Kaplonski

Im Deutschunterricht der Oberstufe liest fast jeder Kurs Woyzeck. Wir Lehrer betonen dabei gerne die offene Form dieses Stücks: Es gibt keinen traditionellen Aufbau mit Exposition, steigender Handlung, Peripetie, fallender Handlung, Katastrophe; es gibt keine Akte. Vielmehr besteht das Stück aus relativ lose verbundenen Einzelszenen. Und da Georg Büchner, der Autor, das Stück auch noch unvollendet hinterließ, gibt es für die von ihm geplante Reihenfolge dieser Einzelsenen nur Anhaltspunkte, aber keine Sicherheit. Tatsächlich unterscheiden sich die meisten Woyzeck-Druckausgaben und natürlich auch die Inszenierungen in der Anordnung ihrer Szenen.

Also wollte ich zuerst die Schüler ihre Reclam-Ausgaben auseinanderreißen und sie die einzelnen Blätter neu anordnen lassen. Aber die Seitenzahlen bleiben dabei ja stehen erhalten, und damit die (für diese Ausgabe) ursprüngliche Reihenfolge. Außerdem lassen sich Vorder- und Rückseite nicht trennen.

Die nächste Idee war dann, den Text von Woyzeck als Textverarbeitungsdokument an die Schüler auszuteilen: 24 Einzelszenen, ausgedruckt auf 24 Seiten, in alphabetischer Reihenfolge. Damit könnten die Schüler schön spielen. Das wäre eine schöne Aufgabe.

Aber sie könnten ja immer noch die Originalreihenfolge in Erfahrung bringen – und sich dabei selber etwas vormachen, denn es gibt ja keine Originalreihenfolge; sie könnten lediglich die Reihenfolge einer bestimmten Ausgabe übernehmen. Schon viel weniger schön.

Also habe ich mit “Suchen/Ersetzen” den Namen im gesamten Dokument geändert. Marie und Tambourmajor blieben gleich, aber “Woyzeck” wurde jeweils durch “Kaplonski” ersetzt. Und Kaplonski war auch nicht mehr von Büchner, sondern von Werner Bergengruen. (Den gibt’s wirklich, wenn auch hundert Jahre später, und er ist hinreichend unbekannt, um die Schüler beim Recherchieren im WWW auf eine falsche Fährte zu locken.)

Danach bekam jeder Schüler 25 Blätter kopierten Kaplonski und folgende Anweisung: “Bitte lesen und in eine sinnvolle Reihenfolge bringen. Noch sind die Szenen alphabetisch sortiert. Es gibt keine richtige Lösung; der Autor ist gestorben, ohne Kaplonski zu vervollständigen. Er hat auch kein Inhaltsverzeichnis hinterlassen. Man hat teilweise herausgefunden, in welcher Reihenfolge die Szenen geschrieben wurden; das sagt aber nichts darüber aus, in welcher Reihenfolge sie im Stück hätten erscheinen sollen. Nachfragen technischer und sonstiger Art bitte erst an mich; jeder sollte alleine arbeiten.”

Inzwischen ging es nicht mehr nur darum, die Schüler dazu zu bringen, kreativ mit Text umzugehen. Ich wollte auch schauen, wie schnell die Schüler erkennen würden, dass irgendwas mit der Geschichte nicht stimmt.

Von zehn Leistungskurslern kamen mir zwei Schüler drauf, und ein dritter hatte zumindest Verdacht geschöpft. Direkt süß die vorsichtigen E‑Mail-Nachfragen:

Hallo Herr Rau,

ich muß Ihnen mal etwas sehr witziges erzählen:
Ich habe heute mit einer Freundin telephoniert und da wir beide leidenschaftliche Mitglieder eines Deutsch LKs sind haben wir natürlich auch über unser Lieblingsfach gesprochen. Nachdem ich ihr von Kaplonski erzählt hatte bemerkte sie verblüffende Ähnlichkeit mit Woyzeck, den sie letztes Jahr gelesen hatte (Erbsen, uneheliche Kinder, Marie, …).
Zuerst waren wir der Meinung, daß vielleicht einer vom anderen abgeschrieben hat, aber nachdem wir die Texte verglichen hatten, waren wir uns einig, dass eine solche Art und Weise des Kopierens wohl mehr als dreist gewesen wäre.
Ich war dann mal im Internet und es scheint mir fast so, als ob Werner
Bergengruen sich selbst zu Lebzeiten gar nicht bewußt war, daß er mal
was mit dem Namen Kaplonski geschrieben hat.
Kurz: Gibt es einen Kaplonski?

Im Unterricht brachte das ganze dann weniger, als ich gehofft hatte. Da war ich aber selber schuld: Ich hatte nicht die Zeit, ausreichend mit den Schülern über die jeweils von ihnen gewählte Reihenfolge zu reden, und sie ihre Wahl begründen zu lassen. Beim nächsten Mal mache ich es besser.

Falls jemand das rtf-Dokument haben möchte (man sollte es mit jedem üblichen Textverarbeitungsprogramm öffnen können), hier kann man es herunterladen (85 KB).

Falls jemand das im Unterricht einsetzen möchte, würde ich aber “Kaplonski” ersetzen durch einen weiteren falschen Namen – sonst kommen die Schüler beim Recherchieren im WWW auf genau diese Seite hier.
Wer keinen Namen weiß, sucht am besten wie ich die nächste Eisenwarenhandlung. Durch die bei mir ums Eck bin ich nämlich auf den Namen gekommen:

kaplonski.jpg

Eine Antwort auf „Kaplonski“

  1. Hallo lieber Kollege,
    ich bin gerade auf Ihren “Kaplonski” gestoßen. Meine Idee für den Beginn der Unterrichtsreihe (hat sich in Grundkursen bereits 2x bewährt) sieht folgendermaßen aus:
    Ich habe die Woyzeck-Szenen allesamt auf jeweils ein Blatt kopiert (ohne Szenennummerierung) und beginne damit, dass ich die Schüler in die Rolle eines Verlagslektors versetze und ihnen das Manuskript in die Mitte lege, das vom Chef als “höchst interessant” eingestuft wurde und jetzt die Aufgabe sei, sich einen ersten Eindruck durch Lektüre einzelner Szenen zu schaffen.

    Im Endeffekt ist es meines Erachtens müßig darüber zu diskutieren, welche Szene wann angebracht ist, zumindest zu einem so frühen Zeitpunkt der Unterrichtsreihe.

    Besonders vor dem Hintergrund der Zentralabiturthemen “Epochenumbruch am Bsp. der Entwicklung des Dramas” erscheint dann doch eine Gegenüberstellung “offenes und geschlossenes Drama” zielführender. Dies gelingt durch den Versuch, aus “Woyzeck” ein geschlossenes bzw. klassisches bzw. tektonisches Drama zu machen. Hierfür müssen(!) die Szenen in eine von den Schülern gewählte Reihenfolge gebracht werden.
    Zugegebenermaßen macht man den Bock damit in gewisser Weise zum Gärtner, “Kaplonski” führt die Schüler m.E. an der Nase herum…

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