Damit wir uns einem anderen Thema widmen können

So, die letzten zwei Stunden über wieder die jährliche Orangenmarmelade gemacht. Hat wunderbar geklappt, die Gläser haben gereicht, schmeckt wunderbar sonnig und süß.

Heute im Englischunterricht, 10. Klasse, habe ich Schülerinnen miteinander reden lassen. Die eine Hälfte der Klasse hatte ein Buch gelesen zu haben, die andere Hälfte sollte damit rechnen, anderen Fragen zu deren Lektüre zu stellen. Das Buch sollte allerdings nur der Redeanlass sein, auf Details kam es mir nicht an. Außerdem wussten die Schüler, in welcher Form ihr Gespräch stattfinden würde: Strangers on the train.

Aus jeder Hälfte kam eine zufällig ausgewählte Schülerin nach vorn, setzte sich auf einen Stuhl ihrer Partnerin gegenüber. Dann sollten sie ein Gespräch beginnen. “A nice day today, isn’t it” hatte ich ihnen in der Stunde zuvor als Eröffnungsphrase empfohlen.
Das Ergebnis: Die Schülerinnen haben sehr gut miteinander gesprochen. Kommunikation gar kein Problem, ein bisschen Rollenspiel, Gespräche über alles mögliche.

Sie können also reden, auch auf Englisch, trotz kleiner Aussprache- und Grammatikfehler. Was noch nicht so recht stimmt: Pausen in der Konversation können sie nicht ertragen, und vor allem fehlt der differenzierte Wortschatz. Good, bad, nice, boring, interesting – viel mehr ist nicht drin. Das hat aber gar nicht so viel mit der Fremdsprache zu tun, die gleiche Erscheinung gibt es auch im Deutschen.

Ganz anders ist das Reden der Schüler in der alltäglichen Unterrichtsgespräch. Alles muss man ihnen aus der Nase ziehen. Liegt das daran, dass sie sich vor mir oder den Mitschülern nicht blamieren wollen und deshalb lieber nichts sagen als etwas Falsches? Reine Faulheit? Oder sind unsere banalen Fragen nach den Inhalten von Texten, nach Metaphern und Hauptpersonen einfach zu schwer für Schüler?

11 Antworten auf „Damit wir uns einem anderen Thema widmen können“

  1. Das ist wahrscheinlich etwas vorbei an der konkreten Situation, aber teilweise sind die banalen Fragen einfach zu banal. Auch wenn sich irgendwann langsam erschließt, dass das die Grundvoraussetzung für weitere Textarbeiten sind, war es verdammt mühsam und “sinnfrei”, beispielsweise die äußeren Eigenschaften des Hauptharakters nochmal zusammenzufassen. Oder zum x‑ten mal zu “interpretieren”, dass Faust und Mephisto von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen (gilt also auch in Deutsch ;-)).

    Noch weiter vom Eintrag selbst weg:
    Gerade im Englischunterricht hat mich immer gestört, dass es scheinbar nur um das Sprechen an sich geht und weniger um das, was man gesagt hat. Und um allen Schülern die Möglichkeit zum “Mitreden” zu geben, wird das inhaltliche Niveau abgesenkt und die Antworten wiederholen sich. Oder warum sonst?

  2. Oh, das ist sehr schön!

    Ich weiss nicht genau, was du mit Unterrichtsgespräch meinst? Einfach so allgemein, die Fragestellungen im Unterricht?

    Oder ein Lehrgespräch? So nennen wir die Gespräche, die du leitest, indem du frontal vor der Klasse stehst. Ich finde das beides nicht vergleichbar mit dem Austausch, den du hier beschreibst. Wenn ich an einem Weiterbildungskurs bin, sehe ich die Unterschiede selber sofort. Wenn in die Klasse gefragt wird, oder der Lehrer das Gespräch frontal leitet, gibt es viel weniger Feedback als beim direkten Austausch.

    In meinem letzten Didaktikkurs wurde gelehrt, dass der Unerricht tendenziell gedrittelt werden sollte, also jede Stunde ein Drittel Frontal- oder Lehrgespräch, ein Drittel Austausch und ein Drittel Einzelarbeit. Ich halte mich – nicht strikt zwar – daran und sehe Fortschritte auch bei den Lernenden. Heikel ist zu viel Austausch (dazu neigen manche Kollegen), auch wenn die Lernenden das gerne möchten. Der Mix macht’s. Und die Rituale machen’s. Ich habe solche, da leitet immer jemand aus der Klasse ein Fünfminuten-Lehrgespräch am Anfang der Stunde, ein halbes Jahr und immer ein anderer. Klappt sehr gut, ausser manchmal bei den Jungs (da hat es halt bei den Buchhändler/innen wenig und es ist ihnen peinlich).

  3. Das kenne ich: das Problem ist der Inhalt, um den es geht. Haben Sie mal versucht, über Seifenopern zu sprechen, Marienhof und Verbotene Liebe? Bei den Jungs zieht eher Computer. Denn darüber unterhalten sie sich sonst auch.
    In der Oberstufe mag ich es sehr, bilogische Sachtexte auf Englisch zu lesen und dann zu besprechen (mein Englisch ist nicht so toll). Aber die Sprache der Wissenschaft ist eben Englisch.
    Hier im Bundesland gibt es Bestrebungen, den Unterricht immer mehr zu vernetzen. So sollen die Sprachen auch ihren Platz in den Naturwissenschaften einnehmen. Schwierig ist nur, dass manchmal die Menschen ‚die es unterrichten, von verschiedenen Sternen kommen.
    So wird die Gentechnologie im LK Englisch besprochen und statt man sich einen Fachmann holt, wird fachlich rumgefaselt.

    Wir sind diese Jahr PisaSchule, allerdings für die Naturwissenschaftlichen Fachrichtungen. Unsere Deutsch- und Sprachlehrer sind, glaube ich, beleidigt.

  4. Selbstgemachte Marmelade…traumhaft…Ich bekomm zum Großteil nur welche von Aldi.
    Auch wenn es nur zwei Schülerinnen sind, ist es viel effektiver als, wenn der Lehrer das Gespräch leitet. Schüler haben nämlich die Angewohnheit 30 Sekunden aufzupassen sich zu melden einmal was zu sagen und dann haben sie schon wieder genug für die Stunde mitgearbeitet. So konzentrieren sich wenigsten zwei Schüler 5 Minuten lang auf ein Gespräch.

    Jungens reden sowieso weniger, wenn sie dann auch noch ein bestimmtes Thema vorgegeben bekommen und dann auch noch Englisch reden sollen ist das für die halt zu kompliziert. Ich warte schon auf Widerspruch, aber das wäre meine Theorie.

    @Tanja: Das mit dem Dritteln find ich mal ne gute Idee. So zieht nicht der ganze Unterricht an einem vorbei. Zum einen kommt man nicht daran vorbei selber was zu erarbeiten, man kann das gelehnte dann auch gleich praktisch anwenden, bevor es sich verflüchtigt, und man lernt was neues. Wow, drei in einem, wie beim Überraschungsei.

  5. @Laila-Liana: Wir machen immer Johannisbeerenmarmelade…Also wenn du willst kannst du vorbeikommen und testen (auch alles ganz bio-öko-like – aus eigenem Anbau – wär hätte eigentlich nicht gedacht, dass es bio-öko is bei meiner mum ;-))

    Also das mit den Gesprächen ist echt gut…Ich war ja letztes Jahr im Sprachurlaub und ich finde, dass man erst dann richtigt englisch lernt…Wenn man sich auf englisch unterhalten muss, um sich zumindest über alles lebenswichtige zu verständigen, bringt es wirjklich was…zudem hatte ich eine seeeeehr gesprächige roommate (die hat nicht 2 minuten den Mund gehalten) und das Hilft dann besonders… Als ich zurückkam hab ich meine family erstmal auf Denglish (was für ein ekliges Wort) bombadiert…
    Also fazit: Richtig englisch sprechen bringt noch viel mehr als nur Grammatik und Vokabeln trocken zu lernen

  6. @Tanja: Unterrichtsgespräch ist wohl das, was du Lehrgespräch nennst, vielleicht Richtung Austausch. Das ist, wenn Lehrer glauben, sie haben ein Gespräch mit Schülern, auch wenn sie selber mehr reden als alle Schüler zusammen. Bei Schülern und Lehrern beliebt, weil beide Seiten nicht viel tun müssen. :-)
    Rituale sind tastächlich ganz wichtig. Ich habezu wenige, weil ich mich zu sehr verzettle. Wenigstens fange ich die meisten Stunden an mit: “Fragen, Probleme, Anregungen?”, aber selbst das vergesse ich zur Zeit immer wieder.

    @Croco: Richtig. Aber im Fach Deutsch und Englisch wird Sprache eben nicht als Werkzeug verwendet, sondern selber zum Thema gemacht. Darauf haben die Schüler keine Lust, im Fach Englisch noch weniger als bei Deutsch. Ich halte Englisch in den Naturwissenschaften für eine gute Idee, und Gentechnik im LK (zu unserer Zeit waren es noch Atomkraftwerke) für schwierig und oft schlecht gemacht.

    @Laila-Liana: “Ich bekomm … nur welche von Aldi”. Selber machen und verschenken! :-)

    Das Problem mit den ganzen Gesprächen: Wenn ich sie benote, benote ich nicht das, was ich den Schülern beigebracht habe, sondern das, was die Schüler können. Ich halte das ab der 10. Klasse für sinnvoll; gedacht ist es so nicht. Klar: Technisch ist das alles Grundwissen, die Schüler haben das alles mal gelernt, darf ich also doch abprüfen.
    Anders gesagt: Wie können Schüler dabei besser werden? Klar, ich nenne ihnen ein paar praktische Phrasen, gebe Tipps zur Gesprächsführung, den Rest müssen die Schüler selber machen. (So betrachtet: Wo ist eigentlich das Problem dabei?)

  7. Ich finde die Kommentare der Schüler, die sagen, sie haben dann Lust zum sprechen, wenn es um etwas geht, was sie interessiert, total einleuchtend. Übrigens kann man genau an dieser Ansicht sehen, daß es Schüler sind, die kommentieren. Ich spreche übrigens auch niemals über dinge, die mich nicht interessieren – wozu auch?
    Was ich eigentlich sagen wollte: Ich lerne gerade total intensiv Englisch! (ich hab mich als Schüler immer schwer getan im Sprachen lernen, weil ich auswendig lernen so total langweilig finde, und deswegen nie Vokabeln trainiert habe ;-( Aber jetzt lerne ich. Und wieso? Obwohl ich doch eigentlich gar nicht müßte? Deswegen: Ich habe ein wahnsinnig spannendes Buch entdeckt, das gibt es nur auf Englisch. Und ich möchte, daß es auch andere lesen. Deutsche, die nicht bereit sind, Englisch zu lesen. Und deshalb übersetze ich es. Und daran – während dieser Übersetzungstätigkeit, indem ich es tue – lerne ich Englisch. (Ohne online-Leo würde ich nie zurecht kommen). Und es macht wahnsinnig Spaß! Aber wenn das Buch fertig übersetzt ist, so in etwa einem Jahr (es sind 2 x 500 Seiten, 70 habe ich schon) – dann, ja dann kann mich das Englisch lernen wieder am A.

  8. Also unsere Englischlehrerin, die damals gerade aus dem Referendariat gekommen war, hat auch uns Jungs dazu gebracht, im Englischunterricht die Zähne auseinander zu bekommen, indem sie uns hat diskutieren lassen. Wir mussten uns in zwei quanti- und qualitativ etwa gleichstarke Gruppen aufteilen, uns wie im englischen Unterhaus gegenüber setzen, hatten etwas Zeit, uns Argumente zurechtzulegen und mussten dann kontrovers diskutieren, ohne uns melden zu müssen.

    That was fun! Egal ob total bescheuerte (Warum sind Bananen krumm?) oder aktuelle Themen – es hat allen immer einen Riesenspaß gemacht, und alle haben mitdiskutiert. Sabine-Christiansen-mäßiges Chaos ist auch nicht zu befürchten, da man wohl oder übel immer auf der Suche nach der perfekten Vokabel ist, die man dem Gegner als nächste um die Ohren hauen kann…

  9. @Hokey: Da frag ich doch mal gleich: welches Alter und welche Schulart war das? Ich könnte mir das bei einer einzigen Klasse die ich momentan als machbar vorstellen, beim Rest sind die Lücken zu groß und leider sind die Coolen in der Klasse ( aka Tonangebende) nicht an Noten für Leistung interessiert.… hmm, vielleicht zwei Klassen (wobei nur in der 6. sehr wahrscheinlich die ganze Klasse mitmachen würde, in der 8. wären es ca. 10 Mannen, also ein Drittel).

    @Lehrer mit Erfahrung in Diskussionen: Lohnt sich so was insgesamt, wenn nur ein Drittel der Klasse mitmacht? Was ist da eure Erfahrung?

  10. Oha, ganz wichtige Frage, hatte ich ganz vergessen:

    War ein 12er Grundkurs in der Oberstufe auf einem Gymnasium mit maximal 17 Leutchen… (unsere gesamte Oberstufe hatte nur 50 Schüler…)
    Ein gewisses Sprachrepertoire muss man dafür dann auch schon haben. In der 6. ist das vielleicht nicht so günstig…?

    Btw: Um Noten ging es dabei auch gar nicht! (Könnte ich mich zumindest nicht dran erinnern; der Clou war es, die andere Gruppe argumentativ auszuhebeln…)

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