Herr Rau: Wie ich im Unterricht aussehe

Frau Rau würde schon lange gerne mitkriegen, wie ich eigentlich im Unterricht bin. Sie kennt mich ja doch eher nur privat, Lehrermodus poppt da selten auf. Aber so einfach geht das halt nicht. Immerhin einen Einblick kriegt sie jetzt: Schülern und Schülerinnen meiner drei Montagsklassen drückte ich eine Kamera in die Hand mit der Bitte, mich zu fotografieren, für Frau Rau. Das hat denen übrigens sofort eingeleuchtet, gar keine lange Erklärung nötig. Hier sind die Bilder:

7. Jahrgangsstufe:

Ich habe kein Faksimile einer hochmittelalterlichen Handschrift, also ließ ich den mir verehrten Abdruck des (wohl sehrspätmittelalterlichen) Voynich-Manuskripts herumgehen. Den Großteil der Doppelstunde über präsentierten die Schüler und Schülerinnen an der Dokumentenkamera, auf einem Bidl sieht man mich hinten in der Bank sitzen. Zwischendurch immer wieder mal am Rechner. Gerne auch am Stehpult; die Tafel nur mäßig geputzt.

12. Jahrgangsstufe:

Romeo and Juliet. Rot und klein sieht man meinen dreißigseitigen Würfel auf dem Stehpult. Unterschiedliche Vorl- und Mitlesepositionen.

11. Jahrgangsstufe:

Das war die Bella-Ciao-Stunde vorgestern.Es sieht vor allem deshlab so leer aus, weil ja kein Schüler und keine Schülerin auf dem Bild sein soll. Ansonsten: Ja, schon lehrerzentriert.

Insgesamt: Weitausladene Gesten, viel Mimik, viel Abwechslung in der Körperhaltung. Wenigstens scheine ich gut gelaunt gewesen zu sein und mich gut amüsiert zu haben. So viel Spaß wie ich können die Schüler und Schülerinnen kaum gehabt haben, aber hoffentlich immerhin etwas.

Ich kenne mich privat ja nur von innen, aber ich nehme an, dass mich so die wenigsten kennen. Auf Partys, bei Einladungen, auch als Gastgeber, sitze ich in einem Eck, bewege mich nicht viel und sage nicht viel. Aus Trägheit, aus Müdigkeit, aus dem Bewusstsein heraus, dass die anderen ganz wunderbar ohne mich zurecht kommen – und aus dem Gefühl, dass alle anderen eh bessere Geschichten zu erzählen haben, dass ich nichts Interessantes beizutragen habe. Ich sage mir dann auch, dass das nicht stimmt, aber dann bringe ich ungeschickt eine blasse Anekdote und lasse es dann wieder.

Hier noch einmal alle Bilder als Diashow, weil ich sie doch so gelungen finde und mindestens so eitel bin wie der Nächstbeste:

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21 Thoughts to “Herr Rau: Wie ich im Unterricht aussehe

  1. krass, ihr bayern zieht das echt durch mit dem folterinstrument an der wand. ich hatte das ganz vergessen.

  2. Eine nette Idee, die ich dreist kopieren werde.
    Meiner Erfahrung nach haben die SuS an Stunden, in denen wir Spaß haben, auch mehr Freude, den Bildern nach war’s sicher nicht langweilig!
    Den „Rampensau-Effekt“ in der Lehrerrolle im Unterschied zum Party-Eckensteher kenne ich auch. Mir hat im Studium mal ein Prof. gesagt, wer nicht kontaktfreudig sei und gerne vor Leuten stehe, solle besser nicht Lehrer werden. Hat mich damals wirklich irritiert; würde mir heute nicht mehr so gehen, die unterschiedlichen Rollen mit ihren jeweiligen Verhaltensweisen sind klarer und trennbar.

    PS: Verspüre angesichts des Stehpults ein großes Bisschen Neid.

  3. Ach, ich beneide Sie um Ihre Kreidetafel und das Stehpult. Tafel kenne ich natürlich noch aus früheren Zeiten, nur das Stehpult ist mir noch nie untergekommen. Gibt’s die in allen Zimmern?

  4. Kreuz/Folterinstrument an der Wand: Nein, damit habe ich kein Probleme. Aber ich laufe ja oft genug mit meinem Flying-Spaghetti-Monster-Shirt durch Schule und Lehrerzimmer (Wikipedia). Tatsächlich fällt mir das nicht auf, weil das schon immer so war, schon zu meiner Schulzeit. Dazu gab es die Tradition des morgendlichen Schulgebets, wovon ich vor zwanzig Jahren noch die freiwilligen Reste mitgekriegt habe, seit vielen Jahren ist das völlig eingeschlafen. (Freiwillige) Gottesdienste (statt Unterricht) gibt es an meiner Schule eher mehr als früher, andere Schule haben sie ganz abgeschafft.
    Das Kruzifix-Urteil der 90er Jahre wird in Bayern leider weitgehend ignoriert. Die Kreuze stören mich nicht, aber wie lässig Bayern das mit dem Bundesverfassungsgericht sieht, das schon. Tatsächlich würde aber sicher auch hier das Kreuz abgehängt, wenn sich Schüler oder Schülerinnen daran stören würden, vielleicht auch bei Lehrkräften.
    Ich vergesse immer, wie Bayern aus Sicht anderer Bundesländer aussieht. Als Teenager war ich sehr überrascht, als ich NRW-Freunde über Bayern reden hörte. Die glaubten ja nicht mal, dass Bayern der Nabel der Welt ist.

    Rampensau: Bei Lernbegleitern vielleicht nicht so wichtig, bei Lehrerinnen schon. Aber wie du schreibst, das kann sich durchaus auch nur auf die Lehrerrolle beschränken.

    Grüße zurück, @Myriade!

    Stehpult: Das möchte ich auch nicht mehr missen, ein echter Gewinn. Ja, das gibt es seit 2008 (Umzug der Schule in einen Neubau) in allen Zimmer. Mit einem Whiteboard statt Tafel könnte ich mich arrangieren, im Computerraum geht das auch.

    Gerne Schülerin: Für manche Schülerinnen bin ich ein geeigneter Lehrer, für andere Schüler nicht. Wie bei allen Lehrern. Selber wäre ich mir sicher zu zappelig gewesen. :-)

  5. Fußnote zu „Folterinstrument“ , denn vielleicht hat’s ja nur niemand je bemerkt: In meinem Klassenzimmer, das schräg gegenüber von Herrn Raus Zimmer im gleichen Korridor liegt, findet sich bereits seit Jahren kein Kreuz mehr. Warum das so ist, weiß ich nicht. Mir scheint, dass dergleichen immer nur dann jemand überhaupt wahrnimmt, wenn er bzw. sie ein Aufhebens darum machen will. Dann können sich alle über alle anderen ein bisschen empören, z.B. Außerirdische über Bayern und umgekehrt. Lessings „Nathan“ kann man in Klassenzimmern mit und ohne Kreuz unterrichten.

  6. Ein sehr lebhafter Lehrer. Das fesselt die Schüler – Lehrerzentriertheit hin oder her.
    Bei Frau und Herrn H. war das gegenseitige Sehen leichter. Sie unterrichteten anfangs im selben Viertel, da wurde viel besucht: Gymnasium, Realschule, Hauptschule. Man kannte und besuchte sich. Diese Aufbruchstimmung ging aber später verloren („Geht das denn, Sie am Gymnasium und er an der Hauptschule? Geht das gut?“)
    Die Kreuze hängte er in seinem Klassenzimmer immer ab und als er Schulleiter war, gab es an der ganzen Schule keine Kreuze mehr.
    Als er in Rente ging – schwupps – waren wieder einige da.
    Nach dem Provinzerlass hätte er trotzdem keine aufhängen lassen – da steht das BVG vor und das hätte er ausgereizt, wenn sich denn jemand beschwert hätte.

  7. Eine tolle Idee, so können wir wenigstens virtuell ein bisschen an Ihrem Unterricht teilhaben- vielen Dank! Herzlich gelacht bei dem einen Bild des gepeinigten Gesichtsausdrucks in der 11.: den mache ich selbst immer, wenn jemand „Es gibt…“ mit „It gives…“ übersetzt. Bezüglich des Kreuzes erlaube ich mir kein Urteil: im Nachbarländle gibt es keine, also habe ich keine Erfahrungswerte, kann aber Ihre und Herrn Hauptschulblues‘ Einschätzung sehr gut nachvollziehen. Herzlichen Gruß und weiterhin viel Spaß beim Unterrichten:-).

  8. >Die Kreuze hängte er in seinem Klassenzimmer immer ab und als er Schulleiter war, gab es an der ganzen Schule keine Kreuze mehr.

    Das finde ich gut.

    Grüße zurück, Elisabeth, es freut mich, wenn ich einen Einblick geben konnte.

    Ja, Nibelungenlied, höfische Epik (mit der ich selber wenig anfangen kann), Minnesang, und von mir immer ein bisschen mehr Sprachgeschichte als vorgeschrieben.

  9. Sehr schön – ich bewundere ja alle, die Lehrersein auf sich nehmen. Ich selbst hab dann die Kurve gekratzt und mich umentschieden nach dem Studium – aber bei Ihnen sieht es echt gut aus. Kreuz hin oder her.

  10. Ja, das war aber auch ein schöner Schultag. Heute wären die Bilder eher trister gewesen – schon mal, weil Freitag alle müder sind als Montag.

  11. @adelhaid: genau, das Folterinstrument fiel mir auch gleich auf….
    @Pawnee Hat: ….weil ich außerirdischer (norddeutscher) Provenienz bin und
    das Kruzifux Urteil kenne und begrüßt habe. Und bedaure, dass Bayern sich darum nicht schert und sein Ministerpräsident mit einer populistischen Kreuzaktion kürzlich noch seine Missachtung verdeutlichte.
    @Hauptschulblues: Hut ab

    @Herrn Rau: Sie wirken auf den (gelungenen) Fotos wie ein Lehrer, der immer noch im richtigen Beruf ist.

  12. @Trulla: Ja, ich glaube, dass ich trotz einiger Schwächen immer noch im richtigen Beruf bin. Aber ein Leben als Müßiggänger-Blogger-Anderesachenmacher könnte ich mir inzwischen auch immer mehr vorstellen.

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