Call of Cthulhu: Rollenspiel in der Schule

By | 18.1.2016

Im aktuellen Süddeutschen Magazin steht ein langer Beitrag über eine Rollenspiel-Schule in Dänemark, ich bin noch nicht zum Lesen gekommen, hole das aber nach. Von der Schule selber weiß ich schon was, in einem Buch habe ich einen Aufsatz dazu gelesen, nachdem mich ein Artikel im Magazin LARPZeit darauf gebracht hatte (Blogeintrag 2010).

Aber hier soll es heute um das klassische Pen&Paper-Rollenspiel gehen, oder, wie es früher hieß, „Rollenspiel“. Das musste man damals zwar bei jeder Erwähnung abgrenzen von jenen Rollenspielen, die man aus dem Jugendarbeitsworkshop oder anderen Treffen in Pfarrheimen kannte, aber anderes gab es nicht. Heute denken viele an LARP, das zumindest unter Schülern bekannter sein dürfte als klassisches Pen & Paper. In meinem W-Seminar zu Horror und Grusel ging es – natürlich – auch um H. P. Lovecraft, und damit dann auch zumindest in einem Nebensatz um das Rollenspiel, das nach seiner bekanntesten Kurzgeschichte benannt ist (auch wenn es stilistisch eher zu „The Dunwich Horror“ passt) und das maßgeblich für die Allgegenwart von HPL in der heutigen Populärkultur verantworlich sein dürfte: Call of Cthulhu.

(Hier ein ausgezeichneter und ausführlicher Artikel zur Entstehungsgeschichte von CoC und dessen maßgeblichen Autor, Sandy Petersen, der zehn Jahre später eine große Zahl der Levels von Doom entwarf, und wir wissen ja alle, welche Rolle Doom in der Geschichte der Computerspiele spielt.)

Neu an CoC war vor allem der Gedanke, das Spielfiguren nicht nur sterben, sondern auch wahnsinnig werden können. Körperliche Verletzungen war man aus anderen Spielen gewohnt, die heilten spätestens bis zum nächsten Treffen wieder. Bei CoC verloren die Spieler bei jedem grausigen oder übernatürlichen Erlebnis ein wenig von ihrem Zustand geistiger Stabilität, und wieder auffrischen konnte man das nur teilweise. Generell war jede Figur nach einem Spiel ein wenig angegriffener als zuvor. Dazu kam, dass die Höchstmenge an geistiger Stabilität abhängig war vom Wissen über das Lovecraft-Universum: wer viel alte Bücher liest, lernt viel, und ist fragiler. Und so traut man sich als Spieler gar nicht erst in dunkle Zimmer hinein, zieht den Vorhang lieber nicht zurück, flüchtet lieber gleich als zu genau hinzusehen – sehr stimmungsvoll.

Jedenfalls wollten einige Schüler wissen, wie das so geht mit dem Rollenspiel, und fragten, ob wir nicht mal eine Runde spielen könnten. Also gut.

coc_schule_rollenspiel

Vier Spieler, ich als Spielleiter, 120 Minuten. Call of Cthulhu, Spielzeit: 1928. Das reicht gerade mal für einen Einstieg, üblicherweise dauert eine Partie vier Stunden, oder sechs, und zwar auch eher zwei oder drei solcher Sitzungen, oder acht. Es geht bei CoC ja auch ganz langsam los: Die Figuren kriegen erste Anzeichen geheimnisvoller Vorgänger, recherchieren, kriegen eine erste Warnung, haben es mit den ersten menschlichen Gegnern zu tun (wahnsinnigen Kultisten etwa), dann vielleicht ein klitzekleines scheinbar übernatürliches Phänomen (vulgo: Monster), und ganz am Ende, nach einem halben Jahr Spielzeit, trifft man vielleicht auf eines der ganz großen Monster. Das ist bei HPL dann aber auch von der Art, das man nur einmal hinzuschauen braucht und mit großer Wahrscheinlichkeit eh unrettbar wahnsinnig wird. Das kann nur beim Finale sein, nicht vorher.

Also spielten wir sehr zügig. (Oder kam mir das nur so vor, bin ich inzwischen langsameres Spiel gewohnt? Es kann sein, dass wir früher auch sehr viel schneller waren und Situationen sehr viel weniger ausspielten.) Ich teilte vorbereitete Charakterbögen aus, kurze Vorstellungsrunde, dann rasch ins Spiel, beim Recherchieren etwas nachgeholfen, ein kleiner Einbruch – mit etwas Glück kam ich gerade noch zu einem ganz kleinen Sanity-Verlust am Ende. Geschossen oder anderweitig gekämpft wurde nie.

Mir hat es Spaß gemacht. Ich habe das Spiel in den Weihnachtsferien vorbereitet, gründlich, da ich das in diesem Schuljahr dann gleich mit ein paar Kollegen spielen werden, die sich auch schon lange dafür interessieren. Vorbereiten, das geht dabei anders als früher, vor dreißig Jahren, als ich zuletzt CoC-Spielleiter war. (Man kommt sehr schnell wieder rein.) Heute hatte ich für viele Personen, die auftauchen würden oder auftauchen könnten oder auch nur vielleicht eine Rolle spielen würden, Fotos besorgt. Von historischen Orten – Bibliothek, Krankenhaus, Rathaus – hatte ich zeitgenössische Fotos gefunden, Grundrisse, Stadtkarten von Boston aus den 1920er Jahren. Auch zu den wichtigsten fiktiven Schauplätzen gab es Bilder. Das macht Spaß und schafft Atmosphäre.

Für Insider: Ich hatte das erste Kapitel der klassischen Kampagne Shadows of Yog-Sothoth vorbereitet und gleichzeitig eines der kleinen Einzelszenarios am Ende des Bandes. So war ich flexibel. Klar war das übervorbereitet, aber es hilft ja auch im Unterricht, einen großen Vorrat an Wissen und Möglichkeiten im Hintergrund zu haben, um flexibel die Stunde dann doch umplanen zu können, wenn sich der Unterricht in eine andere, lohnenswerte Richtung entwickelt. „Railroading“ mögen Spieler genauso wenig wie Schüler; die Illusion von Freiheit und einem open world game ist wichtig. Und so hätte sich das Spiel in die eine Richtung entwickeln können oder in die andere, ich habe ein paar Haken gesetzt, an denen ich neue Geschichten einbauen kann, Personen, die erst später eine Rolle spielen würden, oder auch nicht. Ein späteres Spiel würde es zwar nicht geben, aber man ist ja auch Künstler.

Die Schüler selber, noch unerfahren (hatten nicht mal eine Taschenlampe dabei, oder ein Seil!), aber besser darin, in character zu spielen als wir damals. Das macht das ganze Improtheater, das diese jungen Leute so treiben; ist zumindest an meiner Schule sehr populär.

Jetzt bin ich gespannt, ob die Lehrerrunde zusammengeht. Dann vielleicht an einem gemütlicheren Ort und mit mehr Zeit. So wie damals, im Haus in der Goldammerstraße in Haunstetten, wird es natürlich nie wieder werden.

15 thoughts on “Call of Cthulhu: Rollenspiel in der Schule

  1. Marco Bakera

    Tolle Idee. Ich hatte das Rollenspiel auch damals in der Schule kennengelernt. Es war DSA und wurde in der Mittagspause (60 Minuten) gespielt. Es hat jede Menge Spaß gemacht.

    Kennst du „Arkham Horror“? Das ist ein Brettspiel in der Welt von H.P. Lovecraft und stellt für mich einen guten Kompromiss aus Rollenspiel und Brettspiel dar.

  2. Herr Rau Post author

    Kennengelernt habe ich Rollenspiel auf meinem ersten Con, 1982, „Midgard“ – lange Geschichte. Richtig los ging es dann aber auch erst im Jahr darauf, mit DSA.

    „Arkham Horror“ habe ich nie gespielt. Aber von dessen Autoren gibt es auch „Elder Sign“, eher ein – lovecraft’sches – kooperatives Würfelspiel, und das habe ich auf dem Tablet und spiele es ab immer wieder mal. Und das habe ich letzte Woche mit der Programmier-AG angefangen nachzuprogrammieren, wenn auch mit anderem Setting. Ist machbar, die Schwierigkeit und der Anspruch liegen vor allem im künstlerischen Design.

  3. Jan

    Hach… da wäre ich gern Teil des Kollegiums :-)

  4. Jan

    (Mal was technisches: Das Redesign der Webseite gefällt mir. Insbesondere die Schrift ist mal richtig gut leserlich. Was ist denn das für eine?)

  5. Herr Rau Post author

    >Hach… da wäre ich gern Teil des Kollegiums :-)

    Münchner Kollegen könnten gerne mitspielen, aber du bist halt doch weit weg. Sonst wäre es natürlich schön, dich dabei zu haben. Ich würde ja auch gerne mal auf so ein Edu-Event gehen, wo wir uns alle treffen können, krieg das aber immer zu spät mit.

    Die Schrift heißt „Oxygen“: https://www.google.com/fonts/specimen/Oxygen
    Ich muss noch ein bisschen was arbeiten, gerade die Ansicht der letzten Kommentare wurde schon vermisst, aber dazu komme ich erst später.

  6. Aginor

    Dank der Fernsehserie „Big Bang Theory“, die Nerds hierzulande salonfähig macht, kennen immer mehr junge Menschen wieder die P&P-Rollenspiele, zumindest haben sie eine grobe Vorstellung davon was das ist.
    Rollenspieler wie mich freut das natürlich.

    Call of Cthulhu… war ehrlich gesagt nie so mein Ding, habe mit meinen Gruppen eher in High Fantasy Welten gespielt, in den Vergessenen Reichen von D&D 3.5 zum Beispiel.
    DSA war mir zu „railroad-fördernd“ und zu langatmig in den Kämpfen, und Shadowrun zu…. abgefahren irgendwie.
    In das (in vielen Teilen übrigens legal kostenlos verfügbare) D&D 5E habe ich mich jüngst eingelesen, das halte ich auch für ein sehr zugängliches Regelwerk für Anfänger. Wie 3.5 vereinfacht, aber nicht so seltsam wie seinerzeit die 4E

    Was auch noch interessant sein könnte für Neulinge/jüngere Leute: „All Flesh Must Be Eaten“, ein D20-basiertes Zombie-Survival-RPG. IIRC gibts ähnlich wie in Cthulhu Regeln für die geistige Gesundheit, und am Ende des Abenteuers ist man üblicherweise tot oder verrückt, im schlimmsten Fall beides.

    Hach, wenn ich doch nur meine alte Gruppe reaktivieren könnte. Habe seit Jahren nicht gespielt. Kommt halt komisch wenn ich jetzt im örtlichen RPG-Laden aufschlage und mich dann mit 12-17-jährigen zum Spielen treffen will…. :D

  7. Herr Rau Post author

    >Toll zur Lovecraft-Welt ist Episode 13 der Collaborative Rockers:

    Höre ich gerade, danke. Habe eh zwei Lovecraft-spezifische Podcasts abonniert – es gibt sehr, sehr viele Seiten mit Material zu HPL, und tolle Sachen dabei.

    D&D und DSA mochte ich beide, wir spielten die beiden unterschiedlich, ging sicher auch vom Spielleiter ab. DSA war mehr Kampagnenspiel.

    Kostenlos, falls ich sowas mal brauche, ist auch das Basic Fantasy RPG: http://www.basicfantasy.org/downloads.html – letztlich sehr an D&D angelehnt, nur mit anderen Texten und Illustrationen. (Daumenregel USA: Spielregeln sind nicht urheberrechtlich geschützt, nur deren konkrete Formulierung.)

  8. Rebecca

    puhh, ich dachte immer ich bin der einzige Nerd-Lehrer :-) Ich kenne es noch aus dem Studium und bin tatsächlich über eine Studententheaterfreundin dazugekommen.
    Mit Schülern habe ich noch nicht gespielt dafür sind meine 5er und 6er einfach noch zu jung, vielleicht in ein paar Jahren.

    Ich persönlich finde die Legenden von Andor (Tolles Brettspiel) besser als Arkham Horror, allerdings ohne Lovecraftsche-Elemente, dafür mit deutlich besserer Spielanleitung. (Ich bin Fan von „Spielt mal los“-Anleitungen, die einen Schritt für Schritt die Regeln erklären, wenn man sie braucht.)

  9. Herr Rau Post author

    >Ich bin Fan von „Spielt mal los“-Anleitungen, die einen Schritt für Schritt die Regeln erklären, wenn man sie braucht.

    Spielanleitungen, ein heikles Thema. Wir haben eine Nacht lang vergnügt „Talisman“ gespielt, früher, als späte Teenager, bevor uns auffiel, dass wie überlesen und keine Ahnung hatten, welche Bedingungen ein Spieler eigentlich erfüllen muss, um das Spiel zu gewinnen.

  10. Aginor

    Gary Gygax hat zum Thema Regeln mal gesagt:
    „The secret we should never let the gamemasters know is that they don’t need any rules.“

    In diesem Sinne: Regeln ruhig ein wenig verbiegen wenn es Spaß macht. :)

  11. Herr Rau Post author

    Zum Thema Regeln: Es gibt ja auch kollaborative Rollenspiele ohne Spielleiter (aber mit Regeln) oder reine Erzählspiele ((mit wenig Regeln). Microscope, House of Reeds, die würde ich auch gerne mal ausprobieren.

  12. Aginor

    Meine Erfahrung dazu ist, dass manche – insbesondere jüngere und/oder männliche Spieler die mehr erzähllastigen Spiele oder die mit festen Werten für Fertigkeitsproben/Kämpfe langweilig finden. Das Würfeln und seine inhärente Unsicherheit erzeugen da scheinbar Spannung.

    Die meisten etablierten Rollenspielregelwerke unterstützen solche Abenteuer ebenfalls.
    Ein recht gutes Beispiel für ein D&D-Abenteuer das mit viel Erzählen und wenig Regelgelese und Kämpfen auskommt finde ich eines der unter dem nächsten Link downloadbaren, „Die Gelbe Rose“.
    http://www.dnd-gate.de/gate3/page/index.php?id=977
    Ich habe dieses recht simple D&D-Detektivabenteuer mal mit einer Gruppe gespielt, man kann es aber auch leicht in ein anderes System portieren.

    Das fanden – zu meinem Erstaunen – fast alle Spieler trotz des Mangels an Kämpfen recht spannend, aber richtig aufgeblüht sind dort die Spielerinnen. Das „freie“ spielen ohne groß die Regeln zu nutzen war für sie echt spannend. Für den Spielleiter kann das allerdings recht stressig werden.

    Was mich an „regelarmen“ Spielen (im Brettspielbereich oder anderswo) ein wenig stört:
    Wenn es zu Konflikten kommt (entweder zwischen den Spielern die sich nicht einig werden wie man spielen soll, oder zwischen den Spielern und dem Spiel, weil unklar ist was gemacht werden muss), dann stößt man manchmal auf Lücken die man füllen muss. Meiner Erfahrung nach funktionieren die regelarmen Spiele oft nur im Gutfall, und tun so als gäbe es die anderen Fälle nicht (jaja, da kommt wieder der Programmierer in mir durch mit der worst-case-Betrachtung. :D )
    Da lobe ich mir die teilweise recht weit durchdachten Rollen- oder Brettspiele mit ausgearbeitetem Regelwerk.

  13. WingsOfCaliel

    Microscope kann ich sehr empfehlen, würde aber auch gleichzeitig warnen:
    Sollte man sich zum Beispiel nicht auf eine grundsätzliche Ausgangsbasis einigen können,
    könnte es sehr schnell ärgerlich werden.
    Richtig großen Spaß hatte ich damit jedenfalls als ich für das bereits erwähnte All flesh must be eaten mit meinen Spielern zusammen den ganzen Spielhintergrund erschaffen habe!

  14. Herr Rau Post author

    Ach, leider habe ich keine Mitspieler für so etwas, sonst würde ich das gerne alles mal ausprobieren. Vielleicht doch mal mit Schülern, statt einem Kurs „English Conversation“ ein Kurs „English Conversational Games“. Da ist der Redeanlass dann ja immer ein tatsächlicher.

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