Jugend von heute

Wenn man keine Kinder hat, kriegt man wirklich nicht alles mit.

Vor zehn Jahren im Referendariat habe ich gemerkt, dass mein Thema für die Begründete Stellungnahme (eine Art Erörterung) nicht sehr ankam: “Erkläre in einem Brief deinen Eltern, warum du ein Mofa haben solltest.” (Drei Argumente etc.)
Mofas, in meiner Jugend noch furchtbar wichtig, sind heute fast unbekannt, jedenfalls nichts, was man sich wünscht.

Und heute habe ich herausgefunden, was Eltern meines Alters wohl schon wissen. Es war beim Rollenspiel im Englischunterricht, 5. Klasse: Einer sollte eine Party für seinen Geburtstag planen, der andere Vorschläge machen, analog zu einer Szene im Englischbuch der Schüler.
Geburtstagspartys werden heute nicht mehr zu Hause gefeiert!* Man geht ins Schwimmbad, zum Kegeln, ins Kino, feiert aber nicht in der Wohnung daheim. Nicht mal mehr in der 5. Klasse. Haben die Eltern keinen Platz, zu teure Elektrogeräte, ist auswärts billiger oder einfacher zu begrenzen?

*Ninas Schwester ausgenommen.

Geheimnisvolle Ruinenstadt mit Robot Karol

Robot Karol ist ein weit verbreitetes Programm für den Anfangsunterricht Informatik. (Herunterladen und Informationen.) Man bewegt darin einen Roboter, der nur die Anweisungen Linksdrehen, Rechtsdrehen, Vorwärtsschritt, Hinlegen und Aufheben (jeweils eines Steines bzw. einer Marke) versteht. Man kann kann aus diesen elementaren Anweisungen aber neue Anweisungen zusammenstellen und diesen Namen geben: zum Beispiel Umdrehen (=zweimal Linksdrehen), Sidestep (=Linksdrehen, Schritt, Rechtsdrehen), Zurück (=Umdrehen, Schritt, Umdrehen).

Steuern kann man den Roboter durch Wiederholungsschleifen mit fester Anzahl oder Abbruchbbedingung und Wenn-dann-sonst-Bedingungen. Es gibt keine Variablen (aus didaktischen Gründen) und damit auch keine For-Next-Schleife, obwohl die die Schüler schon vermisst haben. Rekursion ist möglich.

Typische Aufgaben: Eine Treppe bauen, eine Fläche auslegen, ein Feld voller Ziegel aufräumen.

Untypische Aufgaben:

Jedes Schülerpaar sollte die Anweisung für ein Gebäude einer Ruinenstadt schreiben. Die Schüler mussten sich dabei an Vorgaben halten, ohne die ihr Gebäude nicht in die Stadt integriert werden konnte:
Arbeitsbereich 15x15 Felder (maximale Bauhöhe programmbedingt 10 Ziegel), davon musste mindestens 1 Feld unbebauter Rand bleiben. Der Roboter beginnt links hinten zu bauen und steht am Ende in der gleichen Position am gleichen Ort. (Herunterspringen und Hinaufklettern nur jeweils um 1 Höhenunterschied.) Nur dann ist es möglich, ihn automatisch zur nächsten Baustelle zu befördern.

Dann schrieben die Schüler ihre Anweisungen, ich fügte sie zu einer Programmdatei zusammen.

Das fertige Programm, aus dem das Bild oben wurde, sah so aus:


Programm
  Stadtmauer
  Burg
  weiter
  Tempel
  Pyramide1
  weiter
  Pyramide2
  Pyramide3
  Pyramide4
  weiter
  Pyramide5
  weiter
  Tempel
  weiter
  weiter
  Burg
  Pyramide2
  weiter
  Pyramide4
  weiter
  weiter
  Turm1
  Turm2
  Opferplatz2
  weiter
  Opferplatz1
*Programm

“Burg” und “Tempel” und so weiter sind dabei die Namen der Methoden, die im Programm aufgerufen werden. Jede Variation dieses Hauptprogramms besteht also aus bis zu 25 Aufrufen von Gebäudenamen bzw. “weiter” für ein leeres Feld. Die Reihenfolge der Gebäude ist beliebig, so kann sich jeder Schüler seine eigene Stadt zusammenstellen.
Die ganze Programmierarbeit steckt dabei natürlich in den Methoden, dafür sieht das Programm selber sehr einfach aus.

(Die Stadtmauer mit dem unvollständigen Tor und die Methode “weiter” sind von mir. “Weiter” wird nach jedem Gebäude aufgerufen und stellt fest, ob in der aktuellen Zeile noch Platz für ein Bauwerk ist oder ob man schon an der Stadtmauer angekommen ist, und beginnt notfalls eine neue Zeile.)

Gedacht hatte ich mir das so: Die Schüler sollten üben, mit Robot Karol zu arbeiten, und zwar strukturiert. Das heißt, dass man Arbeitsaufträge an den Roboter (“Baue einen Turm”) in Unteraufgaben teilt, und dafür jeweils eine eigene Methode schreibt (“Baue eine Fläche”). Und dass man erkennt, wann sich Elemente wiederholen, und dazu dann Wiederholungsschleifen nutzt.
Das hatten wir alles schon geübt. Aber hier hat das leider überhaupt nicht geklappt. Wildes Drauflosschreiben, und das soll es ja eigentlich gar nicht sein. Nächstes Mal muss ich das anders machen, vorher besser erklären, wie man so eine Aufgabe angeht.
Denn ich möchte das schon noch einmal machen: Das andere Ziel ist nämlich erfüllt, dass Schüler sehen, dass man eine große Aufgabe (“Stadt bauen”) in Teilaufgaben zerlegen kann, so dass jedes Team für einen Teil verantwortlich ist. Und das am Schluss etwas herauskommt, was man alleine nicht geschafft hätte.

Gedacht ist Robot Karol dafür natürlich überhaupt nicht. Man kann keine Hohlräume bauen, also keine Häuse, keine Dächer. Schade ist auch, dass die Karol-Welt auf 100x100 Felder und Höhe 10 begrenzt ist. Sonst hätten wir bestimmt einen tollen Vulkan in der Mitte, und wenn ich den selber hätte schreiben müssen…

Vielleicht sollte ich die Stadtmauer und den gelben Rand weglassen und einen (gelben) Fußweg einbauen… oder eine Methode, mit der man die Gebäude jeweils um 90° drehen kann, das gibt dann jeweils noch mehr Spielmöglichkeiten. Oder 30x15 und 15x30 Gebäude, damit die Stadt etwas weniger geordnet ausschaut.

Nachtrag: Das Projekt als Zip-Datei, falls jemand damit herumspielen möchte.

Auf Augenhöhe

Im Informatikunterricht berate ich oft einzelne Schüler und Schülerinnen, während jeder vor sich hin an einer Aufgabe werkelt.
Gerade in der Mittelstufe kann ich mich dabei nicht mehr so einfach von vorn oder hinten über den Tisch (und die Schülerin) beugen; immer häufiger muss ich in die Knie gehen und mich quasi auf Aufenhöhe mit den Schülerinnen unterhalten.

Auch sonst wird es überall Sommer.

Heute sehr schön, sicher auch wegen dem Wetter, aber auch wegen der Schüler. Die 11. Klasse kennt den Nathan viel besser als ich; immer wenn ich elegante Thesen anbiete, kommen sie mir mit Textstellen, die mir widersprechen. Das freut mich natürlich. Einerseits. :-)

Und die 5. Klasse hat heute sehr schön Dialoge vorgespielt. Die einen hatten Handtuch, Kamera und Münzen dabei, und ich musste den Eisverkäufer am Strand spielen. Auch sehr schön.

Greendale (vom Flohmarkt)

Auf dem letzten Flohmarkt habe ich für einen Euro das hier gefunden:

greendale.jpg

Und das Geld ist es mehr als wert. “This is Greendale” ist eine kleine Publikation von 45 Seiten, erschienen 1948, und zwar zum zehnjährigen Jubiläum der Kleinstadt Greendale.

Its people and life / Its hopes and ambitions / Its happenings and triumphs
Its eventful past / Its interesting present / Its challenging future

Am Anfang wird in einem epischen Gedicht (“This is Greendale”) die Entstehungsgeschichte von Greendale erzählt (8 Seiten, viele Fotos). Das Gedicht ist reimlos, aber mit regelmäßigem Metrum, und sehr episch. Darauf folgt, neben weiteren Fotos, ein fünfseitiger Artikel zur Gründung der Stadt (“The Story of Greendale”). Danach kommen vier Seiten “Greendale and the Future”, geschrieben von einem der Stadtplaner und Architekten.
Die ganze zweite Hälfte der Broschüre machen Gratulationsanzeigen von verschiedenen Geschäften und Institutionen in Greendale und Milwaukee aus: Greendale Drug Store Inc. (“Visit Our Modern Soda Grill”), Greendale Poultry Farm (“FRESH EGGS FROM ME TO YOU”), Loomis Center Garage (“When Your Engine or Generator Goes / Plop – Come to Our Shop”). Greendale Barber Shop, Beer Depot, Grill, Radio Sales and Service Shop, Sewage Treatment Plant und viele viele mehr.

Gegründet wurde die Stadt zusammen mit zwei weiteren “Greenbelt Towns” 1938 in Wisconsin, südwestlich der Stadt Milwaukee. Auftraggeber war die Regierung. Drei Ziele waren mit der Gründung verbunden: 1. Eine neue Art von Vorstadtsiedlung zu schaffen, die die Vorteile vom Leben in der Stadt und dem auf dem Land verbinden sollte. 2. Hochwertigen Wohnraum zu schaffen für mittlere Einkommen und damit die Innenstadt von Milwaukee zu entlasten. 3. Arbeit zu schaffen für Tausende von Arbeitern, die die Stadt errichten sollten.
Denn 1936, als die Planungen begannen, herrschte immer noch die große Depression, die erst der Zweite Weltkrieg wirklich beenden sollte. Die ersten Maßnahmen von Präsident Franklin D. Roosevelts “New Deal” zur Überwindung der Depression griffen allerdings schon mehr oder weniger, darunter eben auch sozialer Wohnungsbau in der Art von Greendale.
Greendale bestand 1938 aus 572 Wohneinheiten in 366 Gebäuden, davon 52 Wohneinheiten mit einem Schlafzimmer, 230 mit 2, 272 mit 3 und 18 mit 4 Schlafzimmern. Gartengröße, Baumaterial, öffentliche Gebäude, Schule, Kläranlage, Beleuchtung – alles wird erklärt. Einziehen durfte man unter bestimmten Bedingungen, je nach Familiengröße musste zum Beispiel das Jahresgehalt zwischen 2000 und 3500 Dollar liegen. Die Miete für die kleinsten Wohnungen war 34, für die größten 46 Dollar.

Die Funktion des Waldgürtels um Greendale wird erklärt, die spezielle Anlage der Fußwege, die es ermöglicht, zur Schule zu gelangen ohne über Straßen gehen zu müssen; die Sackgassenbauweise, die zu schnelles Fahren verhindert.

1948 lebten 2810 Menschen in Greendale, in 635 Familien. Will jemand wissen, wieviele Familienoberhäupter Angestellte waren, Arbeiter, Studenten, Pensionisten, im Gaststättengewerbe? Steht alles drin, und noch viel mehr.

Wunderbar charmant.

Da muss man sich doch fragen, was heute aus Greendale geworden ist. Google und Google Earth geben die Antwort:

Greendale heute
Koordinaten für Google Earth: 42°56’26’‘ N und 87°59’45’’
Einwohnerzahl heute: 14405 (also fünfmal soviel wie 1948).

Was ist aus den Plänen für die Zukunft geworden, die die Broschüre 1948 vorstellte? Das schreit doch geradezu nach einer kombinierten Facharbeit Erdkunde/Englisch, finde ich.

Besonderer Bonus: “Greendale” ist ein häufiger Name für amerikanische Kleinstädte. Neil Young hat ein Konzept-Album namens “Greendale” gemacht, über eine fiktive Kleinstadt dieses Namens und die Geschichten darin. Und einen Film gibt es dazu auch, und noch viel mehr. (Kollege Z. kennt sich da besser aus.) Auf dieser Seite kann man sich einen Stadtplan von Neil Youngs Greendale anschauen und beginnen, das Städtchen zu erforschen.