Bella Ciao

Samstag, 6.10.2018, Streiflicht in der Süddeutschen Zeitung zu „Bella Ciao“ in der Version von DJ Ötzi. Tränen in den Augen vor Lachen. Das möchte ich dann immer gleich mit Schülern und Schülerinnen teilen. Das Streiflicht beginnt:

Von dem Tiroler Protestsänger DJ Ötzi gibt es eine neue Version des berühmten alten Partisanenliedes „Bella Ciao“.

Für die Schule müsste ich dann erklären, was eine Partisan ist, und ein Partisanenlied, und was ein Protestsänger ist. Aber das Streiflicht wird dann mit jedem Satz noch besser, und in der 11. Klasse habe ich mit meinem Kurs eine kleine Lücke zwischen Sachtextanalyse und Iphigenie, also quetsche ich das Streiflicht rein.

Heißt also: Geschichte des Lieds – ursprünglich ganz frühes 20. Jahrhundert, dann vor allem Zweiter Weltkrieg. Hannes Wader. Singende Italiener in einem Bus mit dem rechtspopulistischen Innenminister, die gegen ihn das Lied singen:

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Und dann eben die Oktoberfestversion von DJ Ötzi, mit den unvergesslichen Textzeilen:

Lalalalala
Lalalalala
Diese Welt ist g’rad so schön!

Danach wird wohl die Ukulele in meinem Klassenraum endlich mal zum Einsatz kommen.

– Selbst habe ich das Lied in der Jugend am Lagerfeuer kennengelernt, aber welches Lagerfeuer das war, weiß ich nicht; vielleicht waren es mehrere. Hannes Wader war jedenfalls vor meiner eigenen Musikzeit. Dennoch wusste ich, dass einen deutschen Text zu dem Lied gab – auch wenn ich jetzt beim Recherchieren festgestellt habe, dass es nicht die Wader-Version war. „Partisanen, (auf) zu den Waffen“, an das erinnere ich mich, aber der Text taucht nicht auf. Am Ende habe ich das in einer Filk-Version gesungen?

Filk, abgeleitet von Folk: Lagerfeuerlieder, aber umgetextet auf eine Fandom-Welt, also zu einem Fantasy-Universum. Stammt aus einer Zeit, bevor Nerdtum cool war. Und ich erinnere mich an ein Lagerfeuer auf einem Treffen des dem Fantasy-Clubs FOLLOW, der – lange Geschichte – etwas mit der Fantasywelt Magira zu tun hatte. Da gibt es Völker und Kontinente und Kulturen, und wir hatten passende Kostüme (das hieß noch nicht „Gewandung“ damals) und es gab Feuerspeier, und wir hatten Lieder – eben die üblichen Lagerfeuerlieder, zumindest zum Teil auf die Magira-Welt umgetextet. Viel weiß ich nicht mehr, aber an eine Magira-Version des Shanty „De Hamborger Veermaster“ kann ich mich erinnern. Vielleicht war „Bella Ciao“ auch dabei? Und war das dann etwas anderes als bei DJ Ötzi oder nicht?

– Geschrieben habe ich das vor der Stunde. Jetzt ist danach. „Partisanen“ an die Tafel geschrieben, Text des Liedes ausgeteilt, kurz auf der Ukulele angespielt, dann aber aber doch Hannes Wader singen lassen, und ich ließ mir nicht nehmen, auch ein bisschen Tom Waits damit zu präsentieren. Dann das Streiflicht, so gut dass eben ging – Humor ist gerne mal schwierig. Wir haben dann über Protestlieder und -sänger gesprochen, ein paar kannten auch Lieder, bald ging es darum, ob das eine oder andere Lied von Michael Jackson mit kritischem Inhalt ein Protestlied sei. Wir hörten uns auf Schülerwunsch „Lass liegen“ von Alligatoah an:

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(Nach dem Anhören/-schauen und einem kurzen Exkurs zur Bildsprache des Videos dann Besprechung des Texts am Beamer.)

Vermutung am Ende: Lieder mit kritischem Inhalt gibt es, aber weniger Protestlieder im früheren Sinn – keine Lieder, die man einem rechtspopulistischen Innenminister an den Kopf singen kann. (Italien natürlich, nicht etwa Deutschland, was dachten Sie denn, also bitte.) Protestlieder singt man am Lagerfeuer, auf Demos, auf Märschen. Und da gibt es inzwischen genug Lautsprecher und Technik, dass nicht mehr die Anwesenden ein Lied singen, sondern eben zum Beispiel Alligatoah live oder vom Gerät. Das ändert die Art der Lieder, die gespielt werden.

Ein ceterum censeo von mir: Gute Lieder erkennt man daran, dass sie von verschiedenen Leuten gesunden werden, dass es Cover-Versionen gibt. Das zeigt, dass man sie wiedersingen kann und will. Sonst ist das gute Musik.

3 Thoughts to “Bella Ciao

  1. Allmählich ist H. zufrieden damit, dass Herr R. nicht in die Schulleitung geht, denn dann gäbe es so interessante, mitreißende Stunden nicht mehr.
    Sollte einmal eine Reihe „Songs of Struggle and Protest“ angedacht sein, bitte melden. Alles im Haus, von Pete Seeger über Phil Ochs, Tom Paxton u.v.m.

  2. Ich will tatsächlich schon lange mal ein W-Seminar anbieten „Geschichte lernen mit Liedern“, oder – für mein eingeschränktes Fachwissen angemessener – „English/American History Through Songs“. Kann man nach Themen aufteilen oder Jahrzehnten; Seminararbeiten darüber sollten auch kein Problem sein.

    (Die Schüler und Schülerinnen kannten noch „Poverty Knocks“ in der Chumbawamba-Version aus dem Neuntklassbuch, fällt mir gerade ein.)

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