Web 2.0 im Schulbuch

Gerade entdeckt: Cornelsen, Deutschbuch 9, Kapitel “Umgehen mit Medien”. Da stehen zehn Seiten zu “Bloggen, chatten, taggen – Mit dem Internet und über das Internet recherchieren”.

Das Kapitel beginnt mit einem Abdruck dieses redaktionellen Blog-Eintrags von jetzt.de. Unter der Überschrift steht “17 Kommentare”, aber die fehlen im Deutschbuch; es wird auch nirgendwo darauf eingegangen, was es mit diesen Kommentaren auf sich hat. Auch bei der Blog-Definition fehlt der Hinweis auf die Kommentarmöglichkeit. Nun ja, immerhin ist das Wort “Blog” im Schulbuch – auch wenn es als Schlagwort missbraucht wird, begrüße ich, dass es überhaupt erscheint. Interessierte Lehrer und Schüler können das als Ausgangspunkt nehmen.

Danach geht es um das Auswerten von Diagrammen (zum Thema Internet), Gefahren des Chattens, Suchmaschinen im Überblick, Lesetechniken, Suchbegriffe mit logischen Operatoren.

Die letzten Seiten bestehen aus einem Artikel zur, aber nicht aus der Wikipedia, mit einigen kleinen Recherchevorschlägen dazu. Um zu zeigen, wie die Wikipedia funktioniert, sollte man mit Schülern unbedingt mal die Diskussionsseiten der Wikipedia besuchen, also die Seiten, auf denen diskutiert wird, was gelöscht oder verändert werden soll am Artikel. Die Schüler sollen über “den Nutzen und die Gefahren,” “die Vor- und Nachteile” von Wikipedia diskutieren. Ganz fehlt – ähnlich wie beim Blog – der Gedanke der Teilnahme an laufenden Diskussionen in der Web-Öffentlichkeit.

(Immerhin etwas. Dieses Schulbuch gefällt mir überhaupt ganz gut, steckt viel drin, aber auch viel mehr, als man je in einem Jahr machen wird können.)

7 Antworten auf „Web 2.0 im Schulbuch“

  1. Naja immerhin. Immer dieses Immerhin … immerhin wird das Medium nicht ganz verteufelt, sondern auch “die positiven Möglichkeiten” gesehen. Usw. Das ist typisch, daß immer nur ÜBER das Medium informiert wird, nie MIT dem Medium experimentiert und gearbeitet. Statt mit Blogs und Wikis zu arbeiten, wie es alle Welt außerhalb der Schule tut, werden zur Arbeit mit Schülern allenfalls durchdidaktisierte und einschränkende e‑Instrumente benutzt, die KEINESFALLS offen ins Netz kommen. Selbst die Medienpädagogen benutzen web 2.0 nicht. Produsage, user generated content … alles hochgefährliches Zeug, bei dem man nicht mitmischen darf, sondern allenfalls skeptisch daneben steht und es vorsichtig beobachtet. Und vor allem: Aufklärung über die Gefahren steht an oberster Stelle. Das mag für die kulturkritiker zwischen 50 und 70 noch angehen. Es ist halt schwer, das eigene Leben und seine dazugehörige Gutenberg-Galaxis in einer neu emergierenden Gesellschaftsformation verschwinden zu sehen. Sich selbst zu historisieren liegt nicht jedem. Aber dass man aus der Angst vor dem eigenen VERALTEN heraus, nicht den Schluß zieht, sich nun aber hophop die neuen Medien und dazugehörigen Kompetenzen anzueignen und mitzumischen, hält man auch noch die junge Generation, die eigentlich dringend diese Kompetenzen erwerben müssen, noch davon ab. Das ist, was ich hinter solchen vorsichtigen “Medienaufklärungs-Büchern” am Wirken sehe. (So war es bei uns in den 60ern auch mit der SEX-Aufklärung: “Eigentlich ist es ja Unfug und total gefährlich, und man tut es eigentlich besser nicht.”) Und trotzdem: Immerhin wird nicht mehr komplett so getan, als gäbe es die Neuen interaktiven Medien gar nicht oder als wären sie bloß was für die letzten Spinner … Immerhin!!!

  2. Zur Ehrenrettung der Medienpädagogik: In Augsburg bloggt die Professorin selber sowie zwei Mitarbeiter am Lehrstuhl. Über diese Quellen stößt man sicher noch auf weitere.

    Ich denke mal, die Wikipedia wird von vielen Leuten benutzt. Aber “mit Blogs und Wikis zu arbeiten” ist ansonsten auch außerhalb der Schule nicht sehr verbreitet. Ich selber lese Blogs sehr gerne, aber viele Leute die ich kenne, auch Freunde, interessieren sich überhaupt nicht dafür. Nicht mal für meines! Ich denke, das ist auch in Ordnung so.

  3. Jo, Gabi Reinmann, Joseph Röll, das sind eher Ausnahmen im deutschsprachigen Raum, was die Medienpädagogik angeht. Und was blogs und wikis als Arbeitsmedien angeht: Auch wieder nur im deutschsprachigen Raum ist es so unüblich. Überall auf der Welt arbeiten Wissenschaftler und Lehrer längst mit diesen Medien. Der Einsatz des Computers als selbstverständliches Werkzeug in der Schule (in allen Fächern, nicht bloß in Informatik) ist in Deutschland – das haben Untersuchungen der OECD festgestellt – dem internationalen Standard weit hinterher. Deutschland ist auf diesem Gebiet Entwicklungsland.

  4. Siehe hierzu auch die Wochenendbeilage der SZ vom 8 .und 9.12. S.I mit einem schönen (polemischen) Beitrag von Bernd Graff. Nachdem ich selbst in diesem Blog, nicht immer ganz absichtlich, für ein paar “Debattenquickies” (O‑Ton Graff) gesorgt habe, verabschiede ich mich als aktiver Leser dieses Blogs und möchte besonders auf Graffs letzten Satz hinweisen.

  5. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gering doch die Medienkompetenz der allermeisten Schüler , auch der in der Oberstufe, ist. Heute erst habe ich wieder ein paar staunenden 18-jährigen gezeigt, wie man mit der rechten Maustaste klicken kann und was dann alles passiert. Man sollte meinen, das wüssten die schon. Tun sie aber nicht. Bei den Lokalisten können sie sich aber unter Garantie sehr sicher bewegen.

    Ist Deutschland Entwicklungsland? Das mag wohl sein. Meine Schule ist jedenfalls eine Entwicklungsschule. Das liegt aber daran, dass wir recht alte Computer haben, die an dem schrecklichen Münchner Schulnet* hängen, bei dem es zehn Minuten dauert, bis ein Schülerrechner hochgefahren ist. Das allein hält schon jeden vernünftigen Lehrer davon ab, sich mit einer randalierenden, 32-köpfigen neunten Klasse in den Computerraum zu begeben. Mich jedenfalls. Berührungsängste mit Technik mag ich mir nicht vorwerfen lassen, wohl aber Unbehagen dabei, mir meinen Unterricht von nicht funktionierender Technik versauen zu lassen.

  6. finde is immer wieder lustig wie andere Laender so in den himmerl gehoben werden, also die deutschsprachrige wikipedia ist die 2. groessten und auch in den usa schreiben wesentlich weniger als 10% der wikipedianutzer mit.…

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