagogisch qualifizierter Lehrer kann grobe Fehler machen. Ein pädagogisch unterqualifizierter Lehrer wird bei schwierigen Klassen pädagogisch und fachlich versagen müssen, weil das erste nicht ohne das zweite möglich ist.

    Die übermäßige Trennung zwischen Fachlichkeit und pädagogischem Können ist natürlich diskutabel, aber hier gerade gewinnbringend, finde ich.

  14. Im einen Fall halte ich das Scheitern für möglich, im anderen für gewiss. Die erste Voraussetzung für die Weitergabe von Wissen ist sein Vorhandensein. Erst ist da poiesis, dann techne, erst Kenntnis des Gegenstands, dann Kompetenz seiner Vermittlung. Ich stimme zu, das ist schon eher akademisch, aber meine Kritik richtet sich ja gar nicht gegen die Pädagogik an sich, sondern den hier andeutungsweise geforderten Vorrang, auch am Gymnasium.

    Herr Rau und ich fragten neulich mal eine modularisiert studierte Referendarin, was sie an ihrem Studium besonders interessiert hat. Mal abgesehen davon, dass sich die hoffnungsvolle junge Kollegin offenbar mit dieser Frage überfallen fühlte: es hat uns wirklich interessiert. Was sollen wir vom Nachwuchs unserer Profession halten, wenn dieser auf diese Frage keine Antwort zu geben weiß?

  15. Ich glaube, in der Frage nach dem ‚Vorrang‘ werden wir uns nicht mehr einig werden. Ich würde einen großen Teil meiner Kritik auf den pädagogisch vorbereitenden Teil des Lehramtsstudiums (Bayern) legen. Das war eigentlich der Auslöser für meine Meinung.

    Das (in manchen Bereichen übrigens verbesserte) modularisierte Studium, wenn man es in der Regelstudienzeit macht, lässt (halbwegs und je nach Fach) genug Zeit für fachliche Interessen. Aber die Frage „Will ich Lehrer werden? Wenn ja, warum?“ muss man für sich nicht zwingend beantworten.

    Aber ich glaube, da haben wir einfach andere Prioritäten ;)

  16. Ich kann Beelzebub Bruck nur zustimmen:

    Ein sehr solides und breites Fachwissen ist die Voraussetzung dafür, dass man im Unterricht noch Gehirnkapazität und Nervenstärke übrig hat, um auf Schülerverhalten pädagogisch angemessen zu reagieren.

    Schon Goethe wusste:

    Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor.

  17. „Ich würde einen großen Teil meiner Kritik auf den pädagogisch vorbereitenden Teil des Lehramtsstudiums (Bayern) legen.“
    Dem kann ich mich anschliessen.

  18. Vielen Dank für diese Blogparade! Ich muss ihnen insbesondere bei ihren Ausführungen zur Ausbildung zu stimmen.
    Ich konnte leider nur all zu oft beobachten, wie angehende Lehrkräfte ohne Probleme (und guten Norten) durchs Studium kamen, die augenscheinlich nicht für dieses Job geboren sind und auch kein wirkliches Interesse zeigten.

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