Frederik Hetmann als Gast an der Schule

Heute war Projekttag an unserer Schule. Für die 7. Klassen sah das so aus: nach einer Schulstunde Einführung in den Tag gingen die Schüler zu Fuß zur Stadtbibliothek in der Aumühle. Die ist die schönste solcher Bibliotheken, die ich kenne. Ein Turm oben drauf, und innnen hell, verwinkelt und mit viel Platz. Unten gibt es ein Café, und ganz oben einen Vortragssaal, dazwschen Computer-Arbeitsplätze und das OPAC-Bibliothekssystem.

Ein wirklich sehr rühriger Deutschlehrer hatte Frederik Hetmann (eigentlich: Hans-Christian Kirsch) eingeladen. Für junge Schüler ist eine reine Dichterlesung oft nicht sehr interessant. Die wollen selber etwas tun. Außerdem sollte dieser letzte Tag vor dem Zeugnis möglichst produktiv genutzt werden: Auch um zu zeigen, dass solche Projekttage nicht bloß Kuchenverkauf- und Sportwettbewerbtage sein müssen, nicht bloß Lückenfüller sein müssen. (Das lag dem Deutschlehrer vielleicht besonders am Herzen.)

Deshalb wurden die Schüler in Gruppen aufgeteilt; jede Gruppe bekam gut fünf Seiten Arbeitsaufträge für die Bibliothek. Für jede Aufgabe gab es Punkte; für entsprechendes Verhalten (immerhin waren wir in einer öffentlichen Bibliothek) gab es ebenfalls Plus- oder Minuspunkte. Ganz wie bei Harry Potter, die Lehrkraft entscheidet.
Die Aufgaben enthielten: Bibliotheksausweis beantragen, sofern die Schüler keinen hatten. Signaturen anhand von OPAC (also mit dem Computer) und Katalog herauskriegen. Verschiedene in der Bibliothek benutzte und benutzbare Medien und Datenträger herausschreiben. Informationen zu Frederik Hetmann/Hans-Christian Kirsch herausfinden: Pseudonym, Berufe. Der Hauptteil der Aufgaben beschäftigte sich aber mit der eigens vom Deutschlehrer eingerichteten Werkschau.

Und die war wirklich sehenswert.

An die hundert Werke von Hetmann/Kirsch waren auf dem Boden ausgebreitet. Jedes Buch lag einzeln auf einem weißen A4-Blatt; und zwischen dem Büchern befanden sich rote, grüne und blaue Pfeile. Die Pfeile zeigten, und auch das sollten die Schüler herausfinden, Zusammenhänge im Werk an: chronologische, aber vor allem thematische. Übersetzungen von Kirsch waren ebenso dabei wie Werke, die Kirsch/Hetmann beeinflusst haben. Allen Ginsberg verwies auf Hetmanns erstes Buch, irgendwo lag eine Mao-Bibel. Der Anblick von hundert auf dem Boden ausgefächerten Kinder- und Jugend- und Indianer- und Märchenbüchern, von Biographien und Anthologien war beeindruckend.
Einfacher hätte man das als WWW-Seiten haben können: Einfacher, und um wieviel langweiliger, öder, weniger begreifbar. Die Schüler liefen um die vielleicht sieben Quadratmetet Fläche voller Bücher und Pfeile herum, betrachteten die Bücher von allen Seiten, in all den verschiedenen Größen und Farben und Schrifttypen und Verlagen und voller verschiedener Gebrauchsspuren.

Danach begann die eigentliche Dichterlesung. Hans-Christian Kirsch las zwei Texte aus der von ihm mit verfassten “Literaturgeschichte in Geschichten”, Dichter leben. Danach stellten die Schüler Fragen – und sie hatten sich auch gute Fragen vorher überlegt. Dafür gab es nämlich auch Punkte: Dafür, dass die Gruppe gute Fragen auf ihr Blatt aufgeschrieben hatte, aber auch dafür, diese Fragen dann auch wirklich gestellt zu haben. Das ist extrinsische Motivation, schadet aber nicht: Denn fast alle Schüler waren an den Antworten mehr interessiert als daran, nur ihre Frage loszuwerden.
Gefragt wurde unter anderem:
– zu seinem Tagesablauf als Schriftsteller
– zu seiner Arbeitsweise
– wie lange er für ein Buch braucht
– zu Schwierigkeiten und Erfahrungen mit Verlagen und Lektoren
– zu seinem Pseudonym
– zu seinen Deutsch-Leistungen in der Schule
Hans-Christian Kirsch beantwortete alle Fragen ausführlich und freundlich und verständlich, er sprach zu den Schülern und nicht zu den Lehrern, erzählte kurze Anekdoten, und er ließ vor allem auch die Schüler mit ihren Fragen zu Wort kommen.

Danach konnten Schüler und Lehrer noch Dichter leben kaufen und signieren lassen.

Das war ein sinnvoller Projekttag.

Eine Antwort auf „Frederik Hetmann als Gast an der Schule“

  1. Vielen Dank für die ausführliche Information über den Produktivtag, denn das sollte er sein, weniger ein Projekttag, wie er bisher jedenfalls häufig (miss-)verstanden wird.
    Hervorzuheben ist aber noch, dass eine Schwalbe keinen Sommer und ein rühriger Deutschlehrer allein noch keine Veranstaltung dieser Art zusammenbringt.
    Dazu braucht man schon mehr Leute, mehr Lehrer die mithelfen und in diesem Fall eine große Zahl von sehr disziplinierten und interessierten Schülern, die die letzten Schultage
    nicht nur versandeln wollen.
    Wir können auch anders, … und nicht nur billig.

    D. Zink

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