Ehemalige Schülerin

Ein Jahr danach

Abitur? Aufregung? Nervosität? Alles sehr weit weg. Ja, fast hat man das Gefühl, man steht schon kurz vor dem 10jährigen Abiturtreffen. Viel ist passiert seit Mai 2004. Aber schauen wir doch noch einmal zurück, am besten bis kurz vor die erste Abiturprüfung.
Nervosität, Aufregung, Zeitdruck, Ungewissheit und eine seltsame innere Ruhe kennzeichnen für mich diese Zeit. Einerseits habe ich mich gefragt, wie ich den ganzen Stoff, vor allem den Inhalt von 9 Biologiebüchern, jemals in meinen Kopf bringen soll, und andererseits dachte ich mir: Hey, andere haben des vor dir auch schon geschafft, also kann das Ganze ja kein Ding der Unmöglichkeit sein. Wobei dies sicherlich kein Fall von plötzlicher Erkenntnis war, sondern wohl eher der Versuch, sich irgendwie selbst zu beruhigen. Hat übrigens nur bedingt geholfen.
Am Freitag den 7. Mai ging es dann endlich los. Erste Abiturprüfung Deutsch, Grundkurs. Himmel, war ich nervös. Irgendwie hat wohl jeder von uns insgeheim erwartet, dass irgendetwas Unglaubliches passiert. Es ist ja schließlich das Abitur und keine normale Klausur. Man erwartete vielleicht nicht gerade Kaninchen, die aus dem Hut hüpfen, aber irgendwas Magisches wohl doch.
Aber wie immer kam alles ganz anders, man passierte die Stellwände im zweiten Stock, vermutlich das einzig Magische an den gesamten Prüfungen, man ging in den entsprechenden Raum, suchte den Platz auf dem eine DIN-A4-Mappe mit seinem Namen lag, wartete kurz oder auch länger, je nachdem, wie viel man zu früh dran war, und mit einem „Viel Glück” von Frau Hübler ging es los. Und eigentlich war halt dann doch alles wie in einer Klausur, nur dass man etwas länger Zeit hatte, der Stoff nicht die letzten Wochen sondern die vergangenen zwei Jahre behandelte, und vielleicht dem ein oder anderen Gedanken durch den Kopf gingen, wie: „Diesmal solltest du es besser nicht versauen!”
So oder auch anders verliefen auch noch die letzten drei Prüfungen, und ehe man sich versah, war alles vorbei. Vier Prüfungen schlossen eine Zeit ab, die bisher fast mein ganzes Leben ausgefüllt hatte. Dreizehn Jahre hatte man sich diesen Tag vorgestellt, jenen Tag, an dem man endlich die drei magischen Worte sagen durfte: NIE WIEDER SCHULE. Doch ehrlich gesagt, es war eher ein merkwürdiges Gefühl, sich vorzustellen, nie wieder in seinem Klassenzimmer zu sitzen, ausgefragt zu werden. Ein tolles Gefühl, aber halt auch merkwürdig.
Danach ging alles ziemlich schnell: Erst fuhr man in den wohlverdienten Urlaub, dann kam der Ablistreich und schließlich die Abifeier, die ein Riesenerfolg war, auch wenn wir das an diesem Abend wohl kaum begriffen haben, vor lauter Erschöpfung und Müdigkeit.
Und dann ging’s endlich los, raus in die große weite Welt. Für die einen bedeutete dies Bundeswehr oder Zivildienst, Ausbildung oder ein Jahr kreatives Nichtstun. Oder eben so wie für mich, Studium.
Mich hat es dazu an die Uni Augsburg verschlagen, an der ich mittlerweile im zweiten Semester Betriebswirtschaft studiere. Sicher denkt sich jetzt der ein oder andere: Na klar BWL, da hat mal wieder jemand die sichere Variante gewählt, frei nach dem Motto: Weißt du nicht, was du studieren sollst, dann nimm halt BWL. Und irgendwie kann ich dies noch nicht mal völlig bestreiten. Klar sahen meine Pläne zunächst anders aus: Erst war da Medizin, doch da war halt der verflixte NC im Weg und die Zeit der Verpflichtung bei der Bundeswehr (17 Jahre) zu lang, dann kam Messe‑, Kongress- und Eventmanagement, doch leider ging dies nur an einer Berufsakademie in ganz Deutschland. Man kann sich also ungefähr vorstellen, wie viele Bewerbungen die einzelnen Unternehmen erreichen. Ach ja, nicht zu vergessen meine Bewerbung an einer FH in Wernigerode (Harz) für ein reines Tourismusstudium, doch auch hier kamen circa 1000 Bewerber auf 100 Studienplätze, was bedeutete, dass der letzte Bewerber mit einem Schnitt von 1,4 angenommen wurde.
Also fiel meine Wahl auf BWL, da mir auch diese Richtung ermöglicht, meinen Traum, später einmal ein Hotel zu leiten, zu verwirklichen. So kam es, dass ich am Ende die Wahl zwischen einem Platz in Augsburg und an der FH in Hof hatte.
Warum meine Wahl auf Augsburg gefallen ist? Eigentlich kann ich das im nachhinein nicht mehr an einem bestimmten Faktor festmachen. Doch eine entscheidende Rolle hat sicherlich der Punkt gespielt, dass ich mit Augsburg mein bisheriges Umfeld nicht völlig aufgeben musste, sondern mir im Gegenteil sogar das Beste von zwei Städten raussuchen kann. Und dann gab es da natürlich noch den finanziellen Aspekt des Wohnens zu Hause.
Aber jetzt mal genug von früher geredet.
Das Studium an sich ist eine komplett neue Welt, in die man eintaucht; plötzlich geht es um Fakultäten, Fachschaften, Hörsäle, Vorlesungen, Unipartys und natürlich die spannende Frage, welche merkwürdige Mahlzeit heute in der Mensa zur Auswahl steht.
Doch eine der größten Umstellungen hatte sicherlich nichts mit all den neuen Namen, sondern eher mit der Tatsache zu tun, dass man plötzlich für sich selber verantwortlich war. Keiner, der mehr hinter einem herläuft und einem erzählt, dass es langsam mal Zeit wird, etwas zu lernen. Und auch keine Frau Jung, die einem aufzählt, wie viele Ks (sogenannte Krankheitstage) man denn in diesem Monat schon wieder verbraucht hat. Denn ob man in einer Vorlesung anwesend ist, interessiert eigentlich keinen, weder den Professor, denn der bekommt sein Geld auch so beziehungsweise ist eher froh, wenn du nicht kommst, bevor du während seiner Vorlesung die Bildzeitung liest. Und auch die meisten deiner Kommilitonen werden dich wohl kaum vermissen, da sie dich entweder gar nicht kennen oder sich sogar darüber freuen, dass mal nicht der lästige Kerl aus Reihe eins (und so einen gibt es immer) zehn Fragen pro Vorlesung stellt.
Doch für wen sich das alles jetzt nach dem Paradies auf Erden anhört, den holt die Realität meist spätestens am Ende vom Semester, nach zahlreichen feuchtfröhlichen Unipartys und vielen Wochen des süßen Nichtstuns, zurück auf den Boden der Tatsachen. Nämlich dann wenn man feststellt, dass es gilt mindestens acht Prüfungen in zehn Tagen zu schreiben und diese auch wenn möglich zu bestehen, da man sonst im nächsten Semester noch mehr hat und das man für jede Prüfung eigentlich so an die 400 Buchseiten gelesen haben sollte.
Spätestens da erkennt man: Hey, so schlimm war doch das Abitur gar nicht!

(ehemalige Schülerin, auf Wunsch geschrieben)

7 Antworten auf „Ehemalige Schülerin“

  1. Vom wem auch immer, es ist eine gute Idee. Ich mache es auch, aber immer (zu) sehr auf den Beruf / das Fach ausgerichtet. Werde Ehemalige noch mehr nach der Schule als Ganzes fragen.

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